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GENITALVERSTÜMMELUNGEN:

- Terre des Femmes / Genitalverstümmelungen sind Menschenrechtsverletzungen!
- Amnesty International / Was ist weibliche Genitalverstümmelung ?
- Judith Schmidt / Weibliche Geschlechtsverstümmelung
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Terre des Femmes:

GENITALVERSTÜMMELUNGEN SIND MENSCHENRECHTSVERLETZUNGEN!

Weltweit leben mehr als 130 Millionen Mädchen und Frauen, deren Genitalien verstümmelt wurden. Und jedes Jahr werden erneut schätzungsweise zwei Millionen Mädchen Opfer dieser Praktiken.

Dabei werden ihnen:
- die Klitorisvorhaut und die Glans der Klitoris bzw. die gesamte Klitoris abgetrennt (Klitoridektomie) oder
- zusätzlich die kleinen Schamlippen entfernt (Excision) und Haut und Gewebe aus der Vagina herausgeschabt (Introcision)
- häufig werden auch die großen Schamlippen abgetrennt und die verbleibende Haut zusammengenäht oder mit Dornen aneinander geheftet, so daß nur eine winzige Öffnung verbleibt (Infibulation) Vor allem in afrikanischen Ländern, aber auch in den Vereinigten Arabischen Emiraten, im Oman, im Jemen, in Indonesien und Malaysia werden Mädchen auf diese Weise verstümmelt. Die Gründe, die zur Rechtfertigung dieser Praktiken genannt werden, sind vielfältig, erscheinen uns aber austauschbar und widersprüchlich. Beispiele:
- "Die normale Vagina ist schmutzig und häßlich"
- "Erst mit der Entfernung der Klitoris wird das Geschlecht der Frau eindeutig weiblich"
- "Die Keuschheit bzw. Jungfräulichkeit der Frau wird gewährleistet"
- "Die Fruchtbarkeit der Frau wird erhöht"

Solche und ähnliche Vorstellungen bildeten die Basis dafür, daß die Praktik der Genitalverstümmelung Eingang in viele Kulturen fand und zum festen Bestandteil traditioneller Handlungen wurde. Frauen, die sich der genitalen Verstümmelung entziehen wollen, müssen mit Ausgrenzung aus der Gesellschaft rechnen, was mit unvorstellbarer Armut und Ächtung verbunden ist. Nur aufgrund der vielfältigen Repressalien und einer frauenfeindlichen Struktur war und ist es möglich, diese Praktik als legitimen Bestandteil des Gesellschaftslebens aufrechtzuerhalten. Durch Autoritäten wie Gemeindeoberhäupter oder religiöse Führer werden sie zum Teil bewußt weitergeführt und unterstützt.

Die weibliche Sexualität soll unterdrückt und die sexuelle Treue sowie Empfängnis unter die alleinige Kontrolle des (Ehe-) Mannes gebracht werden! Die Opfer sind mit den Folgen der Verstümmelungen allein. Sie haben alle negativen Konsequenzen selbst zu tragen. Da viele Frauen die gleichen Symptome zeigen (z. B. extreme Menstruationsbeschwerden), gehören sie zur Normalität. Die hochgradige Gewalterfahrung, die irreparablen Schäden an Körper, Seele und Gesundheit, finden fast keine Beachtung:
- Viele Kinder überleben den überaus risikoreichen Akt der Verstümmelung nicht. Sie sterben unmittelbar aufgrund massiver Organschädigungen oder Blutverlust oder kurze Zeit später infolge von Infektionen durch Erreger aller Art. Die Gefahr der AIDS-Übertragung ist sehr groß.
- Die Überlebenden leiden meist lebenslang an den katastrophalen gesundheitlichen Folgen, z. B. an chronischen Schmerzen und Infektionen, immensen Beschwerden bei Menstruation und Wasserlassen, Unfruchtbarkeit, Inkontinenz, verhärteten Narben, Zysten, Abszessen, Frigidität.
- Die enorm hohe Mütter- und Kindersterblichkeit in Afrika ist u. a. direkt auf die Verstümmelungen zurückzuführen, da das Narbengewebe komplikationsfreie Geburten häufig unmöglich macht.
- Genitalverstümmelungen sind Ausdruck und gleichzeitig Mittel zur Unterdrückung von Frauen und Mädchen!
Die Tatsache, daß es sich außerdem um ein gravierendes und vermeidbares Gesundheitsproblem handelt, spricht für eine internationale Ächtung und gemeinsames Handeln! Schon seit Jahren engagieren sich afrikanische Frauen, um diese traditionellen Praktiken in ihren Heimatländern durch Aufklärung und Sensibilisierung zu bekämpfen. Dabei erhalten sie häufig keinerlei Unterstützung seitens der Regierungen. Gleichzeitig setzen sie, indem sie ein Tabuthema öffentlich angehen, ihre soziale Stellung und oft sogar ihr Leben aufs Spiel.

