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Subcomandante Marcos:
SIEBEN TEILE DES WELTPUZZLES
1) Konzentration des Reichtums und Distribution der Armut
2) Die Globalisierung der Armut und der Ausbeutung
3) Migration, der umherirrende Alptraum
4) Globalisierung von Korruption und Verbrechen
5) Legitime Gewalt seitens einer illegitimen Macht?
6) Die Megapolitik und die fügsamen Zwerge
7) Widerstand und Vielfalt der Widerstände
"Der Krieg ist für den Staat von vitaler Bedeutung, er
ist das Terrain, das über Leben und Tod entscheidet, der Weg,
der ins Überleben oder in die Vernichtung führt. Es ist
unerlässlich, ihn von Grund auf zu studieren." (Sun Tse,
"Die Kunst des Krieges")
Der Neoliberalismus als globales System ist ein neuer Krieg zur
Unterwerfung von Territorien. Das Ende des Dritten Weltkrieges,
den man "kalter Krieg" nannte, bedeutet nicht, dass die
Welt die Bipolarität überwunden und zu einem stabilen
Gleichgewicht unter dem wachsamen Auge der Sieger gefunden hätte.
Am Ende dieses Krieges gab es zweifellos einen Besiegten (das sozialistische
Lager), aber wer der Sieger war, lässt sich schon schwerer
sagen. Westeuropa? Die Vereinigten Staaten? Japan? Oder alle zusammen?
Die Niederlage des "Reiches des Bösen" öffnet
neue Märkte, deren Eroberung einen neuen Weltkrieg eröffnet
hat, den Vierten. Wie alle Kriege, so zwingt auch dieser die Nationalstaaten
dazu, sich neu zu definieren; diese Neuordnung der Welt erinnert
an die Zeiten der Eroberung Amerikas, Asiens und Ozeaniens. Eine
seltsame Modernität, die rückwärts voranschreitet!
Das zwanzigste Jahrhundert gleicht an seinem Ende mehr den Epochen
der Barbarei als der klinisch-rationalen Zukunft, wie sie in Science-fiction-
Romanen geschildert wird.
Riesige Gebiete, Reichtümer und vor allem qualifizierte Arbeitskräfte
warten auf einen neuen Herren. Es gibt allerdings nur einen Platz
für den Herren der Welt, aber viele Prätendenten. Daher
spielt sich der neue Krieg dieses Mal zwischen Mächten ab,
die sich alle dem "Reich des Guten" zugehörig fühlen.
Während sich im Dritten Weltkrieg die Konfrontation zwischen
Kapitalismus und Sozialismus auf diversen Terrains und mit unterschiedlicher
Intensität abspielte, stehen sich im Vierten Weltkrieg die
grossen Finanzzentren gegenüber, und zwar auf globaler Ebene
und mit gewaltiger und anhaltender Intensität.
Der Krieg, den man zu Unrecht einen "kalten" nannte, hatte
immer wieder durchaus heisse Temperaturen erreicht: vom Katakombenkrieg
der internationalen Spionagezentren bis zum "Krieg der Sterne"
von Reagans sogenannter Strategischer Verteidigungsinitiative; von
der kubanischen Schweinebucht bis zum vietnamesischen Mekong-Delta;
vom nuklearen Rüstungswettlauf bis zu den blutigen Staatsstreichen
in Lateinamerika; von den drohenden Manövern der Nato-Truppen
bis zu den CIA-Agenten in Bolivien, als Che Guevara ermordet wurde.
Obwohl - oder auch weil - all diese Aktionen auf verschiedenen Schauplätzen
spielten und durch das Auf und Ab der nuklearen Krise beeinflusst
wurden, reichten sie aus, um den Sozialismus als Weltsystem zum
Verglühen, als soziale Alternative zum Verschwinden zu bringen.
Im Dritten Weltkrieg hat sich gezeigt, wie vorteilhaft der "totale
Krieg" für den Sieger, also den Kapitalismus war. Doch
das Szenario der Nachkriegszeit ist von neuen globalen Voraussetzungen
gekennzeichnet: die enorme Erweiterung eines "Niemandslandes"
(durch den politischen, wirtschaftlichen und sozialen Niedergang
Osteuropas), die gleichzeitige Expansion gleich mehrerer Mächte
(USA, die Europäische Union und Japan), die Krise der Weltwirtschaft
und die neue technologische Revolution durch die Informatik.
Für diese ganze neue Welt und für das, was von der alten
geblieben war, haben die dominierenden Vertreter des Kapitals ihre
neue Kriegsstrategie entwickelt. Über die Finanzmärkte
oktroyieren sie ihre Gesetze und Rezepte dem ganzen Planeten. Die
"Globalisierung" des neuen Krieges spiegelt die globalisierte
Logik der Finanzmärkte wider. Die Nationalstaaten (und ihre
Regierungen), die früheren Lenker der Volkswirtschaften, werden
nun selber gelenkt, oder besser ferngelenkt. Zusätzlich profitiert
die Logik der Märkte von der Durchlässigkeit, die weltweit
durch die Telekommunikation auf allen gesellschaftlichen Ebenen
entstanden ist und die alle sozialen Aktivitäten durchdrungen
und sich unterworfen hat. Der total totale Weltkrieg ist endlich
möglich!
