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Wolfgang Sterneck
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Zaigon:

ROBERT OWEN UND DER ENGLISCHE FRÜHSOZIALISMUS

1. EINFÜHRUNG

2. DIE KRITIK AM KAPITALISMUS
2.1 UTOPISCHE VORLÄUFER
2.2 THOMAS PAINE UND DIE RECHTE DES MENSCHEN
2.3 WILLIAM GODWIN UND DIE KRITIK AM STAAT
2.4 WILLIAM THOMPSON UND DIE KOOPERATIVE GESELLSCHAFT
2.5 THOMAS HODGSKIN UND DER WERT DER ARBEIT
2.6 JOHN GRAY UND DAS PRINZIP DER NÜTZLICHKEIT
2.7 JOHN FRANCIS BRAY UND DAS GEMEINSCHAFTSEIGENTUM

3. DIE GESELLSCHAFTSTHEORIE ROBERT OWENS
3.1 EINFLÜSSE AUF DAS DENKEN OWENS
3.2 DIE BILDUNG DES CHARAKTERS
3.3 ERZIEHUNG UND BILDUNG
3.4 DIE KRITIK AM KAPITALISMUS
3.5 SIEDLUNGS- UND GENOSSENSCHAFTSKONZEPTE
3.6 DIE BEZIEHUNG DER GESCHLECHTER
3.7 DIE GESELLSCHAFT DER VERNUNFT

4. ROBERT OWEN UND DAS PROJEKT NEW LANARK
4.1 PRÄGENDE ERLEBNISSE IN DER KINDHEIT
4.2 DER WIRTSCHAFTLICHE AUFSTIEG
4.3 DIE PRIVATE ENTWICKLUNG ROBERT OWENS
4.4 DIE FABRIKSIEDLUNG NEW LANARK
4.5 DIE VERÄNDERUNGEN DER ERSTEN JAHRE
4.6 DIE ETABLIERUNG DES REFORMMODELLS
4.7 DIE SCHULE DER CHARAKTERBILDUNG
4.8 OWENS RÜCKZUG AUS NEW LANARK

5. DAS PROJEKT NEW HARMONY
5.1 DIE GRÜNDUNG
5.2 DIE GESELLSCHAFT DES ÜBERGANGS
5.3 DIE GEMEINSCHAFT DER GLEICHHEIT
5.4 DER ZERFALL
5.5 DIE AUSWIRKUNGEN

6. OWEN UND DER FRÜHE SOZIALISMUS IN ENGLAND
6.1 DIE GENOSSENSCHAFTSBEWEGUNG
6.2 OWEN UND DIE GENOSSENSCHAFTSBEWEGUNG
6.3 DAS PROJEKT ORBISTON
6.4 DIE ARBEITSTAUSCHBÖRSEN
6.5 DER KONFLIKT ZWISCHEN THOMPSON UND OWEN
6.6 DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG
6.7 DIE ”GRAND UNION”
6.8 KLASSENVEREINIGUNG UND KLASSENKAMPF
6.9 DIE RELIGION DER VERNUNFT


1. EINFÜHRUNG

Die Jahrzehnte um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert bildeten einen bedeutenden Abschnitt für die Entwicklung sozialistischer Ideen, die insbesondere in den großen europäischen Nationen England, Frankreich und Deutschland aufkamen und dort einen zunehmenden Einfluß erhielten.

Zu den wichtigsten Vertretern des Frühsozialismus gehörten die beiden Franzosen Claude-Henri de Saint-Simon (1760-1825), Charles Fourier (1772-1837) und der Engländer Robert Owen (1771-1858). Beträchtlichen Einfluß in England hatte neben Owen insbesondere William Thompson (1775-1833), sowie Thomas Hodgskin (1787-1869), John Gray (1799-1883) und John Francis Bray (1809-1895). Mit Einschränkungen ist zudem William Godwin (1756-1836) dem englischen Frühsozialismus zuzuordnen.

Den gesellschaftlichen Hintergrund bildete der Prozeß der Industriealisierung, beziehungsweise die daraus resultierende Verschärfung der sozialen Gegensätze und die damit verbundene Armut und Rechtlosigkeit großer Teile der arbeitenden Bevölkerung. Dazu schrieb E. P. Thompson: The experience of immiseration came in a hundred different forms; for the field labourer, the loss of his common rights and the vestiges of village democracy; for the artisan, the loss of his craftsman’s status; for the weaver the, the loss of livelihood and of independence; for the child, the loss of work and play in the home; for many groups of workers, the loss of security, leisure and the deterioration of the urban environment.

Auch wenn den Vertretern frühsozialistischer Theorien kein ein homogenes Gedankengut zugrunde lag und die sich die einzelnen Positionen zum Teil widersprachen, lassen sich doch grundlegende gemeinsame Merkmale aufzeigen. G. D. H. Cole beschrieb als zentrales Merkmal des Frühsozialismus das Ziel der Veränderung der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, hin zu einer Gesellschaft die sich an Glück und Wohlstand ihrer Mitglieder orientiert. "In the first place, all regarded the ’social question’ as by far the most important of all, and insisted that it was, above all else, the task of good men to promote the general happiness and well-being. Secondly, all regarde this task as wholly incompatible with the continuance of any social order which rested on, or set out to encourage, a competitive struggle between man and man for the means of living. Thirdly, all were deeply distrustful of ’politics’ and of politicians, and believed that the future control of social affairs should lie mainly, not with parliaments or ministers, but with ’the producers’."

Manfred Hahn, der den Begriff ”vormarxistischer Sozialismus” weitgehend synonym mit dem Begriff Frühsozialismus gebraucht, sieht den ”revolutionären Kern des vormarxistischen Sozialismus” als ”die gedankliche Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft als Ganzes”. "Als gedachter Sozialismus ist der vormarxistische Sozialismus die in Analyse und Kritik gefaßte, ablehnend und fordernd auftretende Lehre von der kapitalistischen Gesellschaft als einer notwendig untergehenden Ordnung, ist Wissen über sie bei Einschluß der Konzeption des zum Guten gewendeten Gesellschaftssystems der Zukunft, ohne gedankliche Rückkehr zu vorkapitalistischen Verhältnissen."

Hinsichtlich des Weges mit dem die gesellschaftliche Veränderung herbei geführt werden sollte bestanden unterschiedliche Vorstellungen. So setzten Godwin und Owen auf die Kraft der Überzeugung und des Beispiels, während beispielsweise Thompson der Arbeiterklasse ausdrücklich das Recht zubilligte ihre Forderungen auch gegen den Willen der Machthaber durchzusetzen.

Charakteristisch für alle Frühsozialisten war die Überzeugung, daß mit dem Aufbau der angestrebten idealen Gesellschaft schon unter den Bedingungen des Kapitalismus begonnen werden muß. Ein Schwerpunkt lag dabei auf der Gründung kommunitärer und genossenschaftlicher Projekte wie die Gemeinschaftssiedlungen Orbiston und New Harmony .Am Beispiel dieser Projekte wie auch im Zusammenhang mit den pathetischen Beschreibungen der zukünftigen Gesellschaft werden die utopischen Züge der frühsozialistischen Theorien deutlich. Insbesondere der Marxismus griff später diesen Aspekt auf. und stellte dem ’utopischen Sozialismus’ den ’wissenschaftlichen Sozialismus’ gegenüber. Die Konzepte von Theoretikern wie Owen und Fourier würden zwar auf der berechtigten Kritik am Kapitalismus basieren, in ihrer Analyse der gesellschaftlichen und historischen Zusammenhänge blieben sie aber unzureichend.

Eine besondere Bedeutung wurde von allen frühsozialistischen Theoretikern dem kulturellen Bereich zugemessen. Ein wesentliches Merkmal bildete die Forderung nach der Gleichberechtigung der Frau wie sie von Owen, Thompson und Godwin erhoben wurde, wobei sich auch diese Theoretiker in ihrem Denken nicht gänzlich von den umgebenden patriarchalen Bedingungen lösen konnte. Einen weiteren Schwerpunkt bildete der Bereich der Erziehung. Ausgangspunkt war dabei die Erkenntnis, daß der Mensch in wesentlichen Zügen von den umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen geprägt wird. Wenn diese prägenden Faktoren, darunter insbesondere die Erziehung, in einem positiven Sinne verändert werden kommt es auch zu einer positiveren Entwicklung des einzelnen Menschen.

Die herausragende Persönlichkeit innerhalb des englischen Frühsozialismus ist ohne Zweifel Robert Owen. Ausgehend von seiner Lehre von der Beeinflussung des Menschen durch die äußeren Umstände entwickelte er die Theorie einer veränderten Gesellschaft. In der Fabriksiedlung New Lanark setzte er seine Vorstellungen beispielhaft im Sinne eines Modells für die Reform des kapitalistischen Systems um. Im Rahmen der Siedlung New Harmony ging er noch weiter, indem er mit dem letztlich gescheiterten Aufbau einer Gemeinschaft begann, die auf der völligen Gleichheit aller Bewohner basieren sollte. Der theoretische und praktische Einfluß Owens auf die Entwicklung der Arbeiterbewegung war beträchtlich. Owen initiierte Projekte wie die ”Labour Exchanges” und hatte maßgeblichen Einfluß auf die Gründung der ”Grand National Consolidated Trades Union”, dem ersten übergreifenden, landesweiten Gewerkschaftszusammenschluß. Zudem prägten seine Konzepte wichtige Vertreter der Genossenschafts- und der Gewerkschaftsbewegung.

 

2. DIE KRITIK AM KAPITALISMUS

In diesem Kapitel werden mehrere Theoretiker aufgeführt, welche die Entwicklung des englischen Frühsozialismus nachhaltig beeinflußten. Dabei lag ihnen allerdings keineswegs eine gleichförmige Weltanschauung zugrunde. Die wesentlichen Gemeinsamkeiten lagen in der Ablehnung der kapitalistischen Wirtschaftsordnung und die Propagierung einer humaneren und gerechteren Gesellschaft, die an den Bedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung und nicht am Ziel des größtmöglichen Profits. Unterschiedliche Positionen bestanden in Bezug auf die politischen Mittel mit denen die Veränderung herbeigeführt werden sollte, im Verhältnis zum Eigentum und in der Einschätzung der Rolle des Staates. Im engeren Sinne lassen sich nur William Thompson, Thomas Hodgskin, John Gray, John Francis Bray und mit Einschränkungen William Godwin als Frühsozialisten bezeichnen. Bei Thomas Paine; Jeremy Bentham und Thomas Spence lassen sich tendenziell ebenfalls sozialistische Standpunkte aufzeigen, sie gehen aber in ihrer Gesellschaftsanalyse nicht von einer Ideologie aus, die sich in ihrer Gesamtheit als sozialistisch bezeichnen läßt. Ihre Bedeutung für die Entwicklung des Sozialismus in England wird dadurch jedoch nicht geschmälert.

2.1 UTOPISCHE VORLÄUFER

Über die Jahrhunderte hinweg wurden den bestehenden Gesellschaftssystemen Modelle gegenüber gestellt, die das Leben der Menschen in einer neuen idealen Weise regeln sollen. Die Theorien der Frühsozialisten beinhalteten somit in ihrer Zielrichtung kein neues Element, sie bildeten vielmehr einen neuen Abschnitt in der langen Geschichte von idealistischen Gesellschaftsentwürfen, die sich bis in die griechische Antike und Philosophen wie Plato und Plutarch zurückführen läßt. Zwei utopische Konzepte, die in der englischen Geschichte eine besondere Rolle einnehmen, sollen hier kurz vorgestellt werden.

Zu den wichtigsten utopischen Entwürfen der Neuzeit gehört die Schrift Utopia von Thomas More (1477-1535), die zumindest indirekt auch die Theoretiker des Sozialismus beeinflußte. More beschäftigte sich darin mit dem Verhältnis von Moral und Politik innerhalb eines Staatswesens und stellte seine Vorstellungen einer idealen Geselschaft dar. Beschrieben wird die imaginäre Insel Utopia ,auf der ein Verbund von mehreren demokratisch regierten Städten existiert und Geld und Handel abgeschafft sind, da alle Menschen ihren Bedürfnissen entsprechend staatlich versorgt werden. Zudem besteht ein allgemeines Gesundheits- und Bildungswesen und es herrscht Toleranz gegenüber den verschiedenen Religionen. Die Gesetze sind auf ein Mindestmaß reduziert, da die Bewohner durch Erziehung zu bewußten Staatsbürgern geworden sind, die ihr Leben in den Dienst der Gemeinschaft stellen.

Die scheinbar ideale Gesellschaft hat jedoch auch ihre Schattenseiten. So basiert der wirtschaftliche Wohlstand auf der Ausbeutung von Sklaven und viele Rechte sind nur für die männlichen Bewohner Utopias gültig. Mores Ablehnung des Geldverkehrs und die gerechte Verteilung des Besitzes entsprechen Theorien,welche in Schriften Robert Owens und William Godwins rund drei Jahrhunderte später erneut formuliert wurden. ”Doubtless, where possessions be private,(..) where money beareth all the stroke, it is hard and almost impossible that there the weal-public may justly be governed and prosperously flourish. Unless you think thus: that justice is there executed where all things come into the hands of evil men, or that prosperity there flourisheth where all is divided among a few, which few, nevertheless, do not lead their lives very wealthily, and the residue live miserably, wrechtchedly, and beggarly. Wherefore when I consider with myself and weigh in my mind the wise and godly ordinances of the Utopians, among whom with very few laws all things be so well and wealthily ordered that virtue is had in price and estimation, and yet, all things being there common, every man hath abundance of everything.”
Zu einer der wichtigsten utopischen Schriften im England des 17. Jahrhunderts wurde The Law of Freedom (1652) von Gerrard Winstanley (1609-1660). Darin forderte Winstanley das Ende der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen. Zentral war dabei die gerechte Verteilung von Grund und Boden mit dem Ziel, daß diejenigen die den Boden bebauen auch den wirtschaftlichen Ertrag erhalten. Winstanley verurteilte Kirche und Religion, wobei er das bestehende Gottesbild grundsätzlich in Frage stellte und in seinen Schriften zum Teil das Wort Gott durch Vernunft ersetzte.. Nicht minder scharf verurteilte er die auf Eigentum basierende Monarchie und stellte ihr eine Regierung des Gemeinwesens gegenüber: ”Commonwealth government governs the earth without buying and selling and thereby becomes a man of peace, and the restorer of ancient peace and freedom. (...) He beats swords and spears into pruning hooks an ploughs. He makes both elder and younger brother free-men in the earth.”

2.2 THOMAS PAINE UND DIE RECHTE DES MENSCHEN

Zu den einflußreichsten staatskritischen Theoretikern in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gehörte Thomas Paine, der 1737 in Thetford (England) geboren wurde. Insbesondere durch seine Schrift Rights of Man hatte er einen maßgeblichen Einfluß auf die Entwicklung des frühen Sozialismus in England. In seiner Schrift Letter Addressed to the Dressers, on the Late Proclamation (1792) faßte Paine seine gesellschaftspolitischen Positionen zusammen, wobei er gleichermaßen die Ablehnung der Monarchie, sozialstaatliche Positionen und darüber hinaus seine Vorstellung einer neuen globalen Ordnung aufführte. ”To expose the fraud and imposition of monarchy, and every species of hereditary government - to lessen the oppression of taxes - to propose plans for the education of helpless infancy, and the comfortable support of the aged and distressed - to endeavour to conciliate nations to each other - to extirpate the horrid practice of war - to promote universal peace, civilization, and commerce - and to break the chains of political superstition, and raise degraded man to his proper rank...”

Paine hatte bei seinem Vater das Korsettmacherhandwerk erlernt, dann dann aber einige Male seinen berufliche Tätigkeit gewechselt. Schließlich wurde er Steuerbeamter und setzte sich dabei im Namen der Bediensteten für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen ein. Als deren Vertreter kam er in London mit verschiedenen Parlamentsmitgliedern wegen der Forderungen nach Lohnerhöhungen zusammen. 1772 verfaßte er in diesem Zusammenhang seine erste Schrift ”The Case of the Offices of the Excise“, in der er Kritik an der unzureichenden Bezahlung der Steuerbeamten übte. Zwei Jahre später wurde Paine aus dem Dienst entlassen. In London machte er Bekanntschaft mit dem amerikanischen Politiker und Naturwissenschaftler Benjamin Franklin. John Keane schrieb dazu: ”The amicable Franklin was renowed for spirited conversation, and the meeting convinced Paine that he had the means to change his life...“.

1775 ließ er sich in Philadelphia nieder und bekam ein Anstellung beim Philadelphia Chronicle. Als es im April 1775 zum Ausbruch des Unabhängikeitskrieges kam, unterstützte Paine die Position der nach Unabhängigkeit strebenden Kolonialisten ein. 1776 veröffentlichte er sein berühmtes Pamphlet Common Sense in dem er nachdrücklich für die Unabhängigkeit der Union eintrat. Die Schrift erlangte eine Auflage von einer halben Million Exemplaren und inspirierte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung nachhaltig. Paine griff darin die Monarchie und damit gleichzeitig die britische Verfassung an, indem er sich auf auf das Naturrecht der Menschen berief, richtete sich gegen die Klassifizierung der Menschen in Könige und Untertanen und verurteilte entsprechend die Institution der erblichen Monarchie: ”They might say ‘We choose you for our head‘, they could not, without manifest injustice to their children, say ‚that your children and your children‘s children shall reign over ours for ever‘. Because such an unwise, unnatural compact might (perhaps) in the next succession put them under the government of a rogue or a fool.”

An Stelle der Monarchie sollte ein Repräsentativsystem die politische Basis bilden, welches Paine zufolge als einzige Regierungsform die Naturrechte der Menschen sichern kann. Der Staat hatte hierbei nur ein einziges Ziel zu verfolgen, nämlich das Wohlergehen all seiner Bürger zu fördern. 1787 kehrte er nach England zurück und verfolgt von dort aus den Ausbruch der Französischen Revolution (1789).Die er notwendige Überwindung der Monarchie zugunsten eines republikanischen Staatswesens begrüßte und sie 1792 in seiner vielbeachteten Schrift The Rights of Man rechtfertigte: ”It was not against Louis the XVIth, but against the despotic principles of the government, that the nation revolted. These principles had not their origin in him, but in the original establishment, many centuries back; and they were become too deeply rooted to be removed, and the augean stable of parasites and plunderers too abominably filthy to be cleansed, by any thing short of a complete and universal revolution.”

Als wesentliches Fundament eines demokratischen Staatswesens forderte Paine in The Rights of Man eine Reihe von Maßnahmen, die ihn aus heutiger Sicht zu einem frühen Vertreter des Sozialstaates machen. Zu den von Paine geforderten Einrichtungen gehörten unter anderem ein öffentliches Erziehungswesen, eine Altersversorgung und Unterstützungsmaßnahmen für die ärmeren Bevölkerungsschichten. In Bezug auf das Eigentum vertrat Paine eine differenzierte Position, da er zwischen legitimen und illegitimen Besitz unterschied. Cole schrieb in diesem Zusammenhang: ”Among natural rights Paine, no less than the leaders of the French Revolution, was prepared to include the right to property. He was no socialist, if Socialism involves the belief that the means of production should be publicly owned. But like the more Radical leaders of the french Revolution, he drew a sharp distinction between lgitimate and illegitimate forms of property, attacking strongly the monopoly of the great landed proprietors.”

Paine war aufgrund seiner Publikationen immer wieder politischen Anfeindungen ausgesetzt. In England wurde er wegen seiner anti-monarchistischen Haltung verfolgt, in Frankreich geriet er nach seiner Wahl in die Nationalversammlung 1792 in Konflikt mit den Jakobinern und in Amerika wurde er wegen seiner religionskritischen Haltung angegriffen. In seinen letzten Lebensjahren zog er sich aus dem politischen Leben zurück und starb 1809 in New York.

Die historische Bedeutung der Schriften Paines auf die Entwicklung republikanischer Staatsmodelle und die demokratische, beziehungsweise sozialistische Bewegung in England und Amerika war bedeutend. Auch wenn Paine nicht direkt zu den englischen Frühsozialisten gezählt werden kann, so beschrieben seine Schriften doch wesentliche Positionen des frühen Sozialismus.

2.3 WILLIAM GODWIN UND DIE KRITIK AM STAAT

William Godwin wurde 1756 in Wisbeach als siebtes von dreizehn Kindern streng calvinistischer Eltern geboren. Später nahm er das Theologiestudium auf und war als Prediger tätig. Zweifel an seiner Berufung führten zur Abkehr von seinen religiösen Überzeugungen. Ab 1791 trat er mit politischen Schriften an die Öffentlichkeit, in denen er radikale Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen übte und die ihn zu einer der bekanntesten Persönlichkeiten seiner Zeit machten. 1793 veröffentlichte Godwin mit An Enquiry Concerning Political Justice and its Influence on General Virtue and Happiness sein bekanntestes Werk, welches sich mit den verschiedenen Aspekten des Staats-, Gesellschafts- und Moraldenkens auseinandersetzt und in dessen Zentrum die Prinzipien der Gerechtigkeit und das menschliche Glück stehen. ”All men will grant that the happiness of the human species is the most desirable object for human science to promote, and that intellectual and moral happiness or pleasure is extremely to be preffered to those which are precarious and transitory.”