In jüngerer Zeit haben auch große Organisationen wie die WHO (Weltgesundheitsorganisation), die UNO (Vereinte Nationen) oder UNICEF (Fond der Vereinten Nationen für internat. Kindernothilfe) endlich eindeutig Stellung zu dieser Problematik bezogen. Sie verurteilen weibliche Genitalverstümmelung als Menschenrechtsverletzung und unterstützen teilweise Projekte. Die WHO spricht sich gegen eine Legalisierung dieser Praktiken und jegliche Beteiligung von ÄrztInnen und Gesundheitspersonal daran aus. Damit die Kapazitäten dieser und anderer Organisationen tatsächlich in vollem Maße ausgeschöpft werden können, ist jedoch auch hier noch viel Lobbyarbeit erforderlich.

In Europa und den USA folgte, trotz intensiver Diskussion darüber, ob es rechtens sei oder nicht, sich in "andere Kulturen" einzumischen, eine breite Solidarität und Aktionsbereitschaft. Diese Bewußtseinsänderung hat sicherlich damit zu tun, daß wir zunehmend auch in Europa mit genitalverstümmelten Frauen konfrontiert werden. In Einwanderungsfamilien sind Mädchen der Gefahr ausgesetzt, sich dieser schmerzhaften Prozedur unterwerfen zu müssen weil einflußreiche Familienmitglieder diese Tradition fortsetzen wollen. In Großbritannien und Frankreich beispielsweise sind jährlich 10.000 bzw. 20.000 Kinder bedroht, verstümmelt zu werden. Über die Situation in Deutschland liegen uns bislang keine verläßlichen Zahlen vor. Allerdings erhalten wir dank intensiver Öffentlichkeitsarbeit zunehmend Hinweise, daß auch hier Mädchen bedroht sind. Vor dieser Tatsache sollten wir die Augen nicht verschließen!

Terre des femmes, 2000.
Weitere Informationen: TdF.Genitalverstuemmelung@gmx.de
www.terre-des-femmes.de

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Amnesty International:

WAS IST WEIBLICHE GENITALVERSTÜMMELUNG?

Die unterschiedlichen Formen der Verstümmelung:

Der Begriff Weibliche Genitalverstümmelung (Female Genital Mutilation, FGM) bezeichnet die vollständige oder teilweise Entfernung der weiblichen Genitalien. Die schlimmste Form ist die Infibulation, auch unter dem Begriff Pharaonische Zirkumzision bekannt. Ungefähr 15% aller Verstümmelungen im afrikanischen Bereich sind Infibulationen. Die Prozedur beinhaltet eine Klitoridektomie, bei der die Klitoris entweder ganz oder teilweise entfernt wird, und die Entfernung der großen Schamlippen, wodurch eine rauhe Oberfläche entsteht, die dann vernäht oder zusammengehalten wird, um die Vagina während des Heilungsprozesses bedeckt zu halten. Eine kleine Öffnung bleibt frei, damit Urin und Menstruationsblut abgehen können. In selteneren Fällen wird weniger Gewebe entfernt und eine größere Öffnung gelassen.

Die häufigsten Formen der Genitalverstümmelung (85%) im afrikanischen Bereich sind die Klitoridektomie und die Exzision. Bei der am wenigsten radikalen Methode wird nur die Klitoris entfernt. Andere Traditionen sehen eine Zeremonie vor, bei der die Genitalien nicht verstümmelt werden. Hierbei kann ein Messer in die Nähe der Genitalien gehalten werden, die Klitoris gestochen und ein paar Schamhaare abgeschnitten, oder kleine Narben auf den Genitalien oder im Oberschenkelbereich angebracht werden.

Die anschließenden Verfahren:

Die Form der Verstümmelung, das Alter, in dem sie vorgenommen wird, und die Weise, auf die sie geschieht, sind abhängig von einer Reihe von Faktoren: welcher ethnischen Gruppe die Mädchen und Frauen angehören, in welchem Land sie leben, ob in ländlichem oder im städtischen Bereich, und aus welchem sozio-ökonomischen Umfeld sie stammen.

