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Wolfgang Sterneck
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Wolfgang Sterneck:

DIE VIELFALT DER WEGE
- KONSEQUENTE MUSIK IM UNDERGROUND -

- Konsequente Musik -
- Missing Foundation und der Häuserkampf -
- Blackbird und die Rebellionen -
- Karma Sutra und die Gegensätze -
- Franti und die Spuren -
- Test Department und das Medium -
- Die Honkies und die Phantasie -

Seit den späten sechziger Jahren entwickelte sich eine weitverzweigte alternative Musikszene, die sich inhaltlich und musikalisch deutlich von der Kulturindustrie abgrenzt. Unabhängig von der musikalischen Ausrichtung bildet bis in die Gegenwart ein konsequentes gegenkulturelles Selbstverständnis das herausragende verbindende Merkmal.

KONSEQUENTE MUSIK

Entgegen den tatsächlichen Bedingungen stellen viele MusikerInnen ihre Arbeit in einen scheinbar bezugslosen Raum und ignorieren dabei die umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen, die zwangsläufig jede kulturelle Ausdrucksform beeinflußen. Im Grunde gibt es keine unpolitische Musik, denn jedes Stück, gleichermaßen ein romantischer Schlager, ein sozialkritischer Rap oder ein aggresiver Punk-Song, vermittelt über die Texte und auch über den Charakter der musikalischen Form eine bestimmte Sichtweise.

Der Begriff der Konsequenten Musik bezieht sich auf MusikerInnen, die mit ihren Veröffentlichungen eine klare politische Position beziehen und sie als eine Form der Gegenöffentlichkeit und der Gegenkultur verstehen. Musik wird von ihnen als eine Möglichkeit angesehen, um Inhalte und Gefühle weiterzutragen, um Bewußtsein zu entwickeln und langfristig in einem befreienden Sinne auf eine grundlegende gesellschaftliche Veränderung hinzuarbeiten. Das verbindende Merkmal bildet in diesem Zusammenhang keineswegs eine bestimmte stilistische Ausrichtung, sondern über alle musikalischen Unterschiede hinweg ein vergleichbares Selbstverständnis. Dieses drückt sich nicht nur in den Texten aus, sondern beispielsweise auch in der Wahl der Auftrittsorte, der Höhe der geforderten Gagen und der konkreten Zusammenarbeit mit einzelnen Projekten. Großen Wert wird auf eine weitmöglichste Selbstbestimmung und Unabhängigkeit gelegt, die sich zumeist in fast allen mit der Musik verbundenen Bereichen widerspiegelt. Grundlegend ist dabei die Ablehnung der vorrangig am Profit ausgerichteten Musikindustrie. Im Unterschied zu den meisten Pop- und Rock-Stars, die sich aus werbestrategischen Gründen mit einem wohltätigen und engagierten Image schmücken, ist es ein Merkmal konsequenter MusikerInnen, daß sie vielfach aus den Bewegungen und den Projekten, die sie unterstützen, selbst hervorgegangen bzw. in ihnen aktiv tätig sind.

MISSING FOUNDATION UND DER HÄUSERKAMPF

Im Sommer 1988 beschloß die New Yorker Stadtverwaltung den Tompkins Park verstärkt zu überwachen und für Obdachlose, die den Park als Schlafplatz nutzten, zu schließen. Der Widerstand gegen diese im einzelnen brutal durchgesetzte Verfügung gipfelte im August 1988 in einer Demonstration, die in eine zeitweise Besetzung des Parks mündete. ”Während der Dämmerung drangen Hunderte in den Park ein. Die Polizei mußte sich zurückziehen. Triumphierend zogen die DemonstrantInnen dann zum Cristodora House, einem offensichtlichen Symbol für die gewaltsame Verdrängung der Armen, stürmten es und demolierten das blutige Eigentum der Reichen...”(1)

Die Wurzel der Auseinandersetzungen bildete der gesellschaftliche Prozeß der Umstrukturierung, der sich in fast allen Großstädten beobachten läßt. Stadtteile, die an das von Einkaufs- und Bürogebäuden bestimmte Zentrum grenzen oder günstig gelegen sind, werden unter anderem über eine drastische Steigerung der Mietpreise entwohnt. Die freigewordenen Wohnhäuser werden entweder renoviert und dann zu erheblich höheren Preisen neu vermietet oder für gewerbliche Zwecke angeboten. In Folge verändert sich der Charakter des Stadtteils völlig, die ursprünglich dort lebenden Menschen müssen weichen und werden in die Ghettos an den Stadträndern gedrängt.

