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Noam Chomsky:
- Die Diktaur der Medien (Interview)
- "The other Davos" (deutsch / english)
- Globalisierter Widerstand gegen die Macht der Konzerne (Interview)
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Noam Chomsky:
DIKTATUR DER MEDIEN
Ein Interview mit Noam Chomsky mit der Humanistischen Zeitschrift
Humanscape
in Indien über die Diktatur der Medien
- Was bedeutet die Globalisierung der Medien generell, und was
würde es für die Presse und die anderen Medien hier bedeuten?
- Unter anderem bedeutet es eine riesige Zunahme der Werbung, speziell
für ausländische Produkte. Da ihre Ressourcen alles übertreffen
könnten, was Indien hat, bedeutet es eine viel engere Konzentration
der Medien Quellen.... Es würde die Standpunkte derer reflektieren,
die das Kapital zusammenbringen können um internationale Medien
zu betreiben. Vielfalt und Information würden abnehmen, die
Medien würden werbeorientierter.
- Ist Globalisierung ein passendes Wort? Wäre "Transnationalismus" genauer?
- Ich würde es die Ausweitung "Transnationaler Firmentyrannei"
nennen. Das sind tyrannische, totalitäre Institutionen, Megafirmen.
Es sind gigantische beherrschende Wirtschaften, von der Spitze aus
geleitet, relativ unverantwortlich, und auf verschiedenartige Weise
verknüpft. Ihr Hauptinteresse ist Profit - aber viel weitgehender
als das ist es, eine gewisse Art von Publikum zu erzeugen. Eines,
das süchtig ist nach einem gewissen Lebensstil mit künstlichen
Wünschen. Ein Publikum atomisiert, voneinander getrennt, genug
fragmentiert, damit es an der politischen Arena nicht teilnimmt,
um die Mächtigen nicht zu stören. Es ist völlig natürlich.
Sehr viele Zeitungsverlage hier glauben, dass sie in eine Partnerschaft
eintreten und dass die Indische Presse vernünftig genug ist,
(momentan, ist ausländischer Besitz in der Presse verboten,
aber die Situation könnte sich ändern). Das ist ein Witz.
Wenn ein lokales Restaurant sich bei McDonalds beteiligt,
wären sie sehr vernünftig. Aber McDonalds hat die
Ressourcen, sie zu überwältigen und hat ein Interesse
daran, sie in ihr System zu integrieren. Das ist profitabler und
hilft wieder, die Art des Marktes zu erzeugen, die sie benötigen.
Es ist, als ob man Indien für die internationalen Drogenhändler
öffnen würde, indem man behauptet, dass die Leute vernünftig
genug seien, um zu widerstehen. Ja klar, sie können widerstehen.
Aber wenn sie es auf Schulkinder abgesehen haben, mit gratis Drogen,
und die Kinder süchtig werden, so spielt es keine Rolle wie
vernünftig du bist. TV und Werbung sind einfach kultivierte
Süchte, produziert um Leute auf eine bestimmte Art zu kontrollieren.
Tatsächlich auf eine noch hinterhältigere Art und Weise.
Drogenhändler müssen ihren Stoff verkaufen und dich davon
abhängig machen. Dies dagegen erzeugt eine bestimmte Art von
Leuten.
- Ist also die Hauptfunktion der Medien zu verkaufen?
- Ihre Hauptfunktion ist es, den Werbern Publikum zu verkaufen.
Sie machen kein Geld mit ihren Abonnements, CBS News verdient kein
Geld, wenn du deinen Fernseher anstellst. Sie verdienen Geld, wenn
ein Inserent sie bezahlt. Nun zahlen Inserenten für gewisse
Dinge. Sie bezahlen nicht für eine Diskussion, die die Leute
ermutigt an der Demokratie teilzunehmen und die Macht der Firmen
anzugreifen.
Lebensstile zu verkaufen, Werte oder Prinzipien des freien Marktes...
Das ist ein Betrug. Sie glauben an die Prinzipien des freien Marktes
für andere, nicht für sich selber. Die grösseren
Firmen jeder Gesellschaft, in der Tat in allen fortgeschrittenen
Sektoren des Marktes, verlassen sich sehr stark auf Staatssubventionen
und Staatsinterventionen. Sie wollen dir sagen, dem freien Markt
beizutreten. Sie selber werden es nicht machen
- Wie reagierten sie auf die Liberalismus Debatte hier, die so
geführt wird, als ob das etwas neues wäre?
- Ich war betroffen, als ich dies in der Presse hier las, die Idee,
dass irgendwie etwas Neues am Neoliberalismus ist. Es gibt nichts
Neues am Neoliberalismus. Indien hat den Neoliberalismus seit 300
Jahren erlebt - weshalb es Indien ist und nicht England oder die
Vereinigten Staaten. Weshalb ihr euch von Britannien gelöst
haben.
Dass die USA keine totale Marktgesellschaft ist (ist bekannt)...
aber soziale Sicherheit und ähnliche Interventionen sind der
Rand eines Systems von Staatssubventionen für private Macht.
Wenn man über die USA als Marktgesellschaft spricht ohne das
Pentagon zu erwähnen, ist es als ob man über die UdSSR
spricht und das Politbüro nicht erwähnt. Das Pentagon
ist der massive Kern des Wohlfahrtsstaates für die Reichen.
Es giesst öffentliche Gelder unter der Verkleidung von Sicherheit
in fortgeschrittene Industrie in jedem grossen Sektor der Wirtschaft.
- Wie unterscheiden sich die Arten der Medien und Gedankenkontrolle
der USA von solchen totalitärer Staaten?
Ein totalitärer Staat hat ein Wahrheitsministerium. Diese bestimmen
sehr öffentlich, was die Wahrheit ist. Du musst dieser Wahrheit
zustimmen, falls nicht so gibt es verschiedene Strafen. Hier gibt
es kein Wahrheitsministerium, Es gibt nur ein gemeinsames Bewusstsein
zwischen extrem engen Sektoren von Macht, darüber wie die Welt
wahrgenommen werden sollte und was für eine Art von Leuten
es geben sollte.
- Gibt es irgendein reales Meinungsspektrum in der USA?
- Über Saddam Hussein gab es kein Spektrum. Als er sich bereit
erklärte, sich aus Kuwait zurückzuziehen, gab es eine
Übereinstimmung der Medien, das nicht zu erwähnen. Darum
wurde das unterdrückt. Aber es gibt ein Spektrum.... Nimm das
grösste Thema in der Amerikanischen Politik - das Budget zu
balancieren. Die Medien sagen dir, dass die Amerikaner dafür
gestimmt hätten. Die Republikaner wollen es in sieben Jahren
und die Demokraten in 7 1/2 Jahren erledigt haben. Das ist dein
Spektrum. Die Mehrheit der Amerikaner sind dagegen. Aber ihre Meinung
ist kein Teil des Spektrums.