Zu den ersten Opfer dieses neuen Krieges gehört der nationale
Markt. Wie die Kugel, die, in einem gepanzerten Raum abgeschossen,
als Querschläger auch den Schützen treffen kann, so bedroht
der vom Neoliberalismus entfesselte Krieg auch diejenigen, die ihn
entfesselt haben. Der nationale Markt etwa, eines der Fundamente
der Macht im modernen kapitalistischen Staat, hat unter dem schweren
Beschuss durch die globale Finanzwirtschaft keine Überlebenschance.
Der neue internationale Kapitalismus hat die nationalen Kapitalismen
völlig ausgeschaltet und die politische Macht restlos zersetzt.
Es war ein derart brutaler Schlag, dass die Nationalstaaten nicht
mehr in der Lage sind, die Interessen ihrer Bürger zu schützen.
Die wunderbare, übersichtlich ausstaffierte Schaufenstervitrine
der "Neuen Weltordnung", in der man die Siegestrophäen
des "kalten Krieges" ausstellte, ist durch die Explosion
des Neoliberalismus zu Bruch gegangen. Der globalisierte Kapitalismus
opfert dem nationalen Kapitalismus erbarmungslos all das, was ursprünglich
seine Zukunft und historische Perspektive ermöglicht hatte.
Unternehmen und Staaten fallen innerhalb von Minuten in sich zusammen,
aber nicht unter dem Ansturm proletarischer Revolutionen, sondern
unter dem gewaltigen Druck von Finanzzyklonen.
Der Sohn (Neoliberalismus) frisst den Vater (nationaler Kapitalismus)
und liquidiert nebenbei auch noch die Stereotypen der alten kapitalistischen
Rhetorik: In der Neuen Weltordnung gibt es keine Demokratie, keine
Freiheit, keine Gleichheit, keine Brüderlichkeit. Die Welt
am Ende des "kalten Krieges" ist ein Schlachtfeld, und
wie auf jedem Schlachtfeld herrscht das Chaos.
Gegen Ende des "kalten Krieges" schuf der Kapitalismus
ein neues horrendes Kriegsgerät: die Neutronenbombe. Die "Tugend"
dieser Waffe war ihre Fähigkeit, lediglich das Leben auszulöschen,
Gebäude dagegen unversehrt zu lassen. Damit konnte man ganze
Städte zerstören (sprich ihre Bewohner), ohne sie (unter
hohen Kosten) wiederaufbauen zu müssen. Die "Irrationalität"
der Atombombe war durch die "Rationalität" der Neutronenbombe
abgelöst. Doch auch der Vierte Weltkrieg hat eine Wunderwaffe
entwickelt: die Kapitalbombe.
Anders als die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki, zerstört
diese neoliberale Bombe nicht nur die Polis (sprich die Nation)
und verbreitet unter ihren Bewohnern Tod, Elend und Schrecken; anders
als die Neutronenbombe zerstört sie auch nicht nur "selektiv".
Nein, die neoliberale Bombe vermag auch zu reorganisieren; was sie
attackiert, wird neu sortiert, wird zum Puzzleteil der globalisierten
Wirtschaft. Ihr Zerstörungswerk hinterlässt keine rauchenden
Trümmer, keine Leichenberge, sondern - zum Beispiel - ein verwandeltes
Stadtviertel, das auf einmal zu einer Megapolis des planetaren Hypermarktes
gehört, oder Arbeitskräfte, die sich den Erfordernissen
des Weltarbeitsmarktes unterordnen müssen.
Die Europäische Union, eine vom Neoliberalismus hervorgebrachte
Megapolis, bekommt ebenfalls die Folgen des Vierten Weltkrieges
zu spüren. Die wirtschaftliche Globalisierung hat die Grenzen
zwischen traditionell rivalisierenden Staaten hinweggefegt und die
politische Union erzwungen. Der Weg von den Nationalstaaten zur
europäischen Föderation wird von Ruinen gesäumt sein,
zuallererst von den Ruinen der europäischen Zivilisation.
Die Megapolis-Struktur verbreitet sich über den ganzen Planeten
und vor allem in den Freihandelszonen. So stellt das "Nordamerikanische
Freihandelsabkommen" Nafta zwischen Kanada, den USA und Mexiko
nichts weiter dar als das Vorspiel zur Erfüllung eines alten
Eroberungstraumes der USA: "Amerika den Amerikanern!"
Werden die Nationalstaaten in der Megapolis-Struktur aufgehen? Nein,
oder nicht vollständig. Die Megapolis schliesst sie teilweise
mit ein, teilt ihnen neue Funktionen, neue Grenzen und neue Perspektiven
zu. Ganze Länder werden zu Filialen des neoliberalen Megaunternehmens,
das ganze Regionen und Nationen zum einen zerstört und entvölkert,
zum anderen rekonstruiert und neu ordnet.
Während die Atombomben des Dritten Weltkrieges der Abschreckung,
sprich der Einschüchterung und Erpressung dienten, erfüllen
die Kapitalbomben einen anderen Zweck. Sie sind Angriffswaffen,
die Gebiete (Nationalstaaten) erobern, die materiellen Grundlagen
ihrer Souveränität zerstören und ihre Territorien
qualitativ entvölkern sollen, sie zielen also auf die Ausgrenzung
derjenigen, die innerhalb der neuen Marktwirtschaft keinen Nutzen
erbringen (wie etwa die Indígenas). Aber gleichzeitig werden
die Nationalstaaten gemäss der Marktlogik umorganisiert: Die
neuen ökonomischen Modelle überlagern die vorhandenen
sozialen Strukturen.