Die Mitglieder der Band Missing Foundation stammen großteils aus der Lower East Side, einem Stadtteil New Yorks, der durch die Umstrukturierungsmaßnahmen seinen Charakter wandelte. Entsprechend waren auch die einzelnen Musiker, die teilweise in besetzten Häusern lebten, konkret mit den Folgen der aufgezwungenen Veränderungen, die sie in Interviews und ihren Texten beständig darstellten und angriffen, konfrontiert. Pete Missing, der Sänger der Band, stellte die Entwicklungen immer wieder in einen größeren Zusammenhang: ”Multinationale Konzerne umklammern unsere Welt im Würgegriff und schaffen sich Regierungen, die ihren Interessen gehorchen. Sie zerstören Kulturen, zerstören die Umwelt. In New York City zerschmettert die Regierung den Widerstand an allen Fronten. Mehr als je zuvor werden die letzten Reserven des amerikanischen Widerstandes, die Armen und die Minderheiten, mit AIDS, Tuberkulose und Drogen überschüttet und infiziert. Die Armen werden gewaltsam aus ihren Häusern geschleppt, damit die Hauseigentümer ihr Diebesgut vermehren. Die Stadt verfolgt die Taktik, Bulldozer wie zufällig auf besetzte Häuser loszulassen, worauf die Gebäude für baufällig erklärt und abgerissen werden, der Grundbesitz wird dann verkauft.”(2)

Für HörerInnen, die keinen Bezug zu experimentellen und extremen Ausdrucksformen haben, entsprach die Musik von Missing Foundation ganz im Sinne der Bandmitglieder einem akustischen Angriff. In vielerlei Hinsicht drückte sie die angestaute Wut und den Haß gegenüber der herrschenden Politik aus. Sie war aggressiv, roh und auf ihre Weise sehr brutal. Momente der Ruhe oder der Entspannung bestanden nicht. Viele Stücke basierten auf monotonen Rhythmen, die insbesondere durch die Verwendung von metallischen Gegenständen durch zwei Schlagzeuger erzeugt werden. Hinzu kamen verzerrt und übersteuert aufgenommene Gitarren, sowie bei einigen Songs Einspielungen von Geräuschen und Stimmen. Die Texte waren kaum verständlich, zumeist wurden sie geschrieen und teilweise durch die Verwendung eines Megaphons verfremdet vorgetragen. Im Vordergrund stand einzig die Ablehnung des Bestehenden, welche zwar die Vision einer besseren, befreiten Gesellschaft in sich trug, diese Vorstellung aber weder musikalisch noch textlich konkret formulierte. Charakteristisch für viele Äußerungen der Bandmitglieder war das Schwanken zwischen Zuversicht und Resignation. Zum einen wurde in einer vielfach euphorischen und übertrieben optimistischen Weise der Widerstand gegen die allgegenwärtige Unterdrückung beschrieben, zum anderen wurde aber auch die scheinbar unüberwindbare Macht des herrschenden Systems dargestellt.

Verschiedene gezielt medienwirksame Auftritte, sowie ausgedehnte Sprühaktionen führten dazu, daß die bürgerliche Presse und auch die Staatsorgane auf die Band aufmerksam wurden. Nach den Auseinandersetzungen um den Tompkins Park wurden die Gruppenmitglieder sogar als Rädelsführer des Aufstands bezeichnet, obwohl sie sich zu diesem Zeitpunkt außerhalb der Stadt befanden. In der Folge waren die Auftritte der Band in New York von repressiven staatlichen Maßnahmen geprägt. So wurden die Konzerte teilweise von Sondereinheiten der Polizei überwacht, die gegen einzelne BesucherInnen auch gewaltsam vorgingen. ”Schon eine Stunde vor dem Auftritt verteilten sich die Aufstandsbekämpfungseinheiten der Polizei in der Nähe des Platzes. Noch bevor der erste Song zu Ende war, begannen die Schweine auf das Publikum einzuschlagen. Die Trennungslinie zwischen dem Auftritt und der Welt draußen war aufgehoben...”(3)