Übrigens, das Budget des Pentagon steigt. Die Öffentlichkeit
ist mit 6 zu 1 dagegen, aber das macht nichts. Das ist das Informationssystem
und die Wirtschaft, die es vertritt. Dies bildet das Spektrum. Darin
gibt es gewisse Unterschiede.
- Einige Leute sind optimistisch über die Möglichkeit
des Internets... Mehr Demokratie, weniger Kontrolle. Glauben sie,
dass das geschehen wird?
- Der Zustand des Internets heute ist wie der Zustand der elektronischen
Medien in den 1920 er Jahren. In den meisten Staaten wurde das Radio
oder ein grosser Teil davon dem öffentlichen Interesse übergeben.
So bekommst du BBC oder "Canadian Broadcasting" und das
ist so demokratisch wie die Gesellschaft ist. In den USA gab es
einen Kampf darum. Kirchliche Gruppen, Vereine und andere wollten
ein ähnliches System. Aber sie wurden durch private Macht überwältigt.
Und das Radio wurde grösstenteils an riesige Firmen übergeben.
Später geschah das gleiche mit dem Fernsehen, es gab überhaupt
keinen Kampf mehr. Sie gaben es einfach der privaten Macht.
Jetzt hast du das Internet. Wie der ganze Rest der modernen Technologie
wurde es durch die Öffentlichkeit bezahlt, es kommt vom Pentagon
und der Nationalen Wissenschaftsstiftung usw. Wie die Computer und
der Rest der Elektronik. Die Öffentlichkeit zahlt und dann
wird es an die private Macht übergeben.
Sogar bei den Printmedien gab es in England und der USA früher
in diesem Jahrhundert eine grosse unabhängige Presse. In England
war es auf der Ebene der kommerziellen Presse. Sie wurden schrittweise
durch die Macht der Firmen überwältigt. Mit dem Internet
müssen wir warten und beobachten. Wird die Wirtschaft machen
können was sie will? Sie würden es gern in einen Shopping
Service von zu Hause aus verwandeln und mehr Leute süchtig
danach machen, sogar noch stärker. Nun, Ein grosser Teil des
Volkes hat andere Ideen. Es wird einen Kampf geben, und man kann
das Resultat nicht voraussagen.
- Wie steht es mit dem Inhalt? Wie überall sonst gab es auch
hier einen Wandel des Schemas der Berichterstattung: Unterhaltung,
das Interesse anregen, selektive Skandalmeldungen. Wo bleibt da
der Journalismus, von der Art, der über die heutige Realität,
oder das Leben der Leute zu berichten pflegte?
- Nun mit den Medien in der USA, in England und in Europa ist es
ganz klar. Der Inhalt wird abgeschwächt, reduziert und homogenisiert.
So erscheint nun die europäische Presse zunehmend eine schlechte
Kopie der New York Times und der Washington Post zu sein. Es ist
wie mit den Fernsehnachrichten. Gesamthaft wird viel weniger Geld
in die Reportagen investiert. Es wird unwesentlich. Nun, falls Sie
der Besitzer des Westinghouse, ein Mega Unternehmen und ein riesiger
Inserent sind, ist es das, was sie wollen.
- Warum stellt sich die gebildete Klasse am schnellsten hinter
die von den Medien konstruierte Realität? Sagen wir, in der
Debatte über die Liberalisierung in Indien?
- Das ist weit verbreitet. Es ist natürlich.
- Sagen Sie damit, dass die Schule und das Gymnasium ein Teil dieses
Trainings sind?
- Ja, sicher. George Orwell hat vor 50 Jahren in Animal Farm darauf
hingewiesen, was natürlich eine Satire über die Sowjetunion
ist. Dazu gab es eine Einleitung, die übrigens nicht veröffentlicht
wurde. Es war an einer literarischen Zensur in England, an welcher
er sagte; "schau, ich stelle die Sowjetunion satirisch dar,
aber schau England an..." und er sprach darüber wie ungewollte
Ideen zum Schweigen gebracht werden können, ohne die Notwendigkeit
eines öffentlichen Verbotes. Und er beschrieb die Grenzen.
Er sagte, ein Grund sei, dass reiche Männer die Presse besässen,
die nur daran interessiert seien, dass gewisse Ideen ausgesprochen
würden und andere nicht. Ein anderer sei der Prozess der Sozialisation,
der durch das System der Ausbildung statt fände und im speziellen
im System der Ausbildung der Elite... in welchem man nur bestimmte
Werte verinnerliche. Wo, wie er sagt, man lernt, dass es gewisse
Dinge gibt, die einfach nicht angebracht sind.
- Kann es so eine totale Trennung geben zwischen dem, was Millionen
von Leuten denken und diesem Dialog?
- Ja. In einer von der Wirtschaft geführten Gesellschaft. Wenn
man ein paar Billionen Dollars für öffentliche Beziehungen
ausgibt, will man wissen, wie man die Sachen anpacken muss, um die
öffentliche Opposition zu überwältigen...Öffentliche
Haltungen sind normalerweise ganz getrennt vom Spektrum der gebildeten
Meinung, sie weichen oft sehr stark ab. Übrigens über
80 Prozent der amerikanischen Öffentlichkeit glaubt, dass es
keine funktionierende Demokratie gibt und dass die Regierung nur
für ein paar spezielle Interessen arbeitet. Das ist ein Grund,
weshalb die Leute sich nicht die Mühe nehmen um zu wählen.
- Wo bleiben da die Journalisten, in der Hauptrichtung, welche
die Werte der wirtschaftsorientierten Medien nicht teilen? Verschwenden
wir unsere Zeit?
- Nein. Ganz und gar nicht. Zum Beispiel die USA. Ich bin sehr kritisch über die Medien aber sie sind besser als vor 30 Jahren. Grundsätzlich
führte der Aktivismus der 60er Jahre zu beachtlichen Unruhen,
woraus wichtige Veränderungen in der amerikanischen Kultur
resultierten... Es gibt immer populäre Wahlkreise, die sich
mit einzelnen Journalisten verbinden und die sich gegenseitig unterstützen.
Sie erhalten Informationen und geben Informationen.
- Lohnt es sich eine Art Guerilla Aktion zu inszenieren innerhalb
eines solchen Medien Systems?
Es lohnt sich immer ein totalitäres System an seine Grenzen
zu bringen, offensichtlich.
- Es gibt diese romantisierende Idee der amerikanischen Medien,
dass sie den Krieg beendet hätten und dass sie Watergate enthüllt
hätten. Wie sehen Sie das?
- Die Medien haben immer sehr viel verbreitet über Vietnam.