Das Alter, in dem die Verstümmelung vorgenommen wird, variiert ebenso. Fallweise geschieht sie bereits kurz nach der Geburt, manchmal während der ersten Schwangerschaft, in den meisten Fällen aber im Alter zwischen vier und acht Jahren. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sinkt das Durchschnittsalter. Denn - vor allem im urbanen Raum - gilt die Genitalverstümmelung immer weniger als Initiationsritus.

Einige Mädchen sind während der Verstümmelungszeremonie alleine. Meist werden aber mehrere Mädchen - Schwestern, nahe Verwandte oder Nachbarn - gleichzeitig beschnitten. Ist die FGM Teil einer Initiationszeremonie, wie bei Kulturen in Ost-, Zentral- und Westafrika, wird sie üblicherweise an Mädchen einer Altersgruppe vorgenommen.

Die Prozedur findet im Haus des Mädchens, der Verwandten oder Nachbarin, in einem Gesundheitszentrum oder bei Initiationen an speziell dafür ausgesuchten Orten statt. Bei einem bestimmten Baum oder an einem Fluß. Durchgeführt von älteren Frauen, traditionellen Hebammen, Heilerinnen, Barbieren, ausgebildeten Geburtshelferinnen oder Ärzten.

Die Mädchen, an denen die Prozedur vorgenommen wird, haben oft sehr unterschiedliche Vorstellungen davon, was mit ihnen geschehen soll. Manchmal wird dieses Ereignis mit Festlichkeiten oder Geschenken verbunden. Die Mädchen werden ermahnt, tapfer zu sein. Als Bestandteil eines Initiationsritus, können die Feiern bedeutende Ausmaße für die Gemeinschaft einnehmen. Dabei ist es üblicherweise nur Frauen erlaubt, anwesend zu sein.

Zuweilen ist eine geübte Geburtshelferin dabei, die örtliche Betäubungen setzt. In einigen Kulturkreisen hält man die Mädchen dazu an, sich zuvor in kaltes Wasser zu setzen, um die Genitalien unempfindlich zu machen und die Wahrscheinlichkeit einer Blutung zu verringern. In den meisten Fällen wird gegen die Schmerzen aber nichts unternommen.

Das Mädchen kann sich nicht bewegen, wird festgehalten, üblicherweise von älteren Frauen. Ihre Beine sind gespreizt. Glasscherben, Deckel von Konserven, Scheren, Rasierklingen dienen als Schneidwerkzeug. Bei Infibulationen halten Dornen die beiden Seiten der großen Schamlippen zusammen. Die Beine werden bis zu 40 Tage zusammengebunden. Manchmal wird antiseptisches Puder aufgetragen, häufiger Breie, die Kräuter, Milch, Eier, Asche oder Dung enthalten. Sie sollen die Heilung beschleunigen. Manchmal werden die Mädchen an einen Ort gebracht, an dem sie sich erholen können, um dann - so die Verstümmelung im Rahmen eines Initiationsritus durchgeführt wurde - in den Traditionen unterwiesen zu werden. Nur bei Reichen wird die Verstümmelung zuweilen in einem Spital durch einen qualifizierten Arzt unter Total- oder Lokalanästhesie durchgeführt.

Geographische Verteilung der weiblichen Genitalverstümmelung:

Geschätzte 135 Millionen Mädchen und Frauen wurden weltweit verstümmelt. 2 Millionen Mädchen riskieren Jahr für Jahr, Opfer der FGM zu werden - das sind rund 6 000 am Tag. Größtenteils in afrikanischen Staaten praktiziert, ist sie aber auch in einigen Staaten des Nahen Ostens nicht außergewöhnlich. Außerdem kommt sie auch in Teilen Asiens, der Pazifischen Staaten, Nord- und Lateinamerikas und Europas vor. Dort hauptsächlich in den Gemeinschaften von Einwanderern.

