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Claus Sterneck / Claus in Iceland
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Wolfgang Sterneck
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Starhawk:

NACH GENUA: DIE RICHTIGEN FRAGEN STELLEN!

Genua war ein Wendepunkt für die Anti-Globalisierungs-Bewegung. Es ist jetzt klar geworden, daß dies in der Ersten Welt ein Kampf um Leben und Tod ist, wie er es in der Dritten Welt schon immer gewesen ist. Wie wir jetzt antworten, wird darüber entscheiden, ob die Repression uns zerstört oder uns stärkt. Um stärker daraus hervorzugehen, müssen wir verstehen, was in Genua eigentlich passiert ist.

Die Medien erzählen eine Geschichte über Genua: eine kleine Gruppe gewalttätiger Demonstranten geriet außer Kontrolle, und die Polizei hat überreagiert. Ich habe auch von innerhalb der Bewegung Variationen dessen gehört: der Schwarze Block durfte außer Kontrolle geraten, um die Polizeigewalt zu rechtfertigen. Aber das ist es nicht, was in Genua geschah; und das Problem in diesen Rahmen zu stellen, lenkt uns auf die falschen Fragen.

Laßt es uns deutlich sehen: In Genua begegneten wir einer sorgfältig durchorganisierten Kampagne staatlichen Terrors. Diese Kampagne umfaßte gezielte Desinformation, den Einsatz von Under-Cover-Agenten und Provokateuren, Zusammenarbeit mit faschistischen Gruppen (und ich verwende des Begriff ”faschistisch” nicht in dem weiteren Sinne wie die Linke es manchmal tut; ich meine Faschismus im Sinne der direkt von Mussolini und Hitler ererbten Tradition), absichtliche Angriffe mit Tränengas und Schlagstöcken auf friedliche Gruppen, Brutalität der Polizei, Folter von Gefangenen, politische Verfolgung der OrganisatorInnen und einen terroristischen Nachtangriff auf Schlafende durch Spezialeinheiten, die Knochen brachen, Zähne herausschlugen und wehrlosen Demonstranten gezielt die Schädel einschlugen. Dies alles taten sie offen und auf eine Weise, an der sich erkennen läßt, daß sie keinerlei Strafverfolgung zu fürchten hatten und auf politischen Schutz aus den höchsten Kreisen rechnen konnten. Diese Erwartung bezieht sich nicht nur auf die proto-faschistische Berlusconi-Regierung Italiens, sondern auch auf die übrigen G8-Staaten, insbesondere die USA. Denn es hat sich herausgestellt, daß Polizeikräfte des Distriktes Los Angeles beim Training der besonders brutalen Spezialeinheiten geholfen haben. Italien hat eine lange Geschichte im Einsatz solcher Taktiken, die zurückreicht zur ”Strategie der Spannung” gegen die Linke in den 70ern, ja noch weiter bis in die 20er und 30er Jahre, die gar nicht mehr so fern scheinen, wenn wir von den Gefangengenommenen hören, daß sie in Räumen gefoltert wurden,die Bilder von Mussolini an den Wänden tragen. Die gleichen Taktiken sind natürlich auch von US-Einheiten und anderen Staaten ausgiebig eingesetzt worden. Italien hat aber auch eine lange Geschichte stark konfrontierender Aktionen und Straßenkämpfe mit der Polizei, sowie auch von starken pazifistischen Gruppierungen und Gruppen wie der Tute Biancha, die politisches Neuland erkunden und die überlieferten Definitionen von Gewalt und Gewaltlosigkeit sprengen.

All dies bildete die Bühne, auf welcher die Ereignisse der G8-Proteste spielten. Die Polizei benutzte den Schwarzen Block, oder genauer den Mythos und das Image des Schwarzen Blocks, in Genua für ihre Zwecke und nicht für unsere. Einige Aspekte der typischen Taktik des Schwarzen Blocks haben dies erleichtert: die Anonymität, die Masken und die leicht erkennbare Kleidung, die Bereitschaft sich in Konfrontation zu begeben und Eigentum zubeschädigen, und wohl am wichtigsten: der Mangel an Verbindung mit dem Rest der Aktionen und den OrganisatorInnen. Aber der Schwarze Block war in Genua nicht die Quelle der Probleme. Das Problem waren der Staat, die Polizei und die faschistische Gewalt. In Genua wurden Dinge getan, die nach den Kriterien aller unverantwortlich und falsch waren; aber es scheint wahrscheinlich, daß die meisten von ihnen durch die Polizei selbst durchgeführt wurden. Oder wenn nicht, dann waren zumindest die Provokateure der Polizei so allgegenwärtig, daß sich nicht entscheiden läßt, was durch Leute aus unserer Bewegung getan wurde, oder irgendwen verantwortlich zu machen.