Die Medien waren immer sehr für den Krieg... Um 1970 fanden
ca. 70 Prozent der Bevölkerung, dass der Krieg grundsätzlich
falsch und unmoralisch sei und kein Fehler sei, was ständig
in den Abstimmungen blieb bis in die frühen 90er Jahre, als
die letzten besiegt wurden. Und dieser Punkt wurde praktisch nie
in den Medien erwähnt. Der kritischste Kommentar in den Medien
war der von Anthony Lewis von der New York Times, der auf eine Art
ausserhalb des Spektrums war. 1969 entschied er, obwohl der Krieg
mit den nobelsten Absichten angefangen wurde, dass es für die
USA nun zu viel kosten würde. So hatte er sich nun Gedanken
darüber gemacht, ob man nicht aufhören sollte.
- Ist es ein Mythos?
- Ein totaler Mythos. In der Tat, falls es Sie interessiert, ich
habe seitenweise Dokumentationen, welche die Berichterstattung der
Medien zeigen. Fall über Fall während des ganzen Krieges.
In den frühen 70er Jahren zum Beispiel als angenommen wurde,
dass die Medien ablehnend waren, begann die USA Kambodia zu bombardieren.
Es war die schlimmste Bombardierung von Zivilpersonen in der Geschichte.
Hundert Tausende wurden getötet. Wahrscheinlich flohen eineinhalb
Millionen Flüchtlinge nach Pnom Penh. Wir wissen nichts darüber.
Weil Sidney Schanberg und andere, die das Gewissen der Presse genannt
wurden, in Pnom Penh sassen - und sich weigerten die Strasse zu
überqueren um einen Flüchtling zu interviewen. Jene wären
die falschen Geschichten gewesen.
- Und Watergate?
- Watergate war eine Tee-party. In der Tat, Watergate war fast ein
kontrolliertes Experiment. Die Nixon Administration sammelte ein
paar unbedeutende Gauner, die in das Hauptquartier der Demokratischen
Partei eindrangen, ohne bekannten Grund, und entwendeten ein paar
Ordner. Gerade zur gleichen Zeit gab es andere Sachen. Es gab eine
Liste der Feinde. Privat gab Nixon einigen Leuten schlechte Namen
- mir zum Beispiel. Ich war auf der Liste der Feinde. Aber es passierte
niemandem etwas, die auf der Liste der Feinde waren. Das ist Watergate.
Zur selben Zeit wie Watergate, fand man heraus, dass im Gericht
in klassifizierten Dokumenten, unter dem Gesetz der Informationsfreiheit,
dass vier Verwaltungen, Eisenhower, Kennedy, Johnson und Nixon nicht
nur ein paar unbedeutende Gauner aufgelistet hatten, sondern die
nationale politische Polizei FBI, um legale und legitime, die anderer
Meinung sind anzugreifen und zu schwächen.
Der COINTELPRO Skandal, wie er genannt wurde, bekam absolut keine
Wichtigkeit. Dies obwohl die FBI direkt involviert war in der politischen
Ermordung von zwei schwarzen Führern. Nicht nur erlangte es
nicht die gleiche Wichtigkeit, es existierte offensichtlich auch
nicht, so wie es behandelt wurde.
- Wurden die Nachrichten total gesperrt?
- Nun gut, es mag hin und wieder ein paar Zeilen gegeben haben.
Aber es war nicht interessant was etwas sehr Einfaches zeigt. Die
Leute der Medien interessierten sich nicht für Demokratie oder
Freiheit oder irgend etwas anderes. Worum sie sich sorgten, war
der Schutz der Macht vor den Leuten. Als Fred Hampton, ein Schwarzer
Organisator durch FBI und die Polizei von Chicago ermordet wurde
das war o.k., das war kein Problem.
Aber Thoma Watson, der Kopf von IBM... du kannst ihm nichts nachsagen,
(wie es Nixon tat auf seinen Tonbändern: PS). Mach das und
die Demokratie wird zusammenbrechen. Wenn die Medien Watergate als
ein Beispiel ihrer Gegner präsentieren, mutige Charaktere,
kann man sogar kaum lachen. Ferner können sie es nicht verstehen
wenn man es ihnen einmal sagt, weil sie so indoktriniert sind.
- Sie haben einen Tag auf dem Land in Bengal verbracht. Was halten
sie davon?
- Sehr interessant. Ich habe viele ländliche Entwicklungsprogramme
gesehen und dieses war sehr bemerkenswert. Es gab viele Verpflichtungen
und es ist offensichtlich, dass die Dorfbewohner die Sachen unter
Kontrolle haben. Sie schienen die Fragen, die man ihnen stellte
sehr leicht und gut zu beantworten.
- Glauben Sie, dass es eine demokratische Selbständigkeit
auf der Ebene eines Dorfes ist?
- So weit wie ich es beurteilen kann. Ich meine es sah sicher so
aus wie eine sehr aktive Teilnahme mit vielen Leuten, die wissen
was passiert und die eifrig darüber sprechen.
- Nun, das ist nicht so wie es die Medien hier betrachten.
- Nein? Das ist ihr Problem. Aber ich kann ihnen nur sagen, was
ich gesehen habe.
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Rede von Noam Chomsky für die Konferenz "The other Davos"
am 26.1.2001 in Zürich:
Ich bedaure es, an diesem wichtigen Anlass nicht unter euch weilen
zu können. Eigentlich kann ich nicht viel anderes tun, als
meine Begeisterung und Unterstützung auszudrücken für
das, was ihr tut. Ich hoffe, dass eure Aktivitäten, und viele
andere gleicher Art rund um die Welt, erfolgreich sein werden. Die
Herausforderung, der wir uns stellen müssen, ist gewaltig.
Doch gleichzeitig verbreitet sich zusehends der Wille, diese Herausforderung
anzunehmen, und das ist sehr ermutigend für all jene, die sich
für eine bessere Welt einsetzen.
Ich habe nicht viel Zeit, um mich an euch zu wenden. Deshalb beschränke
ich mich darauf, einige grundlegende Tatsachen über dieses
Phänomen in Erinnerung zu rufen, das man Globalisierung nennt.
Es handelt sich um eine unpassende Bezeichnung für diese sehr
spezifische Form der internationalen Integration, die die mächtigsten
Staaten allen anderen aufzwingen, die im Interesse privater Machtkonzentration
umgesetzt wird und die kaum etwas mit den Anliegen der Bevölkerungen
zu tun hat.
Es gibt keinen Grund, gegen die Globalisierung an sich anzukämpfen:
Wenn diese den Interessen der Menschen entsprechend strukturiert
wäre, müsste man sie als Fortschritt begrüssen. Seit
dem Zweiten Weltkrieg ist die internationale Integration der Wirtschaft
stetig vorangeschritten. Sie erreicht heute grob gesagt wieder einen
Stand, der mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts vergleichbar ist.