Grundlage seiner Überlegungen bildete die Annahme eines objektiven und unveränderlichen Gesetzes der Vernunft, welches zur Richtlinie sämtlicher Handlungen der Menschen werden sollte. Der Zustand allgemeiner Vernunft kann aber nur erreicht werden, wenn der Mensch seine Vernunft uneingeschränkt durch staatliche Vorgaben entfalten kann. Entsprechend kann Godwin zufolge auch das eigentliche Ziel der menschlichen Gemeinschaft, das Glück des Einzelnen, nur in einer Gesellschaft ohne jegliche staatliche Institutionen erreicht werden, in der das einzelne Individuum, von der Vernunft ausgehend, über das eigene Leben bestimmen und zu eigenen Überzeugungen gelangen kann.Auch der natürlichen Wunsch der Menschen nach gegenseitiger Hilfe und gemeinschaftlichem Zusammenleben, kann erst unter den oben genannten Voraussetzungen voll zum Tragen kommen. Godwin unterschied in seiner Untersuchung drei Staatsformen, wobei die erste auf angeblich göttlichem Recht, die zweite auf despotischer Gewalt und die dritte Staatsform auf allgemein anerkannter vertraglicher Ordnung basiert. Obwohl sich die aufgeführten Staatsformen grundsätzlich unterscheiden, haben sie Godwin zufolge doch eine Gemeinsamkeit und zwar die grundlegende Einschränkung und Unterdrückung der in ihr organisierten Menschen. Selbst die vom Volk gewählte Staatsform basiert auf der Aufgabe der Selbständigkeit und Unabhängigkeit und wird somit zu einer Ordnung der Unvernunft und zwangsläufig zu einem Instrument der Unterdrückung.

Statt des bestehenden unüberschaubaren Staatsgebildes, in dem der Einzelne zur Bedeutungslosigkeit verkommt und keinerlei Einflußmöglichkeiten besitzt, fordert Godwin ähnlich wie Thomas Spence den freien Zusammenschluß in kleinen selbstständig verwalteten und wirtschaftlich autonomen Siedlungen. Um seine Ziele zu erreichen fordert Godwin keine revolutionäre Erhebung, da er Herrschende und Beherrschte gleichermaßen als Opfer sieht, die lediglich ihre vorgegebenen Rollen ausfüllen. So bleibt einzig der Weg der Aufklärung um eine strukturelle Veränderung des Staates zu bewirken. Ein grundlegendes Element stellt in Godwins Ausführungen die Auffassung dar, daß der Mensch von seiner Umwelt und seinen Lebensumständen geprägt wird. Daher können Menschen die sich unvernünftig verhalten nur als Produkte einer unvernünftigen Gesellschaft, die sie von der natürlichen Vernunft abbringt, betrachtet werden. Dieser theoretische Ansatz wurde später auch von Robert Owen in seiner Milleu-Theorie übernommen.

Aus dieser Position Godwins ergibt sich auch seine Haltung hinsichtlich der Industrialisierung, deren verschiedene Folgeerscheinungen, wie die Verarmung der arbeitenden Bevölkerung, die extremen Arbeitsbedingungen und die Fremdbestimmung der Menschen er verurteilt. Als Ursache zeigt er jedoch nicht vorrangig die veränderte Wirtschaftsordnung oder die Einführung der Maschinen auf , sondern das organisierte Zusammenleben der Menschen in einem Staatskörper, der dem Individuum jegliche Freiheit nimmt. Dem einzelnen Menschen billigte Godwin nur das Eigentum zu, das zum Leben notwendig ist, also die grundlegenden Bedürfnisse deckt. Über diese Grundbedürfnisse hinausgehendes Eigentum sollsämtlichen Mitgliedern einer Gemeinschaft zur Verfügung stehen, damit allen Menschen ein Leben in Wohlstand möglich werden kann. ”The subject of property is the key-stone that completes the fabric of political justice. According as our ideas respecting it are crude or correct, they will enlighten us as to the consequences of a simple form of society without government, and remove the prejudices that attach us to complexity.”

Ein wesentlicher Aspekt in Godwins Schriften bildete die Kritik an der gesellschaftlichen Unterdrückung der Frauen. In diesem Zusammenhang forderte er, daß beiden Geschlechtern die gleichen Entfaltungsmöglichkeiten zukommen sollten und kritisierte die Ehe als extremste Form des Eigentums und der Unterdrückung der Frau. Beträchtlichen Einfluß auf Godwin hatte in dieser Hinsicht seine Frau Mary Wollstonecraft (1759-1779), die durch ihre Schrift Vindication of the Rights of Woman (1792) zu einer der namenhaftesten Frauenrechtlerin ihrer Zeit wurde.

Hinsichtlich seiner Positionen bezüglich der Beeinflußung des Menschen durch die umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen und seines Ideales einer Gesellschaftsordnung die auf kleinen unabhängigen Siedlungen basiert, hatte Godwin großen Einfluß auf spätere Gesellschaftskritiker- und Reformer. Entsprechende Vorstellungen finden sich insbesondere in den Gesellschaftstheorien Robert Owens und bei William Thompsons wieder.

Deutlich unterscheidet sich Godwin jedoch in der Einschätzung des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft. Während Owen und Thompson das kollektive Glück der Gemeinschaftin den Vordergrund ihrer Theorien stellen, liegt die Betonung Godwins auf der völligen Freiheit des Individuums und in Folge aud der Ablehnung jeglicher gesellschaftlicher bzw. staatlicher Vorgaben. Hier laßen sich Parallelen zu Thomas Hodgskin aufzeigen, der sich allerdings nicht auf den aufklärerischen Begriff der Vernunft bezog. Die Staatskritik Godwins wurde später von Theoretikern des Anarchismus wie Peter Kropotkin und Pierre Ramus aufgriffen, die ihn als einen ihrer Vorläufer betrachteten.

2.4 WILLIAM THOMPSON UND DIE KOOPERATIVE GESELLSCHAFT

William Thompson wurde 1775 in Cork als Sohn vermögender Großgrundbesitzer geboren Den Landbesitz seines Vaters erbte William nach dessem Tode (1814). Im Jahre 1819 trat Thompson erstmals mit seiner Schrift Practical Education for the South of Ireland an die Öffentlichkeit worin er die Auffassung vertrat, daß nur ein allgemeines System der Volksbildung vollwertige Bürger hervorbringen könne. Thompson beschäftigte sich in diesem Zusammenhang ausführlich mit den pädagogischen Vorstellungen des Utilitaristen Jeremy Benthams. Nach einer Einladung Benthams verbrachte Thompson die Zeit von 1819-1823 bei Bentham in Westminster. Er nutzte die Zeit um sich mit verschiedenen Gesellschaftstheorien auseinandertzusetzen. Thompson symphatisierte mit den utilitaristischen Vorstellungen Benthams und Mills, sowie auch mit den individualistischen Positionen William Godwins, schloß sich jedoch keiner der beiden Philisophien an, sondern hoffte auf die Verschmelzung der besten Elemente zu einer neuen Weltanschauung.

In seinem 1824 veröffentlichten Werk Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth ging er auf das Verhältnis von Produktion und Distribution in der bestehenden Ökonomie ein. Er kritisierte darin, daß die Arbeiter als Produzenten nicht ausreichend am Produkt ihrer Arbeit beteiligt würden und sie in England trotz gestiegener Produktion unter immer schlechteren Bedingungen leben müßten. Um einen Zustand des kollektiven Glücks und Wohlstands innerhalb des bestehenden Gesellschafts- und Wirtschaftsystems zu erreichen, müßten nach Thompson die Produktions- und Distributionsmechanismen grundlegend geändert werden. ”How comes it that a nation abounding more than any other in the rude materials of wealth, in machinery, dwellings and food, in intelligent and industrious producers, with all the apparent means of happiness; should still pine in privation? How comes it that the fruits of the labor of the industrious, are mysteriously and without inputation of fault to them, are swept away?”

In diesem Zusammenhang forderte er die Entwicklung einer social science, die sich mit der Erzeugung und Verteilung des Wohlstandes, sowie den Bedürfnissen und dem Glück der Menschen beschäftigt. Aufgabe dieser neuen Wissenschaft soll die Versöhnung der Prinzipien Gleichheit und Sicherheit sein, wobei unter Gleichheit die Verteilung der Produkte nach den Bedürfnissen der Menschen und unter Sicherheit die Rechtsgarantie des Eigentums der Produzenten am Produkt zu verstehen ist. Das Arbeitsmotiv Profit muß durch soziale Motivation ersetzt werden. ”All labor ought to be free and voluntary, as to its direction and continuance. All the products of labor ought to be secured to the producers of them. All exchanges of these products ought to be free and voluntary.”

1825 folgte die Veröffentlichung des Appeal of One Half the Human Race, Women, against the Pretensions of the Other Half, Men, to retain them in Political, and thence in Civil and Domestic Slavery. Die Schrift entstand in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin Anna Wheeler als Antwort auf eine Veröffentlichung von James Mill mit den Titel Article on Government. In dieser forderte Mill den Auschluß der Frauen aus dem öffentlichen Leben Thompson und Wheeler entkräfteten seine Argumentation, in dem sie aufzeigten, daß der Utilitarist Mill, der dem eigenen Anspruch zufolge, daß Ziel des größtmöglichen Glücks der Menschen verfolgte, tatsächlich nur das Glück der männlichen Hälfte der Menschheit anstrebte.

Mills Theorien setzen Thompson und Wheeler eine grundsätzliche Kritik an der bürgerlich-patriarchalen Gesellschaftsordnung gegenüber, welche in die Forderung nach einem Wahlrecht für Frauen und die Einbeziehung der Frau in alle Bereiche des politischen Lebens mündete. Daneben kritisierten sie die Unterdrückung der Frau in Ehe und Familie, was die Autoren schließlich zu einer grundlegenden Ablehnung der Ehe und zur Forderung nach dem Recht auf eine selbstbestimmte Sexualität der Frau führte. Eine wirkliche Befreiung der Frau sei jedoch nur in einer sozialistischen Gesellschaft möglich, die auf genossenschaftlichen Zusammenschlüssen basiert. Der Appeal gilt inzwischen neben der Veröffentlichung von Vindication of the Rights of Woman (1792) von Mary Wollstonecraft als wichtigste Schrift der frühen Frauenbewegung.

Thompsons Schrift Labour Rewarded - the Claims of Capital Conciliated; or, How to secure to Labour the Whole Products of its Exertions erschien 1827. Darin nahm er mehrfach Bezug auf Thomas Hodgskins Analyse des ökonomischen Sytems, wobei er mit dessen Kritik an der Ausbeutung der Arbeiter übereinstimmte. Thompson kritisierte jedoch Hodgskins Charakterisierung von mental labourers, literati, men of science als produktive Arbeiter. Richard Pankhurst, der Biograph Thompsons, schrieb zu dieser Auseinandersetzung:”This argument had been useful in rebutting the theory that the labourer must produce a profit for his employers in addition to his own subsistence, but opened the way to classifying capitalists and landlords as ’productive’ on account of their entrepreneur function.”

Grundsätzlich wollte Thompson das bestehende kapitalistische System durch kooperative Gemeinschaften ersetzen, während Hodgskin weiterhin das Konkurrenzprinzip verteidigte. Neben der Einführung eines kooperativen Systems forderte Thompson die Installation der Demokratie, wobei diese ein Maximum an Freiheit und ein Minimum an Bürokratie beinhalten sollte. Thompson ging davon aus, daß der durch Arbeit erzeugte Wohlstand gleichmäßig unter den Arbeitenden verteilt werden müßte. In Anlehnung an Owen führte Thompson aus, daß dieses Ziel nur im Rahmen gemeinschaftlicher Projekte verwirklicht werden kann. Im einzelnen schrieb er dazu: ”Equal Distribution: that which affords to every individual equally exerting, or equally willing to exert, his or her faculties for the common good, equal means of physical, intellectual, and social enjoments (...) By community of property or possesions, we do not mean, that no person shall posses any thing, but that every adult person shall posses every thing, that is to say, all the lands, houses, machinery, implements and other stock of the Community, in as ample a manner as they are possessed by any other member ”

Insbesondere in seiner Schrift An Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth most conductive to Human Happiness‘ entwickelte Thompson die bei Owen zunächst nur in Ansätzen vorhandenen Vorstellungen von Genossenschaften weiter und wurde dadurch zu einem der führenden Vertreter der Genossenschaftsbewegung. Thompson zufolge die produzierten Güter im Rahmen von Genossenschaften allen Menschen zu Gute kommen. Der Wert der Waren würde dann über die zur Produktion benötigte Arbeitszeit definiert.

Grundsätzlich lehnte Thompson jede Zusammenarbeit mit der Regierung ab und wollte seine Ziele auch gegen deren Willen umsetzen. Gerade in dieser Hinsicht kam es zu Konflikten mit den Positionen Owens, der klassenkämpferische Positionen und den zwangsläufig resultierenden Konflikt ablehnte. Übergang Das Erscheinen von Practical Directions wurde von führenden Genossenschaftlern wie Reynolds von der ”First Birmingham Society” begeistert aufgenommen. Er empfahl das Buch als ”the guide to work on” zu benutzen.

Der Weg hin zu einer gerechteren Gesellschaft unterschied sich bei Owen und Thompson wesentlich. Während Thompson die Selbstbefreiung und Selbstorganisation der Arbeiterschaft propagierte, strebte Owen nach Staatsintervention und Klassenversöhnung. Zu einer Eskalation der Streitigkeiten kam es Anfang der dreißiger Jahre, als sich Thompson und Owen innerhalb der Genossenschaftsbewegung gegenüberstanden. Im Gegensatz zu Owen dessen gewerkschaftliche Tätigkeit sich auf wenige Jahre beschränkte und der der Arbeiterklasse skeptisch gegenüberstand, spielten die Gewerkschaften für Thompson eine entscheidende Rolle für die Emanzipation der Arbeiter da sie den Übergang vom Konkurrenz- zum Kooperativsystem einleiten, in dem sich die Arbeiter als Partner und nicht als Gegner im Kampf um Lohn und Arbeit gegenüberstehen. Die historische Bedeutung Thompsons liegt vor allem in seiner theoretischen, realitätsnahen Weiterentwicklung der Theorien Owens und in seiner Position als wegweisende Leitfigur der Genossenschaftsbewegung. ”He was indeed the principal contributor to the new, working class version of Owenism which found Owen already in being when he returned from New Harmony; and to him, more than to anyone else, was due the alliance of Trade Unionism and Owenite Co-operation that came to dominate working-class activity.” (G. D. H. Cole)

2.5 THOMAS HODGSKIN UND DER WERT DER ARBEIT

Thomas Hodgskin wurde 1787 in Chatham geboren und trat 1799 auf Wunsch seines Vaters in die Navy ein. Nachdem er jedoch in seiner ersten Schrift Essay On Naval Discipline (1813) die dort herrschenden menschenunwürdigen Zustände der Kadettenausbildung kritisiert hatte, wurde er, auf halben Sold gesetzt , entlassen. Aufgrund seines kritischen Essay kam er in Kontakt mit Francis Place, der Hodgskin mit Vertretern des Utilitarismus wie Jeremy Bentham und James Mill bekannt machte. Während einer dreijährigen Reise auf das europäische Festland stellte Hodgskin Forschungen über die ökonomischen und sozialen Zustände in Europa an und sammelte Material für seine zweite Schrift ”Travels in the North of Germany” (1820). Darin verurteilte er die Gebühren für die Benutzung von Straßen und Schiffahrtswegen, die zentralisierte Staatsmacht und die bestehenden Handelsgesetze in Deutschland. Auch in späteren Schriften blieb die Kritik am bestehenden Handelssystem die gleiche, strikt wandte er sich gegen jegliche Eingriffe des Staates in die Wirtschaft: ”The real business of men, which promotes their prosperity is always better done by themselves than by any few separate and distinct individuals acting as a government in the name of the whole, the prosperity of every nation is in inverse proportion to the power and the interferende of its government (...)

Nach seiner Rückkehr ließ er sich in Edinburgh nieder, wo er seinen Lebensunterhalt durch Publikationen sichern wollte. Dank James Mill erhielt er 1822 jedoch eine Stelle als Reporter bei der Zeitung ”Morning Chronicle”, und bald darauf begann er zusammen mit John Robertson wöchentliche Berichte für das Arbeiterblatt ”Mechanics Magazine” zu schreiben. Zu dieser Zeit plante Hodgskin die Gründung eines Institutes für Arbeiter,in dem klassenunabhängige Bildung vermittelt und so die Möglichkeit der Weiterbildung gegeben werden sollte. 1824 setzte Hodgskin seine Überlegungen in die Praxis um und gründete unter anderem mit John Robertson, Francis Place, Henry Broughham und Georg Birkbeck das ”Mechanics Institute”. Bald entstanden jedoch Unstimmigkeiten über die ideologische Ausrichtung des Institutes, da Place Zugeständnisse an die Geldgebern machen wollte, während Hodgskin für ein völlig autonomes Institut plädierte. In Folge wurde Hodgskin die Berechtigung entzogen im Fach Ökonomie seine Vorlesungen weiter abzuhalten. Daher veröffentlichte Hodgskin seine kritischen Ausführungen von 1825-1827 unter dem Titel Popular Political Economy, um sie so einem breiten Publikum zugänglich zu machen. Sein Hauptwerk Labour defended against the Claims of Capital (1825), wurde unter dem Pseudonym ”A Labourer” veröffentlicht. Die Kernthese seines Werkes besagt, daß der Arbeiter der alleinige Wertproduzent sei, der jedoch im kapitalistischen System einer Reihe von Wirtschaftsgesetzen unterworfen sei, welche seinen Lohn auf einem Minimum halten. Daneben verurteilte Hodgskin in seiner Schrift auch die Verbote der Arbeiterorganisationen von Seiten des Staates: ”By our increased skill and knowledge, labour is now probably ten times more productive than it was two hundred years ago; and we are, forsooth, to be contented with the same rewards which the bondsman received. All the advantages of our increased produce, we combine to obtain it, we are instantly threatened with summary punishment.”

Nach Hodgskins Vorstellungen sollte es kein wirtschaftliches Monopol geben, keine Großgrundbesitzer und keine Kapitalisten. Der Arbeiter sollte das gesamte Produkt seiner Arbeit erhalten und sich dadurch seiner Stärke und seiner Position in der Wirtschaft bewußt werden. Mit seinen Schriften wollte Hodgskin dazu beitragen, die Arbeiter von der Legitimität gewerkschaftlicher Organisationen und der Forderung nach höheren Löhnen zu überzeugen. Zu diesem Zweck stellte er zunächst die verschiedenen Klasseninteressen gegenüber und zeigte den Widerspruch zwischen der gestiegenen Produktivität einerseits und den viel zu niedrigen Löhnen anderseits auf. Um gegen diese ungerechten, nicht naturgegebenen Zustände vorzugehen, proklamierte er die Organisierung der Arbeiter in Gewerkschaften. Da Konflikte zwischen Arbeitern und Kapitalisten unvermeidbar seien, führte Hodgskin im Bezug auf das Verbot gewerkschaftlicher Zusammenschlüße aus: ”Combination is of itself no crime, on the contrary, it is the principle on which societies are held together” Zentraler Gegenstand seines Buches Labour defended und der nachfolgenden Schriften Popular Political Economy und Natural and Artificial Right of Property Contrasted (1832) ist die Kritik am Staat, der die natürliche Wirtschaftsordnung mit Gesetzen durcheinanderbringt. Hodgskin zufolge besteht die Aufgabe des Gesetzgebers darin, die Naturrechte des Eigentums zu erhalten, den Menschen die Moralgesetze der Natur zugänglich zu machen und nicht selbst künstliche Gesetze für das menschliche Zusammenleben und die Ökonomie zu schaffen.

Hodgskin trat für das Privateigentum ein, unter der Voraussetzung das es auf wahrer und sicherer Grundlage errichtet ist.() Zudem war Hodgskin wie Locke, Smith, Ricardo und zum Teil Godwin der Auffassung, daß Mensch und Natur Gesetze haben, die zum Glück führen solange der Staat nicht eingreift. Der bürgerlichen Ökonomie hielt er entgegen, daß alle Werte wie zum Beispiel Kapitalprofit und Bodenrente aus der Arbeit stammen und somit nur den Arbeitern zugesprochen werden können, da nur die Arbeiter das Recht auf vollen Arbeitsertrag haben. Als Veränderungsstrategie wird nicht wie bei Owen die schrittweise Überwindung des Kapitalismus durch ein alternatives gemeinschaftliches Zusammenleben und Vertriebssystem beschrieben, vielmehr wird eine Gesellschaft von selbstständigen Arbeitern angestrebt, welche die kapitalistische Aneignung der Erträge der Produktivität durch Dritte unmöglich macht. Hodgskin strebt eine Gesellschaft an, in der jeder frei von staatlichem Zwang und mit seinen eigenen Produktionsmitteln arbeitet. Nur wenn die Arbeiter die Früchte ihrer Arbeit ernten können, kann Hodgskin zufolge das Glück wieder Einzug in die Welt der Arbeiter erhalten: ”I am certain, however, that till the triumph of labour be complete; till procucctive industry alone be opulent, and till idleness alone be poor, till the admirable maxim that‚ he who sows shall reap‘ be solidly established; till the right of property shall be founded on principles of justice, and not on those of slavery; till man shall be held more in honour than the clod he treads on, or the machine he guides - there cannot, and there ought not to be either peace on earth or goodwill amongst them.”

