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Anti-WTO-Gruppe Zürich:
GLOBALISIERUNG
Globalisierung bedeutet die weltumspannende Ausdehnung kapitalistischer
Wirtschaft, die auf Wettbewerb und Profitmaximierung gründet,
und die Ausdehnung der Macht grosser Konzerne über staatliche
Strukturen hinweg. Staatliche Strukturen und deren Regelungen werden
entmächtigt zugunsten internationaler Regelungen wie zB. derjenigen
der WTO. Staaten und Regionen werden über Standortwettbewerb
erpresst, Regulierungen vorzunehmen, die den Unternehmen möglichst
grossen Profit verschaffen. Dies hat die direkte Ausbeutung der
sozialen, ökonomischen und ökologischen Lebensqualität
der BewohnerInnen der jeweilige Region zur Folge: schlanker Staat
(Abbau der Einkommens- und Erbschaftssteuer zugunsten der Mehrwertsteuer
und Verkauf staatlicher Unternehmen, Verarmung des Staates, was
den Abbau der Leistungen im Sozial-, Erziehungs- und Gesundheitsbereich
zur Folgehat). Standortwettbewerb bedeutet Lohndumping im internationalen
Konkurrenzkampf, aber auch den gigantischen Ausbau von Flughäfen,
von Bahnhöfen (Eurogate) und von Autobahnen.
Globalisierung bedeutet nicht die Vernetzung der ganzen Welt auf
gleicher Ebene, sondern Neokolonialismus: vernetzte Machtzentren
mit ihren Hinterhöfe wie zB. USA mit Zentralamerika, die EU
mit Süd-Osteuropa. Neoliberale Globalisierung ist der Versuch
des Kapitals aus den Ländern des Nordens, der multinationalen
Konzerne und ihrer Lobbys, aus der Akkumulationskrise der 60er und
70er Jahre (soziale Kämpfe, staatliche Regulierungen, Marktsättigung
etc.) herauszukommen durch die Erschliessung neuer Märkte,
durch Deregulierung und Privatisierung, neokoloniale Abhängigkeitsstrukturen,
internationale Arbeitsteilung und geschickt regulierte Migration,
um damit die Profitraten wieder nach oben zu korrigieren.
Globalisierung bedeutet ein weltumspannendes Netz sog. Global Cities.
95% der weltweit wichtigsten transnationale Konzerne haben ihren
Sitz in den Ländern der OECD, hierhin fliessen die Gewinne
zurück. Von den Headquartern dieser Unternehmen, Banken, Versicherungen
und internationalen Organisationen aus, die sich in einigen wenigen
'Global Cities' konzentrieren, wird die weltweite Produktion von
Waren und Dienstleistungen gesteuert, hier geschieht die Kontrolle
der internationalen Finanzkreisläufe. Diese empfindlichen und
hochqualifizierten Bereiche der Weltwirtschaft sind auf eine spezifische
städtische Infrastruktur angewiesen. Urbane Lebensqualität
zur Reproduktion der Eliten und ein komplexes Netz von Dienstleistungen
werden zu einer wichtigen Kapitalanlage im globalen Wettbewerb um
Wachstumspotentiale. BewohnerInnen und
Struktur der Städte werden dem Diktat des Standortvorteils
unterworfen: auf der einen Seite die Global Players und die lokale
Prominenz, in sicherheitsmässig immer abgeschotteteren Vierteln
(Zitadellen, Gated Communities, gentrifizierte Innenstädte,
Zero Tolerance) wohnend, auf der anderen Seite die "Ghettos"
derjenigen, die das Funktionieren der Global Cities durch immer
flexibilisiertere, präkarisiertere Arbeitsverhältnisse
gewährleisten: die Angestellten in den Büros, die KulturarbeiterInnen
für das geeignete Reproduktionsumfeld und die MigrantInnen
in Restaurants, Strassenreinigung, Haushalt und Prostitution.
Globalisierung funktioniert nicht nur aufgrund einer wettbewerbs-
und gewinnorientierten Oekonomie, sondern auch auf den ihr einwohnenden
heterosexistischen und rassistischen Strukturen. Sie baut auf diesen
Strukturen auf, benutzt diese und strukturiert sie gemäss der
Gesetzlichkeit der Globalisierung.
Globalisierung produziert Migration im weltweitem Massstab und
benutzt Rassismus, indem er Menschen entlang ihrer Hautfarbe und
ihres Herkunftsortes hierarchisiert und als Sündenböcke
gebraucht. MigrantInnen werden im Produktions- und Reproduktionsbereich
ausgebeutet, nach Bedarf verschoben, abgeschoben oder interniert.