BLACKBIRD UND DIE REBELLIONEN

Die Band Blackbird gehörte zu den wenigen gegenkulturellen Projekten in der ehemaligen britischen Kolonie Hongkong, die 1997 an die Volksrepublik China übergeben wurde. In den Texten der Gruppe, die zumeist in chinesischer, teilweise aber auch in englischer Sprache vorgetragen wurden, zeigte sich in einer besonderen Deutlichkeit gleichermaßen die Ablehnung des kapitalistischen Systems wie auch der ”real-sozialistischen” Ordnung der benachbarten VR China. So griff Blackbird in mehreren Stücken die chinesischen Machthaber an, die längst mit den Idealen der marxistischen Theorie gebrochen hatten. Schon auf ihrer 1986 erschienen Kassette ”Manifesto” spielte Blackbird in einer völlig verzerrten Gitarrenversion die ”Internationale” nach. Die Gruppe lehnte sich dabei an Jimi Hendrix an, der 1969 die us-amerikanische Nationalhymne ebenso verfremdet nachspielte, um dadurch auf einer instrumentalen Ebene seine radikale Ablehnung des Vietnam-Krieges auszudrücken.

Der faschistoide Charakter der vorgeblichen kommunistischen Regierung offenbarte sich insbesondere im Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz in Peking, als das Militär ein Massaker unter den AnhängerInnen der Demokratie-Bewegung verübte. Die Kassettenveröffentlichung ”People have the power” entstand unter dem Eindruck des Massakers und wurde den Opfern gewidmet. Das Stück ”Requiem” war von einem Gefühl der Verzweiflung geprägt, in dem sich Trauer und Wut vermischten. ”The tanks rolled over your bodies. You must come back. The tanks rolled over my heart. I must come forth. The blood wept the floor of the square. It nourished hopes. Cold blood stained the pages of history. We will never forget.”

Nicht weniger scharf als das System in China kritisierte Blackbird Hongkong als eine Finanzmetropole, in der das Geld eine alles andere dominierende Rolle einnimmt und der systembedingte Gegensatz zwischen Armut und Hunger auf der einen Seite, sowie Luxus und Verschwendung auf der anderen, offen zur Geltung kommt. In vielerlei Hinsicht bezogen sich die Musiker mit ihrer Kritik auf ursprünglich gegenkulturelle Jugend- und Musikbewegungen. In einer Selbstdarstellung beschrieb sich die Gruppe als Rock-’n’-Roll-Band, wobei die Musiker betonten, daß ”Rock ’n’ Roll nicht nur ein musikalischer Stil ist, sondern eine Lebenseinstellung, die auf völliger Selbstkontrolle basiert.”(4) Davon ausgehend entsprachen die Aufnahmen der vierköpfigen Band einer Reise durch die Geschichte der Rockmusik. Bei einigen Stücken griff Blackbird Folk-Elemente auf, andere hatten einen bluesartigen Charakter. Teilweise spielte die Gruppe aber auch in einer eigenständigen Weise Stücke westeuropäischer Rock-, Punk- und Hardcore-Bands nach.

Eine wesentliche Wurzel von Blackbird lag in der Rebellionsbewegung von 1968, die sich insbesondere in den westlichen Staaten gegen autoritäre Strukturen stellte und eine Politisierung großer Teile der Jugend bewirkte. Beeinflußt von diesen Entwicklungen gründeten einige der späteren Bandmitglieder einen Buchladen und übersetzten politische Texte, um auf dieser Ebene durch die Vermittlung von Inhalten Veränderungen zu bewirken. Nach etwa einem Jahrzehnt entschieden sie sich jedoch diesen Weg zu verlassen. ”Wir erkannten, daß das schriftliche Medium für die soziale Kommunikation an Bedeutung verloren hatte. Da wir uns alle sehr für Theater und Rockmusik interessierten, entschieden wir uns, den Buchladen zu schließen und eine Band und eine Theater-Gruppe zu gründen. In Hongkong und in anderen Ländern mit einem niedrigen Bildungsstandard ist das Medium Schrift ein Problem. Wenn es jemandem nicht möglich ist, einen Text flüssig zu lesen, dann hat er auch keine Lust, den Text zu Ende zu lesen. Musik hat die Möglichkeit, die Menschen in Bewegung zu bringen. Über den Rhythmus und den Beat dringt sie in das Unterbewußtsein ein. Musik ist deshalb ein Medium um Interesse zu erzeugen. Ein Drei-Minuten-Song kann aber nur eine Inspiration sein, um das Problem zu lösen.”(5)