Die Bedeutung Hodgskins für die Arbeiterbewegung lag vor allem in seiner Arbeitswerttheorie, sowie in seiner Darstellung der Gegensätze zwischen den gesellschaftlichen Klassen, der Propagierung der Arbeiterbildung und in seinem Engagement für die Gewerkschaftsbewegung. ”Beides konnte sein Publikum, die radikalen Handwerker und Facharbeiter Londons mit ihrem individualistischen und gegen parasitäre Mittelspersonen gerichteten Vorstellungen, leicht und bereitwillig rezipieren. Auch seine frühen Rechtfertigungen einer autonomen Arbeiterbildung-, -koalierung und -emanzipation wirkten in der sozialistischen Bewegung unabhängig weiter.” (Vester)

2.6 JOHN GRAY UND DAS PRINZIP DER NÜTZLICHKEIT

John Gray wurde 1799 in Derbyshire (Schottland) geboren und kam in jungen Jahren nach London, wo er als Handelsgehilfe in einem Großhandelsgeschäft arbeitete. Aus seinen beruflichen Erfahrungen und der Beobachtung der sozialen Verhältnisse zog Gray den Schluß, daß die wirtschaftlichen Verhältnisse in einem völligen Mißverhältnis zu den Bedürfnissen und natürlichen Rechten der Menschen stehen. Um 1820 kam er in Kontakt mit den Idealen Owens, worauf er 1823 an Owen schrieb: ”the same ideas were in some instances expressed almost in the same words by you, as I had written twelve month before.” 1825 veröffentlichte Gray mit der Broschüre A Lecture of Human Happiness seine wichtigste Schrift, in der die bestehende ”old world” der von ihm angestrebten idealen ”new world” gegenüberstellte. Grundlage der bestehenden Ungerechtigkeiten sei die ungleichmäßige Verteilung der produzierte Güter und das Eigentum an Grund und Boden, wobei er sich auf das Beispiel der Sonne bezog, die niemand besitzen und für deren Wärme niemand Geld verlangen könne.

Ein zentraler Aspekt der Theorien Grays war die Bewertung der Menschen hinsichtlich ihrer Nützlichkeit beziehungsweise ihrer Produktivität. Er unterteilte die Gesellschaft in nützliche, produktive und unnütze, unproduktive Mitglieder, wobei er eine Statistik aufstellte, nach der genau 5.437.917 Menschen, also etwa ein Drittel der Bevölkerung in England um 1820 als nutzlose Mitglieder der Gesellschaft anzusehen waren. Seinen Berechnungen legte er eine Tabelle aus Patrick Colquoun's Treatise on the Wealth, Power and Resources of the British Empire (1814) zugrunde, die darstellte, daß die arbeitende Klasse nur rund ein Fünftel des Ertrages ihrer geleisteten Arbeit erhält. ”Each man, woman, and child, in the productive classes(... )received(...) but a small triffle more than one-fifth part of the produce of their own labour!!!” Wie Owen betonte Gray die negativen Auswirkungen des Konkurrenzprinzips auf das gesellschaftliche Leben. In der Einführung der Articles of Agreement Drawn Up and Recommended by the London Co-operative Society, for the Formation of a Community on Principles of Mutual Co-operation verwarf er entsprechend ”Individual Competition and Private Accumulation” und propagierte dagegen ”Mutual Co-operation, Community of Property, and Equal Means of Enjoyment” als Zielsetzungen der neuen Gesellschaft.

Hoffnungsvoll unterstütze Gray ab 1825 ideell und finanziell den Aufbau der genossenschaftliche Gemeinschaftssiedlung Orbiston, die er als Keimzelle der neuen Gesellschaft betrachtete. In seiner 1826 veröffentlichten Schrift A Word of Advice to the Orbistonians on the Principles which ought to regulate their Present Proceedings kritisierte er allerdings die Mißstände innerhalb der Gemeinschaft und das seiner Meinung nach mangelnde Verständnis wirtschaftlicher Zusammenhänge.

1831 veröffentlichte Gray The Social System. A Treatise on the Principles of Exchange, in dem er erneut die Notwendigkeit einer Reform des Wirtschaftssystems aufzeigte, wobei der Schwerpunkt auf dem Austausch der Waren lag. Im Gegensatz zu Thomas Hodgskin oder zu liberalen Ökonomen wie Adam Smith forderte Gray eine steuernde Gewalt, die den Austausch der produzierten Waren regeln sollte. Michael Vester beschrieb das Konzept folgnedermaßen: ”In diesem System liefern die Arbeitenden ihre Produkte an Handelslager ab. Dafür erhalten sie in Form von Papiergeld ihren Kostenpreis nach aufgewandter Arbeits- und Produktionsmittelmenge erstattet, der sich aus einem Minimum und einer möglichen Prämie für gute Leistung zusammensetzt. Dann wird ein Mehrbetrag, der Gewinn und Kosten der Handelsorganisation decken soll, aufgeschlagen und damit der Verkaufspreis der Ware festgesetzt. Die Preisfestsetzung geschieht durch Taxatoren nach den Richtlinien einer nationalen Handelskammer.”

In diesem Konzept lassen sich deutlich Bezüge zu den von Owen initiieren Arbeitstauschbörsen (”Labour Exchanges”) herstellen. Owen warf Gray in diesem Zusammenhang mehrfach vor, Elemente seiner Theorien übernommen zu haben ohne sich deutlich genug auf ihn zu beziehen. Auf dem ”Third Co-operative Congress” las Owen sogar Passagen seines Report to the County of Lanark vor, um unter Beweis zu stellen, daß Gray von ihm abgeschrieben habe. Unabhängig davon gilt Gray als einer der ersten politisch engagierten Ökonomen,der eine sozialistische Wirtschaftstheorie entwarf und damit auch die Entwicklung der ökonomischen Positionen innerhalb des Owenismus nachhaltig beeinflußte.

2.7 JOHN FRANCIS BRAY UND DAS GEMEINSCHAFTSEIGENTUM

Der in Amerika geborene und zeitweise in England lebende Schriftsetzer John Francis Bray (1809-1895) erlangte insbesondere in den dreißiger Jahren des vorigen Jahrhundert eine große Popularität. Das Verdienst Brays lag dabei weniger in der Einbeziehung neuer Elemente in die Theorien des frühen Sozialismus, als vielmehr in der leicht verständlichen Zusammenfassung und Propagierung bereits formulierter Thesen. So verurteilte Bray wie seine Vorläufer mit Nachdruck die ungleichmäßigen Besitzverhältnisse und die ungerechte Entlohnung der Arbeit. Er beschrieb den Einfluß der umgebenden sozialen Bedingungen auf den Charakter des einzelnen Menschen und befürwortete ein allgemeines Erziehungs- und Bildungswesen. Als neue wirtschaftliche Organisationsform forderte er genossenschaftliche Zusammenschlüsse in denen die Arbeiter selbst über ihre eigenen Belange bestimmen können.

Bray wurde 1809 in Washington geboren und kam 1822 mit seiner Familie nach England, die sich in Leeds niederließ. Später wurde er Schriftsetzer, fand aber keine Arbeit. Dazu Lloyd-Pricchard: ”He (Bray) conceived the idea of the necessity for industrial reforms while warily plodding from town to town in search for work as a 'tramp'. He constantly met the tailor, the shoemaker, the weaver and the workmen, all 'tramps' looking for employment and all in need of the things which his fellow tramps could produce. Walks of twenty to thirty miles a day, half fed, and a shelter in sone low lodging house where vermin prevented sleep was enough to set any man to thinking about the causes of these miseries.”

1836 veröffentlichte er in der Leeds Times sein Essay ”Letter to the people”, in dem er das ”Reform Bill” von 1832 als unzureichend kritisiert. Der Reformunwilligkeit der Regierung hielt er die Forderung nach der Erfüllung der Naturrechte des Menschen entgegen. Die Regierung habe nur die Aufgabe diese Rechte zu sichern. Darüberhinausgehende Aktivitäten würden dem Naturrecht widersprechen und seien deshalb als unmoralisch abzulehnen.

Drei Jahre später erschien mit Labour's Wrong and Labour's Remedy, or the Age of Might and the Age of Right das einziges Buch Brays, welches bald auf großes Interesse in der Arbeiterbewegung stieß. John Bray orientierte sich in seinen Ausführungen stark an Robert Owen, wies aber sehr viel reflektiertere ökonomische Vorstellungen auf. Zu Brays Vorstellungen schrieb Cole: ”Bray was Owenite. He argued that the workers could remedy their wrongs only under a system of common ownership of the means of production and common labour under conditions of free and equal assoziation in Co-opertive communities.”

Die Basis seiner Vorstellungen bildete das vergesellschaftlichte Eigentum an Produktionsmitteln und der ausschließlich profitlose Austausch von Arbeitswerten bei gleichem Lohn. Ausgehend von einer umfangreichen Analyse der ökonomischen Verhältnisse formulierte er in Labour's Wrong and Labour‘s Remedy ein Übergangsprogramm vom bestehenden zu einem kooperativen Wirtschaftssystem. In Anlehnung an die Tauschbörsen Robert Owens sollten die Arbeiter in dieser Phase durch die Gründung kooperativer Aktiengesellschaften die Einheit von Arbeit und Kapital herstellen. Die Aktienkapialgesellschaften sollten auf der Basis von Arbeitsnoten funktionieren, welche dem Arbeitszeitwert entsprechen. In kooperativen Großmärkten und Tauschbörsen können die Arbeitsnoten gegen Produkte getauscht werden, die den Arbeitskosten entsprechen. Innerhalb dieser Übergangsphase sollte auch die Gleichberechtigung der Frau verwirklicht werden, indem sie dem Mann ökonomisch und politisch gleichgestellt werden sollte. Die Befreiung der Frau von den tradierten häuslichen und erzieherischen Pflichten sollte durch die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder und ebensolche Wohnprojekte erreicht werden.

Da der Interessenkonflikt zwischen den Arbeitern und den Kapitalisten innerhalb der kapitalistischen Gesellschaft nach Bray zwangsläufig zu Auseinandersetzungen führt, strebte er zunächst eine genossenschaftliche Gemeinschaft an. Das Übergangsprogramm sollte letztlich in eine ideale Gemeinschaft überleiten in der es kein Privateigentum mehr gibt. Dazu schrieb Cole: ”He attacked private ownership root and branch, tracing its sinister development to the private appropriation of land, which was by nature the common possession of all. No man had any right or reasonable claim to appropiate to himself a single inch of land; and out of the violation of this principle of nature had arisen all the other evils of private ownership applied to the other instruments of production. Reform must therefore begin with the restoration of the land to the common use of the people.”

Als entscheidenden Faktor auf dem Weg der gesellschaftlichen Umstrukturierung sah Bray die Gewerkschaften an, wobei er sich deren eingeschränkten Möglichkeiten bewußt war. Sie können Bray zufolge zwar Verbesserungen der Situation der Arbeiter bewirken, indem sie höhere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen einforderten und durchsetzten, an den Besitzverhältnissen können sie jedoch nichts ändern. Die Bedeutung der Konzepte der Tauschbasare und der Aktienbörsen lag weniger in ihrer Realisierbarkeit, als in der Weiterentwicklung der Ideen Owens unter stärkerer Berücksichtigung der bestehenden ökonomischen Situation. ”Zum einen erkannte Bray, daß eine Veränderung der Gesellschaft von existierenden ’physischen’ und ’moralischen’ Voraussetzungen, daß heißt Produktivkräften und Motivationen ausgehen mußte: von tagespolitischen und nicht bloß von einem abstrakten utopischen Willen. Zum anderen sah er, daß im Schoße der alten Gesellschaft sich Institutionen vorbereiten mußten, die eine direkte Verwirklichung des neuen Verhältnisses zwischen Kapital und Arbeit anstrebten. Diese zweite Forderung hat freilich die typische owenistische Form des ’Herauskontrahierens’.” (Vester)

1842 kehrte Bray in die Vereinigten Staaten zurück und ließ sich nahe Detroit nieder. Er veröffentlichte weitere Schriften, darunter The Coming Age. Devoted to the fraternization and advancement of mankind, through religious, political and social reforms (1855) und God and Man a Unity and all mankind a Unity. A basis for new dispensation, social and religious (1879), in denen er für eine säkularisierte Religion eintrat, die davon ausgeht, daß die Erlangung der Unsterblichkeit möglich ist, sofern sich der Mensch zu Lebzeiten für den Kampf um fortschrittliche soziale Institutionen einsetzt. Später wurde Bray Vizepräsident der ”American Labor Reform League” und Mitglied der ”Knights of Labor”, spielte aber in der amerikanischen Arbeiterbewegung keine bedeutende Rolle mehr.

 

3. DIE GESELLSCHAFTSTHEORIE ROBERT OWENS

Robert Owen war eine der herausragenden Persönlichkeiten seiner Zeit. Sein Einfluß·auf die gesellschaftliche Entwicklung in England und insbesondere auf die Bildung der Arbeiterbewegung war beträchtlich.Owen verstand sich selbst als einen Mann der Tat und sah den Schwerpunkt seiner Arbeit in der praktischen Veränderung der Gesellschaft hin zu seinen Idealvorstellungen Seine Erfahrungen und Erkenntnisse beschrieb er in zahlreichen Schriften, in denen er eine umfassende gesellschaftliche Theorie entwickelte, die sich mit allen Bereichen des menschlichen Miteinanders beschäftigt.. Auch wenn sich einige Positionen im Laufe der Jahre veränderten, blieb Owen seinen Grundsätzen in wesentlichen Bereichen treu. Im folgenden werden seine wichtigsten theoretischen Positionen vorgestellt. Auf seine verschiedenen Projekte und Initiativen wird in den weiteren Kapiteln eingegangen.

3.1 EINFLÜSSE AUF DAS DENKEN OWENS

Owen betonte mehrfach, daß keine seiner gesellschaftskritischen Erkenntnisse neuartig sei. In unterschiedlicher Ausprägung seien sie durchgängig schon vor ihm formuliert worden. Das neue Element lag allerdings in der Verbindung der einzelnen theoretischen Ansätze zu einer umfassenden Gesellschaftsanalyse umd deren praktischen Umsetzung. ”Hitherto, indeed, in all ages and in all countries, man seems to have blindly conspired against the happiness of man, and to have remained as ignorant of himself as he was of the solar system prior to the days of Copernicus and Galileo. Many of the learned and wise among our ancestors were conscious of this ignorance, and deeply lamented its effects; and some of them recommended the partial adoption of those principles which can alone relieve the world from the miserable effects of ignorance. The time, however, for the emancipation of the human mind had not then arrived: the word was not prepared to receive it.”

Owen vermied es weitgehend Personen oder Schriften aufzuführen, die ihn beeinflußten. Eine Ausnahme bildete die 1696 von John Bellers veröffentlichte Schrift Proposals for Raising a Colledge of Industry, die Owen ausdrücklich im Zusammenhang mit seinen Siedlungskonzepten aufführte. Zudem gelten The Real Rights of Man von Thomas Spence, An Enquiry Concerning Political Justice, von William Godwin und An Introduction to the Priciples of Moral and Legistration von Jeremy Bentham als Schriften die das Denken Owens maßgeblich beeinflußten.

3.2 DIE BILDUNG DES CHARAKTERS

Die Gesellschaftstheorie Robert Owens basierte auf seiner Vorstellung der Charakterbildung des Menschen, dabei ging davon aus, daß der Charakter des einzelnen Menschen von angeborenen Eigenschaften, sowie von den ihn umgebenden Gesellschaftsbedingungen bestimmt wird. "Man is compound being, whose character is formed of his constitution or organization at birth, and of the effects of external circumstances upon it from birth to death; such original organization and external influences continually acting and re-acting each upon the other."

Nach Owens Überzeugung führt die Kompetitivität der kapitalistischen Gesellschaft zwangsläufig zu einer Deformierung des Charakters.. Dadurch besteht keine Freiheit des Willens, vielmehr werden Überzeugungen und Handlungen von den Umständen geprägt ,in denen er oder sie lebt, beziehungsweise aufgewachsen ist. ”Any general character, from the best to the worst, from the most ignorant to the most enlightened, may be given to any community, even to the worst at large, by the application of proper means; which means are to a great extent at the command and under the control of those who have influence in the affairs of men.”

Deutlich sind in diesem Zusammenhang Parallelen zu den Positionen William Godwins zu erkennen, der wie Owen immer wieder den Einfluß der umgebenden gesellschaftlichen Bedingungen auf den einzelnen Menschen beschrieb. Aus den oben aufgeführten Haltungen Owens erklärt sich, weswegen er nie ein Verfechter des allgemeinen Wahlrechtes war. Er wandte ein, daß ein allgemeines Wahlrecht nur dann einen Sinn ergebe, wenn der einzelne Wähler auch in der Lage sei frei zu wählen. Da der Wille des Einzelnen aber von den Bedingungen einer kompetitiven und individualistischen Gesellschaftsordnung geprägt ist, kann es in Folge zu keiner freien Wahlentscheidung kommen. Entsprechend sind erst in einer konkurrenzfreien Gesellschaft, in der sich der Charakter der Menschen unbeeinflußt bilden kann, die Voraussetzungen vorhanden, welche eine tatsächlich demokratische Entscheidung ermöglichen.

Tortz seiner ablehnenden Haltung gegen das Wahlrecht innerhalb der bestehenden Gesellschaft , war das Wahlrecht in einer freien Gesellschaft anzustreben. In seinem Siedlungsprojekt New Harmony trat Owen für ein allgemeines Wahlrecht nach einer Übergangsphase ein. Er schloß dabei ausdrücklich das Wahlrecht für Frauen ein, was zu dieser Zeit auch in progressiven Kreisen keineswegs selbstverständlich war. In der Übergangszeit von bestehenden kapitalistischen Idealen wie Profitstreben und Privateigentum hin zu gemeinschaftlich-sozialistischem Gedankengut, wie Gemeinschaftseigentum und Verantwortlichkeit gegenüber der Gemeinschaft, sollte sich das Bewußtsein der Menschen entsprechend den neuen Rahmenbedingungen dahingehend ändern, daß sich die Menschen der Gemeinschaft gegenüber verantwortlich und zugehörig fühlen und in diesem Sinn auch bereit sind für sie zu arbeiten. Erst wenn sich das neue Bewußtsein durchgesetzt hat, also der Charakter der Menschen hin zu solidarischem und verantwortungsvollem Verhalten umgeformt hat, kann Owen zufolge ein allgemeines Wahlrecht eingeführt werden. In New Harmony wurde dieser Schritt schon nach wenigen Monaten vollzogen, was sich als verfrüht herausstellte und das Scheitern des Projektes mit verursachte.

Die Lehre von der Bildung des Charakters bestimmte auch das Verhältnis Owens zum Strafsystem.Owen führt in seinem Buch The Book of the New Moral World aus, da der Mensch in seinen Handlungen nicht frei sei, könne er für diese auch nicht verantwortlich gemacht werden. So sei ein Dieb nicht für das von ihm verübte Verbrechen verantwortlich, sondern die gesellschaftlichen Verhältnisse die ihn zu dieser Tat veranlaßten. Beispielhaft ist die folgende Ausführung Owens: ”How much longer shall we continue to allow generation after generation to be taught crime from their infancy, and, when so taught, hunt them like beasts of the forest, until they are entangled beyond escape in the toils and nets of the law? when, if the circumstances of those poor unpitied sufferers had been reversed with those who are even surrounded with the pomp and dignity of justice, these latter would have been at the bar of the culprit, and the former would have been in the judgement seat.”

3.3 ERZIEHUNG UND BILDUNG

Aus der Bedeutung die Owen der Bildung des Charakters beimaß, folgt die Betonung der Erziehung in seinen theoretischen Ausführungen wie auch im Rahmen seiner Projekte. Eine umfassende Erziehung und Ausbildung der Menschen sollte die Voraussetzung für den Aufbau der von Owen beschworenen neuen sittlichen Welt schaffen. ”Much has been said and written in relation to education; but few persons are yet aware of its real importance in society; and certainly it has not acquired that prominent rank in our estimation which it deserves; for, when duly investigated, it will be found to be, so far at least as depends on our operations, the primary source of all the good and evil, misery and happiness, which exist in the world.”

Owen trat für den Aufbau eines allgemeinen Schulwesens ein, welchem die Kinder im Alter von zwei Jahren beitreten sollten. Er erachtete die frühe Beeinflussung der Kinder durch eine gemeinschaftliche Erziehung in den ersten Lebensjahren als besonders wichtig und positiv für die spätere Entwicklung. Schon rund ein Jahrhundert vor Sigmund Freud und der Entwicklung der Psychoanalyse erkannte Owen die Bedeutung der frühkindlichen Lebensjahre und ließ diese sowohl in seine Theorien als auch in seine Projekte einfließen. ”It must be evident to those who have been in the practice of observing children with attention, that much of good or evil is taught to or acquired by a child at a very early period of its life; that much of temper or disposition is correctly or incorrectly formed before he attains his second year; and that many durable impressions are made at the termination of the first twelve or even six months of his existence. The children, therefore, of the uninstructed and illinstructed, suffer material injury in the formation of their characters during these and the subsequent years of childhood and of youth.”