Doch wenn man genauer hinschaut, stellt man fest, dass die Strukturen
heute viel komplexer sind. In der Nachkriegszeit lassen sich zwei
deutlich verschiedene Phasen unterscheiden. Die erste, die ich Bretton-Woods-Phase
nenne, dauerte bis anfangs der 70er Jahre. Seither sind wir in der
zweiten Phase, in der das Bretton-Woods-System der festen Wechselkurse
und Kapitalverkehrskontrollen zerstört wurde. Diese zweite
Phase wird in der Regel als Globalisierung bezeichnet und mit der
sogenannten neoliberalen Politik in Verbindung gebracht.
In Wirklichkeit ist diese Politik weder neu noch liberal. Sie verlangt
Strukturanpassungsprogramme nach den Prinzipien des "Konsenses
von Washington" (den die US-Regierung, der Pentagon und die
internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen teilen) von
den armen Ländern und leicht abgeänderte Versionen davon
von den weiter entwickelten Ländern. Diese zwei Phasen sind
sehr unterschiedlich. Die erste, die Bretton-Woods-Phase, wird von
vielen Ökonomen als goldenes Zeitalter des industriellen Staatskapitalismus
bezeichnet. Die zweite Phase hingegen, für die man den Begriff
Globalisierung verwendet, wird oft als bleiernes Zeitalter bezeichnet,
in dem sich makroökonomische Standard-Indikatoren wie das Wirtschaftswachstum,
die Produktivitätsentwicklung usw. markant verschlechtert haben.
Es gibt eine weit verbreitete Behauptung, die Globalisierung, also
die zweite Phase, habe einen bedeutenden Anstieg des Wohlstands
gebracht, auch wenn dabei einige Menschen vergessen worden seien
und nicht von ihren beträchtlichen Vorteilen profitiert hätten,
was nun noch zu korrigieren wäre. Diese Sicht der Dinge ist
nur teilweise richtig, und höchstens in Bezug auf die erste
Phase. In der zweiten Phase gibt es keine Zweifel daran, dass die
Ungleichheiten rasch angewachsen sind. Doch im Grunde genommen sind
alle diese Behauptungen völlig unzutreffend. Die Entwicklung
bietet in allen Regionen der Welt ein düsteres Bild; vielleicht
mit Ausnahme einiger asiatischer Länder, die zumindest eine
gewisse Zeit lang in der Lage waren, die Spielregeln zu brechen.
Schauen wir uns einmal das reichste Land der Welt an, die Vereinigten
Staaten von Amerika. Man will uns weismachen, hier hätte sich
eine märchenhafte Wirtschaftswelt entwickelt. Dies stimmt aber
nur für einen sehr kleinen Teil der Bevölkerung, zu dem
zufälligerweise auch jene gehören, die uns unaufhörlich
diese frohe Botschaft verkünden. Für die meisten Lohnabhängigen,
jene, die keine leitenden Funktionen ausüben, also für
etwa 80 Prozent der Beschäftigten in den USA, sind die Löhne
seit den 70er Jahren gesunken. In den letzten Jahren sind die Löhne
insgesamt etwa auf den Stand von 1989 zurückgekehrt, auf den
Stand vor dem letzten Konjunkturzyklus. Aber sie sind immer noch
deutlich unter dem Niveau von vor 20 Jahren. Die Medianlöhne
der Männer liegen trotz dem Anstieg der letzten Jahre immer
noch tiefer als 1989. Die Mittelstandsfamilien, die Familien mit
mittleren Einkommen, konnten ihr Einkommensniveau nur dank gesteigerter
und verlängerter Arbeitsbelastung aufrecht erhalten. Diese
Familien müssen heute etwa sechs Wochen pro Jahr mehr arbeiten
als vor zehn Jahren, um ungefähr gleich viel zu verdienen.
Die USA verzeichnen heute weltweit die höchste Arbeitsbelastung
und haben diesbezüglich Japan vor einigen Jahren überholt.
Dieses Wachstum wurde von einem Boom des Privatkonsums getragen,
der seinerseits nicht unwesentlich einer massiven Propaganda-Kampagne
zu verdanken war, deren Auswirkungen jetzt sichtbar werden: Die
Verschuldung der privaten Haushalte wurde in die Höhe getrieben.
Sie befindet sich heute auf einem nie dagewesenen Stand und übertrifft
erstmals das gesamte verfügbare Volkseinkommen.
Das Märchen ist im Wesentlichen den Aktienmärkten zu
verdanken, die bis vor einem Jahr schwindelerregende Kurssteigerungen
verzeichneten. Hier liegt gegenwärtig die Hauptquelle des weltweiten
Wirtschaftswachstums. Es sei aber daran erinnert, dass ein Prozent
der Bevölkerung beinahe die Hälfte aller Aktien besitzt,
wogegen nur etwa 4 Prozent der Aktien den "unteren" 80
Prozent der Bevölkerung gehören. Die Armutsrate liegt
höher als vor 20 Jahren. Diesbezüglich ist die Situation
in den USA und in Grossbritannien am schlimmsten von allen Industrieländern.
In diesen beiden Ländern wurde die neoliberale Politik kompromissloser
als in allen anderen umgesetzt. Im goldenen Bretton-Woods-Zeitalter
stiegen die Einkommen rasch an, und insgesamt geschah dies auf eine
ziemlich egalitäre Weise. Tatsächlich stiegen die Einkommen
der untersten 20 Prozent am schnellsten an, jene der obersten 20
Prozent am langsamsten. Im bleiernen Zeitalter der Globalisierung
ist das Gegenteil der Fall, und die Einkommensverteilung ist höchst
ungleich. Die Einkommen steigen nur ganz oben an, während dem
sie bei den untersten 20 Prozent rückläufig sind.
Ein Blick hinter die Fassaden der Märchenwelt der kalifornischen
New Economy bestätigt diese Realität ebenfalls. Kürzlich
wurde eine Studie veröffentlicht, die sehr schön aufzeigte,
was in Kalifornien in den letzten zehn Jahren geschehen ist. Die
durchschnittliche Kaufkraft der Familien ist im Verlauf der 90er
Jahre um ca. 1000 Dollar gesunken. Die Durchschnitsslöhne undeinkommen
sind gesunken. Die Armutsrate ist gestiegen. Nur der Staat New York
kennt grössere gesellschaftliche Ungleichheiten.
Dieses Bild ist typisch für die gesamte Welt. Nur ist die
Situation in den armen Ländern noch schlimmer. Es gibt Ausnahmen.