Die Welt der indigenen Völker ist voll von Beispielen, die
diese Strategie illustrieren. Ian Chambers, Direktor der Zentralamerika-Abteilung
der Weltarbeitsorganisation (ILO) hat erklärt, dass die indigene
Weltbevölkerung - 300 Millionen Menschen - in Regionen lebt,
in denen 60 Prozent der globalen natürlichen Ressourcen zu
finden sind. So könne es "nicht erstaunen, dass zahlreiche
Konflikte bezüglich Nutzung und Zukunft dieser Gebiete entstehen.
Die Ausbeutung der natürlichen Ressourcen (Erdöl und andere
Bodenschätze) und der Tourismus sind die wichtigsten Industrien,
welche in Amerika die Gebiete der Indígenas bedrohen."
(Im Gespräch mit Marta García, La Jornada, 28. Mai 1997.)
Im Schlepptau dieser Investitionsprojekte kommen Umweltverschmutzung,
Prostitution und Drogen.
Im Vierten Weltkrieg ist die Politik nicht mehr der Motor des Nationalstaates.
Sie dient nur noch der Aufgabe, die Wirtschaft zu managen, indem
die Politiker wie Unternehmer agieren.
Die neuen Herren der Welt müssen gar nicht mehr in den Regierungen
Einfluss nehmen. Die "nationalen" Regierungen führen
für sie die Geschäfte. Die Neue Weltordnung, das ist die
Vereinigung der ganzen Welt zu einem einzigen Markt. Die Staaten
sind Abteilungen dieses Marktes, ihre Regierungen die regionalen
Geschäftsführer. Wenn Länder sich regional zusammentun,
ähnelt das eher einer Unternehmensfusion als einer politischen
Föderation. Entsprechend gibt es in diesem gigantischen Hypermarkt
denn auch die freie Zirkulation der Waren, nicht aber der Personen.
Wie jede unternehmerische (und militärische) Initiative, kann
auch die wirtschaftliche Globalisierung mit einem einheitlichen
Denkmodell aufwarten. Der "American Way of Life", den
die US-Army im Zweiten Weltkrieg nach Europa, in den sechziger Jahren
nach Vietnam und vor wenigen Jahren an den Golf mitgenommen hat,
verbreitet sich heute mittels der Kommunikationstechnologien über
die ganze Erde. In diesem Vierten Weltkrieg werden also nicht nur
die materiellen, sondern auch die historischen und kulturellen Grundlagen
der Nationalstaaten zerstört.
Die reiche Vergangenheit der Indigenen in Amerika, die grosse Zivilisation
Europas, die historische Weisheit der asiatischen Länder, der
kulturelle Reichtum Afrikas und Ozeaniens sind heute dem Angriff
durch den nordamerikanischen Lebensstil ausgesetzt. Der Neoliberalismus
zerstört Nationen und Gruppen von Nationen und schmilzt sie
zu einem, zum einzigen Modell zusammen.
Dieser Vierte Weltkrieg ist ein wahrhaft planetarer Krieg, der schlimmste
und grausamste Krieg, und er wird vom Neoliberalismus gegen die
ganze Menschheit geführt. Aber wie jeder Krieg kennt er Sieger
und Besiegte, und Bruchstücke einer zerstörten Realität.
Um das absurde Puzzle der neoliberalen Welt zusammenzufügen,
fehlen uns viele Teilchen. Einige können wir zwischen den Ruinen
finden, die dieser Krieg bereits hinterlassen hat. Und doch können
wir mindestens sieben dieser Teilchen rekonstruieren und die Hoffnung
damit verbinden, dass dieser Zusammenstoss nicht mit der Auslöschung
der Menschheit endet. Sieben Teilchen, um das Weltpuzzle zu zeichnen,
zu kolorieren, auszuschneiden und gemeinsam mit anderen zusammenzusetzen.
1) Konzentration des Reichtums und Distribution der Armut
Figur 1 ist mit einem Währungssymbol versehen.
In der Geschichte der Menschheit gab es schon verschiedentlich soziale
Modelle, die sich durch ihre umfassende Absurdität auszeichneten.
Doch der Neoliberalismus ist diesbezüglich einsame Spitze;
seine "Verteilung" des gesellschaftlichen Reichtums ist
doppelt absurd: Akkumulation des Reichtums in den Händen weniger
- Akkumulation der Armut bei Abermillionen Menschen. Unrecht und
Ungleichheit sind Markenzeichen unserer heutigen Welt. Der Planet
Erde zählt fünf Milliarden Menschen. Davon geniessen ganze
fünfhundert Millionen einen gewissen Wohlstand, während
viereinhalb Milliarden im Elend leben und sich irgendwie über
Wasser halten. Das Vermögen der 358 Reichsten der Welt übersteigt
das Jahreseinkommen von 45 Prozent der Ärmsten der Welt, also
von etwa 2,6 Milliarden Personen.
Die fortschreitenden Erfolge der grossen transnationalen Unternehmen
sind nicht gleichbedeutend mit dem ökonomischen Fortschritt
der entwickelten Länder. Im Gegenteil, je mehr die Finanzgiganten
verdienen, desto grösser wird die Armut auch in den sogenannt
reichen Ländern. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer
weiter auseinander, und nirgends regt sich eine Gegenbewegung.