Im Besonderen sollte die frühe gemeinschaftliche Erziehung den Sinn für die Gemeinschaft fördern und die Kinder aus der Kleinfamilie lösen, welche Owen zufolge zwangsläufig eine egozentrische Ausrichtung besitzt ,welche sich im Charakter der Kinder beziehungsweise der Erwachsenen wiederspiegelt. ”Most of the poor have received bad and vicious habits from their parents; and so long as their present treatment continues, those bad and vicious habits will be transmitted to their children, and, through them, to succeeding generations.”

Owens Erziehungskonzept sah vor, die schulische Ausbildung in drei Altersstufen erfolgen zu lassen, vom dritten bis zum achten, vom achten bis zum zwölften und vom zwölften bis zum sechzehnten Lebensjahr. Bemerkenswert sind die Parallelen zu den Vorstellungen der zeitgenössischen Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi und Phillip Emanuel von Fellenberg, bei denen sich eine ähnliche Einteilung findet.

In der ersten Stufe der schulische Ausbildung stand das Erfassen grundlegender biologischer und geographischer Kenntnisse durch einen kindgemäßen und handlungsorientierten Unterricht im Mittelpunkt. In den weiterfolgenden Stufen soll Lese- und Schreibunterricht, sowie handwerklicher beziehungsweise hauswirtschaftlicher Unterricht erfolgen. Generell zielte der Unterricht darauf ab, die Kinder und Jugendlichen zum selbstständigen Beobachten, Auswerten und kritischen Denken anzuregen.

3.4 DIE KRITIK AM KAPITALISMUS

Seit den frühen zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts strebte Owen die schrittweise Überwindung des Kapitalismus an. Anfänglich kritisierte Owen nur Folgeerscheinungen des kapitalistischen Systems, wie zum Beispiel die Verarmung großer Teile der Bevölkerung und entwickelte Konzepte zu deren Linderung. Nachdem Owen jedoch zunehmend an Grenzen stieß, die ihm von reformunwilligen Politikern und Unternehmern gesetzt wurden, entwickelte er seine Gesellschaftstheorie weiter und stellte das System des kompetitiven Kapitalismus grundsätzlich in Frage. Er bezog dabei immer deutlicher Position gegen den unter anderem von Adam Smith und David Ricardo propagierten wirtschaftlichen Liberalismus mit seiner Betonung des Konkurrenz- und Profitprinzips. Im Gegensatz zur liberalen Verheißung, der zufolge das individuelle Glücksstreben auch der Gesellschaft als Ganzes zu Gute kommt, zeigte Owen auf, wie diese Politik zu einem Massenelend und zum Verfall der moralischen Wertvorstellungen geführt hatte. ”The acquisition of wealth, and the desire which it naturally creates for a continued increase, have introduced a fondness for essentially injurious luxuries among a numerous class of individuals who formerly never thought of them, and they have also generated a disposition which strongly impels its possessors to sacrifice the best feelings of human nature to this love of accumulation. To succeed in this career, the industry of the lower orders, from whose labour this wealth is now drawn, has been carried by new competitors striving against those of longer standing, to a point of real oppression, reducing them by successive changes, as the spirit of competition increased and the ease of acquiring wealth diminished, to a state more wretched than can be imagined by those who have not attentively observed the changes as they have gradually occurred.”

Als ein Grundübel des Kapitalismus sah Owen die privatisierten Produktionsmittel an. Seiner Meinung nach ist es nicht zu rechtfertigen, daß einige wenige Personen auf Grund ihres Besitzes große Profite aus der Arbeitskraft derjenigen erwirtschaften, die das eigentliche Produkt herstellen. Entsprechend forderte er eine Vergesellschaftung der Produktionsmittel, deren Nutzen der Gemeinschaft und nicht nur einzelnen Personen zu Gute kommen sollte. ”Private property has been, and is at this day, the cause of endless crime and misery to man... The possession of private property tends to make the possessor ignorantly selfish... Private property also continually interferes with or obstructs public measures which would greatly benefit all, and frequently to merely please the whim or caprice of an ill-trained individual. When everything except mere personals shall be public property, and public property shall always be maintained in superfluity for all then will the incalculable superiority of a system of public property be duly appreciated over the evils arising from private property.”

Owen stellte dabei die Entwicklung hin zur Industriegesellschaft nicht grundsätzlich in Frage und strebte auch keine Rückkehr zur Agrargesellschaft an. Er wollte vielmehr, daß die neuen Produktionsmittel auch denen zugute kommen sollten die daran arbeiten. ”The steam engine and spinning machines, with the endless mechanical inventions to which they have given rise, have, however, inflicted evils on society, which now greatly over-balance the benefits which are derived from them... All now know and feel that the good which these inventions are calculated to impart to the community has not been realised. The condition of society, instead of being improved, has been deteriorated, under the new circumstances to which they have given birth; and it is now experiencing a retrograde movement.”

3.5 SIEDLUNGS- UND GENOSSENSCHAFTSKONZEPTE

Im Laufe seines Lebens hatte Owen mehrere Modelle gemeinschaftlichen Zusammenlebens theoretisch konzipiert und teilweise umgesetzt. Den Ausgangspunkt für diese Siedlungsprojekte bildete seine Charaktertheorie, nach der sich der Charakter eins Menschen nur dann zum Positiven wandeln kann, wenn die Lebens- und Arbeitsbedingungen humaner werden und die Menschen nicht mehr den zerstörenden Mechanismen der kapitalistischen Ordnung unterworfen sind. Deutlich lassen sich hierbei Parallelen zu den Vorstellungen William Godwins aufzeigen, derals ideale Gesellschaftsform die Errichtung kleiner dezentraler Gemeinschaften anstrebte, die als autarke Einheiten die zentrale Rolle des Staates ersetzen sollten. Unterschiede lassen sich jedoch im Bezug auf die Rolle des Staates aufzeigen. Während Owen auf finanzielle staatliche Unterstützung setzte, verstand Godwin sein Siedlungskonzept als radikale Alternative zu jeglicher Staatsordnung.

Bezüge lassen sich auch zu den Vorstellungen von Thomas Spence herstellen. Spence forderte in seiner Schrift The Real Rights of Man die Rückführung von Land und Boden in den Besitz der Allgemeinheit und betonte dabei die Bedeutung kleiner landwirtschaftlicher Siedlungen und Gemeinschaften. Owens Gesellschaftsmodelle die inhaltlich sehr viel präziser geschildert waren, gingen jedoch weit über die Ausführungen Spences hinaus. Owen selbst bezog sich auf die 1696 von John Bellers veröffentlichte Schrift Proposals for raising a colledge of industry in der Bellers die Einrichtung von Siedlungsgemeinschaften zur Hebung des allgemeinen Wohlstandes und Lebensstandards forderte. 1817 entwickelte Owen das Konzept der Armenkolonien, welches wie auch seine späteren Siedlungskonzepte gleichermaßen·auf die Befriedigung der existenziellen Bedürfnisse, wie auch auf die Entwicklung eines neuen Gemeinschaftsbewußtseins seitens der Bewohner zielte. ”The greatest evils in society arise from mankind being trained in principles of disunion. The proposed measures offer to unite men in the pursuit of common objects for their mutual benefit, by presenting an easy practicable plan for gradually with drawing the causes of difference among individuals, and making their interest and duty very generally the same. owing to the arrangement of the pan, it will give to the poor, in return of their labour, more valuable, substantial, and permanent comfort, than they have ever yet been able to obtain.”

Die Kolonien sollten so ausgestattet sein, daß sich die 500 bis 1000 Menschen, die darin leben, sich autark versorgen können. Durch das gemeinsame Interesse am Gelingen des Vorhabens würde sich Owen zufolge das Verhältnis der Arbeiter zum Produktionsprozeß wandeln, während gleichzeitig das Konkurrenz- und Profitprinzip einem gemeinschaftlichen Bewußtsein weichen würde. Seiner Vorstellung entsprechend könnteaud diese Weise auch die Produktion qualitativ und quantitativ gesteigert werden. Die Einrichtung von Gemeinschaftshäusern, eigenen Schulen und kulturellen Angeboten sollten darüber hinaus ein vielfältiges gesellschaftliches Leben ermöglichen, welches den Zusammenhalt der Gemeinschaft stärken sollte.FN In den folgenden Jahren weitete Owen sein kommunitäres Konzept aus. Die von ihm angestrebten Siedlungen sollten nun als Großkommunen zur Keimzelle einer neuen Gesellschaft werden. Er betrachtete sie nicht länger als Modell zur Beseitigung von Armut und Arbeitslosigkeit, sondern als alternative Lebensform, die einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel einleiten sollte. Auf der Basis demokratischer Verwaltung, genossenschaftlicher Produktion und gemeinschaftlicher Erziehung sollte dieses Modell allen Menschen die Möglichkeit der freien Entfaltung und des kollektiven Glücks bieten. In Bezug auf die Gemeinschaftssiedlung New Harmony schrieb Owen in diesem Zusammenhang: ”The direct object of this association is to give and secure happiness to all its members. This object will be obtained by the adoption of a system of union and cooperation, founded on a spirit of universal charity, derived from a correct knowledge of the constitution of human nature.”

3.6 DIE BEZIEHUNG DER GESCHLECHTER

Ein weiterer Kritikpunkt Owens an der bestehenden Gesellschaft war die anhaltende Diskriminierung der Frau und ihr daraus resultierender Ausschluß aus dem öffentlichen Leben. Frauen sollten im Rahmen seiner Projekte ihr Leben nach eigenen Vorstellungen und Bedürfnissen gestalten können und in allen gesellschaftlichen Bereichen die gleichen Rechte wie Männer erhalten. ”In the new state of society, the condition of the two sexes will be greatly changed. They will trained, educated, employed, and placed to become through life, superior companions to each other. Women will be no longer made the slaves of, or dependent upon men, more than men will be made slaves of and dependent upon women.”

In Bezug auf die Arbeitsverteilung blieb Owen jedoch dem tradierten Rollenverständnis verbunden, so daß er in seinen Projekten Frauen den häuslichen Bereich zuwieß, wenngleich sie auch in den Fabriken arbeiten konnten. Auch die Schulausbildungstand ganz im Zeichen des späteren Wirkungskreises der Kinder und Jugendlichen. Neben einer allgemeinen koedukativen Ausbildung wurden die Mädchen auf den Hauswirtschaftssektor und die Jungen auf den industriellen oder landwirtschaftlichen Produktionsbereich vorbereitet. Owen wies allerdings ausdrücklich darauf hin, daß sich in einer freien Gesellschaft das Verhältnis der Geschlechter in einer im Detail nicht voraussehbaren aber zwangsläufig positiven Weise verändern würde.

In seiner Kritik an patriarchalen Gesellschaftsstrukturen, die zu einer Diskriminierung der Frau führten, stand Owen nicht allein. Mary Wollstonecraft und William Gowin, sowie Anna Wheeler und William Thompson verurteilten in ihren Schriften nachhaltig die Unterdrückung der Frau. Gemeinsam war ihnen die Kritik an der Institution Ehe, wobei Owen eine gemäßigtere Position einnahm, da er im Gegensatz zu den oben Genannten die Ehe nicht völlig abschaffen, sondern ihren Charakter verändern wollte. Die bestehenden Ehegesetze kritisierte Owen als gesellschaftlichen Zwang, der Menschen dazu bringe ein Leben lang zusammen zu bleiben, auch wenn diese sich nicht mehr oder überhaupt nie geliebt haben. ”No immorality can exceed that which is sure to arise from society compelling individuals to live continually together, when they have been made, by the laws of their nature, to lose their affections for each other, and to entertain them for another object. How much dreadful misery has been inflicted upon the human race, through all past ages, from this single error! How much demoralization! How many murders! How much secret unspeakable suffering, especially to the female sex!”

Owen kritisierte, daß der Mensch innerhalb der Ehe als Privateigentum eines anderen gelte, worunter Frauen am meisten zu leiden hätten. Auf Grund der wirtschaftlichen Verhältnisse, sowie tradierten Moralvorstellungen und gesetzlicher Verfügungen sei die Frau völlig von ihrem Ehemann abhängig und ihm nahezu hilflos ausgeliefert.Owen forderte dagegen ein Ehegesetz, welches eine Heirat einzig am Kriterium der Liebe ausrichtete, eine Scheidung problemlos ermöglichte und der Frau innerhalb der Ehe die gleichen Rechte zumaß wie dem Mann. Owen wurde aufgrund dieser Position vielfach von seinen Gegnern vorgeworfen, daß er für die freie Liebe eintrete. Dies war jedoch nur im Bezug auf die freie Wahl des Partners zutreffend, aber keineswegs im Sinne von sexuellen Beziehungen zu mehreren Menschen, wie Owen zum Teil diffamierend vorgeworfen wurde.

3.7 DIE GESELLSCHAFT DER VERNUNFT

Die zu seiner Zeit bestehende Gesellschaft, wie auch die Gesellschaften aller vorangegangener Epochen, beschrieb Owen als Gesellschaften der Unvernunft. Er kritisierte jede Gesellschaftsform in der es Herrschende und Beherrschte gibt, wobei er diesen Zustand keineswegs den Machthabern zum Vorwurf machte, da sie wie die Unterdrückten immer nur Rollen ausfüllten, die sich aus den umgebendenVerhältnissen ergeben haben. ”The division into tyrants and slaves, has produced a classification of society, which, however necessary in its early stages, is now creating every kind of evil over the earth, and prevents the possibility of any one attaining that high degree of excellence and happiness which, otherwise. might be so easily secured to the whole of the human race; a classification which must be destroyed before injustice and oppression, vice and misery, can be removed.”

Vielfach ging Owen in diesem Zusammenhang auf die Rolle der Religion ein. Er machte dabei keinen Unterschied zwischen den verschiedenen Glaubensbekenntnissen, sondern betonte, daß diese trotz aller Unterschiede auf den gleichen Grundlagen beruhen, die einer wissenschaftlichen bzw. einer vernünftigen Prüfung nicht standhalten könnten. ”The facts and laws of nature, which constitute the Moral Science of Man, demonstrate that all belief or mental convictions, and all physical feelings, are instincts of human nature, and form the will; it follows, that the fundamental dogmas of all religions have emanated from ignorance of the organization of man, and of the general laws of nature.”

Der Übergang von der Gesellschaft der Unvernunft zu eine Gesellschaft der Vernunft sollte sich Owen zufolge friedlich vollziehen. Auch wenn er bis zu seinem Tode eine Symbolfigur der Arbeiterbewegung war, so lehnte er klassenkämpferische Positionen ausdrücklich ab. Er sprach vielmehr von der Vereinigung aller Klassen, was zu einem Bruch mit Teilen der Arbeiterbewegung, darunter auch mit einstigen Anhängern Owens wie William Thompson und William Lovett, führte. Im Zusammenhang mit dem anzustrebenden gesellschaftlichen Idealzustand führte Owen den Begriff des Glücks auf und stellte sich so in die Tradition des Utilitarismus. Das von Jeremy Bentham formulierte Ziel der ”greatest hapiness of the greatest number” bildete durchgängig einen zentralen Bezugspunkt derOwenschen Gesellschaftstheorien. Die zukünftige Gesellschaft der Vernunft beschrieb Owen vielfach mit den üblichen ausschweifenden und pathetischen Formulierungen der damaligen Autoren. Wenn die Voraussetzungen geschaffen seien, in denen sich die Menschen, beziehungsweise. deren Charaktere frei entwickeln und entwickeln könnten, dann würde die menschliche Kultur das Millennium und damit eine in der Geschichte zuvor unbekannte Höhe erreichen. ”The second creation or regeneration of man will bring forth in him new combinations of his natural faculties, qualities, and power, which will imbue him with a new spirit, and create in him new feelings, thoughts, and conduct, the reverse of those which have been hitherto produced. This re-created or new-formed man will be enabled easily to subdue the earth, and make it an ever-varying paradise, the fit abode of highly intellectual moral beings, each of whom, for all practical purposes, will be the free possessor and delighted enjoyer of its whole extent; and that joy will be increased a thousand-fold, because all his fellow-beings will equally enjoy it with him.”

 

4. ROBERT OWEN UND DAS PROJEKT NEW LANARK

Der Zeitraum des Wirkens von Robert Owen in New Lanark umfaßte nahezu drei Jahrzehnte. Nach einer rasanten wirtschaftlichen Karriere setzte Owen dort im Rahmen einer Fabriksiedlung seine Vorstellungen einer reformierten Gesellschaft konkret um. Weltweite Aufmerksamkeit sicherten ihm nicht nur die vielfältigen neuartigen sozialen Einrichtungen, sondern insbesondere auch der Umstand, daß diese zur einer enormen Produktionssteigerung und zu höheren Gewinnen führten. Bei Betrachtung der Biographie Owens wird deutlich, daß schon Erlebnisse in der Kindheit sein späteres Denken und Handeln maßgeblich beeinflußten.

4.1 PRÄGENDE ERLEBNISSE IN DER KINDHEIT

Robert Owen wurde am 14. Mai 1771 in Newton im Norden von Wales geboren. Sein Vater war in unterschiedlichen Berufen wie Sattler, Eisenhändler und Postmeister tätig. Er erlernte das Lesen sehr früh, so daß er bereits mit sieben Jahren als Hilfskraft des Dorflehrers tätig war und dabei sein erstes Geld verdiente. In seinen unvollendeten Lebenserinnerungen, deren erster Teil 1857 erstmals veröffentlicht wurde, führte er mehrere Ereignisse auf, die in seiner Kindheit wichtige Weichen für seine spätere Entwicklung stellten. Der junge Owen interessierte sich sehr für Biographien und Reiseberichte, so daß er einen großen Teil seiner Zeit in den ihm zugänglichen Bibliotheken der ortsansässigen Lehrer und Pfarrer verbrachte. Dadurch kam er außerordentlich früh mit fremden Kulturen und Erfahrungen in Berührung, die weit über die alltäglichen Erlebnisse in Newton hinausgingen. Das Wissen über die Unterschiede von Menschen und Ländern bildete einen Grundstein für die weltoffene Toleranz, die ihn später auszeichnete. Im Alter von zehn Jahren begann er erste kurze Predigten zu schreiben, weshalb er im Dorf ”The little parson” genannt wurde. In dieser frühen Phase setzten jedoch bereits erste Zweifel an der Richtigkeit seines Glaubens ein, da er als Kind christlicher Eltern über die Verschiedenheit der religiösen Ausrichtungen und deren Absolutheitsansprüche verwundert war: ”I read and studied the books with great attention; but as I read religious works of all parties, I became surprised, first at the opposition between the different sects of Christians, afterwards at the deadly hatred between the Jews, Christians, Mahomedans, Hindoos, Chinese etc, etc, and between these and what they called Pagans and Infidels. The study of these contending faiths, and their deadly hatred to each other, began to create doubts in my mind respecting the truth of any of these divisions.”

Rückblickend beschrieb Owen ein prägendes Erlebnis das ihm den Charakter der Ehe offenbarte, an der er in seinen späteren Schriften fundamental Kritik übte. Sein Vetter und dessen Freundin wollten heiraten.Die Ehe kam aber aufgrund von Streitigkeiten wegen der Mitgift nicht zustande und die beiden Liebenden mußten sich trennen. So führte Owen zufolge das Besitzdenken der beteiligten Parteien zur Auflösung der Liebesbeziehung. Im Zusammenhang mit seinem Verhältnis zum allgemeinen Konkurrenz- und Wettbewerbsprinzips führte Owen ein Erlebnis mit seinem Bruder auf. Es sollte geprüft werden wer von beiden besser schreiben konnte. Obwohl keine nennenswerten Unterschiede bestanden, entschied man sich für den allgemein beliebteren Robert, was dieser als sehr ungerecht empfand. Die Persönlichkeitsbildung Robert Owens wurde von seinen Eltern entscheident mitgeprägt, indem sie ihm schon früh Verantwortung übertrugen und ihn bei Entscheidungen um Rat fragten. Das herrschende autoritäre Verhältnis von Eltern zu Kindern wurde durchbrochen und Robert zum selbstständigen und kritischen Denken angeregt.

4.2 DER WIRTSCHAFTLICHE AUFSTIEG

Im frühen Alter von zehn Jahren kam Owen nach London, wo ihm Freunde eine Lehrstelle in einem angesehenen Kleidergeschäft vermittelten. Seine freie Zeit verbrachte er zu großen Teilen mit seiner damaligen Lieblingsbeschäftigung dem Lesen: ”I read upon five hours a day. In summer and as long as the weather permitted, my chief pleasure was to go early into the park to walk, read, think, and study, in those noble avenues which were then numerous in it. I had transcribed many of Seneca”s moral precepts into a book which I kept in my pocket; to ponder over them in the park was one of my pleasurable occupations. (...)”