Ich habe Länder erwähnt, die eine gewisse Zeit lang die
Regeln brechen konnten, zum Beispiel, auf sehr spektakuläre
Weise, China. Aber nicht für lange Zeit. Für China heisst
es nun ebenfalls "Willkommen im Club!", nachdem kürzlich
ein Freihandelsabkommen unterzeichnet wurde, bei dem es sich eigentlich
um ein "freie-Investitionen-Abkommen" handelt, um das
Wall Street Journal zu zitieren. In der US-Presse wurde dieses Abkommen
als frohe Botschaft für die Finanzkonzerne, für die Telekombranche,
für Boeing und andere Unternehmen gefeiert. Doch wer das Kleingedruckte
liest wird merken, dass nicht alles so rosig ist. Zum Beispiel gibt
es das Problem von Dutzenden oder Hunderten Millionen chinesischen
ArbeiterInnen, die in ineffizienten Fabriken arbeiten und deren
Arbeitsplätze verschwinden werden.
Diese Fabriken sind genauso ineffizient wie viele amerikanische
Fabriken in den 80er Jahren. Präsident Reagan, der die protektionistischste
Politik der USA in der gesamten Nachkriegszeit betrieben hat, verbannte
daraufhin japanische Produkte vom US-Markt und versuchte, die US-Industrie
mit staatlicher Unterstützung wieder auf Vordermann zu bringen.
Aber China wird dies nicht tun können: Es ist ein armes Land.
Diese ineffizienten Fabriken garantieren ihren Angestellten nicht
nur den Lebensunterhalt, sondern zugleich Versicherungsprämien
für die Altersvorsorge. Und dann gibt es da noch ein kleines
Problem: Eine Million amerikanische Lohnabhängige werden ihre
Stelle verlieren, da Billiglohnarbeit nach China abwandern dürfte.
Theoretisch könnte das gut sein für China und dort zu
einem Anstieg der Löhne führen, wenn da nicht noch ein
anderer kleiner Nachteil des "freie-Investitionen-Abkommens"
wäre. Man erwartet, dass 900 Millionen chinesische Bauern ihre
Höfe verlassen werden müssen und in grosse Schwierigkeiten
geraten werden, wenn ihr Heimmarkt von subventionierten Exportprodukten
der amerikanischen Agro-Industrie überflutet wird. Diese US-Importwelle
wird sie massenweise auf den chinesischen Arbeitsmarkt spülen
und auf die Löhne drücken.
Das erinnert uns an die Zustände vor unserer eigenen Haustüre,
im benachbarten Mexico. Im Zuge der neoliberalen Reformen sind die
Lebensstandards und Einkommen seit Beginn der 80er Jahre für
80 Prozent der Bevölkerung gesunken, und die Einführung
der NAFTA (nordamerikanische Freihandelszone, die Mexico einschliesst;
Red.) hat diesen Trend nicht beendet, entgegen allen Beteuerung
der Mainstream-Ökonomen. Wenigstens haben einige andere Ökonomen
davor gewarnt. Die NAFTA ist wohl eines dieser seltenen Handelsabkommen,
die der Mehrheit der Bevölkerung aller beteiligten Länder
schaden. Es ist nicht schwierig, weitere Beispiele zu finden. Von
nun an dürften die von den Reichen durchgesetzten Spielregeln
zu einer Verallgemeinerung dieser Auswirkungen führen. So haben
zum Beispiel die Regeln der WTO jene Mechanismen für illegal
erklärt, derer sich ausnahmslos alle reichen Länder in
der Vergangenheit bedient haben, um ihr gegenwärtiges Entwicklungsstadium
zu erreichen. Und wer jene Abkommen genauer anschaut, die fälschlicherweise
Handelsabkommen genannt werden und eigentlich Abkommen zugunsten
der Rechte der Investoren sind, wird feststellen, dass es sich um
eine Kombination von Liberalisierung und Protektionismus handelt,
die den grössten Unternehmen enorme Profite garantieren, indem
sie in monopolistischer Weise die Preise für ihre Produkte
festlegen können, die meist mit bedeutender Unterstützung
des öffentlichen Sektors entwickelt worden sind.
Es hat ein gewaltiger Anstieg der spekulativen Kapitalbewegungen
stattgefunden, der zum eigentlichen Charakterzug der Phase der Globalisierung
geworden ist. Diese Kapitalflüsse schränken die politischen
Optionen der Regierungen ein, verleihen dem Finanzkapital ein Vetorecht,
unterlaufen die Volkssouveränität in den demokratischen
Regimen und stellen alle fortschrittlichen Wirtschafts- und Sozialpolitiken
in Frage, die der Bevölkerung eher zugute kommen als den Investoren.
Es bildet sich ein Merkantilismus der Konzerne heraus, eine liberale
internationale Ordnung, in der die Entscheide über soziale
und wirtschaftliche politische Fragen immer mehr in den Händen
des Privatkapitals konzentriert sind, das sich durch sehr hohe Machtkonzentrationen
auszeichnet, die Märkte verwaltet und sowohl als Werkzeug wie
auch als Tyrann der Regierungen agiert, um Madisons 200 Jahre alte
Beschreibung der Gefahren für die Demokratie in Erinnerung
zu rufen.
Es ist daher keine Überraschung, dass diese zweite Phase,
jene der Globalisierung, rund um die Welt beträchtliche öffentliche
Proteste hervorgerufen hat. Dabei sind sich gesellschaftliche Kräfte
mit unterschiedlichem Hintergrund näher gekommen, aus reichen
sowie aus armen Ländern. Das ist neu und sehr ermutigend. Das
heutige Meeting bietet weitere Gelegenheiten, diesen Prozess voranzutreiben.
Es dient der Ausarbeitung neuer Alternativen, um die grosse Mehrheit
der Weltbevölkerung nicht nur gegen einen Angriff auf die grundlegenden
Menschenrechte zu verteidigen, sondern darüber hinaus die inakzeptable
Konzentration der Macht zu zerschlagen und das Reich der Freiheit
und der Gerechtigkeit auszuweiten.
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Noam Chomsky at "The other Davos" - 26.1.2001 in Zürich:
I am sorry I can't be with you on this important occasion. In fact,
I can do little more than express enthusiastic support for what
you're doing and hope for success in this endeavor and many others
like it throughout the world. The challenge faced is enormous as
there is an increasing willingness to undertake it, which is very
heartening for people who look forward to a more decent world. In
the few moments that I have, I would like to recall some basic facts
about what is called globalization, highlighting this misleading
term which is used to refer to a very specific form of international
integration designed by the powerful states, imposed on the rest,
in the interests of private concentrations of power, and with the
interests of people only incidental. There would be no reason to
oppose globalization as such, which if properly structured, it would
be a very welcome prospect. Since World War II, the integration
of the international economy has been proceeding; it is by now returned
to something like the level of about a century ago by gross measures.