KARMA SUTRA UND DIE GEGENSÄTZE

Im Mittelpunkt der Aussagen der Band Karma Sutra aus Luton (England) stand der Gegensatz zwischen den Lebensbedingungen im Kapitalismus und der Notwendigkeit der Veränderung bzw. der Möglichkeit eines befreiten Lebens. Dabei beschränkten sich die Texte der Gruppe nicht auf die klassischen linken Themen, sondern bezogen sich insbesondere auch auf den zwischenmenschlichen Bereich. Von diesem Verständnis ausgehend, versuchte sich die Gruppe gleichermaßen von den vielfach abgehobenen und szenebezogenen Artikeln linksradikaler Zeitschriften, sowie von den teilweise stark vereinfachenden, floskelhaften Songtexten anarchistisch orientierter Musikbands zu lösen. Während der Konzerte wurden die Aussagen durch Dia-Projektionen und Videofilme unterstrichen.

Beispielhaft war das Stück ”Pillow Talk” in dem sich die Band für eine Befreiung der Liebe und der Sexualität aussprach: ”Love I once considered uncontrollable. Now awaits pre-packaged to be bought and sold. Romantic novels, films and songs just alienate. - We’ve grown sick and tired of mere representation and hiding emotions away, of capitalist culture it’s a manifestation, to keep us all in our place. - So you take us tenderly, or you won’t take us at all. A moment of beauty to share and enjoy for wimmin can orgasm too. - Love is the basis of our revolution. Free love is a spirit that you’ll never kill. (...)”

Musikalisch standen einige ruhige, sehr gefühlvolle Songs neben vergleichsweise hart und schnell gespielten Stücken. Außer den herkömmlichen Rock-Instrumenten wurde auch eine Flöte eingesetzt, die den melodischen Charakter der meisten Aufnahmen unterstrich. Prägend waren die abwechselnden weiblichen und männlichen Gesangspassagen, die zumeist eine bestimmende, aber keineswegs aggressive Ausstrahlung hatten. Die Texte waren in der Regel verhältnismäßig deutlich zu verstehen, was gerade bei politischen Musikbands trotz ihres Anspruchs keineswegs selbstverständlich ist.

Inhaltlicher Ausgangspunkt war eine anarchistische Grundhaltung, wobei sich die einzelnen Bandmitglieder auf das Proletariat als vermeintlichen Träger einer revolutionären Veränderung bezogen. Trotz der breiten Unterstützung der ArbeiterInnen für die rückschrittliche Politik der konservativen und sozialdemokratischen Regierungen in Großbritannien gingen die MusikerInnen davon aus, daß es langfristig zu einer proletarischen Revolution kommen wird. Sie verwiesen dabei auf das proletarische Klassenbewußtsein, welches zum Beispiel während des BergarbeiterInnenstreiks und im Kampf gegen die Poll-Tax-Steuer offen zur Geltung kam. Entsprechend kritisierten sie unter anderem ”die auf sich selbst fixierte Punk- und Hardcore-Szene, in der zumeist die subkulturelle Rebellion die konkrete revolutionäre Betätigung ersetzt.”(6)

In einer scharfen Form griff Karma Sutra zudem die vorgeblich linken oder alternativen MusikerInnen an, die mit den multinationalen Konzernen zusammenarbeiten: ”Es gibt politische Bands, die gegen die Fehler der Welt ansingen, aber sie offerieren ein falsches Bild der Freiheit und der politischen Möglichkeiten, weil sie den Kapitalismus eher aufrecht erhalten als zu seiner Zerstörung beizutragen. Sie schaffen es nicht, ihre Rolle in einer kapitalistischen Gesellschaft und die Rolle ihrer Konzerne in der Produktion und im Konsumbereich anzugehen.”(7) Aus der klassenkämpferischen Grundhaltung leitete sich auch das Verständnis der Musik unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen ab: ”In der kapitalistischen Gesellschaft wurde die Musik, wie alle Formen der Kreativität und des Selbstausdrucks, in Beschlag genommen und zu einem harmlosen, standardisierten, mit Mythen überschwemmten Furzgeblubber gemacht. Seit der maschinellen Herstellung von Schallplatten wurde die Musik des Vergnügens durch die Musik des Profits ersetzt. In den Musikgeschäften übertönt die Melodie der Registrierkassen inzwischen alles andere.”(8)