Die globale Migration ist die Kehrseite der Globalisierung, denn
sie ist eng mit den transnationalen Firmen verknüpft. Für
ehemalige Kleinbauern und Kleinbäuerinnen, die ihr Land an
die Agrokonzerne verloren und dann in den exportorientierten Plantagen
als - saisonale - LohnarbeiterInnen arbeiteten, ist der Schritt
zur Arbeit in die, ebenfalls westlichen Konzernen gehörenden,
Fabrikationsbetriebe und Maquilas nicht weit. Sich dann zu entscheiden,
selbst in ein Industrieland zu migrieren, ist nur noch ein weiterer
Schritt. Während aber für Waren- und Geldströme keine
Grenzen mehr gelten sollen, gilt dasselbe nicht für den Personenverkehr.
Dort gibt nationale Politik sich zwar immer noch den Anschein, als
ob sie allein über die Migration bestimmen könnte, doch
dies wird bereits in zwei Richtungen unterlaufen. Erstens über
die bilaterale und multilaterale Zusammenarbeit, wie zB. die Abkommen
der EU mit den Ländern Nordafrikas und Mittelosteuropas zur
Schaffung eines Sicherheitskordons gegen Asylsuchende und über
die laufende Anpassung der entsprechenden Gesetze an einen gemeinsamen,
sich immer verschärfenden Standard. Die Schweiz, obwohl nicht
Miglied der EU, passt sich dort, wo sie nicht bereits eine Vorreiterunrolle
hat, diesen Standards an. Zweitens zeichnet sich eine 'Privatisierung'
derjenigen Migrationsbereiche ab, die regulierbar und profitverheissend
sind. Abgesichert durch supranationale Handelsabkommen wie zB. GATT;
WTO-GATS, übt die Wirtschaft Druck auf den Staat aus, Sonderaufenthaltsregelungen
für 'erwünschte' Migranten (in der Mehrzahl Männer)
zu schaffen. Davon zeugen die Diskussionen um die sog. 'greencards'
in Deutschland und in der Schweiz in letzter Zeit. Damit erfolgt
eine Zweiteilung und entsprechende Selektion der MigrantInnen in
erwünschte, hochausgebildete und hohen Profit abwerfende Spezialisten
einerseits und alle anderen andererseits: legale und illegale FacharbeiterInnen
und nichtqualifizierte BilligarbeiterInnen. Erstere werden inzwischen
schon nicht mehr zu den MigrantInnen gezählt und für letztere
- als 'Problembereich' definiert - ist dann der Staat mit Klassifizierungen,
Selektion und Abschiebung zuständig. In den Stellungnahmen
des Arbeitgeberverbandes und des Bundesrates zur 18% Initiative
einerseits und der anstehenden weiteren Verschärfung der Aylgesetze
andererseits drückt sich diese neue Situation aus. Neu ergibt
sich auch ein internationales Imageproblem: allzu offensichtlicher
Rassismus produziert Standortnachteil.
Globalisierung benutzt die bestehenden Geschlechterverhältnisse
ohne den dahinterliegenden Geschlechterdualismus in Frage zu stellen:
die meisten Gesellschaften ordnen eine gewisse Produktion von Dingen
oder von Dienstleistungen den Männern, bzw. den Frauen zu.
Was wem zugeordnet wird, kann sich von Gesellschaft zu Gesellschaft
und je nach geschichtlicher Phase ändern. Frauen werden mittels
ausgeübter oder angedrohter und mit struktureller Gewalt dazu
gebracht, diese Zuordnungen zu akzeptieren. Die herrschende Oekonomie
baut auf dieser Dualisierung auf und reproduziert sie gemäss
neoliberaler Verwertungslogik. Globalisierung greift direkt in bestehende
soziale Strukturen von Frauen (zB. Familie, Beziehungen, etc) ein.
Sie ermöglicht einigen aus der patriarchalen Familie zu entkommen
und ökonomisch unabhängig zu werden, setzt sie dafür
der flexibilisierten und schlecht bezahlten Arbeit, Doppelbelastung
durch Familien- und Erwerbsarbeit und der Sexualisierung ihres Körpers
am Arbeitsplatz aus oder zwingt sie zusätzlich zur Migration.
Sie ermöglicht "weissen" Frauen, Karriere zu machen
in einer widersprüchlichen Firmenwelt, solange sie keine Kinder
haben oder aber andere Frauen für die Reproduktionsarbeit anstellen.