Seine zweite Anstellung erhielt Owen in einem Warenhaus in dem er täglich bis zu achtzehn Stunden arbeiten mußte und dementsprechend keine Zeit mehr hatte um sich seinen geistigen Interessen zu widmen. In dieser Phase seines Lebens wurde er direkt mit den Bedingungen und Konsequenzen der Kinder- und Jugendarbeit konfrontiert, die in seinen späteren Schriften immer wieder verurteilte. 1787 verließ Owen London und ging nach Manchester, wo er in einem Geschäft für Haushaltswaren den Verkauf so erfolgreich leitete, daß ihm der Besitzer eine Teilhaberschaft anbot. Da sich der achtzehnjährige Owen jedoch in seinem Handlungsspielraum eingeschränkt sah, lehnte er das Angebot ab und gründete stattdessen mit einem Kompagnon eine Fabrik im Bereich der Baumwollverarbeitung. Das Investitionskapital für die modernen Maschinen lieh er sich von seinem Bruder.

Nach einer wechselhaften Anfangsphase gelang es ihm das Unternehmen zu etablieren. Die Größe des Unternehmens wuchs beständig, so daß er bald vierzig Arbeiter beschäftigte. Schon wenige Monate nach der Gründung der Firma verkaufte er seine Anteile jedoch wieder und investierte in ein Gebäude,welches er teilweise für ein neu gegründetes Fabrikunternehmen nutzte. Auf Grund der in dieser Zeit explosiv wachsenden Nachfrage nach Baumwollerzeugnissen konnte Owen seine Produkte zu hohen Preisen verkaufen und die Gewinne in die Erweiterung seines Unternehmens und den Kauf moderner Maschinen investieren. Vor diesem Hintergrund stellte er sich 1791 dem Unternehmer Peter Drinkwater vor, der in Manchester die erste mechanische Feinbaumwollspinnerei gegründet hatte und zu den erfolgreichsten Unternehmern seine Zeit gehörte. Ungefragt bot sich der damals erst zwanzigjährige Owen Drinkwater als Geschäftsführer an, welcher ihn nach Überprüfung der bisher erbrachten geschäftlichen Leistungen einstellte, so daß Owen nun fünfhundert Arbeiter leitete.

Als Leiter von fünfhundert Arbeitern führte Owen das Unternehmen zu Rekordgewinnen obwohl er sich der in Unternehmerkreisen gängigen Auffassung widersetzte, die Arbeiter bis zur Grenze ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit auszulasten. Die in Folge vergleichsweise humanen Arbeitsbedingungen stießen schon zu diesem frühen Zeitpunkt auf viel Beachtung. Um sich die Dienste Owens langfristig zu sichern, zahlte ihm Drinkwater ein hohes Gehalt, das sich jährlich steigerte. Zudem wurde ihm eine zukünftige Teilhaberschaft zugesichert.. Da der Schwiegersohn jedoch darauf bestand, daß die Spinnerei ungeteilt im Familienbesitz bleibt, mußte Owen nach der Heirat von Drinkwaters Tochter von der Teilhaberschaft absehen. Auf die ihm angebotene Entschädigung verzichtete er aus Dankbarkeit gegenüber Drinkwater. Owen war inzwischen so wohlhabend, daß er bald darauf einen eigenen Betrieb im Baumwollgeschäft eröffnete. Auf Grund seines guten Leumundes und seiner Geschäftsverbindungen etablierte sich auch dieses Unternehmen schnell und erwirtschaftete beträchtliche Gewinne. Das kaufmännische Talent Owens in Verbindung mit dem rasanten wirtschaftlichen Aufschwung hatten dazu geführt, daß Owen innerhalb weniger Jahre zu einem der erfolgreichsten Unternehmer Manchesters aufgestiegen war.

4.3 DIE PRIVATE ENTWICKLUNG ROBERT OWENS

Obwohl Owen trotz seines jungen Alters anerkannt war und sein kaufmännischer Erfolg außer Zweifel stand, bedrückte ihn eine tiefe Unzufriedenheit mit seinem schüchternen Auftreten und seiner vermeindlich lückenhaften Bildung. Hierbei wird der ausgeprägte Ehrgeiz Owens deutlich, der sich nie mit dem Mittelmaß· zufrieden gab. Er strebte in allen Bereichen nach dem Höchsten, wobei er von dieser Position aus in späteren Jahren immer wieder in völliger Selbstlosigkeit bereit war, zu geben was er besaß um seinem Ideal einer gerechten Gesellschaft näher zu kommen.

Owen widmete sich zu dieser Zeit dem Studium der Literatur und wurde Mitglied in einigen kleinen Vereinigungen, die sich der Diskussion über philosophische, literarische und wissenschaftliche Themen widmeten. In diesen Zirkeln hielt er auch seine ersten Vorträge, die sich noch sehr allgemein mit dem Nutzen der Tugenden oder dem Ursprung der Meinungen beschäftigten.

Beispielhaft für die geistige Entwicklung, die Owen in dieser Zeit durchlebte, war die völlige Abkehr von der Religion. Zuvor hatte er sich trotz verschiedener Zweifel noch zum Christentum bekannt, nun aber brach er mit dem Glauben seiner Jugend ”It was with the greatest reluctance, and after long contests in my mind, that I was compelled to abandon my first and deep rooted impressions in favour of Christianity, - but being obliged to give up my faith in this sect, I was at the same time compelled to reject all others, for I had discovered that all I had been based on the same absurd imagination, ”that each one formed his own qualities and was responsible for them to God and his fellowmen.” My own reflections compelled me to come to different conclusions. My reason taught me that Nature gave the qualities an Society directed them. (...)”

4.4 DIE FABRIKSIEDLUNG NEW LANARK

In den letzten Jahren vor der Wende zum 19. Jahrhundert reiste Owen mehrfach nach Schottland um dort Geschäftspartner zu treffen. Bei einem Aufenthalt in Glasgow lernte er Caroline Dale, die Tochter des Baumwollfabrikanten David Dale, kennen und begann sich daraufhin für dessen Spinerei zu interessieren. David Dale gehörte zu dieser Zeit zu den angesehensten Persönlichkeiten Schottlands. Er war bekannt als Prediger, Bankdirektor und Besitzer der Baumwollspinnereien von New Lanark in der Nähe von Glasgow. 1782 hatte er in der Nähe der Kleinstadt Old Lanark unter Nutzung der Wasserkraft eines benachbarten Flusses mit dem Aufbau von Spinnereien und einer Siedlung für die Arbeiter begonnen.

In Bezug auf die Wirtschaftlichkeit gehörte das Unternehmen über Jahre hinweg zu den erfolgreichsten Schottlands. Als Owen zu ersten Besuchen nach New Lanark kam litt es jedoch unter großen internen Problemen, die für Betriebe dieser Art charakteristisch waren. In der Fabriksiedlung waren von Seiten der Arbeiter Diebstahl und Vandalismus genauso alltäglich wie Alkoholismus und Disziplinlosigkeit:. ”It may with truth be said, that at this period they possessed almost all the vices and very few of the virtues of a social community. Theft and the receipt of stolen goods was their trade, idleness and drunkenness their habit, falsehood and deception their garb, dissensions, civil and religious, their daily practice; they united only in a zealous systematic opposition to their employers.”

Die meisten Arbeiter New Lanarks stammten aus der unüberschaubaren Masse umherziehender Menschen, die durch die wirtschaftlichen Veränderungen ihrer Zeit arbeitslos geworden waren. Daneben wurden Kinder aus den zahlreichen Waisenhäusern der Umgebung als billige Arbeitskräfte eingesetzt. Anfang 1799 unterbreitete Owen zusammen mit einigen Geschäftspartnern aus Manchester Dale das Angebot New Lanark zu kaufen. Dieser willigte nach anfänglichen Zögern ein, so daß im Sommer die Fabriksiedlung in den Besitz der neu gegründeten und von Owen geleiteten ”New Lanark Twist Company” überging. Im September des gleichen Jahres heirateten Robert Owen und Caroline Dale. Sie wohnten kurzzeitig in Manchester zogen dann aber nach New Lanark. Dort begann Owen sofort das Unternehmen und die dazu gehörende Siedlung nach seinen Vorstellungen umzugestalten: ”I entered upon the government of New Lanark about the first of January, 1800. I say ’government’, - for my intention was not to be a mere manager of cotton mills, as such mills were at this time generally managed; - but to introduce principles in the conduct of the people, which I had successfully commenced with the workpeople in Mr. Drinkwater’s factory; and to change the conditions of the people, who, I saw, were surrounded by circumstances having an injurious influence upon the character of the entire population of New Lanark.”

4.5 DIE VERÄNDERUNGEN DER ERSTEN JAHRE

Die etwa acht Jahre andauernde erste Phase seiner Bestrebungen die Fabriksiedlung nach seinen Vorstellungen umzuändern, galt der Verbesserung der grundlegenden Arbeits- und Lebensbedingungen. Owens Reformtätigkeiten wurden jedoch keineswegs durchgängig begrüßt, vielmehr mußte sich Owen mehrfach gegen seine Geschäftspartner, aber auch gegen das Mißtrauen der Arbeiterschaft durchsetzen. Zur Zeit der Übernahme durch Owen lebten rund 1.800 Menschen in New Lanark. Etwa ein Viertel der Bevölkerung waren Waisenkinder aus den Einrichtungen um Lanark. Owen trat schon zu diesem Zeitpunkt gegen die Kinderarbeit ein, einer Zielsetzung die später im Mittelpunkt seiner Gesetzesinitiativen stand. Er kündigte entsprechend die Verträge mit den Waisenhäusern und beschäftigte keine Kinder unter zehn Jahren. Einen weiteren Schwerpunkt seiner Bestrebungen sah Owen in der Verbesserung der Wohnungssituation. Owen ließ die Siedlungshäuser renovieren und erweitern, wodurch die einzelnen Familien einen größeren Wohnraum erhielten.

New Lanark hatte wie die meisten Sieldungen, die in der unmittelbaren Nähe der Fabriken entstanden, keinerlei Kanalisation, so daß sich der Unrat vor oder hinter den Häusern sammelte. Zunächst ließ Owen, um diesen Zuständen entgegenzutreten, die großen Kothaufen, die sich vor den Häusern befanden entfernen und stellte deren Erneuerung unter Strafe. Seine Bestrebungen die Bewohner auch zur Hygiene und Ordnung innerhalb ihrer Wohnungen anzuhalten wurden jedoch als Eingriff in die Privatsphäre verstanden und stießen lange auf Widerstand. Innerhalb des Fabrikbereiches führte Owen Maschinen ein die dem neuesten Stand der damaligen Technik entsprachen. Die Arbeitsleistung steigerte Owen zudem durch ein Bewertungssystem. Über dem Arbeitsplatz eines jeden Arbeiters war ein drehbares Holzstück angebracht, der sogenannte ”Silent Monitor”, welcher durch unterschiedliche Farben die Arbeitsleistung der Arbeiter in Kategorien von schlecht bis gut einteilte. Die Arbeiter wurden so einem sozialen Druck ausgesetzt, der zu einer beträchtlichen Steigerung der Produktivität führte. Die Arbeitszeit selbst lag mit zehneinhalb Stunden bei zwei Pausen weit unter den gängigen Normen, die zum Teil bei vierzehn bis siebzehn Stunden täglich lagen. Der Lohn lag etwas über dem englischen Durchschnitt, wobei gleichzeitig die Lebenshaltungskosten in New Lanark weit unterhalb des Landesdurchschnittes einzuordnen waren.

Die Diebstähle innerhalb der Fabrikeinrichtungen unterband Owen nicht wie ansonsten üblich durch drakonische Strafmaßnahmen, die den damals geltenden Gesetzesbestimmungen entsprechend bis zur Verhängung der Todesstrafe reichten, sondern durch strikte Kontrollen aller Eingänge der Fabrikgebäude. Um dem weitverbreiteten Alkoholismus entgegen zu treten, wurden alle Wirtschaften geschlossen und durch Gemeinschaftsräume ersetzt, in denen kulturelle Veranstaltungen angeboten wurden und Alkohol nur noch eingeschränkt verkauft wurde. Zudem wurden Aufseher dazu aufgefordert die Namen von Betrunkenen weiterzureichen. Diese wurden zuerst mit Lohnabzügen und bei dreimaliger Wiederholung mit Entlassung bestraft. Weiterhin ließ Owen den außerehelichen Geschlechtsverkehr unter Strafe stellen. Damit sollte die Zahl der von den Eltern verstoßenen Kinder eingeschränkt werden. Die Strafe, die beiden Beteiligten gleichermaßen auferlegt wurde, bestand aus einer Geldstrafe die in einen Unterstützungsfond für Kranke und Bedürftige eingezahlt wurde.

Um die Versorgung der Bevölkerung zu sichern ließ Owen neue Geschäfte errichten, die erste Elemente der später von Owen propagierten Idee der Genossenschaftsläden enthielten. Durch den Großeinkauf qualitativ hochwertiger Waren wurde deren Grundpreis niedriger, worauf die Lebenshaltungskosten in New Lanark sanken. Um die Bevölkerung stärker in Entscheidungen einzubinden und ihre Verantwortung zu stärken, sowie um eine stärkere Identifikation mit dem Unternehmen und damit auch eine höhere Arbeitsleistung zu erreichen, führte Owen demokratische Strukturen ein. Die Bevölkerung New Lanarks wurde in einzelne Gruppen aufgeteilt, die jeweils durch Wahl einen Vertreter bestimmen sollten. Die Vertreter bildeten wiederum die sogenannte ”Jury”, die Vorschläge für Veränderungen machen konnte, aber auch für den allgemeinen Zustand der Siedlung verantwortlich war.

Trotz dieser schrittweise realisierten Initiativen bestand lange ein Mißtrauen der Arbeiterschaft gegenüber Owen. Dieses wurzelte weniger in der Persönlichkeit Owens als in der Ablehnung Owens in seiner Position als Fabrikbesitzer und damit auch als nahezu uneingeschränkter Herrscher über die Bewohner New Lanarks. Daran änderten auch die Gespräche nichts, die Owen mit einigen ausgewählten Arbeitern führte, um sie von der Richtigkeit seines Weges zu überzeugen. Erst als es zeitweise zu einer Ausfuhrsperre für die von Owen benötigte amerikanische Rohwolle kam, änderte sich dieser Zustand. Owen ließ die Produktion in Teilen des Unternehmens deswegen einstellen, zahlte aber für die Instandhaltung der Fabrik weiter den vollen Lohn. In einer unübersehbaren Deutlichkeit unterstrich Owen damit, daß sein vorrangiges Interesse nicht die Profitorientierung war, sondern das Wohlergehen aller Menschen die in der Siedlung lebten und arbeiteten. ”The principles, applied to the community at New Lanark, at first under many of the most discouraging circumstances, but persevered for sixteen years effected a complete change in the general character of the village... It may be truly stated, that they now constitute a very improved society; that their worst habits are gone, and that minor ones will soon disappear under a continuance of the application of the same principles that during the period mentioned, scarcely a legal punishment has been inflicted, or an application been made for parish funds by any individual among them.”

4.6 DIE ETABLIERUNG DES REFORMMODELLS

Mit der Verbesserung der Arbeits- und Lebensbedingungen hatte Owen die Grundlagen für seine weiterreichenden Bestrebungen hinsichtlich eines neuartigen Schulmodells in New Lanark geschaffen. Als ersten Schritt plante Owen die Errichtung eines Gebäudes in welchem verschiedene gemeinschaftliche Einrichtungen Platz haben sollten. Der Plan stieß auf den Widerstand einiger Teilhaber, die eine derartige Ausgabe als Verschwendung ansahen. Owen argumentierte dagegen, daß derartige Einrichtungen langfristig die Produktion und damit auch die Profitrate steigert. Als deutlich wurde, daß sich die beiden Positionen kompromißlos gegenüber standen, erklärte sich Owen dazu bereit die Teilhaber mit einer Summe auszuzahlen, die weit über dem einstigen Kaufpreis lag.

Doch auch die Auswahl neuer Teilhaber erwies sich als äußerst unglücklich. Nachdem anfangs Einvernehmen geherrscht hatte, kam es schnell zu Unstimmigkeiten. Die neuen Teilhaber kritisierten zu hohen Löhne und stellten sich gegen den Ausbau sozialer Einrichtungen in der Siedlung und damit auch gegen das Schulprojekt.
Nach einer Eskalation der Streitigkeiten beschloß die Mehrheit der Teilhaber 1813 die komplette Fabriksiedlung zu versteigern um einen größtmöglichen Gewinn zu erzielen. Owen gelang es jedoch auf Grund seines herausragenden Rufes einige wohlhabende Persönlichkeiten, darunter Jeremy Bentham, zu veranlassen ihn finanziell zu unterstützen. Auf diesem Wege gelang es Owen genügend Kapital zu sammeln um bei der Versteigerung alle anderen Bewerber zu überbieten.

Die neuen Teilhaber gaben Owen nun die Freiheiten und die Rückendeckung die er zur Durchführung seiner Projekte benötigte. Gleichzeitig erklärten sie sich damit einverstanden, daß ein beträchtlicher Teil des in New Lanark erwirtschafteten Gewinns zum Wohle der Bevölkerung eingesetzt wurde. Dadurch kam es innerhalb weniger Jahre zu einer Hebung das Lebensniveaus in New Lanark in dem die Wohnhäuser vergrößert, renoviert und zum Teil mit Heizungen ausgestattet wurden. Zahlreiche öffentliche Einrichtungen wie ein riesiger Speisesaal, eine Bibliothek und eine Veranstaltungshalle wurden eröffnet und vielfältig genutzt. Zudem kam es zur Einrichtung einer auf wöchentlichen Beiträgen der Arbeiter basierenden Alters- und Krankenversicherung. Owen selbst wuchs in dieser Zeit immer mehr in die Rolle des allmächtigen paternalistischen Übervaters hinein, der die Bewohner New Lanarks wie seine Kinder beschützte, versorgte und sie zu selbstständigen Menschen erziehen wollte.

Zahlreiche Besucher aus ganz Europa und Nordamerika, darunter Könige und Staatsführer wie auch Wissenschaftler und Sozialreformer, besuchten in dieser Zeit New Lanark. Der Ruf New Lanarks als einzigartige soziale und wirtschaftliche Modellsiedlung machte Robert Owen zu einer über Staatsgrenzen hinweg anerkannten Persönlichkeit. Seine Vorstellungen und seine praktischen Erfahrungen in New Lanark faßte Owen in seiner ersten großen Schrift ”A New View of Society; or, Essays on the Principle of the Formation of the Human Character, and the Application of the Principle to Practice” zusammen, die in den Jahren 1813 bis 1816 entstand. Noch vor seiner Veröffentlichung versandte Owen den Text an politisch und wirtschaftlich einflußreiche Persönlichkeiten. Seine Hoffnung, daß das Beispiel von New Lanark sie zu einer Änderung ihrer Politik bewegen würde, stellte sich jedoch schnell als naiver Glaube an das Gute im Menschen heraus.

Erneut wurde Owen von anderen Geschäftsleuten der baldige Ruin prophezeit, doch auch in dieser Phase gelang es Owen in New Lanark hohe wirtschaftliche Gewinne zu erzielen. Drei wesentliche Faktoren waren hierfür verantwortlich: Die anhaltende Konjunktur der Baumwollwirtschaft, die hohe Leistungsbereitschaft der Arbeiter, die sich weitgehend mit dem Unternehmen identifizierten, und die unternehmerischen Fähigkeiten Owens.

Owen verstand es über seine guten Geschäftsbeziehungen und das fachliche Wissen hinausgehend immer wieder Strukturen zu schaffen, die den Produktions- und Verwaltungsprozeß entscheidend verbesserten. So war ihm beispielsweise eine Gruppe von Verwaltern unterstellt, zu deren Tätigkeiten auch die Verbreitung seiner sittlichen und gesellschaftlichen Vorstellungen gehörte. Owen widmete diesen Verwaltern viel Zeit und gewährte ihnen einen großen Entscheidungsspielraum bei anfallenden Problemen. Es entstand dadurch eine Gruppe von Angestellten denen Owen in den Phasen längerer Reisen ohne Befürchtungen die unternehmerische Verantwortung übertragen konnte.

Auch in Bezug auf seine Kunden war das Verhalten Owens von einer ungewöhnlichen Fairneß geprägt. Während es sonst üblich war jede Marktveränderung sofort im eigenen Interesse auszunutzen, informierte Owen seine Kunden umgehend von größeren Preisschwankungen. Er baute dadurch eine Vertrauensbasis auf, was zu lang anhaltenden geschäftlichen Beziehungen führte und Owen gleichzeitig beständig neue Kunden sicherte.

4.7 DIE SCHULE DER CHARAKTERBILDUNG

Die veränderten Besitzverhältnisse ermöglichten es Owen seine Vorstellungen eines neuen Schulsystems in New Lanark umzusetzen. Die 1816 eröffnete Schule erhielt ganz im Sinne von Owens Schriften den Titel ”Institution for the Formation of Character”. ”This institution, when all its parts shall be completed, is intended to produce permanently beneficial effects; and, instead of longer applying temporary expedients for correcting some of your most prominent external habits, to effect a complete and thorough improvement in the internal as well as external character of the whole village. For this propose the institution has been devised to afford the means of receiving your children at an early age, as soon as they can walk.”