Berichten zufolge wird die FGM in über 28 afrikanischen Staaten praktiziert (siehe FGM in Afrika: Länderinformation -ACT 77/07/97). Über die Häufigkeit der FGM in Asien gibt es keine Angaben. Vorkommen soll sie auch in muslimischen Gemeinschaften Indonesiens, Sri Lankas und Malaysias, obwohl über die Praktiken in diesen Ländern sehr wenig bekannt ist. In Indien praktiziert die kleinere muslimische Sekte der Daudi Bohra die Klitoridektomie. Im Nahen Osten wird die FGM in Ägypten, Oman, Jemen und in den Vereinigten Arabischen Emiraten praktiziert. Auch von Genitalverstümmelungen bestimmter indigener Gruppen in Zentral- und Südamerika wird berichtet, die Informationen darüber sind aber spärlich. In industrialisierten Ländern kommt die Genitalverstümmelung hauptsächlich bei Einwanderern aus jenen Ländern vor, in denen sie bis dato praktiziert wird. Bekannt sind Fälle in Australien, Kanada, Dänemark, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Schweden, Großbritannien und den USA. Manchmal sind es Ärzte - aus FGM-Ländern stammend und in Industrieländern praktizierend - die Mädchen oder weibliche Säuglinge illegal operieren. Häufiger ist allerdings, daß traditionelle Praktiker ins Land geholt oder Mädchen in ihre Heimat geschickt werden, um sich verstümmeln zu lassen. Über die Häufigkeit dieser Praktiken in Industrieländern gibt es leider keine Statistiken.

Physische und psychische Auswirkungen der weiblichen Genitalverstümmelung:

Physische Auswirkungen:

Die Folgen der FGM können mitunter tödlich sein. Schock, Blutungen und Schäden an den Organen rund um die Klitoris und die Schamlippen können auftreten. Der Urinabfluß kann zurückgehalten und schwere Infektionen hervorgerufen werden. Durch den Gebrauch desselben Instruments bei verschiedenen Mädchen ohne vorherige Sterilisation ist das Risiko einer HIV-Infektion hoch.

Häufiger sind aber chronische Infektionen, immer wiederkehrende Blutungen, Abszesse und kleinere gutartige Nerventumore die Folge der Klitoridektomie und Exzision. Unwohlsein und extreme Schmerzen dauern an. Noch schwerwiegendere Langzeitfolgen kann die Infibulation haben: Chronische Harnwegsinfektionen, Steine in Blase und Harnröhre, Nierenschäden, Infektionen der Fortpflanzungsorgane, die durch das gestaute Menstruationsblut hervorgerufen werden, Beckeninfektionen, Unfruchtbarkeit, überschießendes Narbengewebe (unregelmäßig geformt, fortschreitende Narbenbildung) und Dermoid-Zysten.

Der erste Geschlechtsverkehr kann nur nach langsamer, äußerst schmerzhafter Dehnung der Öffnung erfolgen, die nach der Verstümmelung freigelassen wurde. In einigen Fällen ist es sogar notwendig, sie vor dem Verkehr wieder aufzuschneiden. Eine Studie, die im Sudan durchgeführt wurde, ergab, daß 15% der Frauen wieder aufgeschnitten werden mußten. Frisch verheiratete Frauen werden durch die ungeschickten Schnitte ihrer Ehemänner oft schwer verletzt. Das Risiko einer HIV-Infektion während des Geschlechtsverkehrs ist für alle Opfer der Genitalverstümmelung erhöht.

Während der Geburt besteht das Risiko, daß das vernarbte Gewebe von exzisierten Frauen reißt. Infibulierte Frauen, deren Genitalien eng verschlossen sind, müssen aufgeschnitten werden, um das Kind zur Welt bringen zu können. Wenn dann kein Helfer zur Stelle ist, reißt der Damm oder das Kind kann tot zur Welt kommen. Nach der Geburt werden Frauen oft wieder zugenäht, damit sie "eng genug" für ihre Männer sind. Durch das ständige Aufschneiden und Wiederzunähen der Genitalien bei jeder Geburt, kann das Gewebe im Genitalbereich sehr stark vernarben.

Das Geheimnis, das die FGM umgibt, und der Schutz jener, die sie durchführen, erschweren es, Daten über Komplikationen in Folge von Verstümmelungen zu sammeln. Bei Zwischenfällen werden diese nur selten der Person angelastet, die die Verstümmelung vorgenommen hat. Schuld sei das ausschweifende Leben der Mädchen. Oder die Eltern, die die vorgeschriebenen Opfer und Rituale nicht ordnungsgemäß durchgeführt hätten. Die meisten Informationen werden erst lange nach der Verstümmelung gesammelt. Einziger "Zeuge" ist dann meist die Erinnerung der Frauen und ihre Einschätzung der Folgeschäden.