The fine structure however is considerably more complex. During
the post-war period this process has gone through two sharply different
phases. The first was the phase roughly until the early 70s, the
Bretton Woods period. The second is the period since the dismantling
of the Bretton Woods system, a system of regulated exchange rates
and controls on capital movement. It is this second period that
is generally called globalization and it is associated with the
so-called neo-liberal policy, a term neither new nor liberal. This
means structural adjustment programs along the lines of the Washington
consensus for the poorer countries and versions of the same policies
in the more advanced societies. The two phases are quite different
for very good reasons. The first phase, the Bretton Woods phase,
is called a golden age of industrial state capitalism by many economists,
while the second phase, the globalization phase, is often called
a leaden age with a marked deterioration in standard macroeconomic
measures that would be things like greater growth of economy, of
productivity and so on. As it is a common claim that globalization,
the second phase, has brought remarkable prosperity, although unfortunately
some have been left behind, and have not shared in the grand benefits,
and we have to do something about that. These claims are only partially
true. It is true of the first phase. In the second phase, it is
true that inequality has grown very rapidly. But beyond that, the
claims are completely wrong and un-controversially so. The record
has been dismal in every region of the world. That is apart from
some Asian countries that have been able to break the rules of the
game for a while at least. So consider the richest country in the
world, the United States. Here, there's supposed to be what is called
a fairy-tale economy, which is indeed true for a very small part
of the population, which happens to include those who are telling
everyone else the wonderful news. For most workers, the non-supervisory
workers, about 80 per cent of the workforce, wages have declined
since the 1970s. In the last 10 years, particularly the last few
years, gross wages returned roughly to the level of 1989, the last
business cycle, they are still well below the level of 20 years
ago. For male workers, median wages have not even risen to the level
of 1989 despite the growth of the last few years. For families in
the middle range who are called middle income families, they have
been able to sustain incomes, but only by a much heavier workload.
The middle-income families could earn about six weeks a year of
more work than they do 10 years ago to maintain essentially stagnating
incomes. The United States now has the highest workload in the world,
past Japan a couple of years ago. Growth such as this has been driven
by consumer spending which in turn has been driven by a massive
propaganda campaign and now has consequences too: household debt
has soared; it1s now on an unprecedented level, it is actually beyond
disposable income for the first time. The main part of the fairy
tale is the stock market which soared up till about a year ago.
That caused a lot of exuberance but that1s the main source of the
world1s growth in the recent period. However it is worth remembering
that almost half the stocks are held by one per cent of thepopulation
and the bottom 80 per cent of the population altogether hold about
4 per cent. Poverty rates are still higher than they were 20 years
ago. That1s worst, by far worst in the United States and Britain,
worst than the industrial world. And these are the countries that
have had the most rigorous imposition of neo-liberal policies. During
the golden age, the Bretton Woods- first phase, income did grow
rapidly and across the board, it was quite egalitarian. In fact
the highest growth was in the lowest 20 per cent of the population,
and the lowest growth was in the highest 20 per cent. In the leaden
age, that1s been completely reversed. So it is highly in-egalitarian.
The income growth was in the top, concentrated in the top few per
cent, while the incomes of the lowest 20 per cent have actually
declined. Take a look at the star performer the new economy
of California there was recently a study about what happened
in California in the past 10 years. They found that purchasing power
per family had declined by about a thousand dollars during the 1990s.
Average wages and incomes have declined. Poverty levels have risen.
Only New York State has higher inequality. And that picture pretty
well generalizes worldwide. It1s harsher in the poorer countries.
There is an exception. As I mentioned the countries that were able
to violate the rules, for example most dramatically China, but not
for long. China is now being welcomed into the Club with a recent
free trade agreement or more accurately a free investment agreement
as the Wall Street Journal describes it. It1s been hailed in the
national press as what they call really good news for financial
services, telecommunications , Boeing, other corporations, but if
you read on you discover that it is not all rosy. In the small print
there is a problem of tens or maybe hundreds of millions of Chinese
workers who are driven out of inefficient factories. Just as American
factories were so inefficient in the 1980s that the Reagan administration,
the most protectionist in post-war American history, had practically
banned Japanese imports to try to reconstruct them with state support.
But in China that1s not going to be allowed, it1s a poor country
. These inefficient factories provide not only livelihood but benefits,
insurance, what amounts to pensions. There is also another small
problem mentioned: a million American workers will loose their jobs
as low cost production shifts to China. That could be a benefit
to China in theory, it might improve wages there, except for another
small defect of the free investment agreement, namely 900 million
Chinese peasants who are expected to be driven off the land and
will be in deep trouble when their country becomes flooded with
subsidized US agribusiness exports, and as they flood the labor
market driving down wages. That picture is quite familiar next door
between the United states and Mexico: the neo-liberal reforms in
early 1980's, and since that time, for about 80% of the population,
living standards and incomes have declined and continued after NAFTA,
contrary to all predictions by main-stream economists. At least
others (some economists) pointed out that it was going to happen.
Nafta may be one of the rare trade treaties that succeeded in harming
the majority of the population in all the participating countries.
It is all too easy to continue. Furthermore the rules of the game
established by the rich are very likely to extend these effects.
So for example the rules of the world trade organization have barred
outright the mechanisms that were used by every rich country without
exception as to reach its current state of development, and the
mislabeled trade agreement, actually investor rights agreement,
if you look at it closely, it is a combination of liberalization
and protectionism designed to allow major corporation to gain enormous
profits by monopolistic pricing of products, which typically are
developed with a very substantial contribution of the public sector.
There has been an enormous explosion of speculative capital transfers
which is the defining feature of the globalization period. Such
flows sharply restrict planning options for governments, assign
a veto power to financial capital, undermine popular sovereignty
when the government is democratic, and reduce constructive social
and economic policies that might benefit the population rather than
investors. What is taking shape is a kind of corporate mercantilism,
it is a liberal or international regime in which decisions over
social and economic political life are increasingly concentrated
in the hands of unaccountable private capital with high concentrations
of power, and which administer markets and are the "tools and
tyrants" of governments to use Madison's words about
the threat to democracy 200 years ago. Not surprisingly the second
phase of globalization has aroused very substantial public protest
taking many forms around the world. It has brought together recently
varied popular forces from different constituencies, from the poorer
and the richer countries. That is something new and quite encouraging.
This meeting offers new opportunities to carry this process forward
and offers new alternatives to help defend the great majority of
the population of the world from an assault on fundamental human
rights and, beyond that, to dismantle the illegitimate power concentrations
and extend the domains of freedom and justice.
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Noam Chomsky:
Globalisierter Widerstand gegen die Macht der Konzerne
Noam Chomsky ist heute einer der bekanntesten Schriftsteller und
antiimperialistischen Aktivisten in Amerika. Er hat über viele
Themen geschrieben, darunter auch über die Rolle der Medien
und den Kosovokrieg. Im folgenden wir ein Interview veröffentlicht,
welches unsere englische Schwesterorganisation, die Socialist Workers
Party, vor kurzem mit Chomsky führte.-
- Wie wichtig waren die Proteste gegen die Welthandelsorganisation
(WTO) in Seattle und gegen den Internationalen Währungsfonds
(IWF) und die Weltbank in Washington?