Schon in Manchester hatte sich Owen mit dem Erziehungswesen auseinander gesetzt, später unterstützte er die Bestrebungen von Andrew Bell und Joseph Lancester ein Volksschulsystem in England einzuführen. Auch wenn er die beiden finanziell förderte, so kritisierte er die religiöse Ausrichtung Bells und die auf Repression basierenden Elemente des Erziehungssystems von Lancester. Darüber hinaus setzte Owen das Alter in dem die gesellschaftliche Erziehung einsetzen muß mit achtzehn Monaten weitaus niedriger an als Bell und Lancester.

Den Ausgangspunkt für Owens pädagogische Überlegungen bildete die Vorstellung von der Bildung des Charakters durch die umgebenden Umstände. Da die Eltern durch die Gesellschaft geprägt sind und in der Regel kaum Wissen bezüglich der Erziehung von Kindern besitzen, werden sie ihre Kinder in dem gleichen negativen Sinne prägen wie sie selbst geprägt wurden. Um die Kinder dagegen im Sinne von Werten wie Gleichheit, Gemeinschaftlichkeit und Gerechtigkeit zu erziehen, ist es Owen zufolge notwendig sie schon im frühen Kindesalter einer gemeinschaftlichen Erziehung zuzuführen. ”By this means many of you, mothers and families, will be enabled to earn a better maintenance or support for their children; you will have less care and anxiety about them; while the children will be prevented from acquiring any bad habits, and gradually prepared to learn the best.”

Das zweistöckige Schulhaus bot Platz für rund 300 Schüler. Vor dem Haus befand sich ein großer Spielplatz, der den Kindern Möglichkeiten körperlicher Entfaltung bot, die von Owen immer wieder als äußerst wichtig beschrieben wurden. Aufgenommen wurden Kinder sobald sie das Laufen erlernt hatten. Als Erzieher wählte er junge Menschen aus der Siedlung, die zwar keine pädagogische Ausbildung besaßen, aber Owen durch ihre Kinderliebe aufgefallen waren. 1816 unterrichteten vierzehn Lehrer rund 270 Kinder, die ihrer Jahrhangsstufe entsprechend in einzelne Gruppen aufgeteilt waren.

Großer Wert wurde darauf gelegt, daß die Kinder nicht beschimpft und vor allem nicht geschlagen wurden, vielmehr sollte immer ein freundlicher und verständnisvoller Umgangston herrschen. An den Wänden in den Zimmer hingen Bilder von Tiere und Landkarten, welche die natürliche Wißbegierde der Kinder anregen und fördern sollten. Im Unterricht der ersten Jahre wurde der Schwerpunkt auf die Bereiche Naturwissenschaft und Geographie gelegt, wobei den Kindern ein Verständnis ihrer natürlichen Umwelt und gleichzeitig einen ersten Eindruck der kulturellen Vielfalt vermittelt werden sollte. Etwas später setzte das Erlernen des Lesens, Schreibens und Rechnens ein. Vermittelt wurden den Jungen zudem handwerkliche Fähigkeiten und militärische Kenntnisse, während den Mädchen Nähunterricht erteilt wurde. Um den Kinder eine große körperliche Bewegungsfreiheit zu ermöglichen wurde eine besondere gewandartige Schulkleidung entworfen. Einen Kompromiß ging Owen in Bezug auf den Religionsunterricht ein. Da einige der Teilhaber Quäker waren und die Mehrheit der Eltern Christen waren, lag ein Schwerpunkt in der Vermittlung christlicher Positionen, wobei anderen Bekenntnissen und allgemeinen Moralvorstellungen ebenfalls Raum gegeben wurde.

4.8 OWENS RÜCKZUG AUS NEW LANARK

Als Owen ab 1817 verstärkt in der Öffentlichkeit seine ablehnende Haltung gegenüber der Religion vertrat nahmen die Spannungen mit seinen Teilhabern zu. Zunehmend wurde nicht nur der Religionsunterricht kritisiert sondern unter anderem auch die Tanzveranstaltungen und die Turnübungen. Die Auseinandersetzung dauerten mehrere Jahre lang an und führten zu einerManifestation der gegensätzlichen Positionen. 1824 wurde Owen die Leitung über die Schule entzogen. Der neue Leiter gestaltete die Schule den herrschenen christlichen Vorstellungen entsprechend um. Innerhalb einer kurzen Zeitspanne verlor die Schule, ihren internationalen Modellcharakter und vollzog eine Annäherung an das konventionelle Schulsystem. Die Verwirklichung der Zielsetzungen die Owen in New Lanark angestrebt hatte war nun in eine unerreichbare Ferne gerückt. Die ”Institution for the Formation of Character” sollte den Grundstein für die Bildung einer neuen Gemeinschaft von Menschen bilden. Das Umschwenken in der Schulpolitik entsprach dagegen einem Rückfall in gesellschaftliche Strukturen deren Überwindung Owen angestrebt hatte.

Nachdem Owen sein für ihn wichtigstes Projekt genommen worden war, zog er sich aus New Lanark schrittweise zurück und widmete sich zunehmend anderen Projekten. Die Schule wie auch die Veränderungen, die er in New Lanark eingeleitet hatte, sah er dabei als praktischen Beweis seiner Lehre von der Beeinflussung durch die umgebenden Bedingungen. ”The experiment at New Lanark was the first commencement of practical measures with a view to change the fundamental principle on which society has heretofore been based from the beginning; and no experiment could be more successful in proving the truth of the principle that the character is formed for and not by the individual, and society now possesses the most ample means and power to well-form the character of every one, by reconstructing society on its true principle, and making it consistent with that fundamental principle in all its departments and divisions.”

In Folge der Trennung, die Owen 1828 endgültig vollzog, büßte New Lanark seine in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht führende Position ein. Viele der wegweisenden Einrichtungen, die Owen initiiert hatte, blieben zwar bestehen, es fehlte jedoch eine Persönlichkeit mit der Fähigkeit diese Einrichtungen weiterzuentwickeln. Im Rahmen der üblichen wirtschaftlichen Höhen und Tiefen existierte New Lanark als Wirtschaftsunternehmen bis in die zweite Hälfte dieses Jahrhunderts. Nachdem die Einrichtung zunehmend ihre Konkurrenzfähigkeit verlor wurde sie 1968 geschlossen. Die Nutzung der Wasserkraft durch die Mühlen, die bis zu diesem Zeitpunkt ein wesentliches Element der Produktion bildete, konnte mit den Möglichkeiten anderer Energiequellen nicht mehr standhalten. Gleichzeitig fehlten finanzielle Mittel für eine längst überfällige Modernisierung. In der Mitte der siebziger Jahre wurde vom zeitweise geplanten Abriß der Gebäude abgesehen. Stattdessen wurde ein neues Konzept entwickelt, welches die Renovierung der Wohngebäude, der touristischen Erschließung der Anlagen unddie Würdigung des Wirkens von Robert Owen in New Lanark beinhaltet.

 

5. DAS PROJEKT NEW HARMONY

In den Jahren 1825 bis 1827 versuchte Robert Owen seine Ideale im Rahmen des Siedlungsprojektes New Harmony umzusetzen. Nach anfänglichen Erfolgen scheiterte das Projekt auf Grund interner Probleme, zudem hatte Owen die Geschwindigkeit der Bewußtseinsveränderung der Beteiligten überschätzt. Zahlreiche Ideen und Projekte nahmen jedoch von dort ihren Ausgang und wirkten nachhaltig weiter.

5.1 DIE GRÜNDUNG

Zu Beginn der zwanziger Jahre des 19. Jahrhunderts war Owen zunehmend von den Entwicklungen in England enttäuscht. Trotz seiner sozialen und politischen Initiativen, seinen zahllosen Vorträgen und Schriften waren weder die Regierung noch die Fabrikbesitzer bereit auf seine Vorstellungen einzugehen und wirkliche Veränderungen einzuleiten um die Situation der arbeitenden Bevölkerung grundlegend zu verbessern. Zudem wurde ihm auf Grund seiner religionsfeindlichen Einstellung in England zunehmend Widerstand entgegengebracht. So wuchs in ihm die Absicht seine Ideale am konkreten Beispiel einer kooperativen Gemeinschaft umzusetzen. Owen hatte zu diesem Zeitpunkt bereits eine grundlegende Wende vollzogen. Längst reichte es ihm nicht mehr nur Verbesserungen für die Arbeiter einzuleiten und deren Not zu lindern, vielmehr wollte er nun eine von Grund auf anders ausgerichtete Gesellschaft aufbauen, die auf Werten wie völliger Gleichheit und Solidarität basiert.

Im Jahre 1824 erhielt Owen die Nachricht, daß die Siedlung Harmony im amerikanischen Bundesstaat Indiana zum Kauf frei sei. Innerhalb eines Jahrzehntes hatten dort die Anhänger des christlich-puritanischen Predigers George Rapp unter dessen Führung das Land kultiviert und ein funktionierendes Gemeinwesen aufgebaut, das wirtschaftlich autark existierte. Owen sah nun eine Gelegenheit aus den erstarrten Strukturen Englands auszubrechen und in Amerika einen neuen Anfang zu machen. Er ging davon aus, daß dort ein offeneres gesellschaftliches Klima herrschen würde und die sozialen Gegensätze noch nicht so ausgeprägt seien. Zusammen mit seinem Sohn Robert Dale reiste Owen in die USA, begutachtete die Siedlung und entschied sich zum Kauf. Vor der Übernahme unternahm er mehrere Vortragsreisen durch die Vereinigten Staaten in denen er seine Arbeit in England, seine Gesellschaftstheorie und seine Vorstellungen einer zukünftigen kooperativen Gemeinschaft vorstellte. Während dieser Vortragsreihe sprach er auch in Anwesenheit des damaligen amerikanischen Präsidenten John Adams, zahlreicher Abgeordneten und hoher Richtern im Washingtoner Parlamentsgebäude. Sein Ruf als einer der erfolgreichsten Unternehmer in England und vielbeachteter Sozialreformer führte dazu, daß er immer wieder begeistert empfangen wurde und seine Vorträge mit großer Aufmerksamkeit aufgenommen wurden.

5.2 DIE GESELLSCHAFT DES ÜBERGANGS

Owen beschrieb New Harmony als die Keimzelle einer weltweiten Veränderung, die sich von dort ausbreitend von Gemeinde zu Gemeinde, von Staat zu Staat, von Kontinent zu Kontinent ausbreiten würde. Sein Konzept sah für die Entwicklung New Harmonies zwei Phasen vor. Zu Beginn soll eine ”Preliminary Society” gegründet werden, eine Gesellschaft des Überganges, die etwa zwei bis drei Jahre lang existieren sollte. In dieser Zeit soll sich bei den Mitgliedern ein neues Bewußtsein bilden, welches sie dazu befähigt gemeinschaftlich zu leben und zu arbeiten. Gleichzeitig soll in dieser Phase ein selbstständiges Wirtschaftsleben aufgebaut werden, welches es der Gemeinschaft ermöglicht autark zu bestehen. Hierbei ist zu beachten, daß sich Owen kurz zuvor in Bezug auf das Siedlungsprojekt Orbistion noch gegen eine derartige Übergangsphase ausgesprochen hatte. ”It will enable me to form immediatly a preliminary society, in which to receive a new population, an to collect, prepare, and arrange the materials for erecting several such combinations, as the model represents, and of forming several independent, yet united associations, having common property, and one common interest.”

Dem Konzept zufolge lag die Leitung der Siedlung in dieser Anfangsphase in den Händen von Owen selbst, die demokratischen Mitspracherechte der Bewohner sollten jedoch beständig erweitert werden. Mitglieder die das Projekt schädigen und sich nicht gemeinschaftlich verhalten sollten ausgewiesen werden. Wenn die Zielsetzungen der ”Preliminary Society” realisiert sind, soll die zweite Phase eingeleitet werden, die einer kommunistischen Gemeinschaft entspricht in der Gleichberechtigung auf allen Gebieten vorherrscht. Alle Beteiligten haben dann die gleichen Rechte und die gleiche Pflichten; ein Prinzip, das für alle Bereichr des gemeinschaftlichen Lebens gelten soll.

Im April 1825 zogen rund achthundert Menschen nach New Harmony, um dort zu leben und zu arbeiten. In den folgenden Wochen kamen noch einmal zweihundert Menschen. Owen war von dem Zustrom an Menschen so überwältigt, daß er entgegen seiner Planung auf eine Selektion verzichtete und alle Interessierten unabhängig von ihrer sozialen und kulturellen Herkunft aufnahm. Entsprechend heterogen gestaltete sich die Zusammensetzung der Gemeinschaft. Idealistisch ausgerichteten Personen, stand eine Reihe von Personen gegenüber, die, wie sich später herausstellte, weniger von Owens gesellschaftlichen Ideen als vom Versprechen auf Wohlstand und Absicherung angezogen wurden. Als problematisch erwies sich weiterhin der Umstand, daß sich nur etwas mehr als hundert ausgebildete Arbeiter und Handwerker unter den Siedlern befanden. Die Finanzierung des Projektes übernahm Owen zu großen Teilen selbst. Mitglieder die Geld beisteuerten, erhielten die Zusicherung, daß sie es bei einem Austritt zurückerhalten würden. Diese Vereinbarung beinhaltete allerdings die Gefahr einer fehlenden Verbindlichkeit gegenüber dem Projekt und dem Gemeinbesitz. Die spätere Entwicklung zeigte, daß viele Siedler vorrangig um ihr Eigentum besorgt waren und mit dem Gemeinschaftsbesitz zum Teil verantwortungslos umgingen.

In seiner Gründungsrede vom 27.April 1825 stellte Owen die neue Gemeinschaft als ”Half-way House” dar, in dem noch zahlreiche Unterschiede zwischen den Bewohnern des Hauses bestünden. Die Überwindung dieser Unterschiede sei ein Prozeß, dessen Verwirklichung einen längeren Zeitraum in Anspruch nehme. Die Gemeinschaft befände sich jedoch auf der entscheidenden Etappe auf dem Weg von der unfreien zur freien Gesellschaft. Im Anschluß an die Gründungsrede verlas Owen die Verfassung der Präliminargesellschaft: ”The Preliminary Society is particularly formed to improve the character and condition of its own member, and to prepare them to become associates in Independent Communities, having common property. The sole object of this Communities will be to procure for all their Members the greatest amount of happiness, to secure it to them, and to transmit it to their children to the latest posterity... The Members of the Preliminary Society are all of the same rank, no artificial inequality being acknowledged; precedence to be given only to age and experience, and to those who may be chosen to offices of trust and utility.”

Bemerkenswerter Weise wurden in einem Absatz der Verfassung Farbige ausdrücklich von der Mitgliedschaft in New Harmony ausgeschlossen. Generell widersprach diese Position allerdings den Überzeugungen Owens, der in seinen Schriften ansonsten keine vergleichbaren Positionen vertrat. So kann nur vermutet werden, daß Owen hierbei ein Zugeständnis an die rassistische Grundhaltung großer Teile der amerikanischem Bevölkerung machte. In der zweiten Verfassung von New Harmony tauchte diese Passage nicht mehr auf.

Die Verfassung der Übergangsgesellschaft entsprach in Teilen der paternalistischen Grundhaltung Owens. Ausgehend von seiner Charakter-Theorie vom prägenden Einfluß der umgebenden Bedingungen, war er der Meinung, daß die Menschen noch nicht reif für eine wirklich gemeinschaftliche und auf völliger Selbstbestimmung fußenden Ordnung seien. Er selbst sah sich dabei in der Rolle des wegweisenden Übervaters, der die Bedingungen für die Bewußtseinsveränderung der Menschen schafft. Wurzelnd in Owens kritischer Haltung dem Strafsystem gegenüber wurde auf Strafmaßnahmen bei kriminellen Handlungen verzichtet. Die einzige Möglichkeit der Sanktion war der Ausschluß aus der Gemeinschaft. Owen hoffte, daß sich unter den veränderten Bedingungen die Verbrechensrate bald auf ein Minimum reduzieren würde. Während der Übergangsphase sollte ein Schiedsgericht eventuell auftretenden Streitigkeiten schlichten.

Schon in New Lanark erkannte Owen die weitreichende Bedeutung, die das kulturelle Leben für die Entwicklung einer Gesellschaft hat. Entsprechend wurden auch in New Harmony zahlreiche Veranstaltungen organisiert, zu denen Theaterveranstaltungen, Bälle und Vorträge gehörten. Die Kosten für die kulturellen Veranstaltungen und die gemeinschaftliche Erziehung der Kinder, wie auch die finanzielle Versorgung im Falle von Krankheit und die Altersabsicherung wurden von der Gemeinschaft getragen.

Für die 140 Kinder der Gemeinschaft wurde eine Schule errichtet, die an Owens Erfahrungen und den Lehren des Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi anknüpfte. Im Vordergrund stand die Erziehung der Kinder zu selbständig denkenden Menschen. Im Gegensatz zu herkömmlichen Schulen wurde sehr viel Wert auf einen möglichst anschaulichen, kindgemäßen und naturbezogenen Unterricht gelegt. Eine ausschließliche Erziehung durch die Eltern wurde abgelehnt, da die Kinder auf diesem Wege nicht in einem ausreichenden Maße zur Gemeinschaftlichkeit erzogen würden. Entsprechend verbrachten die Kinder ab dem Alter von drei Jahren ihre Tage in der Kleinkinderschule und waren nur Abends und Nachts bei ihren Eltern, die dadurch der Sorge um die Betreuung während dr arbeitszeit enthoben waren. Völlig untypisch für die damalige Zeit war die koedukative Erziehung von Mädchen und Jungen. Diese Erziehung sollte die gleichberechtigten Stellung von Frauen und Männern in der Gemeinschaft fördern. Im Zuge der Gleichberechtigung hatten auch Frauen in New Harmony das Wahlrecht. Beispielhaft war zudem die Abschaffung der Ehegesetze, die Frau materiell an Mann banden.

Auch für die Erwachsenen wurden zahlreiche Bildungsmöglichkeiten angeboten. Zudem wurde eine Bibliothek eingerichtet, die als erste öffentliche Bibliothek in die Geschichte der Vereinigten Staaten einging. Theoretische Diskussionen und Auseinandersetzungen wurden in der “New Harmony Gazette“ geführt, die von Robert Dale Owen und Frances Wright geleitet wurde. Das Motto der Zeitung lautete ”If we cannot reconcile all opinions, let us endeavor to unite all hearts.” Einmal in der Woche fanden Gesamtversammlungen statt in denen die Arbeit des Komitees vorgestellt und diskutiert wurde. Ebenfalls einmal in der Woche trafen sich die Leiter verschiedener Arbeitsbereiche mit dem Komitee und besprachen Abläufe und Probleme im Arbeitsbereich.

1825 kam Owen wieder in Begleitung von etwa vierzig Personen, darunter bedeutende Wissenschaftler der Zeit nach New Harmony zurück. Das Schiff mit dem sie einen Großteil der Strecke zurücklegten wurde dementsprechend als ”Boatload of Knowledge” bezeichnet. Zu den bedeutenden Wissenschaftlern die nach New Harmony kamen gehörte William Malcure, der spätere Begründer der Akademie der Naturwissenschaften in Philadelphia, welcher New Harmony zum Teil mit finanziert und bald eine leitende Rolle einnahm. Zudem kamen Thomas Say der als Vater der amerikanische Zoologie gilt, die französischen Naturwissenschaftler Charles Alexandre Lesseur und Constantine Rafinesque, sowie der Pädagoge Josef Neff. Zu erwähnen ist zudem Frances Wright, die in England bei Jeremy Bentham aufwuchs und später in die Vereinigten Staaten übersiedelte. Sie gehörte zu ersten Mitgliedern von New Harmony, und wurde später zur bedeutendsten Frauenrechtlerin ihrer Zeit, die zudem eine wichtige Rolle in der politischen Auseinandersetzung für die Abschaffung der Sklaverei einnahm. Nach dem Niedergang von New Harmony gründete sie die Siedlung Nashoba in der auch freigekaufte Sklaven lebten.

5.3 DIE GEMEINSCHAFT DER GLEICHHEIT

Die Anfangsphase verlief euphorisch. Der Arbeitseinsatz der Mitglieder war immens und das Gemeinschaftsgefühl unter den Bewohnern schien derart ausgeprägt, daß Owen die Übergangsphase abbrach und auf Drängen der Gesamtversammlung entgegen seinen ursprünglichen Absichten schon am 5. Februar 1826 die ”New Harmony Community of Equality” ausrief. Die Entscheidung markierte den Übergang von einem idealistischen, aber realisierbaren Projekt zu einer unter den gegebenen Umständen unerreichbaren Utopie. Ein Komitee entwarf eine neue Verfassung, die das größte Glück aller Beteiligten als das Ziel der Gemeinschaft der Gleichen definiert. Ihr zufolge haben alle erwachsenen Mitglieder der Gemeinschaft die gleichen Rechte und Pflichten. Die Grundsätze faßten die wichtigsten Elemente der Theorie Owens zusammen: das utilitaristische Ziel des kollektiven Glücks, das Gleichheitsprinzip, die Milieutheorie bzw. die angestrebte positive Beeinflussung durch günstige Umstände, das Recht auf Meinungsfreiheit und die genossenschaftliche Produktionsweise.