Sie verurteilt ungezählte Frauen und ihre Kinder zu Armut,
Hunger und prekärem Ueberleben.
Globalisierung ist ein Angriff "von oben". Zu diesem
"oben" gehören die Global Players, die sich anlässlich
des WEF in Davos treffen. Selber Mächtige repräsentieren
sie als Konzernvorsteher zugleich die Macht der Eigentümer,
der shareholders, des Kapitals und als Staatschefs die Macht über
die gesetzliche Reglementierung der Strukturanpassungen und die
Macht über den Repressionsapparat der Armee und der Polizei.
.Der Kampf "von oben" funktioniert darüber, dass
breite Bevölkerungskreise in den Ländern des Nordens und
die 'Elite' in denjenigen des Südens, alle tendenziell eher
männlich, über partielle Teilnahme und Privilegien in
diese Machtverhältnisse verstrickt und involviert sind. Sie
profitieren bezüglich ihres Lebensstandards und sie haben Macht
über andere: unter ihnen Arbeitende, MigrantInnen, Frauen.
Unfreiwillig und ungefragt nehmen die meisten Menschen in der Schweiz
zB. über ihre Pensionskassenbeiträge an dieser Profitmaximierung
teil.
Globalisierung ist der gleichzeitig soziale, ideologische und ökonomische
Angriff "von Oben" auf Strukturen und Errungenschaften
aus einem jahrhundertelangen Kampf gegen Kapitalismus, gegen Abschöpfung
von Mehrwert und Akkumulation von Kapital, gegen Kolonialismus,
Imperialismus und Nationalismus und gegen patriarchale Geschlechterverhältnisse.
Globalisierung zerstört übriggebliebene oder erkämpfte
soziale und ökonomische Strukturen, die allen Menschen ein
menschenwürdiges Leben ermöglichen könnten.
Globalisierung verkörpert sich in den Beschlüssen und
Regelwerken von supranationalen Institutionen und Gremien wie zB.
WTO, IWF, Weltbank, G8, aber ebenfalls in informellen "Austauschtreffen",
wie zB. dem WEF in Davos.
NEOLIBERALISMUS
Neoliberalismus ist die Ideologie des globalisierten Kapitalismus.
Danach regulieren weltweite freie Märkte, freies Unternehmertum,
Angebot und Nachfrage, keine staatlichen, sozialen oder anderen
Grenzen, alles zur Zufriedenheit aller. Das Menschenbild dieser
Ideologie entspricht demjenigen des westlichen weissen Mannes. Auf
sich selbst gestellte, bindungslose Individuen erobern Märkte,
Frauen, Natur und Weltraum. Sie wetteifern untereinander, wobei
der bessere sich gegenüber seinen Rivalen und Konkurrenten
durchsetzen wird. Sie definieren sich als die Unabhängigen.
Die Verleugnung ihrer Abhängigkeit von anderen ist ein Grund
für deren Hierarchisierung und Unterordnung entlang den sich
überschneidenden Linien von Mann/Frau, Weisse/Nicht-Weisse,
Reich/Arm, Behindert/Nichtbehindert. Soziale Verantwortung wird
individualisiert und privatisert nach dem Prinzip der wohltätigen
Spenden (reicher Männer) und der 'ehrenamtlichen' Freiwilligenarbeit
für die Gemeinschaft (von vorwiegend Frauen).
Die Ideologie des Neoliberalismus führt zu umwälzenden
Veränderungen des sozialen Gefüges und zum Abbau von Solidarität
sowohl was den gemeinsamen Widerstand betrifft, als auch gegenüber
denjenigen, die den Anforderungen dieser Wettbewerbsökonomie
nicht genügend entsprechen können (zB. Frauen mit Kindern,
alte Menschen, MigrantInnen, Menschen im Süden, Behinderte,
schlecht Ausgebildete). In der Regel verfügen gewachsene Gemeinschaften
über Formen der Integration der Schächeren. Auch wenn
dies weder gewaltfreie Strukturen sind (Familie) und oft solche
repressiver Toleranz, regulieren sie doch die ökonomische Existenz
der Schwächeren, dh. diese werden eben gerade nicht als "unnötige
Geldverschwendung" betrachtet, sondern haben ihren Platz im
sozialen Gefüge. Die Verwertungslogik des Neoliberalismus ist
diesen Strukturen gegenüber gleichgültig. Wer nicht brauchbar
ist, braucht nichts zu Essen.