FRANTI UND DIE SPUREN

Die italienische Gruppe Franti bezog sich mit ihrem Namen auf eine Figur aus einem Kinderbuch, die sich immer wieder den Anforderungen von Eltern, Schule und Kirche widersetzte. Die Gruppe wurde 1978 in Turin als SchülerInnenband gegründet, die ausdrücklich für neue Personen und verschiedene Stile offen war. Die Grundlage bildete von Anfang an ein konsequentes, auf größtmöglicher Selbstbestimmung basierendes Musikverständnis und eine antiautoritäre Lebenseinstellung. Die Texte von Franti hatten durchgehend einen direkten politischen Charakter. Konkret thematisierten die Bandmitglieder unter anderem die Situation politischer Gefangener in Italien, die Rüstungspolitik und die imperialistische Zielsetzungen der westlichen Regierungen. Musikalisch war die Gruppe vom ausdrucksstarken Gesang der Sängerin Lalli und dem Saxophonspiel Stefano Giaccones geprägt. Bestimmend waren vor allem Einflüsse aus der Rockmusik, die sich auch in der übrigen Instrumentierung der Band (Gitarre, Baß, Schlagzeug) widerspiegelten.

Zu den Veröffentlichungen Frantis gehörte eine Split-LP mit der Hardcore-Band Contrazione, durch die es den beiden Gruppen auf der Grundlage inhaltlicher Gemeinsamkeiten gelang, scheinbare musikalische Grenzen und die Fixierungen auf einzelne Szenen zu überwinden. ”Diese Schallplatte wurde komplett von den beiden Bands, die darauf spielen, gemacht. In dieser Welt, die von Profit und Macht bestimmt und zermalmt wird, glauben wir, daß selbstbestimmte und selbstgemachte Produktionen die wichtigsten Dinge für MusikerInnen sind. Die Zusammenarbeit ist wesentlich für uns, weil wir auf diesem Wege mehr und verschiedene Leute erreichen können. Dies ist kein kommerzieller Grund, sondern ein Bedürfnis nach Kommunikation in der Absicht, einen Schritt weiterzukommen und auf die Inhalte und nicht auf die Bezeichnungen oder die Symbole zu schauen.”(9)

Nachdem sich Franti 1987 auflöste, gründeten Lalli und Giaccone die Gruppe Environs und das Label Inisheer. Beide Projekte setzten den von Franti eingeschlagenen Weg fort und knüpften inhaltlich, sowie nun insbesondere auch musikalisch an den 1979 verstorbenen Sänger Demetrio Stratos und dessen Gruppe Area an, die in Italien einen großen Einfluß erlangte. Die erste Veröffentlichung von Environs ”3 luglio 1969” hatte den zwanzigsten Jahrestag eines revolutionären Aufstandes zum Thema. Nachdem sich im Juli 1969 im Turiner Stadtteil Mirafiori streikende ArbeiterInnen und StudentInnen am Corso Traiano stundenlange Straßenkämpfe mit der Polizei lieferten, gelang es ihnen zwei Tage lang, den Stadtteil zu kontrollieren und den Traum gesellschaftlicher Selbstbestimmung in dieser Zeit zumindest ansatzweise zu realisieren. ”Die zurückliegenden Spuren wiederaufnehmen, wieder in die existentielle Dimension zwischen den Menschen treten, die Verbindung zwischen den Lebenszeichen herstellen, um sie vorauszuwerfen. Corso Traiano heißt für Turin, heißt für uns Autonomie, schwarzes Zeichen auf weißem Grund, Bruch. Auch das steckt den Kreis ab, in dem wir leben...”(10)

Musikalisch grenzte sich Environs bewußt von den italienischen Musiktraditionen ab und verknüpfte Free-Jazz-, Blues- und Folk-Einflüsse. Das Stück ”Steams”, das eine ganze Schallplattenseite einnimmt, ”folgt einer Spur innerhalb der amerikanischen (?) Musik, einer, die wir geliebt haben, die wir immerzu hörten und die wir auf eine gewisse Weise auch zu spielen gelernt haben. Einer Spur in unserer Musikkultur zu folgen, wäre für uns ziemlich unnatürlich gewesen, da wir keine lebendige Beziehung zu ihr haben.”