Das Thema, mit welchem Genua uns konfrontiert, ist also nicht ”Wie kontrollieren wir die gewalttätigen Elemente bei uns selbst?”, obwohl das begreiflicherweise bald ein Thema werden kann. Es geht um die Frage ”Wie können wir weiteren Kampagnen der Lügen, der Polizeigewalt und der Vergeltungsschläge vorbeugen?” Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. Die einfachste Strategie wäre ein Rückzug auf strenge Formen der Gewaltlosigkeit, was auch viele Leute vorschlagen. Ich weiß nicht, warum ich einen Widerwillen gegen diese Antwort verspüre. Ich bin seit langer Zeit Vertreterin der Gewaltlosigkeit, und ich habe keinerlei Absichten, jemals einen Stein in ein Schaufenster oder auf einen Polizisten zu werfen; und ich halte grundsätzlich das Zerstören von Fenstern und den Kampf gegen Polizisten in Massenaktionen für contraproduktiv im günstigen und für selbstmörderisch im ungünstigen Falle.

Einer der Gründe mag darin liegen, daß ich nicht mehr dasselbe Wort verwenden mag um das zu beschreiben, was ich selbst dieregelwidrigsten Elemente unserer Bewegung habe tun sehen und was die Polizisten in Genua getan haben. Wenn das Zerbrechen von Fenstern und das Abwehren von Polizeiangriffen ”Gewalt” ist, dann gebt mir bitte ein neues Wort, das tausendmal stärker ist, um zu beschreiben wie Polizisten wehrlose Menschen ins Koma prügeln.

Ein anderer Grund mag sein, daß ich den Schwarzen Block mag. Ich war bei vielen Aktionen dabei, wo der Schwarze Block stark präsent war. In Seattle hatte ich von ihnen total die Nase voll, weil ich fand, daß sie einseitig entschieden Vereinbarungen zu brechen, die alle anderen akzeptiert haben. In Washington 2000 erlebte ich, daß sie sich an Leitlinien hielten, mit denen sie nicht übereinstimmten und an deren Entstehung sie nicht beteiligt waren, und dafür achtete ich sie. Ich habe mit einigen von ihnen unter den Hufen von Polizeipferden gesessen, als wir den Angriff auf eine bevölkerte Straße blockiert haben, wobei wir Taktiken verwendeten, die selbst Gandhi nicht hätte kritisieren können. Ich habe in Quebec mit ihnen im Tränengas nach Atem gerungen und dort erlebt, wie sie Abstand von der Zerstörung von Eigentum genommen haben, als die Einwohner sie zur Rede stellten. Ich bin an sie gebunden. Ja, es gibt Zeiten, da bin ich wütend auf manche von ihnen; aber sie sind meine GefährtInnen und Verbündeten in diesem Kampf, und ich möchte sie nicht ausgeschlossen oder dämonisiert sehen. Wir brauchen sie, oder so etwas wie sie. Wir brauchen in der Bewegung Raum für Wut, für Ungeduld, für militanten Eifer, für eine Einstellung die sagt: ”Ja, wir sind die Arschlöcher, und wir werden das System niederreißen.” Wenn wir das abschneiden, dann schneiden wir uns von der Lebenskraft ab.

Und wir brauchen auch die Gandhi´schen Pazifisten. Wir brauchen Raum für Mitgefühl, für Vertrauen, für eine Einstellung die sagt: ”Meine Hände werden die Werke des Erbarmens und nicht des Krieges tun.” Wir brauchen jene, die sich der Gewalt verweigern, weil sie nicht in einer gewalttätigen Welt leben möchten. Und wir brauchen Raum für diejenigen, die Formen des Kampfes erkunden möchten, welche aus allen Kategorien herausfallen. Wir brauchenradikale Kreativität, Raum zum Experimentieren, zum Erweitern des Territoriums, zum Erfinden neuer Taktiken, Fehler zu machen. Es gibt heute ganz klar und streng als gewaltfrei definierte Kampagnen: unter anderem die School of the Americas, Vandenberg, Vieques. Diese Richtlinien sind respektiert worden, und keine schwarzgekleideten steinewerfenden Gestalten haben versucht, andere Taktiken durchzusetzen. Aber die Aktionen gegen die großen Gipfel haben Kräfte von einem viel breiteren politischen Spektrum auf sich gezogen, von den Gewerkschaften und den NGOs bis zu anarchistischen Revolutionären. Alle diese Gruppen fühlen sich von den Themen betroffen und beteiligen sich an den fetten saftigen Zielen, die diese Gipfel darstellen.