Mit dem Währungszeichen, das Sie gemalt haben, halten Sie das
Symbol der wirtschaftlichen Macht in Händen. Jetzt können
Sie es dollargrün anmalen. Den ekelerregenden Geruch nach Scheisse,
Schlamm und Blut müssen Sie aushalten, er gehört zum Original.
2) Die Globalisierung der Armut und der Ausbeutung
Figur 2 entsteht, indem man ein Dreieck zeichnet.
Eine der neoliberalen Lügen ist die Behauptung, das Wachstum
der Unternehmen führe zur Schaffung von Arbeitsplätzen
und zu einer besseren Verteilung des Reichtums. Dem ist nicht so.
Wie der Machtzuwachs eines Königs keineswegs auch seinen Untertanen
mehr politische Macht verschafft, so bewirkt auch der Absolutismus
des Finanzkapitals weder eine bessere Verteilung des Reichtums noch
zusätzliche Arbeit. Die strukturellen Folgen sind vielmehr
Armut, Arbeitslosigkeit und unsichere Arbeitsplätze.
In den sechziger und siebziger Jahren gab es 200 Millionen Arme,
die nach den Zahlen der Weltbank weniger als einen Dollar pro Tag
zur Verfügung hatten. Anfang der neunziger Jahre war die Zahl
auf zwei Milliarden gestiegen.
Mehr arme und verarmende Menschen, weniger Reiche und weniger Menschen
mit Aussicht auf Wohlstand, das ist die Lehre aus dem ersten Teil
des neoliberalen Puzzles. Um dieses absurde Resultat zu erzielen,
"modernisiert" das kapitalistische System die Produktion,
den Umlauf und den Warenkonsum. Die informationstechnologische und
die politische Revolution, die Megapolis auf den Ruinen der Nationalstaaten,
bewirken eine neue soziale "Revolution", die kaum mehr
ist als eine Reorganisation der sozialen Kräfte und vor allem
der Arbeitskraft.
Die Zahl der wirtschaftlich aktiven Menschen stieg weltweit zwischen
1960 und 1990 von 1,38 Milliarden auf 2,37 Milliarden. Mehr arbeitsfähige
Leute also, die Reichtum schaffen könnten. Doch die "Neue
Weltordnung" verbannt sie in bestimmte Zonen und teilt ihnen
im globalen Wirtschaftsplan eine präzis umrissene Funktion
zu (oder eine Nichtfunktion: für die Arbeitslosen). Die aktive
Weltbevölkerung hat sich in den letzten zwanzig Jahren sektoral
grundlegend verlagert. Der Landwirtschafts- und Fischereisektor
schrumpfte zwischen 1970 und 1990 von 22 auf 12 Prozent, der Industriesektor
von 25 auf 22 Prozent, während zugleich der tertiäre Sektor
(Handel, Transport, Banken und Dienstleistungen) von 46 auf 56 Prozent
anwuchs. In den Entwicklungsländern nahm der tertiäre
Sektor sogar von 40 auf 57 Prozent zu, währen die Beschäftigung
im Agrarsektor von 30 auf 15 Prozent sank. (Ochoa Chi und Juanita
del Pilar, "Mercado Mundial de Fuerza de Trabajo en el Capitalismo
Contemporáneo", UNAM, Economía, Mexiko 1997.)
Das bedeutet, dass mehr und mehr Menschen in Sektoren hoher Produktivität
beschäftigt sind. Das neoliberale System ist eine Art Megapatron
und konzipiert den Weltmarkt wie ein einziges Unternehmen, das es
nach Kriterien der "Modernisierung" managt. Doch die neoliberale
"Modernität" ähnelt weit mehr der bestialischen
Geburtsphase des kapitalistischen Weltsystems als einem Modell utopischer
"Rationalität". Denn die "moderne" Produktion
basiert auch weiterhin auf der Arbeit von Kindern, Frauen und Immigranten.
Von den weltweit 1,15 Milliarden Kindern sind mindestens 100 Millionen
Strassenkinder, während 200 Millionen arbeiten müssen
(bis zum Jahr 2000 werden es 400 Millionen sein, schätzen die
Experten). Nicht nur im unterentwickelten Süden der Welt, auch
im Norden müssen Tausende Kinder arbeiten, um das Einkommen
ihrer Familie aufzubessern oder deren Überleben zu sichern.
Und nach UNO-Angaben werden jedes Jahr eine Million Kinder auf den
Sexmarkt geworfen.
Arbeitslosigkeit und bedrohte Arbeitsplätze sind weltweit eine
Realität, und nichts spricht dafür, dass sich das ändern
könnte. In den hochindustrialisierten OECD-Ländern ist
die Arbeitslosigkeit von 1966 bis 1990 von 3,8 auf 6,3 Prozent angestiegen,
in Europa sogar von 2,2 Prozent auf 6,4 Prozent. Der globale Markt
hat viele Klein- und Mittelbetriebe zerstört, die mit dem Schwinden
lokaler und regionaler Märkte gegen die transnationalen Giganten
nicht mehr konkurrieren können. Damit verlieren Millionen ihre
Arbeitsplätze. Auch hier das neoliberale Absurdum: Wachstum
schafft nicht Arbeitsplätze, es schafft sie ab. Die UN spricht
von der neuen Ära "arbeitskraftunabhängigen Wachstums".