Die Verfassung bestimmte eine Unterteilung der Siedlung in sechs ”Departements” die jeweils einen Vertreter wählten. Diese sechs Vertreter bildeten mit drei weiteren von allen Gemeinschaftsmitgliedern gewählten Vertretern einen Rat, der die grundlegenden Entscheidungen traf. Das Wahlalter betrug im Falle der Departements 16 Jahre und bei der allgemeinen Wahl 21 Jahre. In den wöchentlichen Gesamtversammlungen sollte der Rat über seine Arbeit berichten. Die Möglichkeit der Mitbestimmung in den Gesamtversammlungen führte zu endlosen, zum Teil sehr emotional geführten Diskussionen. Einen weiteren Schwachpunkt der neuen Verfassung bildete die gleiche Entlohnung aller Mitglieder für ihre Arbeit, ungeachtet des tatsächlichen Arbeitspensums und der Schwere der Arbeit. Zum ragen kam hierbei insbesondere, daß Entgegen der Position Owens der eine Auswahl der Mitglieder befürworte, die Gesamtversammlung beschloß alle bisherigen Mitglieder ungeachtet ihres bisher erbrachten Einsatzes für das Projekt zu übernehmen. Generell war die Organisation des wirtschaftlichen Bereichs völlig ungenügend entwickelt. Es bestand keine ausreichende Koordination, grundlegende Aufgaben wie die Verteilung der Arbeit und die Überprüfung ihrer Einhaltung, oder auch eine überschaubare Buchführung wurden völlig vernachlässigt.

Aufschlußreich in Bezug auf die Rolle Owens im Alltag New Harmonies ist eine Aufzeichnung des Graf Bernhard von Sachsen Weimar, der New Harmony 1826 besuchte Dieser beschrieb ein Gespräch mit einem eher unscheinbaren, kleinen und sehr schlicht gekleideten Mann, der sich erst im Nachhinein als Robert Owen offenbarte. Owen selbst genoß es nach eigenen Angaben sich mit einem dort gefertigten Gehrock zu bekleiden, der ihm auf Grund seines einfachen Aussehens in England nur Spott eingebracht hätte.

5.4 DER ZERFALL

Die Gesellschaft der Gleichheit existierte nur ein Jahr lang. Schon bald nach ihrer Ausrufung wurde klar, daß dies ein voreiliger Schritt gewesen war. Auch wenn in einigen Bereichen die Prinzipien der Gleichheit der Menschen beachtet und umgesetzt wurden, so kamen die egoistischen Grundhaltungen der Siedler doch immer wieder zum Ausdruck. Die Überwindung dieser durch Sozialisation erworbenen Grundhaltung, die sich vor allem in einem mangelnden Gemeinschafts- sowie Verbindlichkeitsgefühl äußerte,war innerhalb der „Half House“- Gesellschaft nicht realisiert worden. Die demokratischen Mitbestimmungsrechte aller Mitglieder führten weniger zu der von Owen angestrebten Kultur dgemeinschaftlicher Selbstbestimmung, als vielmehr zu ständig aufbrechenden destruktiven Streitigkeiten.

Der Produktionssbereich litt unter den unterschiedlichen Arbeitsauffassungen seiner Mitglieder. Immer wieder traten Differenzen zwischen Kopf- und Handarbeitern auf, die auf mangelnde Verbindlichkeit bei Vereinbarungen zurückzuführen waren. Wichtige Absprachen wurden nicht eingehalten, der Umgang mit dem Gemeinschaftseigentum aufgrund des mangelden Verantwortungsgefühl immer rücksichtsloser und es kam infolge der allgemein ansteigenden Disziplinlosigkeit zu vermehrten Diebstählen. Die wirtschaftliche Leistung, die notwendig gewesen wäre um die Existenzgrundlage einer rund tausend Personen großen Gemeinschaft zu sichern und gleichzeitig ein vielfältiges kulturelles Leben zu ermöglichen war dadurch nur begrenzt vorhanden. Die Gemeinschaft war auch weiterhin von den finanziellen Zuschüssen Owens abhängig und hatte das Ziel autark zu wirtschaften nicht realisiert. Einen weiteren Faktor für den zunehmenden Zerfall bildete die Fluktuation der Mitglieder. Von den Verheißungen Owens angezogen kamen viele neue Siedler, die allerdings das eigene Wohl über das der Gemeinschaft stellten. Andere Mitglieder gaben frustriert auf und verließen die Siedlung.

Die Unstimmigkeiten unter den Siedlern führen zur Abspaltung zweier Gruppen, die auf dem Gebiet um New Harmony mit Macluria und Feiba Peveli zwei neue Siedlungen gründeten. Die erste wurde von William Maclure geleitet, der sich im Streit von Owen getrennt hatte. Die zweite wurde von englischen Siedlern gegründet, die sich dem Alkoholverbot nicht unterwerfen wollten. Owen akzeptierte diese Abspaltungen unter der Bedingung, daß die Prinzipien der Gleichheit gültig und weiterhin enge Beziehungen zur Stammsiedlung New Harmony bestehen blieben. Die verbliebenen Siedler in New Harmony wie auch die Mitglieder von Feina Peveli schlossen sich nach kurzer Zeit wieder zusammen und stimmten für eine erneute Verfassungsänderung. Um der zunehmend chaotischen Entwicklung entgegen zu treten, strebten sie zurück zu einem autoritäreren Ordnungssystem. Daraufhin übernahm Owen als Vorsitzender eines fünfköpfigen Rates wieder die Leitung der Gemeinschaft.

Um weitere Abspaltungen zu verhindern wurde auf Antrag Owens eine dritte Verfassung beschlossen. Sie sah die Aufteilung in Berufssektionen vor, die weitgehend unabhängig voneinander funktionieren sollten. Während sich dieses System auf dem Wissenschafts- und Schulsektor erfolgreich bewährte, traten im Landwirtschafts-, sowie im Fabriksektor wieder die grundlegenden Probleme der Gemeinschaft auf. Im Mai 1827 verkündete Owen das Ende des Projektes. In seiner Abschiedsrede stellte er fest, daß die meisten Bewohner New Harmonies noch nicht reif für das Projekt gewesen waren. Vor seiner Abreise unterteilte Owen das Gebiet nocheinmal in zehn kleine Kolonien, die auf owenschen Prinzipien basierten. Doch auch sie brachen nach dem Weggang von Owen bald wieder zusammen. Das Land übertrug Owen einige Jahre später auf seine Söhne die in den Vereinigten Staaten verblieben.

Owen verlor durch das Experiment rund vierfünftel seines Vermögens. Charakteristisch für die Einstellungen Owens war trotz seines finanziellen Verlustes seine Überzeugung, daß sich die Erfahrungen trotzdem gelohnt haben. In den USA wurden in Folge noch einige andere Projekte aufgebaut, die auf den Grundideen von New Harmony bzw. von Owen basierten, darunter die „Yellow Springs Community“, die „Franklin Community“ und die „Nashoba Community“. Daneben entstanden weitere Gemeinschaftssiedlungen die sich in ihren Konzepten jedoch auf andere Staatskritiker bezogen. Zu nennen sind insbesondere die sogenannten Phalanxen, die auf den Vorstellungen des französischen Frühsozialisten Charles Fourier basierten. Auch in England und Irland kam es vor und nach New Harmony zur Gründung von vergleichbaren, durch die Theorien Owens angeregten Projekten wie ”Orbiston“ (1825-27) und ”Harmony Hall“ (1839-45).

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß für das Scheitern dieser Projekte im wesentlichen immer wieder zwei Faktoren verantwortlich waren, die auch in New Harmony zum Scheitern geführt haben. Im jedem Falle überschätzte Owen die Geschwindigkeit, in welcher sich eine Bewußtseinsveränderung hin zu sozialistischen, beziehungsweise kommunistischen Idealen vollziehen konnte. Weiterhin führte eine fehlende Auswahl der Gemeindemitglieder zu sehr heterogenen Gruppen, die mit gänzlich unterschiedichen Bedürfnissen in die Gemeinschaft eintraten und deren Vorstellungen vom Nutzen und der Zielsetzung des Projektes stark variierten. Der zweite wesentliche Grund für das Scheitern war das Fehlen einer materiellen Basis, da die Gemeinschaften aufgrund interner, struktureller und produktiver Unzulänglichkeiten nicht in der Lage waren ihre wirtschaftliche Existenz zu sichern. So mußten sie ständig bezuschußt werden, was nur über einen begrenzten Zeitraum möglich war.

5.5 DIE AUSWIRKUNGEN

Auch wenn das Projekt New Harmony nach zwei Jahren scheiterte, so hatte es doch beträchtliche Auswirkungen auf die Entwicklung der öffentlichen Einrichtungen in den Vereinigten Staaten. So gab New Harmony den Anstoß für Kindergärten,- und Krippen, Gewerbe- und koedukative Schulen und die erste öffentliche Bibliothek. New Harmony blieb auch nach der Auflösung der Gemeinschaft ein Zentrum für pädagogische Reformbestrebungen und wissenschaftliche Forschungstätigkeiten, die ihren Ausgang in der Zeit von New Harmony hatten.

Robert Dale Owen wurde später Mitglied der Regierung Indianas und bewirkte im Sinne der Ehegesetzte von New Harmony eine Reformierung des Eherechts und führte die allgemeine, unentgeltliche Schulpflicht ein. Zudem wurden in ganz Indiana öffentliche Bibliotheken eingerichtet. Robert Dale Owen hatte zusammen mit Frances Wright auch maßgeblichen Einfluß auf das Programm der demokratischen Partei, welche die Forderungen nach Gleichberechtigung der Frau und Abschaffung der Sklaverei in ihr Programm aufnahm.

 

6. OWEN UND DER FRÜHE SOZIALISMUS IN ENGLAND

In den späten zwanziger und frühen dreißiger Jahren des 18. Jahrhunderts erlebte die englischeArbeiterbewegung einen enormen Aufschwung. Mit den Genossenschaften und den Gewerkschaften schuf sie sich eigene Organisationformen. Am Beispiel der einzelnen Entwicklungsphasen der Organisationen wird der beträchtliche Einfluß Owens auf die Entwicklung theoretischer und praktischer Konzepte deutlich, erkennbar werden aber auch die Gegensätze zwischen ihm und anderen englischen Frühsozialisten.

6.1 DIE GENOSSENSCHAFTSBEWEGUNG

Die Entstehung der Genossenschaftsbewegung in den zwanziger Jahren des 19.Jahrhunderts ging zu einem wesentlichen Teil auf die Popularisierung der Theorien Owens zurück. Einen entscheidenden Einfluß hatten dabei Zeitungen wie der ”Economist”, der zu einem günstigen Verkaufspreis einer breiten Bevölkerung zugänglich war, sowie William Thompsons Inquiry into the Principles of the Distribution of Wealth (1824) und John Grays Lecture on Human Happiness (1825). Alexander Campell beschrieb 1831 die Ziele der Genossenschaften wie folgt: "These societies are generally composed of the working classes; and their capital, hold in small shares, payable in instalments, is to be applied to the following objects: - The purchasing at wholesale prices of such articles of daily consumption as the members require, and retailing out to them and others at the usual prices, adding all profits to stock for the further object of giving employment for members who may be either out of work or otherwise inefficiently employed, and thereby still increasing their capital to obtain their ultimate object. - The possession of the land, the erection of comfortable dwellings and asylums for the aged and infirm, and seminaries of learning for all, but more especially for the formation of superior character for their youths, upon the principles of the new society as propounded by Robert Owen."

Richard Pankhurst, der Biograph William Thompsons, stellte die hoffnungsvolle Begeisterung mit der sich viele Arbeiter der Genossenschaftsbewegung anschlossen dem System gegenüber, die sie überwinden wollten: "The Co-operators of Thompson’s day believed the good society could be brought about by a group of enthusiasts who would contract out of existing society, with all its degradations and immoralities, and demonstrate the benefits of a rationally constructed social organisation. In their plans it is possible to read the story of a sometimes conscious, sometimes subconscious, revolt from the immoralities, inhumanities, and drudgeris of the new industrial civilization, with its wretchedly insanitary dwellings and workshops, the evils of child labour, the callous neglect of the health of workers, the uncertainties of trade depression, and the cruelly prolonged hours of labour."

Einen entscheidenden quantitativen Aufschwung erhielt die Genossenschaftsbewegung am Ende der zwanziger Jahre. Nachdem in der Zeit von 1826 bis 1828 nur etwa ein Dutzend Genossenschaften gegründet wurden, stieg ihre Zahl bis 1830 auf über 300. 1832 bestanden etwa 500 Genossenschaften denen rund 20.000 Mitglieder angeschlossen waren. Viele Genossenschaften bestanden allerdings nur wenige Monate. Zu den Ursachen für das Scheitern gehörten vielfach mangelnde ökonomische Kenntnisse, sowie finanzielle Verluste bzw. Streitigkeiten über die Verteilung des Gewinnes. In ihrer Zielrichtung lassen sich drei Hauptrichtungen der englischen Genossenschaftsbewegung unterscheiden: Zu den Agitationseinrichtungen zählten einerseits die von Owen geführten messianischen Bildungsvereinigungen und Zeitschriften und andererseits die Zeitschriften und Bildungskurse, die mehr tagespolitische Bedürfnisse befriedigten. Die Genossenschaftsläden entstanden als Antwort auf die Absatzsorgen von Kleinproduzenten. Die Variante des Tauschbasars entstand außerdem aus dem Bedürfnis der später aufkommenden Produzentengenossenschaften. Die Produktionsgenossenschaften entstanden durch den Zusammenschluß wirtschaftlich bedrohter Handwerker, später auch aus dem scheinbar widersinnigen Anlaß des Geldmangels der Gewerkschaften.

6.2 OWEN UND DIE GENOSSENSCHAFTSBEWEGUNG

Anfang der zwanziger Jahre wurde ein Wandel in den Auffassungen und dem Vorgehen Robert Owens deutlich. Bis zu diesem Zeitpunkt wandte er sich mit seinen Bestrebungen in erster Linie an die einflußreiche Oberschicht. Mit dem ”Economist: A Periodical Paper Explanatory of the New System of Society projected by Robert Owen” initiierte er nun eine Wochenzeitung die sich mit einem niedrigen Verkaufspreis an die Arbeiterschaft wandte. Auch wenn die Lehre von der Bildung des Charakters die Grundlage der Ausführungen bildete, so lag die vorrangige Zielsetzung der Zeitung nicht in der weiteren Verbreitung dieser Theorie. Im Mittelpunkt standen vielmehr konkrete Bestrebungen die materielle Lage der Arbeiterschaft zu verbessern und so die Grundbedürfnisse wie gesunde Ernährung, menschenwürdige Unterkunft und angemessene Kleidung zu befriedigen. Um diese Ziele zu erreichen propagierte der ”Economist” die Gründung von Genossenschaften. In erste Linie sollten sie die Befriedigung der Grundbedürfnisse sichern und über einen gemeinsamen Bezug von qualitativ guten Waren im großen Maßstab zur Senkung der Lebenshaltungskosten ihrer Mitglieder beitragen. Darüber hinaus sollten die Genossenschaften zur Überwindung des Individualismus beitragen, der zur Vereinzelung der Menschen im Rahmen eines ständigen, vielfach existentiellen Konkurrenzkampfes führte.

6.3 DAS PROJEKT ORBISTON

Stark von Owen beeinflußt war die Gründung der genossenschaftlichen Siedlung Orbiston in Schottland im Jahre 1825. Abram Combe (1735-1827) und Archibald Hamilton (1793-1834), die beiden Begründer der Siedlung, traffen erstmals 1821 zusammen. Beeindruck von den Entwicklungn in New Lanark beschlossen sie ein kooperatives Projekt basierend auf den Theorien Owens aufzubauen. Beispielhaft für Hamiltons Haltung ist die folgende Ausführung: "In the towns the enormously rich jostles, yet insults, the wretched and poor: in short, man must learn the most difficult of all lessons, to distribute the wealth he has obtained for the benefit of all, instead of accumulating it, from age to age, for the advantage and happiness only of a few."

Owen selbst stand dem Projekt Orbiston skeptisch gegeüber. Er würdigte zwar den Idealismus der Beteiligten forderte aber den sofortigen Übergang in einen Zustand völliger Gleichberechtigung aller Beteiligten, während sich Combe und Hamilton für eine Übergangsphase aussprachen. "Owen maintained that the society from the very start should be conducted on the principles of absolute equality and community of property; each member who laboured to the best of his ability receiving food and clothing according to his needs. On the other Hand, Hamilton and Combe, no doubt profting by their former experience, held that, beginning as they were, with unequel forces of sect, race and social rank, independence must be securde before men could be equal. Through time equality would follow as a natural result. ‚Well, gentlemen,‘ said Owen after the discussion, ‚I have told you what ought to be done: you differ from me; carry out your plans."

Owen zog sich entsprechend aus dem Projekt zurück und stellte auch seine finanzielle Unterstützung ein. In Bezug auf die Einführung einer Übergangsphase näherte sich Owen allerdings später den Vorstellungen von Combe und Hamilton. So sprach Owen in New Harmony in diesem Zusammenhang von einem ”Half way house‘ und einer ”Preliminary Society”. Die rückblickenden Ausführungen in seiner Autobiographie zu Orbiston zeigen beispielhaft, trotz der Würdigung der Absichten der Beteiligten, die Überheblichkeit mit der Owens Projekten gegenüber trat, die nicht in ihrem ganzen Spektrum seinen Vorstellungen entsprachen: "Neither of these self-devoted men possessed practical knowledge equal to the task which they hastily and rashly undertook in my absence and without my knowledge. The building which they erected, and all their generell arrangements, were constructed to prevent their success, and upon my return from the United States I told them they could never succeed with such arrangements."

Der Aufbau der ”Orbiston Community” in Lanarkshire began 1825. Combe formulierte die Grundlegenden Zielsetzungen Orbistons wie folgt: "It is the wish of the community that all the individual members, male and female, shall be upon an equal footing, in point of privileges, with no other distinction than that which unavoidably attendes superior habits and ideas; and that in their united capacity they shall have the sole managment of their own affairs." Das Hauptgebäude diente ganz im Sinne Owens zur Unterbringung von Einrichtungen, die allen Gemeinschaftsmitgliedern zur Verfügung standen. Dazu gehörten eine große Küche, ein Saal, eine Bücherei und Aufenthaltsräume. Zahlreiche Betriebe wurden gegründet, in denen unter anderem Bücher, Kleider und Glasprodukte hergestellt wurden. Die Schule in Orbiston orientierte sich an den Erziehungsvorstellungen Owens und Pestalozzis. Die Kinder erhielten Unterricht in den Fächern Lesen, Rechnen, Zeichnen, Geschichte, Tanzen und Musik. Allerdings bestanden große Schwierigkeiten die Kinder von der Notwendigkeit des Schulbesuchs zu überzeugen. Schon bald nach der Gründung traten jedoch zahlreiche Probleme auf. Grundlegend waren ständige finanzielle Schwierigkeiten nachdem das vorhandene Startkapital bald aufgebracht war. Die meisten Werkstätten innerhalb des Projektes erwirtschafteten zwar Gewinne, sie konnten jedoch die hohen Ausgaben für die gemeinschaftlichen Leistungen, zu denen auch kostenlose Versorgung und Bekleidung gehörten, nicht aufbringen. Ein weiteres Problem war die schlechte Arbeitsmoral der Beteiligten. Die meisten Arbeiter waren strenge Unterweisungen gewohnt und kamen mit den Freiheiten in Orbiston, die ihnen ein weitgehend selbständiges Arbeiten ermöglichten, nur eingeschränkt zurecht.

Generell war ein kooperatives, gemeinschaftliches Bewußtsein bei vielen Beteiligten nur gering ausgeprägt. Die vorrangige Motivation vieler Arbeiter sich in Orbiston niederzulassen lag weniger im Bestreben ein gemeinschaftliches Siedlungsmodell zu unterstützen als darin, sich in Orbiston aufgrund von humaneren Arbeits- und Lebensbedingungen niederzulassen. Neben diesen materiellen und ideelen Schwierigkeiten litt das Projekt vor allem am schwindenden Einfluß der beiden Begründer, die beide erkrankt waren und sich deshalb nur eingeschränkt an der Entwicklung des Projektes beteiligen konnten. Nachdem Abram Combes 1827 verstarb und sich Hamilton krankheitsbedingt weitgehend zurückgezogen hatten setze ein rascher Zerfall ein. Auch verschiedene Rettungsmaßnahmen konnten diesen Prozeß nicht aufhalten. Die euphorische Resonanz die Orbiston trotz aller Probleme innerhalb der Genossenschaftsbewegung erhielt, wird an dem folgenden Auszug eines Briefes einer ”Lady” an das Co-operative Magazine im Dezember 1826 deutlich. In seiner pathetischen Ausdrucksweise ist er charakteristisch für viele Schriften seiner Zeit, er macht aber auch deutlich, daß schon Ansätze einer menschlicheren Gesellschaft zeitgenössischen Betrachtern geradezu paradisisch erschienen. "It is like another world... I have been at a meeting last night, and such mirth I never knew. There is dancing three times a week. Indeed there is nothing but pleasure, with the best of eating and drinking."