Die zweite LP bestand aus Kompositionen für die Aufführung einer modernen Version der ”Antigone” von Sophokles durch das Turiner Theater-Ensemble Rote Fabrik. Die MusikerInnen untermalten dabei Texte der griechischen Dichter Michalis Katsaros und Iannis Ritsos in einer betont improvisierten und freien Weise. ”Auf dieser Schallplatte haben wir mit dem schwersten musikalischen ’Stil’, der Improvisation, gearbeitet. Die Improvisation als ein Versuch, neue Wege der Kommunikation zwischen uns selbst und zwischen uns und dem Publikum zu erreichen. Etwas wie eine neue Sprache, wie eine Kommunikation. Ein Spiegel alternativer sozialer Möglichkeiten und ein Schlag gegen das Verständnis von Musik als Ware.”(11)

TEST DEPARTMENT UND DAS MEDIUM

Die frühen Veröffentlichungen und Auftritte der englischen Gruppe Test Department knüpften an die sowjetische Avantgarde und dabei insbesondere an die Produktionsmusik der ersten Jahre nach der sozialistischen Oktoberrevolution an. Die Bandmitglieder nutzten dabei fast ausschließlich Gegenstände aus dem Bereich der industriellen Produktion als Instrumente, darunter Hämmer, Stahlstangen und Metallplatten, um eine Musik zu erzeugen, welche den industriellen Arbeitsprozeß und die Rolle des Menschen innerhalb des Produktionsbereiches angemessen wiedergibt. Im Vordergrund standen monotone, hart und brutal wirkende Rhythmen, die nur geringen Raum für Variationen und melodische Passagen ließ. Die Texte wurden brüllend vorgetragen und auf kurze klassenkämpferische Parolen reduziert. Um die optische und inhaltliche Wirkung zu verstärken, führte die Gruppe während der Auftritte Filme auf, die Arbeiter innerhalb riesiger Industrieanlagen zeigten.

Zu einem zentralem Bezugspunkt der Gruppe wurde der britische BergarbeiterInnenstreik (1984-85), der sich gegen die Schließung von Kohlezechen und den damit verbundenen Verlust von rund 20.000 Arbeitsplätzen richtete. Nach mehreren Monaten andauernden Auseinandersetzungen wurde der Streik erst abgebrochen, als sich die materielle Situation der Beteiligten in einem nicht länger tragbaren Maße verschlechtert hatte. Test Department unterstützten den Streik in Zusammenarbeit mit dem South Wales Striking Miners Choir durch eine landesweite Benefiztour und eine LP-Veröffentlichung mit dem bezeichnenden Titel ”Shoulder to shoulder”, deren finanzielle Gewinne den Streikenden zur Verfügung gestellt wurden. Die in dieser Zeit entstandenen Stücke wurzelten insbesondere in der Wechselwirkung zwischen der direkten Erfahrung des Widerstandes und dem politischen Selbstverständnis der Band: ”Wir arbeiteten mit Menschen zusammen, die an den Kämpfen direkt beteiligt waren, und machten Stücke, die von diesen Menschen inspiriert wurden und wiederum andere inspirieren sollten.”(12)

Die heroische Darstellung von ArbeiterInnen aus einer ausdrücklich klassenkämpferischen Sicht, die teilweise stilistisch an den Sozialistischen Realismus erinnerte, stieß erwartungsgemäß auf gegensätzliche Reaktionen: ”Im Westen hatte es eine anregende und aufbrechende Wirkung, daß wir die ArbeiterInnen und die Arbeit würdevoll mit Respekt und Achtung als Teil einer kraftvollen künstlerischen Aussage darstellten. Aber gleichzeitig konntest du im Osten sehen, wie diese Darstellungsweise seit der Herrschaft Stalins gegen die Menschen eingesetzt wurde. Es sind zwei Seiten einer Medaille.”(13)

In der zweiten Hälfte der achtziger Jahre lösten sich Test Department vom Konzept der Produktionsmusik und konzentrierten sich auf die Auseinandersetzung mit geschichtlichen Ereignissen im Rahmen von Konzeptplatten und multimedialen Bühnenaufführungen. Dabei wurden die Musikdarbietungen mit Elementen des aufklärenden Epischen Theaters verbunden und wiederum auch Filme und Dias eingesetzt. Einen wesentlichen Ausgangspunkt bildete dabei die beständige Suche nach veränderten Ausdrucksmöglichkeiten um ein größeres Publikum zu erreichen. Charakteristisch blieb das Bestreben der Gruppe eine Einheit zwischen der inhaltlichen Aussage und der äußeren Form zu entwickeln. Der bei vielen politischen MusikerInnen gegebene Widerspruch zwischen den vorgetragenen revolutionären Positionen und der gleichzeitigen Verwendung konventioneller Ausdrucksmittel sollte so überwunden werden.