Wie können wir einen Raum schaffen, der diese Widersprüche in sich bergen kann und dennoch die massiven gegen uns gerichteten Repressalien überlebt? Wie kommen wir dahin, wo noch nie eine soziale Bewegung gewesen ist? Vielleicht sind das die Fragen, die wir wirklich stellen müssen. In einer Frage auf Leben oder Tod besteht immer die starke Versuchung, mehr Kontrolle auszuüben, Regeln festzusetzen, einander zu überwachen, sich auf das zurückzuziehen, was als sicherer Boden erscheint. All meine Instinkte sagen mir aber, daß der Rückzug auf alles sicher und erprobt und wahr Scheinende falsch ist.

Als Anarchistin bin ich nicht interessiert daran, irgendwelche Polizeiaufgaben zu übernehmen. Ich möchte, daß wir einander zu größerer und nicht zu geringerer Freiheit aufrufen, wissend daß dies auch größere Verantwortlichkeit und größeres Risiko bedeutet. Der Einsatz von Provokateuren zum Anzetteln von Gewalttaten, die dann auf Abweichler geschoben werden können und Repressalien rechtfertigen, ist eine vielfach erfolgreich eingesetzte Methode zur Zerstörung radikaler Bewegungen. Es ist aber eine Strategie, die vom Gewohnten und Erwarteten lebt. Provokateure während einer Aktion zu identifizieren, ist wie das Giftsprühen im Garten: Die Giftigkeit des Schädlingsvertilgers, des Mißtrauens, derGeheimnistuerei und des Vertrauensverlustes, kann ebenso schädlich sein wie die Schädlinge selbst. Pflanzen können aber Schädlingen widerstehen, wenn sie in gesundem Boden wachsen. Um der Infiltration und den Provokateuren vorzubeugen, müssen wir den Boden unserer Bewegung untersuchen.

Ich schlage drei Arten von Düngung vor, die uns schädlingsresistentermachen können: Kommunikation, Solidarität und Kreativität. Wir müssen in Kommunikation bleiben. Wir können es uns nicht mehr leisten, parallele aber unverbundene Kämpfe auf der gleichen Demonstration zu führen. Wir müssen deutlich unsere Ziele und Absichten für jede Aktion erklären und andere bitten, diese zu unterstützen. Vielleicht müssen wir miteinander streiten und diskutieren, verhandeln und Kompromisse schließen. Das Aussprechen von einer deutlichen Anzahl von Vereinbarungen könnte sich manchmal als beste Vorbeugung gegen Provokateure erweisen. Vereinbarungen sind aber nur solche, wenn alle bei ihrem Zustandekommen beteiligt sind. Wenn ein Flügel der Bewegung versucht, sie anderen aufzudrängen, dann sind es keine Vereinbarungen mehr, sondern Anweisungen, zumal solche, die dann nicht beachtet werden und sich nicht durchsetzen lassen. Kommunikation bedeutet auf beiden Seiten Risiken, aber solche Risiken müssen wir eingehen, intelligent und bedachtsam. Wir müssen auf unsere Kommunikation mehr wert legen als auf die Übereinstimmung mit unseren Quellen oder unserer Sicherheitskultur. Wenn meine Taktik es mir unmöglich macht,mit dir zu reden, dann muß ich mich fragen, ob es eine angemessene Taktik für eine Massenaktion ist.