- Sehr wichtig! Ich kann mich an nichts Vergleichbares erinnern. Es gab schon lange Stimmen gegen das, was irreführend Globalisierung
genannt wird, diese eigentümliche Art von internationalen Verflechtungen
unter der Kontrolle der Konzerne, unter der sehr viele Leute leiden
- wahrscheinlich die Mehrheit der Weltbevölkerung. Das hat
zu lokalen Protesten gegen einzelne Aspekte geführt. Aber in den letzten Jahren haben sich diese Proteste verbunden.
Man kann das an sehr vielen Beispielen sehen. Die internationalen
Aktionen gegen das Multilaterale Investitionsabkommen (MAI) waren
extrem beeindruckend. Sie wurden sehr kurzfristig organisiert, praktisch
ohne Beachtung durch die Medien. In Seattle fand ein mächtiger
Protest statt, und die mächtigen Institutionen mußte
zurückweichen. In Washington war es die gleiche Geschichte. Die Vielfalt der Beteiligten an diesen Protesten ist bemerkenswert.
Sie brachten Leute zusammen, die in der Vergangenheit nicht viel
miteinander zu tun hatten, wie z.B. Stahlarbeiter, Homosexuelle
und Umweltschützer. Die Proteste hatten auch einen internationalen Charakter, weil sie
Leute von verschiedensten Bewegungen zusammengebracht haben, zB.
landlose Arbeiter aus Brasilien, Bauern aus Indien und Arbeiter
aus den USA.
- Die Bewegung in Washington schien an Tiefe und Politisierung
gewonnen zu haben. Die Leute haben Verbindungen gezogen, wie wir
es lange nicht gesehen haben.
- Ja. Die Demonstranten wissen, wovon sie reden. Sie stellen sich
grundlegendere Fragen. Leute, die die Proteste reformistisch nennen,
liegen falsch. Zunächst einmal sind Reformen gut - wenn du sie durchsetzen
kannst, helfen sie Leuten. Aber auch, wenn ihnen eine Grenze gesetzt
ist, hilft es dir zu verstehen, wie die Welt funktioniert, und das ist wichtig. Du fängst damit an, eine kleine Reform zu fordern. Du merkst,
du kannst einen kleinen Fortschritt erreichen, doch dann rennst
du gegen eine Wand. Daraus lernst du etwas. Du fragst dich, warum da eine Wand ist, und du durchschaust ein bißchen mehr, wie
das System funktioniert. Dann gibt es mehr Druck, der manchmal eine
stärkere Reaktion hervorruft. Ein wichtiger Bestandteil der Proteste ist, daß die Beteiligten
daraus lernen. Du lernst, wo Institutionen nachgeben und wo sie
es nicht tun. Das bereitet die Aktivisten auf die nächste Protestphase
vor.
- Es scheint unter den Demonstranten ein genaues Verständnis
davon zu geben, wie die Konzerne alles Leben aus der Welt saugen;
und auch eine Vision von einer im wesentlichen sozialistischen Gesellschaft.
- Für einige trifft das zu. Und dies sind in großem Maße
Leute, die das durch ihre Erfahrung im Kampf um Reformen gelernt
haben.. Am Anfang gehst du zu einer Konferenz von Investoren und forderst
zu sozial verträglichen Investitionen auf. Du merkst, daß du damit vielleicht ein wenig erreichen kannst, aber Du wirst nicht
sehr weit kommen. Du fragst dich, warum das so ist und gelangst
zu der Erkenntnis, die Ihr gerade beschrieben habt.
- Vor 10 Jahren wurde uns gesagt, wir wären am Ende
der Geschichte, am Ende von Kriegen und gesellschaftlichen
Konflikten. Wie paßt das zur Realität der heutigen Welt?
- Das Sowjetimperium ist zusammengebrochen, und andere Regionen
Jugoslawien sind zusammengebrochen. Wenn es einen derartigen Zusammenbruch
gibt, entstehen gewalttätige ethnische Konflikte, weil Herrschaftssysteme
wie totalitäre Staaten dazu neigen, innere Konflikte zu unterdrücken.
Als das britische Weltreich zusammenbrach, kam es zu Grausamkeiten,
die viel schlimmer waren als alles, was heute in Osteuropa passiert. In Südasien entstand ein Krieg zwischen Indien und Pakistan,
der immer noch anhält, 50 Jahre danach. Das Gleiche gilt für
Palästina. Als das französische Weltreich zusammenbrach, gab es Kriege
in ganz Afrika. Genauso, als das portugiesische Imperium Mitte der
70er Jahre kollabierte. Es brachen erbitterte Kriege in Afrika aus.
Südafrika versuchte als Vorkämpfer für die USA und
Großbritannien, diejenigen Staaten niederzuhalten, die gerade
unabhängig geworden waren. In Südostasien, wo Portugal ein kleines Reich hatte, erlebten
wir dasgleiche, nur daß diesmal Indonesien die Rolle von Südafrika
spielte. Die Gewalt in Ost-Timor hielt bis ins letzte Jahr an. Die Geschichte wiederholte sich, als das russische Imperium zusammenbrach.
Viele der Konflikte in Afrika heute, z.B. in Ruanda, sind direktes
Ergebnis des Zusammenbruches des belgischen, deutschen und französischen
Kolonialsystems.
- Welche Rolle spielt dabei die amerikanische Außen- bzw.
Militärpolitik?
- Es ist die gleiche Geschichte. Ein interessanter Aspekt ist der
Waffenhandel. Die Hauptempfänger von Waffen sind Israel und Ägypten.
Ägypten wird beliefert, weil es Israel unterstützt. Das
hat etwas mit der amerikanischen Vormachtstellung über die
Ölvorkommen im Nahen Osten zu tun. Die Türkei ist auch ein führender Empfänger von US-Waffen.
Die Türkei ist ein NATO-Staat und stand während des kalten
Krieges an der Frontlinie. Aber die Höhe der Waffenlieferungen
war relativ gleichbleibend und bis 1984 nicht allzu hoch. Dann stiegen
sie enorm an und blieben hoch. Die Spitze stellte das Jahr 1997
dar. In diesem Jahr importierte die Türkei mehr Waffen von
den USA, als in der ganzen Zeit von 1950 bis 1984. Das lag daran, daß der türkische Staat einen immensen
Fluß von US-Waffen benötigte, um die Kurden zu schlagen.