Zu einer Verknüpfung moderner und traditioneller musikalischer Elemente kam es im Rahmen eines Bühnenprojekts, das die wirtschaftlich begründete Vertreibung von Teilen der Bevölkerung der schottischen Highlands durch Großgrundbesitzer im 18. Jahrhundert beschrieb. Eingesetzt wurden dabei neben unterschiedlichen Schlaginstrumenten insbesondere auch Dudelsäcke und Hörner. Die Musik reichte von Marschrhythmen bis zu gesangsbetonten folkloristischen Stücken. Auf einem ähnlichen musikalischen Konzept basierte die Vertonung von ”Gododin”, dem ältesten überlieferten walisischen Gedicht, in dem der aussichtslose Kampf einer kleinen Gruppe keltischer Krieger gegen angelsächsische Truppen beschrieben wird.

Mit der Ausarbeitung und Veröffentlichung des politischen Oratoriums ”Pax Britannica”, das sich mit der imperialistischen Geschichte Großbritanniens beschäftigte, begab sich die Gruppe auch in die Bereiche der klassischen und der Neuen Musik. Die Aufnahmen, die zusammen mit dem Scottish Chamber Orchestra und einem Chor eingespielt wurden, sind von pathetischen orchestralen Stücken getragen, denen an einigen Stellen traditionelle Elemente und die für Test Department typischen perkussiven Strukturen gegenüber stehen. In die Kompositionen integrierte die Gruppe zudem mehrere Originalaufnahmen von Ausführungen britischer PolitikerInnen, darunter Aussagen der ehemaligen Premierministerin Thatcher, deren nationalistischer Charakter im inhaltlichen und musikalischen Zusammenhang des Oratoriums offensichtlich wurde.

DIE HONKIES UND DIE PHANTASIE

Nicht immer sind Texte nötig, um eine klare politische Aussage zu vermitteln. Auch durch ein gelebtes konsequentes Selbstverständnis oder durch den musikalischen Stil und dem Aufbau eines Stückes lassen sich Einstellungen und Positionen vermitteln. Die Londoner Band Honkies war beispielhaft für einen solchen Weg. Ohne es gezielt anzustreben oder in den Songtexten konkret auszusprechen, verkörperte sie die sprichwörtliche Aufforderung an das Publikum aus der Reihe zu tanzen. Auffallend war die Fröhlichkeit, der Spaß und die Selbstironie, die in der Musik wie im Auftreten der MusikerInnen zum Ausdruck kam.

Den Honkies gehörten zwei Saxophonistinnen, ein Trompeter und ein Schlagzeuger an. Während der Konzerte wurden neben den eigentlichen Instrumenten der MusikerInnen verschiedenartige geräuscherzeugende Geräte benutzt, zu denen gleichermaßen selbstgebaute Rasseln wie auch Waschmaschinenschläuche gehörten. Alle vier Bandmitglieder traten geschminkt auf und trugen selbstgemachte Kostüme. So erinnerte die Bekleidung von Richard Harrison, dem Schlagzeuger, an einen skurrilen Schlafanzug, während die Kleider der Saxophonistinnen Caroline Kraabel und Kathy Hulme unter anderem aus den Deckeln von Blechdosen gestaltet wurden. Durch die ständige Bewegung während der Auftritte erzeugte das Blechkleid Geräusche und wurde dadurch zu einem weiteren Instrument.

Viele Stücke waren von Rhythmusveränderungen geprägt, anfangs aufgebaute Strukturen wurden plötzlich aufgebrochen und gingen in ein scheinbares Chaos über, aus dem sich dann wieder eine Melodie herausbildete. Der Rahmen der meisten Stücke war vorgegeben, bot aber genügend Raum für Improvisationen, der während der Auftritte genutzt wurde. Im Vordergrund standen Elemente aus dem Jazz-Bereich, welche die MusikerInnen mit Ausdrucksformen aus den verschiedensten Stilen verbanden. Auf ihre Einflüsse angesprochen, verwiesen die Honkies in der für sie typischen ironischen Art auf die ”großen nordischen Gitarrenbands”, wobei sie für ihre Aufnahmen keine Gitarren benutzten, und auf den Komiker Buster Keaton. Sie selbst bezeichneten ihre Musik als Selfmade-Music, als selbstgemachte Musik.