Auch die Arbeitsbedingungen werden infolge der Globalisierung immer
prekärer: Mangelnder Arbeitsschutz, Arbeitszeitverlängerung,
Lohndrückerei.
All dies führt zu sozialen Umschichtungen: Menschen, die in
der "Neuen Weltordnung" überflüssig sind, weil
sie nicht produzieren, nicht konsumieren, nicht Kredite nehmen,
also zu gar nichts nutze sind. Sie verteilen die Bewohner um und
sondern die Überzähligen aus.
Das also ist die Figur, die aussieht wie ein Dreieck - die Ausbeutungspyramide
der Welt.
3) Migration, der umherirrende Alptraum
Figur 3 ist ein einfacher gezeichneter Kreis.
Es war schon die Rede von den neuen Territorien, die nach dem Dritten
Weltkrieg erobert werden wollten (die ehemals sozialistischen Länder)
und von den Gebieten, deren Rückeroberung durch die "Neue
Weltordnung" ansteht. Die Finanzzentren verfolgen eine Dreifachstrategie:
Erstens sorgen sie für die Ausbreitung "regionaler Kriege"
und "interner Konflikte", zweitens verfolgen sie unorthodoxe
Wege der Kapitalakkumulation, drittens mobilisieren sie grosse Massen
von Arbeitskräften. Resultat: der Riesenzirkus von Millionen
Migranten in der ganzen Welt. "Fremd" in einer "Welt
ohne Grenzen", die die Sieger des kalten Krieges versprochen
haben, sind Millionen von Menschen fremdenfeindlicher Verfolgung
ausgesetzt, arbeiten unter gefährdeten Bedingungen, büssen
ihre kulturelle Identität ein, leiden unter polizeilicher Repression
und Hunger, werden ins Gefängnis geworfen oder ermordet.
Der Alptraum Migration, welches auch immer seine Ursachen sein mögen,
breitet sich spiralförmig über die ganze Erdoberfläche.
Die Zahl der vom UN-Hochkommissariat für Flüchtlinge erfassten
Personen ist zwischen 1975 und 1995 explosionsartig von etwas mehr
als 2 Millionen auf über 27 Millionen Menschen angestiegen.
Die Flüchtlingspolitik des Neoliberalismus zielt viel eher
auf Destabilisierung des Weltarbeitsmarktes als auf Eindämmung
der Immigration. Der Vierte Weltkrieg und die dadurch forcierten
Prozesse der Zerstörung/ Entvölkerung sowie Rekonstruktion/
Neuordnung löst die Wanderung von Millionen Menschen aus, die
für die Arbeitenden in den verschiedenen Ländern zwangsläufig
eine Bedrohung ihres Arbeitsplatzes darstellen. Damit dienen sie
als Ventil zur Entlastung der Patrons und als Vorwand für den
wachsenden Rassismus.
4) Globalisierung von Korruption und Verbrechen
Figur 4 stellt ein schlichtes Rechteck dar.
Die Welt des Verbrechens ist keineswegs mehr identisch mit Unterwelt
und finsteren Machenschaften. In der Epoche des kalten Krieges erwarb
sich das organisierte Verbrechen ein respektableres Image, begann
wie jedes andere moderne Unternehmen zu funktionieren und durchdrang
die politischen und wirtschaftlichen Systeme der Nationalstaaten.
Mit Beginn des Vierten Weltkrieges begann das organisierte Verbrechen
seine Aktivitäten zu globalisieren. Die kriminellen Organisationen
der fünf Kontinente partizipieren im "Geist der globalen
Kooperation" als Gesellschafter an der Eroberung und Neuordnung
der neuen Märkte. Sie investieren in legale Geschäfte,
nicht nur zur "Geldwäsche", sondern auch, um Kapital
für ihre illegalen Geschäfte zu akkumulieren.
Ali Baba und die vierzig Bänker? Schlimmer. Das schmutzige
Geld des organisierten Verbrechens wird von den kommerziellen Banken
für ihre normalen Aktivitäten genutzt. Gemäss einem
UN-Bericht wurde "die Entwicklung der Verbrechenssyndikate
durch die Strukturanpassungsprogramme gefördert, welche die
verschuldeten Länder zu akzeptieren gezwungen waren, um Zugang
zu den Krediten des Internationalen Währungsfonds zu erhalten"
("Die Globalisierung des Verbrechens", Vereinte Nationen,
New York 1995.)
Das organisierte Verbrechen profitiert auch von den Steuerparadiesen.
Weltweit gibt es deren fünfundfünfzig, die neben der Geldwäsche
auch der Steuerflucht dienen. Hier pflegen Politiker, Geschäftsleute
und die Bosse des organisierten Verbrechens ihre Kontakte.
Daher der rechteckige Spiegel, in dem sich Legalität und Illegalität
gegenüberstehen. Der Kriminelle und sein Verfolger: wo ist
das Original und wo sein Spiegelbild?
5) Legitime Gewalt seitens einer illegitimen Macht?
Figur 5 nimmt die Form eines Fünfecks an.