In diesem Dialog müssen wir darum ringen, einander zu respektieren. Niemand kann die Moral für sich allein beanspruchen. Niemand von uns kann allein den Ablauf bestimmen oder die Form unserer Handlungen festlegen oder unsere Politik bestimmen. Für diejenigen, die für Gewaltlosigkeit eintreten, ist ein Hauptanliegen, den Gegner zu achten; und das müssen sie zuerst innerhalb der Bewegung praktizieren. Man kann nicht einfach den Schwarzen Block und andere militante Gruppierungen als ”negative Rebellen” ablehnen oder als unreife Halbstarke, die sich nur austoben wollen. Sie haben eine politische Perspektive, die ernsthaft und durchdacht ist und auch ernstgenommen werden muß. Es bedeutet aber auch, daß die mehr militanten Gruppen aufhören müssen, die VertreterInnen der Gewaltlosigkeit als Mittelschicht, passiv und feige abzutun. Der Schwarze Block wird weithin wegen seines Mutes geachtet; aber es braucht eine andere Art von Mut, sich ohne Stöcke, Steine oder Molotows vor die Einsatztruppen zu setzen. Und es braucht Mut, deine Identität preiszugeben, dich in deiner eigenen Stadt zu organisieren, wo du nicht einfach anschließend verschwinden kannst, sondern dich den Konsequenzen stellen mußt. ”Gewaltfrei” ist nicht gleich ”nichtkonfrontierend” oder sicher auf der Zuschauerbank zu sitzen. Das Wesen gewaltfreien politischen Kampfes ist, intensive Konfrontationen herbeizuführen, die die Gewalt des Systems deutlich werden lassen, und dann dafür einzustehen und offen die Konsequenzen zu tragen. In dem heutigen repressiven Klima, in dem 88jährige Nonnen jahrelangen Haftstrafen für völlig pazifistische Aktionen bekommen, kann das Risiko der Gewaltlosigkeit durchaus höher als das anonymer Straßenkämpfe sein.

Wir müssen auch stärker mit der breiteren Bevölkerung kommunizieren, von uns aus und nicht nur reaktiv. Wir müssen den Menschen unsere Absichten bekannt machen und den für unsere Aktionen gesteckten Rahmen. Stellt euch vor, daß der Schwarze Block ein Flugblatt gegen Kriminalität ausgibt: ”Wenn ihr eine Gruppe von Maskierten seht, die kleine Geschäfte plündern, Privatautos anstecken und eure Kinder gefährden, dann merkt euch ihre Dienstmarken! Das ist Polizei! Denn wir sind der Schwarze Block, und so etwas tun wir nicht!” Wir müssen mit denen reden, die noch nicht überzeugt sind, von Tür zu Tür, von Angesicht zu Angesicht, nicht um sie zu belehren, sondern um sie nach ihrem Leben zu fragen und nach den Auswirkungen, die diese Themen auf sie haben, und um sie um Unterstützung für unsere Sache zu bitten. Wir müssen mit einander wirklich solidarisch sein. Solidarität besteht nicht nur darin darauf zu verzichten, uns gegenseitig in den Medien niederzumachen, oder Mahnwachen für die Inhaftierten zu halten. Es bedeutet, das Wohl des Ganzen über unsere momentanen persönlichen Bedürfnisse zu stellen, sogar über unsere Sicherheit. Es bedeutet, unsere gegenseitigen Absichten und Ziele zu unterstützen, selbst wenn wir nur teilweise damit übereinstimmen. Und dies nicht, indem wir sagen: ”Mach du dein Ding, und ich mache meins,” sondern indem wir wirklich Verantwortung für unsere Aktionen übernehmen und für die Auswirkungen, die sie auf andere über uns selbst und unsere derzeitige Gruppe hinaus haben können. Größere Freiheit bedeutet auch größere Verantwortung. In Massenaktionen haben individuelle Entscheidungen kollektive Auswirkungen. Manche Taktiken sind wie die lauten Typen in einerVersammlung: Sie nehmen allen Raum für sich ein und machen es unmöglich, daß noch jemand anderes Gehör findet. Polizisten sind nicht für feine Unterscheidungengeschaffen. Wenn eine Gruppe Molotow-Cocktails wirft und Schaufenster einschlägt, dann macht sich das auch in der Art bemerkbar, wie die Polizei auf die pazifistische Gruppe im nächsten Block reagiert. Und auch die örtliche Bevölkerung wird wohl den feinen Unterschied übersehen, die Bank oder den Laden der Gemeinde anzustecken.