Die Ideologie des Neoliberalismus täuscht vor, dass Oekonomie
neoliberaler Prägung (freier Markt, etc.) quasi naturgegeben
alle anderen Strukturen bestimme und diese Art von Oekonomie ebenso
naturgegeben die einzig mögliche sei. Es hat eine Oekonomisierung
des Denkens stattgefunden. Jede Handlung, zB. Flexibilisierung der Arbeit, Dumping-Löhne oder
Abbau der direkten Steuern, wird ökonomisch begründet
('Sparen', Standortvorteil). Diese Logik wird akzeptiert, weil sie
schon voll internalisiert worden ist und jede andere Logik der Zensurschere
zum Opfer gefallen ist. Wer sie in Frage stellt, wird als AnhängerIn
vergangener und gescheiterter Utopien lächerlich gemacht, gesellschaftlich
geächtet und verfolgt.
Was die Ideologie des Neoliberalismus bewirkt hat, ist ein Bruch
im historischen Bewusstsein. Die Niederlage der Linken wird nicht
analysiert, sondern die verschiedenen Kämpfe für Gerechtigkeit,
seien es Klassenkämpfe, feministische Kämpfe, Befreiungskämpfe,
werden als Gesamtes auf den Müllhaufen geworfen. Es scheint
keine Geschichte mehr zu geben, an der Kritik und Widerstand anknüpfen
könnte, sondern nur noch das Regime des "freien Marktes
und seiner Gesetze".
WIDERSTAND
Die Mobilisierung gegen das WEF ist wichtig. Damit lassen wir den
Global Players keine Ruhe. Gleichzeitig sind sie ein Symbol dafür,
dass es einen wachsenden und sich zunehmend international verständigenden
Widerstand gibt. Sie symbolisieren unsere Wut, unseren Protest und
unseren Widerstand. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass die überall
täglich auf der Welt stattfindenden lokalen Kämpfe mit
ihren konkreten Inhalten nicht nicht wahrgenommen werden.
Wir verstehen die Bewegung gegen das WEF in Davos als eine von
Menschen, die auch sonst in Alltagskämpfen stehen. Wir sehen
uns nicht als eine neue Bewegung, deren Hauptinhalt das "Hüpfen"
von einem Gipfel zum nächsten ist, von Seattle über Washington,
Melbourne, Prag nach Davos. Wir beziehen uns konkret auf die Kämpfe
in unseren Ländern, auf die Anti-Rassismus-Bewegung, auf die
Kämpfe im Gesundheitswesen und gegen die Strukturanpassungen,
auf die feministischen Kämpfe gegen heterosexistische Strukturen
und gegen Gewalt von Männern, auf die Kämpfe im den Ländern
des Südens, zB. gegen die Arbeitsbedingungen in den Maquilas,
um eigenes Land, Kämpfe gegen Strukturanpassung, gegen die
Zerstörung der Lebensräume (Abholzen, Staudämme),
etc. Nur wenn hinter den Gipfel-Mobilisierungen lokale Kämpfe
stehen und nur in der Verbindung der internationalen Mobilisierungen
mit diesen lokalen und täglichen Kämpfen, wo immer auf
der Welt sie gerade stattfinden, sind wir wirklich stark.
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"Die WTO, der IWF, die Weltbank und andere Institutionen,
die die Globalisierung und Liberalisierung vorantreiben, wollen
uns glauben machen, daß globale Konkurrenz segensreiche Auswirkungen
für alle besitzt. Angesicht der breiten Palette von Forderungen,
die in unseren vielfältigen Kämpfen erhoben werden, antworten
sie auf eine immer gleiche Art und Weise: 'Fahrt fort, eure menschlichen
Bedürfnisse den Bedürfnissen des globalen Marktes unterzuordnen.'
Die Konkurrenz zwischen Ländern, Industriezweigen, Regionen
und Städten spielt jedoch nur die Menschen gegeneinander aus.
Wir haben genug gesehen von dieser inhumanen Philosophie. Wir sagen:
'Es reicht!' Wir sind es, die die Folgen erleiden müssen. Wir
verweigern uns den Prinzipien der Konkurrenz und der Wettbewerbsfähigkeit
als vermeintliche Lösungen für die Probleme der Menschheit.
Statt dessen unterstützen wir die Prinzipien gegenseitiger
Solidarität im Rahmen von Würde, Gleichheit, Gerechtigkeit
und Freiheit."
Aus der Erklärung der 1. Konferenz der Globalen Aktion gegen "Frei-Handel" und Welthandelsorganisation. (Februar
1998).
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