Im Varieté der Globalisierung erleben wir die "Strip-Show"
eines Staates, der am Ende der Vorstellung nur noch das absolut
unentbehrliche Minimum anhat: seine Repressionsinstrumente. Nachdem
seine materielle Grundlage zerstört, seine Souveränität
annulliert, seine politische Klasse zur Bedeutungslosigkeit verkommen
ist, verwandelt sich der Nationalstaat mehr oder weniger rasch in
einen reinen "Sicherheits"-Apparat im Dienste der Megaunternehmen.
Statt die öffentlichen Gelder im Sozialbereich anzulegen, rüstet
er lieber sein Sicherheitsarsenal auf, um die Gesellschaft effizienter
zu kontrollieren. Auf das "legitime Gewaltmonopol" berufen
sich die Repressionsapparate der modernen Staaten. Aber was ist
legitim, was illegitim, wenn diese Gewalt nur noch den Gesetzen
des Marktes gehorcht? Welches Gewaltmonopol können die gebeutelten
Staaten beanspruchen, wenn das freie Spiel der Marktkräfte
dieses Monopol in Frage stellt - wenn also organisiertes Verbrechen,
Regierungen und Kapitalzentren eng verflochten sind? Ist es nicht
offensichtlich, dass das organisierte Verbrechen über ganze
Armeen verfügt? Das "Gewaltmonopol" gehört nicht
mehr den Nationalstaaten, es ist auf dem freien Markt zu haben.
Wenn aber das Gewaltmonopol nicht durch die Gesetze des Marktes,
sondern durch die Interessen der "Menschen von unten"
angegriffen wird, sieht die Weltmacht darin eine Aggression. Dies
ist der selten untersuchte, aber um so häufiger verurteilte
Aspekt der Herausforderung, die der Kampf der Indígenas der
Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN gegen den Neoliberalismus für
die Menschheit bedeutet.
Das Symbol der US-amerikanischen Militärmacht ist das Pentagon.
Die neue "Weltpolizei" will, dass nationale Armeen und
Polizeitruppen nur noch das "Sicherheitskorps" darstellen,
das die Ordnung und den Fortschritt der neoliberalen Megapolis garantiert.
6) Die Megapolitik und die fügsamen Zwerge
Figur 6 sieht aus wie eine wirre Kritzelei.
Wir haben gesagt, dass die Nationalstaaten durch die Finanzzentren
gedrängt und gezwungen werden, sich in den Megapolis aufzulösen.
Doch der Neoliberalismus führt seinen Krieg nicht nur, indem
er Nationen und Regionen "vereint", seine Doppelstrategie
von Zerstörung/ Entvölkerung und Wiederaufbau/ Neuordnung
verursacht einen oder mehrere Risse in den bisherigen Staaten. Es
ist eines der Paradoxe dieses Vierten Weltkrieges, dass er geführt
wird, um Grenzen aufzuheben und Nationen zu "vereinen",
in Wirklichkeit aber die Grenzen multipliziert, ja die Nationen,
die er zerstört, geradezu pulverisiert.
Wer bezweifelt, dass diese Globalisierung ein Weltkrieg ist, muss
nur all die Konflikte registrieren, die der Zusammenbruch von Staaten
mit sich gebracht hat. Wie etwa in der Sowjetunion, der Tschechoslowakei
oder Jugoslawien, wo die Krisen die wirtschaftlichen Grundlagen
der Staaten und deren gesellschaftliche Strukturen vernichtet haben.
Wir haben von den Megapolis-Strukturen gesprochen, nun ist die Rede
von der Fragmentierung der Staaten. Beides ist die Folge der Zerstörung
der Nationalstaaten. Handelt es sich etwa um zwei parallele Vorgänge,
die nichts miteinander zu tun haben? Sind es Symptome einer bevorstehenden
Megakrise? Sind es Einzelepisoden?
Die Aufhebung von Handelsgrenzen, die Universalität der Telekommunikation,
die Informations- Superhighways, die allgegenwärtige Macht
der Finanzmärkte, die internationalen Freihandelsabkommen,
kurz, der ganze Globalisierungsprozess führt mit der Zerstörung
der Nationalstaaten auch zu einer Pulverisierung der Binnenmärkte.
Paradoxerweise bringt die Globalisierung eine fragmentierte Welt
hervor, die sich aus lauter isolierten (oder sich ausschliessenden)
Einzelteilchen zusammensetzt; eine Welt aus lauter abgeschotteten
Abteilen, verbunden nur durch fragile wirtschaftliche Brücken;
eine Welt von zerbrochenen Spiegeln, in denen sich die nichtsnutzige
globale Einheit des neoliberalen Puzzles widerspiegelt. Doch der
Neoliberalismus fragmentiert nicht nur die Welt, die er zu vereinen
vorgibt, er stellt auch das politisch-ökonomische Zentrum,
von wo aus dieser Krieg gelenkt wird. Damit sind wir bei der Megapolitik.
Sie globalisiert die nationalen Politiken, unterwirft sie einer
Führung, die mit der Verfolgung von Marktinteressen globale
Strategien entwirft. Im Namen dieser Logik wird über Kriege
entschieden, über Kredite, Kauf und Verkauf von Waren, über
die Aufnahme diplomatischer Beziehungen, Handelsblockaden, über
politische Hilfsprogramme, Migrationsgesetze, Staatsstreiche, Repressionsmassnahmen,
Wahlen, über internationale Zusammenschlüsse, internationale
Friktionen, Investitionen, kurzüber das Schicksal ganzer Nationen.