Einige Daten über die kurz- und langfristigen medizinischen Folgen der FGM - einschließlich derer, die in Verbindung mit Schwangerschaften stehen - konnten durch Studien in Spitälern oder Kliniken gewonnen werden. Für den heutigen Wissensstand über das Ausmaß der gesundheitlichen Schäden war dies entscheidend. Nichtsdestotrotz kann die Häufigkeit der Schädigungen und Todesfälle infolge von Verstümmelungen nicht zuverlässig geschätzt werden. Über das tatsächliche Risiko herrschen unterschiedliche Auffassungen zwischen BefürworterInnen und GegnerInnen der FGM.

Auswirkungen auf die Sexualität:

Die Genitalverstümmelung kann den ersten Geschlechtsverkehr der Frauen zur Tortur werden lassen. Es kann extrem schmerzhaft und auch gefährlich sein, wenn die Frau zuvor aufgeschnitten werden muß. Und auch danach bleibt der Verkehr für etliche Frauen eine Qual. In jedem Fall liegt aber die Vermutung nahe, daß, wegen der Bedeutung der Klitoris für die Erfahrung von Lust und Höhepunkt, die teilweise oder vollständige Klitoridektomie entgegengesetzte Wirkung auf das sexuelle Erleben haben kann. Klinische Untersuchungen und die Mehrzahl der Studien über die weibliche Freude am Sex lassen darauf schließen, daß Genitalverstümmelungen das Lustempfinden der Frauen beeinträchtigen. Lediglich eine Studie jedoch besagt, daß 90% der Frauen, an denen eine Infibulation vorgenommen wurde, trotzdem Orgasmen erfahren hätten. Die Mechanismen, die am sexuellen Lustempfinden und Orgasmen beteiligt sind, sind noch immer nicht voll geklärt. Man nimmt an, daß kompensatorische Prozesse - einige von ihnen psychologischer Natur - einige der Auswirkungen der Klitorisentfernung und anderer empfindlicher Teile der Genitalien abschwächen können.

Psychologische Auswirkungen:

Die psychologischen Auswirkungen der FGM sind wesentlich schwieriger wissenschaftlich zu erforschen als die physischen. Nur eine geringe Zahl von psychischen Erkrankungen, die auf Genitalverstümmelungen zurückzuführen sind, sind bekannt. Aber Betroffene berichten immer wieder von ihren Erlebnissen bei der Verstümmelung: Angst, Schrecken, Demütigung und Verrat - jedes von ihnen mit langfristigen negativen Folgen. Einige Experten behaupten, was in Gesellschaften, in denen die Genitalverstümmelung durchgeführt wird, besonders geschätzt wird sei, daß der Schock und das Trauma die Frauen "ruhiger" und "fügsamer" machen.

Feiern, Geschenke und die besondere Aufmerksamkeit, die Mädchen bei der Verstümmelung erfahren, können zuweilen das erlittene Trauma etwas abschwächen. Aber am intensivsten ist das Erlebnis der Integration in die Gemeinschaft. Die Traditionen ihrer Kultur ehren und sich für eine Ehe als geeignet erwiesen zu haben, ist oft die einzige Rolle, die diese Frauen - so sie die Verstümmelung überleben - jemals spielen werden. Ablehnung droht hingegen Frauen, die sich der Genitalverstümmelung verweigern. Wird die FGM nur von einer Minderheit betrieben, leiden die Betroffenen oft besonders unter dem Zwiespalt zwischen den sozialen Normen ihrer Gemeinschaft und jenen der Majorität.

Quelle: www.amnesty.de/de/2914/FGM1.htm

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Judith Schmidt:

"DU MIT DER KLITORIS"

Weibliche Geschlechtsverstümmelung

"Wir wurden beschnitten und bestehen darauf, dass auch unsere Töchter beschnitten werden, damit sie keine Mischung zwischen männlich und weiblich sind... eine Frau, die nicht beschnitten wurde, bringt Schande über ihren Ehemann, der sie "du mit der Klitoris" nennt. Die Leute sagen, sie sei wie ein Mann", sagt eine ägyptische Frau, Mutter einer kleinen Tochter.

Weltweit wird die Zahl der Frauen, die der weiblichen Genitalverstümmelung (FGM, femme genital mutilation) unterzogen wurden, auf 135 Millionen geschätzt und täglich riskieren etwa 6.000 Mädchen, Opfer dieser Praktik zu werden. Sie kommt in über 28 afrikanischen und in einigen Ländern des Nahen Ostens (Ägypten, Oman, Jemen und Vereinigte Arabische Emirate) sowie in muslimischen Gemeinschaften Indonesiens, Sri Lankas, Indien und Malaysias, aber auch in industrialisierten Ländern, v. a. unter Einwanderern, vor. Oft sind es Ärzte, die aus den oben genannten Ländern stammen, die Mädchen oder weibliche Säuglinge illegal operieren. Häufiger jedoch werden die betreffenden Mädchen zur Verstümmelung in ihre Heimat geschickt.