Einen Höhepunkt der Veröffentlichungen der Honkies bildete eine Live-Aufnahme von ”How do we prevent the advance of the desert?”, die in einem besetzten Haus in Hanau entstand. In der Regel endete das Stück mit einem mehrstimmigen Gesang. Das Publikum führte es jedoch mit Schreien, Jaulen und Brüllen fort und hob so die gängigen Grenzen zwischen den KonzertbesucherInnen und den MusikerInnen auf. Nach einiger Zeit setzte auch der Trompeter Andy Diagram wieder ein und paßte sich improvisierend dem Rhythmus der Stimmen an.

Die Texte wurden von den Bandmitgliedern bei einigen Stücken gemeinsam, bei anderen von einzelnen oder auch abwechselnd vorgetragen. Beispielhaft für die vielfach assoziativen und betont skurrilen Aussagen ist der kurze Text des Stücks ”Citywide search for mother earth”: ”I’m not the big dumb sea - and I don’t move with the moon”. Ausdrücklich überließ es die Gruppe den HörerInnen, ob die Aussagen der Texte als solche angenommen oder vielschichtig interpretiert werden. ”Akzeptiere nicht was dir vorgesetzt wird. Finde in den Texten deine eigene Aussage, deinen eigenen Sinn.”(14)

Die Cover der Veröffentlichungen der Honkies gestalteten die Bandmitglieder selbst. Bei einigen wurden sogar die Schallplatten- und Kassettencover einzeln bemalt und beklebt, so daß jedes einen eigenen Ausdruck erhielt und kein Cover dem anderen glich. Zumeist bestand die Gestaltung aus Farbcollagen mit eingearbeiteten bunten Papierstücken oder Zeitungsausschnitten. Wie viele andere konsequente Musikgruppen organisierten die Honkies ihre Auftritte selbst oder arbeiteten bei der Vorbereitung mit befreundeten Personen zusammen. Auftrittsorte waren gleichermaßen Clubs, Jugendzentren und besetzte Häuser. Auf den Tourneen traten sie mit MusikerInnen auf, mit denen sie ein gemeinsames konsequentes Selbstverständnis verband, auch wenn es sich musikalisch und textlich unterschiedlich ausdrückte.

(1998)

Anmerkungen:
1) The battle of Tompkins Park. In: World War 3 Illustrated No. 11 - The Riot Issue. New York, 1988.
2) Aus einem Interview mit Pete Missing. In: Kabeljau Nr. 13. Norderstedt, 1989.
3) K. J. / A slice of life: Police state invades entertainment industry. In: Shadow No. 13. New York, 1990.
4) Aus dem Beiheft zur Kassette: Blackbird / People have the power. (Eigenproduktion). 1989.
5) Aus einem Interview mit Guo Da-Nian (Blackbird). In: Maximum Rocknroll No. 92. Berkeley, 1991.
6) Aus dem Covertext der LP: Karma Sutra / The daydreams of a production line worker. (Paradoxical). 1987.
7) Aus einem Gespräch des Autors mit Lil, John und Graeme (Karma Sutra) im Nov. 1989 in Luton (England).
8) Siehe 6).
9) Aus der Einleitung zu den Songtexten der LP: Franti & Contrazione / F/C. (Eigenproduktion). 1984.
10) Aus dem Covertext zur LP: Environs / 3 luglio 1969. (Inisheer). 1989.
11) Aus einem Brief von Stefano Giaccone an den Autor. September 1991.
12) Aus einem Gespräch mit Angus Farquhar (Test Department) am 3.12.1987 in Wiesbaden.
13) Siehe 12)
14) Aus einem Gespräch des Autors mit Andy Diagram, Caroline Kraabel, Kathy Hulme und Richard Harrison (Honkies) am 14.4.1992 in Hanau.

Aus dem Buch:
Wolfgang Sterneck:
Der Kampf um die Träume - Musik und Gesellschaft. (1998).

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