Die Finanzmärkte kümmern sich nicht einmal darum, welche
politische Couleur die Führung eines Landes hat: Hauptsache,
sie übernimmt ihre Wirtschaftsprogramme. Ihre Finanzkriterien
gelten für alle. Sie können auch eine linke Regierung
problemlos tolerieren, vorausgesetzt, sie enthält sich aller
Massnahmen, die den Märkten schaden könnten. Niemals würden
sie eine Politik tolerieren, die es wagt, mit dem dominanten Modell
zu brechen.
Für die Megapolitik sind die nationalen Politiken eine Sache
von Zwergen, die sich einzufügen haben. So wird es immer bleiben,
es sei denn, die Zwerge beginnen zu rebellieren.
Das also ist die Figur, die die Megapolitik darstellt; sie lässt
keine Spur von Rationalitat erkennen.
7) Widerstand und Vielfalt der Widerstände
Figur 7 sollte möglichst wie ein Nest aussehen.
"Zu allererst musst du unbedingt Widerstand und politische
Opposition auseinanderhalten. Die Opposition opponiert nicht gegen
die Macht, sondern gegen eine Regierung, ihre ideale Form ist die
einer Oppositionspartei. Der Widerstand hingegen ist per definitionem
keine Partei: er ist nicht zum Regieren da, sondern um Widerstand
zu leisten." (Tomás Segovia, "Alegatorio",
Mexiko 1996)
Diese Pseudo-Unfehlbarkeit der Globalisierung stösst auf den
hartnäckigen Ungehorsam der Wirklichkeit. Während der
Neoliberalismus seinen Weltkrieg betreibt, tun sich überall
Menschen zusammen, die sich verweigern und rebellieren. Das Reich
der Reichen sieht sich plötzlich lauter Widerstandsnestern
gegenüber. Ja, Widerstandsnestern in allen Grössen, Farben
und Formen. Gemeinsam ist ihnen die Rebellion gegen die "Neue
Weltordnung", gegen das Verbrechen an der Menschheit, den neoliberalen
Krieg.
Der Neoliberalismus versucht, Millionen Menschen zu unterwerfen
und alle die loszuwerden, die in seiner neu eingeteilten Welt nirgends
Platz haben. Aber die Überflüssigen rebellieren und widersetzen
sich der Macht, die sie hinwegspülen will. Frauen, Kinder,
Alte, Junge, Indígenas, Grüne, Homosexuelle, Lesben,
HIV-Positive, Arbeiter, lauter Sandkörner im Räderwerk
der neuen Ordnung, Menschen, die rebellieren, sich organisieren,
kämpfen. Im Wissen um ihre Gleichheit und Verschiedenartigkeit
beginnen die Ausgeschlossenen der "Modernität", ihre
Nester zu Dämmen zusammenzufügen.
So plant man in Mexiko im Rahmen des "Integralen Entwickungsprogramms
für den Isthmus von Tehuantepec" eine grosse Industriezone
mit "maquiladora"-Betrieben. Hier sollen ein Drittel des
mexikanischen Rohöls raffiniert und 88 Prozent der petrochemischen
Produkte hergestellt werden. Dazu braucht man Transportwege zwischen
der karibischen und der pazifischen Küste: Strassen, einen
Kanal, eine Eisenbahnlinie (betrieben von vier US-amerikanischen
und einem kanadischen Unternehmen). Zwei Millionen Einheimische
sollen zu Arbeitern in diesen Fabriken werden. Auch im Südosten
Mexikos soll das "Nachhaltige regionale Entwicklungsprogramm
für den lacandonischen Regenwald" für das Kapital
weite Landstriche der Indígenas erschliessen, die eine reiche
Geschichte und Kultur aufweisen, aber eben auch reiche Erdöl-
und Uranvorkommen.
Diese Projekte würden auch die Fragmentierung Mexikos bewirken,
weil der Südosten vom Rest der Republik abgetrennt würde,
aber sie dienen auch der Aufstandsbekämpfung: Die beiden Regionen
bilden eine Zange, um die antineoliberale Rebellion zu liquidieren,
denn zwischen ihnen liegt das Gebiet, in dem 1994 die Rebellion
der Indígenas der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN ausgebrochen
ist.
Paradoxerweise hat man der EZLN vorgeworfen, sie habe es auf die
Fragmentierung des Landes abgesehen. Tatsächlich verfechten
die Zapatisten die Verteidigung des Nationalstaates angesichts der
Globalisierung. Und die Versuche, Mexiko zu zerstückeln, gehen
von Regierungskreisen aus. Die Forderung nach mehr Autonomie bedeutet
nicht, dass die EZLN oder andere indigene Bewegungen sich von Mexiko
abtrennen wollen. Sie wollen vielmehr, mit ihren besonderen Merkmalen,
endlich als Teil dieses Landes anerkannt werden. Die EZLN verteidigt
die nationale Souveränität, die mexikanische Bundesarmee
hingegen schützt eine Regierung, die bereits die materiellen
Grundlagen des Nationalstaates zerstört und das Land nicht
nur dem internationalen Grosskapital, sondern auch dem Drogenbusiness
ausgeliefert hat.