Wie also der laute Typ in der Versammlung lernen muß sich zurückzuhalten, um anderen eine Chance zu geben, so müssen auch stark konfrontierende Taktiken manchmal zurückstehen, damit andere Möglichkeiten wenigstens existieren können. Solidarität besteht in dem, was wir auf der Straße tun. Sie bedeutet, einander so gut wie möglich zu schützen und uns gewiß nicht gegenseitig zu gefährden. Natürlich kann im Einzelfall die Vorstellung einer Gruppe von Schutz die Vorstellung einer anderen von Gefährdung sein. Eine Barrikade magschützend erscheinen; wenn aber deine Strategie ist, Spannungen abzubauen, dann kann eine Barrikade deine Situation gerade gefährlichermachen. Wir müssen unsere jeweiligen Entscheidungen respektieren lernen. Solidarität heißt, daß wenn ich mich vor einer Reihe vonPolizeieinheiten hinsetze und du hinter mir stehst, ich mich darauf verlassen kann, daß du die Menge davon abhältst, über michhinwegzutrampeln oder Steine über meinen Kopf zu werfen. Und daß wenn du durch eine Reihe von Polizisten hindurchdrängen willst und ich hinter dir stehe, ich dich dabei unterstütze und nicht zurückhalte. Wir haben das Recht, Solidarität von allen zu fordern, die gemeinsam auf der Straße dabei sein wollen.

Solidarität hat auch damit zu tun, Rechenschaft von einander zu fordern und einander zu kritisieren, damit wir aus unseren Fehlern lernen und effektiver handeln können. Kritik ist kein Angriff; sondern eine gute Kritik ist ein Zeichen der Achtung und sagt: ”Ich weiß, daß du und ich ein gemeinsames Interesse daran teilen, diese Arbeit zu verbessern.” Am meisten müssen wir wohl kreativ sein. Vielleicht nur, um unser Denken anzuregen, müssten wir eine Aktion mit einer einfachen Leitlinie angehen: Keine ermüdeten, ausgetretenen Taktiken erlaubt! Keine symbolischen Gefangennahmen, keine Ziegel durch gewisse Schaufenster. Und bitte, bitte, keine langweiligen Songs, die schon seit den Zeiten von Vietnam wiederholt werden, wenn nicht schon länger. Das wäre wenigstens ein nützliches Gedankenspiel.

Wir müssen außerhalb der Zäune und der Kästen denken. Wir müssen das Unerwartete tun, unsere Kleidungen wechseln, unsere Taktiken wechseln, dort sein, wo sie uns nicht erwarten, und Unerwartetes tun. Wenn sie erwarten, daß wir McDonalds zerschlagen, dann stören wir seinen Ablauf, indem wir freie Mahlzeiten verteilen und die dort Arbeitenden fragen, wie die Globalisierung sie betrifft. Wenn sie erwarten, daß die Militanten sich in Schwarz kleiden, dann gehen die Militanten in lila und die Pazifisten führen eineBeerdigung der Demokratie auf, indem sie das Weiße Haus umkreisen, in schwarzer Trauerkleidung und Schleiern. Wenn sie erwarten, daß wir in Fünferreihen antreten, um verhaftet zu werden, dann verschwinden wir und tauchen ganz woanders wieder auf. Wenn die hartgesottenen StraßenkämpferInnen einen Zaun niedergerissen haben, dann gehen die 88jährigen Nonnen als erste in die rote Zone. Wenn sie einen Gipfel völlig abschirmen und ihre Abwehr auf eine Mauer konzentrieren, dann nehmen wir den Rest der Stadt. Wenn die die Gipfel an unerreichbaren Orten verstecken, dann wählen wir unser eigenes Gelände.

Das sind harte Herausforderungen, aber es sind auch harte Zeiten, und sie werden nicht leichter werden. Ich habe schon zu viele Bewegungen zersplittern und scheitern gesehen, oder sich selbst in immer extremeren und selbstmörderischen Aktionen zu Tode hetzen, oder sich in selbstgerechtem Moralismus ersticken. Ich will diese Revolution gewinnen. Ich glaube nicht, daß wir den ökologischen und sozialen Spielraum haben, noch eine weitere anzugehen, wenn diese scheitert. Und die Chancen zu gewinnen, sind so knapp, daß wir uns nichts anderes leisten können als klug zu sein, strategisch und eng zusammen zu halten. Wir müssen Schulter an Schulter stehen, auch wenn wir uneins sind. Und wenn wir das schaffen, wenn wir diese Unterschiede innerhalb der Bewegung aushalten können, dann haben wir einen Schritt darauf hin getan, uns den viel größeren Herausforderungen zu stellen, die auf uns zukommen werden, wenn wir gewonnen haben, und eine zutiefst unterschiedliche Welt wieder aufbauen sollen.

(Aug. 2001)

Starhawk: www.starhawk.org

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