Bis zu seinem Tode war Combe von der Richtigkeit des eingeschlagenen Weges überzeugt. Er sah die auftretenden Probleme als zwangsläufige Begleiterscheinungen an, die aber die Vorteile der neuen Ordnung nicht überdecken können. "I have compared the effects of the old system with those of the new, and I have also compared and examined the character which both sytems have produced; and I am quite satisfield that the new system is much superior than the old. Under the old, we really see through a glass darkly, and know even as we are known. But under the new, a very short time makes us see face to face. This has been proved at Orbiston beyond the shadow of a doubt."

6.4 DIE ARBEITSTAUSCHBÖRSEN

Nachdem Owen in den Jahren 1825 bis 1828 seine gesellschaftspolitischen Aktivitäten auf New Harmony und das Projekt einer Siedlungsgemeinschaft in Mexiko konzentriert hatte, widmete er sich ab 1829 wieder verstärkt den Entwicklungen in England. Durch die vielbeachtete Rückkehr ihres Begründers erhielt die Genossenschaftsbewegung einen neuen Aufschwung. Owen selbst stand dem neuen Selbstbewußtsein der Arbeiterklasse, das sich gerade in den Genossenschaften ausdrückte, anfangs allerdings sehr skeptisch gegenüber. William Lovett schrieb dazu: "When Mr. Owen first came over from America he looked somewhat coolly on those ”Trading Associations”, and very candidly declared that mere buying and selling formed no part of his grand ”co-operative scheme”; but when he found that great numbers among them were disposed to entertain his views, he took them more on favour, and ultimativley took an active part among them."

Im Jahre 1832 initierte Owen mit den Arbeitstauschbörsen (”Labour Exchanges”) ein weiteres Projekt zur Annäherung an seine Ziele. John Gray hatte ein ähnliches Konzept entwickelt und beanspruchte die Urheberschaft des Modells der Tauschbörsen für sich, was jedoch von Owen zurückgewiesen wurde. Die Arbeitstauschbörsen sollten gleichermaßen die Situation der Arbeiter verbessern wie auch die Möglichkeit eines wirtschaftlichen Austauschprinzipes demonstrieren, das gerechter und effizienter als das kapitalistische arbeitete. "We shall abandon the present degrading and demoralizing mode of distributing wealth by the ordinary method in practice, of buying cheap and selling dear, through the medium of the common money of the old system of the world. Arrangements will be made, as speedily as possible, to effect an equitable exchange of labour for equal labour throughout society, by the intervention of the labour note, the most perfect money in all respects ever yet introduced into society."

Die Arbeitstauschbörsen basierten auf Arbeitswertbescheinigungen. In den Arbeitstauschbanken konnten die Arbeiter ihre Arbeitsprodukte abgegeben. Sie erhielten dafür Bescheinigungen auf denen ein Arbeitswert angegeben wurde, der sich nach der zur Erzeugung der Ware notwendigen Durchschnittsarbeitszeit richtete. Dieser Arbeitswert konnte gegen andere Produkte eingetauscht werden. Schnell traten jedoch Probleme bei der Bewertung der Arbeitszeiten auf. Zudem sammelten sich in der Bank, die aus dem Austausch keinen Gewinn zog, Waren an, die kaum gefragt waren, während andere Waren sofort vergriffen waren. Zudem rückten die erneut aufbrechenden kontroversen Auseinandersetzungen über die Position Owens zur Religion in den Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen den Beteiligten, so daß bereits 1834 alle Arbeitstauschbörsen wieder geschlossen wurden.

6.5 DER KONFLIKT ZWISCHEN THOMPSON UND OWEN

Zur führenden Persönlichkeit der Genossenschaftsbewegung wurde William Thompson, der sich stark von Owen beeinflußt sah und ihn wegen seinem bahnbrechenden Wirkens würdigte. Owen wiederum förderte Thompson, bis es zu zunehmenden Differenzen kam, die auf dem ”Third Co-operative Congress” (1832) eskalierten. In Anlehnung an Owen trat Thompson für die Gründung gemeinschaftlicher Projekte wie Genossenschaften ein, in denen die produzierten Güter allen Menschen zu Gute kommen sollten. In Bezug auf den Weg zur Umsetzung dieses Zieles unterschied sich Thompson jedoch wesentlich von Owen, da er jede Zusammenarbeit mit den Regierenden ablehnte und seine Ziele auch gegen deren Willen umsetzen wollte. Er propagierte die Selbstorganisation und Selbstbefreiung der Arbeiterschaft und stellte sich damit auch den paternalistischen Bestrebungen Owens und dessen Vorstellungen einer Klassenversöhnung entgegen.

Auch wenn die Gemeinsamkeiten in der theoretischen Konzeptionen Owens und Thompsons gegenüber den Unterschieden deutlich überwogen, so traten bald Differenzen in Bezug auf die praktische Politik der Genossenschaftsbewegung auf. Immer mehr Genossenschaftler orientierten sich stärker an Thompson als an Owen, da Thompson in seinen Forderungen radikaler und gleichzeitig hinsichtlich der Strukturen innerhalb der Bewegung demokratischer war. Zudem wurden die Konzepte von Thompson allgemein als praktikabler und realistischer eingeschätzt als die Owens; da Thompson sich stark mit den ökonomischen Strukturen innerhalb der Genossenschaften beschäftigte, ein Aspekt der in den Theorien Owens deutlich als Schwachpunkt anzusehen ist.

Die Auseinandersetzungen eskalierten auf dem ”Third Co-operative Congress” in London im April 1832. Dort kritisierte Owen den nicht anwesenden John Gray, dem er vorwarf Teile seiner Theorien übernommen zu haben. Thompson griff in Folge das Verhalten Owens an und entgegnete, daß Gray Owens Schriften zwar intensiv studiert habe, aber dennoch zu eigenen Vorstellungen gekommen sei. Weitergehend kritisierte Thompson Owens Vorstellungen der Arbeitertauschbörsen, die er für nicht praktikabel hielt, sowie Owens gemäßigte Haltung gegenüber der amtierenden Regierung. Im Gegenzug kritisierte Owen das Konzept Thompsons, der die allmähliche gesellschaftliche Veränderung durch kleine kooperative Gemeinschaften, die dem Bewußtseinsstand ihrer Mitglieder entsprechend organisiert sein sollten, propagierte. Owen forderte dagegen groß angelegte und dadurch wirtschaftlich konkurrenzfähigere Genossenschaftssiedlungen und die von Thompson abgelehnte Zusammenarbeit mit der Regierung. Pankhurst schrieb dazu: "Owen dwelt on the need for support from the Goverment, and to the general surprise he urged that ”those who had minds to reflect - and did reflect - must be aware” that the establishment of small communities such as Thompson suggested was not in the interests of the Movement. It was ”much easier” to establish things on a grander scale; Co-operators should ”come foward in a body” and ”compel the adoption of their system” by the Government ”complete and well organized in all parts”. Thompson at once replied that he could not see how to ”set about calling upon the Goverment to adopt the measures which the Co-operative Societies had in view”. Societies should not relax their efforts, but should exert themselves to the full."

In Bezug auf die Projekte in Orbiston und New Harmony führte Owen aus, daß es falsch sei zu behaupten, sie seien als kooperative Gemeinschaften gescheitert. Richtig sei vielmehr festzustellen, daß diese Projekte nie einen genossenschaftlichen Charakter gehabt hätten, da sich die Bewohner nicht exakt genug an seine Anweisungen gehalten hätten. Hierbei kam wieder der paternalistische Grundzug Owens deutlich zum Ausdruck. Auf Grund seiner langjährigen praktischen Erfahrungen führte Owen aus, daß er selbst die einzig geeignete Persönlichkeit sei, welche die Genossenschaftsbewegung führen und die entsprechenden wichtigen Entscheidungen treffen könne. Seine Angriffe Thompson gegenüber gipfelten in der Behauptung dieser wolle alle Ehen auflösen. Tatsächlich hatte Thompson zwar die Ehe scharf kritisierte und wollte die gesetzlichen Bestimmungen, er forderte aber keineswegs die Auflösung bestehender Ehen. Bei der entscheidenden Abstimmung hinsichtlich der zukünftigen Ausrichtung der Genossenschaftsbewegung setzte sich Thompson gegenüber Owen durch. Sein Konzept der kleinen genossenschaftlichen Projekte wurde durch die Verabschiedung einer entsprechenden Resolution zur Vorgabe für das weitere Vorgehen der Vereinigung. Auf dem ”Fourth Co-operative Congress” in Liverpool (1833) waren weder Owen noch der erkrankte Thompson anwesend, der bald darauf sterben sollte. Auch dieser Kongreß betonte noch einmal die Orientierung am Konzept Thompsons. Allerdings waren gegenüber dem vorherigen Kongreß keine nennenswerten Fortschritte bei der Realisierung der Ziele der Bewegung zu erkennen, da es nicht gelungen war, die notwendigen finanziellen Mittel aufzubringen.

6.6 DIE GEWERKSCHAFTSBEWEGUNG

Im Juni 1824 kam es zur Aufhebung des Verbots gewerkschaftlicher Zusammenschlüsse und in Folge zur Gründung von legalen gewerkschaftsähnlichen Organisationen. Zunächst waren diese auf einzelne Berufsgruppen beschränkt, schlossen sich dann aber zu umfassenderen Organisationen zusammen und standen vielfach in enger Verbindung zu den Genossenschaften. "The most significant feature of the years was the papid rise of Co-operative Societies and the directly entry of the Trade-Unions into Co-operative production. Most of these Societies were based directly upon or least very closely connected with the unions of their trades, amd many of them were actually indistinguishable from thes Unions, which took up production as a part of their Union activity."

Gegen Ende der zwanziger Jahre wurden die ersten landesweiten Gewerkschaften gegründet. Der von Owen stark beeinflußte Arbeiter John Doherty initiierte die ”Grand General Union of all the Operative Spinners” und kurz darauf die ”National Association for the Protection of Labour”. In der Folgezeit wurden rund 150 weitere gewerkschaftlichen Organisationen gebildet, die 1831 etwa 100.000 Mitglieder hatten. Die Gewerkschaftsbewegung machte es sich zur Aufgabe den Lebensstandard der Arbeiter zu verbessern. Zu einer zentralen Zielsetzungen wurde die Forderung Owens nach Einführung des Acht-Stunden-Tages.

Einen wesentlichen Einfluß auf die theoretische Konzeption der Gewerkschaftsbewegung hatte Thomas Hodgskin. Sein Beitrag zur Entwicklung der Arbeiterbewegung in den späten zwanziger Jahren lag nicht wie bei Gray und Thompson in der detaillierten Konzeption gemeinschaftlicher Organisationsformen sondern vielmehr in der Betonung der Arbeit als Grundlage des gesellschaftlichen Wohlstandes. Davon ausgehend begründete Hodgskin die zu dieser Zeit umstrittene Berechtigung eigenständige Organisationen zu bilden und Lohnerhöhungen einzufordern. "In all the debates on the law passed during the late sessions of Parliament, on account of the combinations of workmen, much stress is laid on the necessity of protecting capital. What capital performs is therefore a question of considerable impotance, which the author was, on this account, induced to examine. As the result of this exermination, it is his opinion that all the benefits attributed to capital arise from co-existing and skilled labour."

Hodgskin unterschied sich stark von Owen bzw. von Thompson und Gray indem er eine stärker individualistisch und antiautoritär ausgerichtete Position vertrat. In dieser Ausrichtung lassen sich Parallelen zu William Godwin ziehen, der nicht die Gemeinschaft sondern das einzelne Individuum in den Mittelpunkt seines Gesellschaftsmodells stellte.

6.7 DIE ”GRAND UNION”

Owen war zu Beginn der dreißiger Jahre zur herausragenden Symbolfigur der Arbeiterbewegung geworden. Eine Reihe seiner Zielsetzungen war von ihr aufgenommen worden: "Thus, in 1833, Owen was at the head of several distinct, but closely-related, movements commanding working-class enthusiasm and allegiance. The Owenite Societies, the Co-operative Stores, the ’Union Shops’ or producers’ societies, the Labour Exchanges, the Trade Unions, and the National Regeneration Society all looked to him for leadership. Owenism became the current gospel of the working-class leaders. The way was made ready for the union of all the movements into a single inclusive movement, seeking by united industrial action, to change the whole basis of society, and even to overthrow Capitalism and establish Socialism."

Das Hauptinteresse Owens zu Beginn der dreißiger Jahre galt der Vereinigung der Genossenschaften und der Gewerkschaften zu einer gemeinsamen übergreifenden Organisation. 1834 wurde dieses Ziel mit der Gründung der ”Grand National Consolidated Trades Union” verwirklicht, der sich innerhalb weniger Wochen rund 500.000 Arbeiter anschlossen. Regierung und Unternehmer reagierten mit repressiven Maßnahmen auf diesen neuen Zusammenschluß, der in seiner Größe und seinem umfassenden Anspruch eine neue Etappe der Arbeiterbewegung einleitete. Einen Höhepunkt erreichten die Repressionspolitik 1836 mit der Verurteilung von sechs Landarbeitern, die einzig auf Grund des Eides der beim Eintritt in die Gewerkschaft gesprochen wurde, jeweils zu einer siebenjähriger Haftstrafe verurteilt wurden. Owen stellte sich an die Spitze einer breiten Bewegung, die für die sofortige Aufhebung des Urteils eintrat. In ihr sah er sein Ideal verwirklicht, demzufolge das Einzelinteresse zugunsten gemeinschaftlichen Zielsetzungen zurücktritt. Es kam zur Sammlung von mehr als einer Million Unterschriften, sowie zu großen Demonstrationen in London an denen trotz gesetzlicher Verbote mehrere zehntausend Menschen teilnahmen. In Verhandlungen mit Regierungsvertreten erreichte Owen eine Zurückhaltung von Militär und Polizei, indem er den gewaltfreien Charakter der Demonstration zusicherte. Nachdem die Regierung zuerst jegliche Zugeständnisse verweigerte, beschloß sie 1836 die Inhaftierten freizulassen.

Zu diesem Zeitpunkt befand sich die Genossenschafts- und Gewerkschaftsbewegung bereits wieder in einem Prozeß des Zerfalls. Die Gründe hierfür lagen neben den Repressalien in internen Streitigkeiten über die Ausrichtung der Bewegung, aber auch in der Lebenssituation der Arbeiter selbst. Deren Kampf um die Sicherung der eigenen Existenz ließ eine gewerkschaftliche Arbeit zeitlich nicht zu. Daneben war das Bewußtsein der Arbeiter hinsichtlich der Notwendigkeit einer kontinuierlichen politischen Arbeit trotz der anfänglichen Euphorie nur begrenzt ausgeprägt. Im Falle der Genossenschaften kamen finanzielle Probleme hinzu, die im fehlenden Grundkapital, sowie in der mangelnden kaufmännische Ausbildung der Arbeiter wurzelten. Erst in der Mitte der vierziger Jahre kam es mit den ebenfalls von Owen beeinflußten ”Rochdale Pioneers” zu einem neuen Aufschwung der Genossenschaftsbewegung.

6.8 KLASSENVEREINIGUNG UND KLASSENKAMPF

Im Laufe der dreißiger Jahre entfernte sich Owen immer weiter von der Arbeiterbewegung. Der grundlegende Konflikt bildete Owens Vorstellung von der Vereinigung aller Klassen auf dem Weg zu einer freien Gesellschaft. Die radikaleren Strömungen innerhalb der Arbeiterbewegung stellten sich dieser Position entgegen. Ausgehend von der ihrer Meinung nach unversöhnlichen Gegensätzlichkeit von Ausgebeuteten und Ausbeutern propagierten sie den Klassenkampf. Charakteristisch war der Bruch Owens mit William Lovett, einem der wichtigsten Persönlichkeiten des Chartismus. Lovett war lange ein begeisterter Anhänger Owens sah dann aber Owens gemäßigte Positionen als einen Rückschritt an, der den Erfordernissen der Zeit nicht entsprach. Die Vorstellung, daß die Arbeiterklasse sich selbst befreien müsse und dazu auch in der Lage sei, wie sie beispielsweise von Thompson vertreten wurde, war Owen völlig fremd. Entsprechend seiner Charaktertheorie ging Owen davon aus, daß die gesellschaftlichen Umstände die Arbeiter derartig geprägt hätten, daß sie einer Führung bedurften. Bezeichnend sind in diesem Zusammenhang die immer wieder auftretenden paternalistischen Züge Owens gegenüber anderen Personen wie auch in seinen Projekten und Schriften.

In seiner Autobiographie erwähnt William Lovett mehrfach, daß sich Owen über Beschlüsse des ’Co-operative Congress’ hinwegsetzte und strittige eigene Positionen trotz gegenteiliger Beschlüsse als die des Kongresses ausgab. Hinsichtlich der für Owen charakteristischen Rechtfertigung schrieb Lovett: "With the greatest composure, he (Owen) answered it evidently was despotic; but as we, as well as the committee that sent us, were all ignorant of his plans, and of the objects he had in view, we must consent to be ruled by despots till we had acquired sufficient knowledge to govern ourselves." Bezeichnender Weise wandte sich Owen in seinen frühen Schriften ausdrücklich an die besitzende Schicht bzw. die politisch Einflußreichen. Erst 1819 richtete er sich erstmals mit einer Schrift ausdrücklich an die Arbeiter, er forderte sie darin aber nicht auf selbst für Veränderungen einzutreten, sie sollten vielmehr geduldig auf die Einsicht der Mächtigen zu warten.

6.9 DIE RELIGION DER VERNUNFT

Nach dem Zusammenbruch der ”Grand National Consolidated Trades Union” gründete Owen 1835 die ”Association of All Classes of All Nations”. Auch wenn sie sich selbst in der Tradition des Gewerkschaftsbundes sah, so hatte sie keineswegs den Charakter einer Massenorganisation, sondern entsprach vielmehr dem Zusammenschluß einer einer ausgewählten Elite. So wurden interessierte Personen nicht sofort als Mitglied aufgenommen, sie mußten erst eine Phase der Schulung durchlaufen um dann in die erste von mehreren Mitgliedstufen aufzusteigen. Owen wollte dadurch eine besonders tatkräftige und zielgerichtet arbeitende Organisation schaffen. Er selbst stand der Organisation als sogenannter ”Preliminary Father” vor. Die Assoziation ging 1839 in die wesentlich offener ausgerichtete ”Universal Community Society of Rational Religionists” über, die ebenfalls von Owen geleitet wurde. Die beiden Organisationen markieren die Wendung Owens hin zu einer säkularen Religion in deren Mittelpunkt kein Gott sondern die Vernunft steht. Dabei verband Owen seine gesellschaftlichen Positionen mit der Vorstellung des Millenniums. Das Paradies sollte unter der Führung Owens sofort errichtet werden, wobei dessen Schrift ”The Book of the New Moral World” die Stelle der Bibel einnehmen sollte.

In den vierziger Jahren nahm die Popularität Owens beständig ab. Zunehmend hatte Owen den Bezug zu den gesellschaftlichen Konflikten verloren und sich innerhalb seiner sektenhaften Organisationen eine eigene Welt geschaffen. Das Scheiten der Siedlungsprojektes Harmony Hall (1839-1845) in Queenwood im englischen Hampshire symbolisiert den Niedergang des Einflußes von Owen. Fußend auf den Überzeugungen Owens, aber ohne die Gründe für das Scheitern vorangegangener Projekte zu berücksichtigen, wurde dort erneut vergeblich versucht eine Gemeinschaftssiedlung basierend auf den Idealen von Gleichheit und Solidarität aufzubauen.

Ende der vierziger Jahre schränkte Owen nicht zuletzt aus Altersgründen seine öffentlichen Tätigkeiten zunehmend ein ohne sie bis zu seinem Tode ganz aufzugeben. Auch wenn sein öffentlicher Einfluß beständig zurück gegangen war, so galt er längst als eine schon zu Lebzeiten legendäre Persönlichkeit. Daran änderte auch seine Hinwendung zum Spiritismus nichts, die er ab 1853 vollzog. Im Oktober 1858 brach Owen während eines Vortrages über den Charakter der zukünftigen freien Gesellschaft zusammen. Trotz verschiedener gesundheitlicher Beschwerden hatte er sich entschlossen einmal mehr seine Ideale über sich selbst zu stellen und sich in einem Rollstuhl in den Sitzungssaal fahren lassen um seine Rede zu halten. Einige Tage später, nachdem sich sein Zustand etwas gebessert hatte, beschloß Owen in Vorahnung seines baldigen Todes nach Newton, der Stadt in der er seine Kindheit verbrachte, zurückzukehren, wo er am 17. November 1858 starb.

Am Sterbebett lehnte Owen das Angebot eines Pfarrers ab, ihm geistigen Beistand zu leisten ab. In einem darauf folgenden Gespräch fragte der Geistliche Owen, ob er nach seinen vielen gescheiterten Projekten nun rückblickend nicht einsehe, daß er sein Leben einer Illusion geopfert habe. Owen antwortete in einer für ihn charakteristischen Weise, daß er der Menschheit wichtige Erkenntnisse vermittelt habe, diese aber noch nicht bereit sei, um sie zu verstehen.



A New View of Society, Or, Essays on the Principle of the Formation of the Human Character, and the Application of the Principle to Practice by Robert Owen (1813-16)

Published Works of Robert Owen

Dank an Zaigon.




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