Auch in anderen Gegenden Mexikos, in Lateinamerika, in den USA und
in Kanada, im Maastricht- Europa, in Afrika, Asien und Ozeanien
gibt es immer mehr Gruppen, die Widerstand leisten. Jede hat ihre
eigene Geschichte, ihre Besonderheit, ihre Bezugspunkte, ihre Fragen,
Kämpfe, Erfolge. Es gibt so viele verschiedene Modelle des
Widerstandes, wie es in dieser (einen, gemeinsamen) Welt Widerstandsnester
gibt. Am besten malen Sie sich selbst das Modell, das Ihnen am besten
gefällt.
Wenn wir diese sieben Teile gezeichnet, koloriert und ausgeschnitten
haben, stellen wir fest, dass es unmöglich ist, sie zusammenzufügen.
Das ist das Problem der Welt: Die Globalisierung versucht, Teile
zusammenzufügen, die nicht zusammenpassen. Deshalb, und auch
aus anderen Gründen, die in diesem Text keinen Platz mehr finden,
müssen wir eine neue Welt erschaffen. Eine Welt, in der viele
Welten Platz haben. In der alle Welten Platz finden.
Aus den Bergen im Südosten Mexikos
Subcomandante Marcos
Ejército Zapatista de Liberacion Naciónal (EZLN),
Chiapas, Mexiko.
Postskriptum über die Träume, welche in der Liebe nisten:
Das Meer ruht an meiner Seite. Schon lange teilt es meine Ängste,
Unsicherheiten und viele meiner Träume, aber jetzt schläft
es mit mir in der warmen Nacht der Selva. Im Traum sehe ich vor
mir das Meer wogen wie ein Kornfeld, und ich staune wieder einmal
darüber, es unverändert wie immer zu empfinden, lauwarm,
frisch, an meiner Seite. Die Atemnot treibt mich aus dem Bett, ich
muss zur Feder greifen, um den alten Antonio heraufzubeschwören,
heute wie schon seit vielen Jahren.
Ich habe den alten Antonio gebeten, mich den Bach entlang bei einem
Erkundungsgang zu begleiten. Wir haben nur wenig Proviant dabei.
Stundenlang folgen wir den Schlingen des Wasserlaufes, Hunger und
Hitze machen uns zu schaffen. Den ganzen Nachmittag folgen wir einer
Wildschweinherde. Kurz vor Einbruch der Nacht holen wir sie endlich
ein, doch da löst sich ein riesiges Tier aus der Herde und
geht wütend auf uns los. Ich erinnere mich an die Instruktionen
beim Militär und werfe meine Waffe weg, um auf den nächsten
Baum zu klettern. Der alte Antonio rührt sich kaum; statt wegzurennen,
stellt er sich hinter einen Lianenbusch. Das riesige Wildschwein
rennt mit voller Kraft auf ihn zu und verstrickt sich in den Lianen
und Dornen. Bevor es sich wieder befreien kann, hebt der alte Antonio
seine Flinte, trifft das Wildschwein in den Kopf und hat uns für
diesen Abend eine Mahlzeit besorgt.
Nachdem ich mein modernes Automatik-Gewehr gereinigt habe (ein M-16,
Kaliber 5,56 Milimeter, mit Dauerfeuer und einer effektiven Reichweite
von 460 Metern, plus Zielfernrohr und einem Magazin für 90
Schuss), mache ich meine Tagebucheintragungen. Ich schreibe lediglich:
"Wir trafen auf eine Wildschweinherde, und A. hat ein Exemplar
erlegt. Meereshöhe 350 Meter. Kein Regen."
Während wir darauf warten, dass das Fleisch durchgebraten ist,
sage ich zum alten Antonio, der mir zustehende Teil sei für
die Feste im Lager reserviert. "Feste?" fragt er, während
er das Feuer schürt. "Ja", sage ich, "es spielt
keine Rolle, in welchem Monat wir sind, immer gibt es was zu feiern."
Und ich zähle ihm einen ganzen Kalender historischer Daten
und zapatistischer Feiertermine auf. Schweigend hört der alte
Antonio zu; ich denke, es interessiert ihn nicht recht, und lege
mich schlafen.
Zwischen den Träumen sehe ich, wie der alte Antonio das Tagebuch
nimmt und etwas hineinschreibt. Am Morgen nach dem Frühstück
teilen wir das Fleisch unter uns auf, und jeder geht seiner Wege.
Im Lager angekommen, berichte ich das Geschehene und zeige das Tagebuch.
"Das ist aber nicht deine Schrift", sagt der Kommandant
und hält mir die letzte beschriebene Seite unter die Nase.
Nach meiner Eintragung hatte der alte Antonio in grossen Buchstaben
folgendes dazugeschrieben: "Wenn du nicht gleichzeitig die
Vernunft und die Kraft hast, wähle immer die Vernunft und überlass
dem Feind die Kraft. In vielen Kämpfen ist es die Kraft, die
zum Sieg führt, aber den Krieg gewinnt nur die Vernunft. Der
Mächtige kann niemals Vernunft aus seiner Stärke ziehen,
wir aber immer Kraft aus der Vernunft." Und weiter unten, in
ganz kleiner Schrift, stand noch: "Fröhliches Feiern!"
Ich hatte keinen Hunger mehr. Doch das Fest war fröhlich, wie
es bei den Zapatisten üblich ist.
(1997).
Reden und Texte von Subcomandante Marcos
Ejército Zapatista de Liberación Nacional
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