Also flossen amerikanische Waffenlieferungen für massive ethnische
Säuberungen und Massaker im Südosten der Türkei. 1998 hatten sie die kurdische Bewegung unterdrückt und der
Waffenhandel wurde geringer. Bis dahin war die Türkei der führende Empfänger von
US-Waffen, abgesehen von Israel und Ägypten. 1999 wurden sie
von Kolumbien übertrumpft. Ebenso wurde die kolumbianische
Regierung, wenn es um Verstöße gegen Menschenrechte ging,
in den Menschenrechtsberichten an führender Stelle erwähnt.
Kolumbien war der führende US-Waffenempfänger in der westlichen
Hemisphäre in den 90ern. Warum? Weil Kolumbien eine starke
Guerillabewegung hat, welche der Staat ohne Hilfe nicht zerschlagen
kann.
- Wie passen die Bombardements der NATO im Balkan da hinein?
- Als die NATO Jugoslawien bombardierte, tat sie das nicht nicht
wegen der Menschenrechtsverletzungen. Die NATO schert sich einen
feuchten Kehricht um Menschenrechte. Die NATO tat das, weil sich
Serbien nicht an die Regeln gehalten hat. Milosevic ist ohne Zweifel ein Kriegsverbrecher und ein Schurke.
Aber die USA und Großbritannien haben keine Probleme damit,
Kriegsverbrecher und Schurken zu unterstützen - sie tun das
die ganze Zeit. Zum Beispiel Saddam Hussein. Tony Blair und die Vereinigten Staaten
erzählen, daß er das einzige Monster in der Geschichte
ist, das nicht nur Massenvernichtungswaffen entwickelt hat, sondern
diese sogar gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt hat. Was
nicht erwähnt wird, ist: Hussein hat Massenvernichtungswaffen
gegen seine eigene Bevölkerung eingesetzt, aber mit der UNTERSTÜTZUNG
von Amerika und Großbritannien. Der wahre Grund, warum sie hinter Saddam Hussein her sind, ist,
daß er Anweisungen des Westens nicht befolgt hat. Das ist
offensichtlich ein Verbrechen. Ihr könnt Kurden
vergasen, wenn ihr mögt - wir kümmern uns nicht darum
- aber mißachtet keine Befehle! So arbeiten Großmächte.
Die Vereinigten Staaten arbeiten so. Großbritannien, der Kampfhund
der Vereinigten Staaten, arbeitetn so. Rußland macht das gleiche
in Tschetschenien.
- Was haben die Großkonzerne mit all dem zu tun?
Staaten sind bis zu einem gewissen Grad unabhängige Akteure.
Aber überwiegend reflektieren sie die Machtkonzentration in
ihrem Inneren. Diese Konzentration in heutigen Industriestaaten
ist konzentrierte Konzernherrschaft. Diese Machtkonzentration ist
in den USA extrem hoch, aber sie ist auch international - obwohl
Großkonzerne fest verwurzelt und abhängig von ihren eigenen
Heimatstaaten sind. Was man Globalisierung nennt, eine Entwicklung, die seit den letzten
25 Jahren stattfindet, ist ein wirkliches Machtspiel der konzentrierten
Konzernmacht, und die Staaten sind damit verbunden. Sie versuchen,
eine spezielle Form der globalen Verschmelzung zu entwickeln, die
im Interesse der Finanzinstitutionen ist. Was mit der Bevölkerung
passiert, ist für sie nebensächlich. Selbst die Auswirkungen
auf das Wirtschaftswachstum sind für sie nebensächlich.
Man hört viel aufgeregtes Gerede darüber, wie wunderbar
der Wirtschaftsbericht in den letzten 25 Jahren war. Das ist totaler
Unsinn. In der Phase ab Mitte der Siebziger bis zur Mitte der Neunziger
ist das Wirtschaftswachstum in den Industrieländern ungefähr
um die Hälfte gesunken. Die Löhne in den meisten Industrieländern
stagnierten oder sanken, hauptsächlich in den USA. Arbeitsstunden
vermehren sich, Sozialleistungen gehen runter. Obwohl sich das Wachstum verlangsamt hat, gibt es hochkonzentrierte
Profite. In der Dritten Welt beträgt die Wachstumsrate in den 90ern
50% von der in den 70ern. Das ist eines der Ergebnisse der Globalisierung
und hauptsächlich auf die finanzielle Liberalisierung zurückzuführen.
Diese Veränderungen der letzten 25 Jahre beeinflußten
die internationale Wirtschaft negativ. Sie wächst noch, aber
nicht so wie vorher. Und sie konzentriert viel mehr Reichtum und
Macht als vorher und unterminiert demokratische Prozesse. Es gibt auch noch andere Prozesse, die die Demokratie aushöhlen.
Nehmen wir z.B. die Europäische Union. Ein wesentlicher Bestandteil
der Entwicklung der Europäischen Union ist die Übertragung
von Macht an die Zentralbanken. Das ist in der Tat ein harter Schlag
gegen die Demokratie. So hart, daß selbst Teile der Konservativen
in den USA schokiert waren.
- Wie sieht die Zukunft aus? Verändert sich etwas innerhalb
der us-amerikanischen Arbeiterklasse?
- Die Durchschnittslöhne in den USA haben heute gerade einmal
das Niveau vor 20 Jahren erreicht. Eine Periode von 20 Jahren, in
der die Löhne stagnierten oder fielen und das, obwohl es Wirtschaftswachstum
gab, ist beispiellos. US-Arbeiter leiden unter der höchsten
Arbeitsbelastung der industriellen Welt. Sie haben Japan in dieser
Hinsicht vor einigen jahren überholt. In den USA müssen
zwei Familienmitglieder arbeiten, damit das Essen auf dem Tisch
steht. Es gibt kein System der Kindertagesbetreuung, d.h. man muß
erst einmal überlegen, wohin mit den Kindern. Das ist eine
unglaubliche Belastung für die Familien. Es ist also bei dieser
Belastung auch kein Wunder, daß die Rate der Kindesmißhandlungen
gestiegen ist. In bezug auf die meisten sozialen Indikatoren der
USA kann man nur sagen: es geht seit Mitte der 70er bergab. Die
Menschen fühlen das in ihrem Privatleben, aber sie beginnen
auch, es kollektiv zu fühlen. Das betrifft nicht nur die Industriearbeiterschaft,
sondern zieht sich durch die ganze Gesellschaft. Kleine Bauern gehen
ebenso pleite wie kleine Ladenbesitzer. Mit Ausnahme eines kleinen
Teils leiden die Menschen. Und das war einer der Gründe für
die Proteste in Seattle. In der Zukunft werden die Konflikte und
Kämpfe weitergehen. Man sollte über sie nicht spekulieren,
denn sie nicht nicht vorhersagbar. Man muß einfach etwas tun.
Aus: Sozialismus von unten - Nr.4, 5/2000.
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