WHO: Das Durchschnittsalter sinkt

Teilweise wird die Verstümmelung bereits kurz nach der Geburt vorgenommen, manchmal während der ersten Schwangerschaft, in den meisten Fällen jedoch zwischen dem 4. Und 8. Lebensjahr. Nach Angaben der WHO sinkt das Durchschnittsalter, da vor allem im urbanen Raum die FGM immer weniger als Initiationsritus gilt. Bei der FGM wird die Klitoris teilweise oder vollständig (Klitoridektomie), oder zusätzlich die kleinen Schamlippen teilweise oder ganz (Exzision), oder die äußeren Genitalien total entfernt und die Vagina fast vollständig zugenäht (Infibulation) Abhängig vom sozio-ökonomischen Status der Familie wird die FGM von älteren Frauen, traditionellen Hebammen, Heilerinnen, ausgebildeten Geburtshelfern oder im Rahmen eines Initiationsritus durchgeführt. Glasscherben, Deckel von Konservendosen oder Rasierklingen dienen als Schneidewerkzeug. Dornen werden zum Zusammenhalten der großen Schamlippen verwendet. Die Beine der Mädchen werden bis zu 40 Tage zusammengebunden und zur Beschleunigung der Heilung werden Kräuter, Milch, Eier, Asche oder Dung aufgetragen.

Erhaltung einer kulturellen und geschlechtlichen Identität

Gründe für die FGM sind sowohl die Erhaltung einer kulturellen als auch einer geschlechtlichen Identität. Da die Klitoris und die Schamlippen für "männliche Teile" eines Frauenkörpers gehalten werden, gilt die Entfernung dieser als Steigerung der Weiblichkeit. Die Praktik wird aber auch aus Gründen der Kontrolle über die Sexualität der Frau und ihre Fortpflanzungsfunktion sowie aus hygienischen und gesundheitlichen Gründen durchgeführt. So besteht der Glaube, dass die sexuelle Lust einer verstümmelten Frau verringert sei und somit auch das Risiko eines außerehelichen Geschlechtsverkehrs. Nicht verstümmelten Frauen wird es beinahe unmöglich gemacht, eine Ehe einzugehen. Sie gelten als unrein und dürfen weder Wasser noch Nahrung berühren.

Angst, Schrecken und Demütigung

Die physischen und psychischen Auswirkungen der FGM sind vielfältig und mitunter sogar tödlich. Sehr problematisch ist das erhöhte Risiko einer HIV-Infektion, da häufig dieselben Instrumente bei verschiedenen Mädchen verwendet werden. Häufiger treten jedoch chronische Infektionen, wiederkehrende Blutungen, Abszesse und extreme Schmerzen auf. Schwerwiegendere Langzeitfolgen der Infibulation durch Aufstau von Urin und Menstruationsblut sind: chronische Harnwegsinfektionen, Nierenschäden, Infektionen der inneren Geschlechtsorgane und Unfruchtbarkeit. Manche Frauen müssen vor ihrem ersten Geschlechtsverkehr oder vor der Geburt eines Kindes sogar wieder "aufgeschnitten" werden.

Die Betroffenen berichten über Gefühle wie Angst, Schrecken, Demütigung und Verrat. Der Schock und das Trauma der Verstümmelung soll Frauen "ruhiger" und "gefügsamer" machen. Der Ritus und die damit verbundene Feier, Geschenke und die besondere Aufmerksamkeit können das erlittene Trauma etwas abschwächen. Das Erlebnis der Integration in die Gemeinschaft ist oft sehr intensiv und sich für eine Ehe als geeignet zu erweisen – so die Verstümmelung überlebt wird – ist oft die einzige Rolle, die Frauen jemals spielen werden. Physische und psychische Langzeitfolgen sind jedoch statistisch nicht ausreichend untersucht.

Strategien zur Veränderung

FGM kann mit Recht als eine der weitestverbreiteten und systematischsten Verletzungen der Menschenrechte von Frauen und Mädchen angeführt werden. Bereits im 17. Jahrhundert versuchten christliche Missionare und koloniale Verwaltungen, diesen Brauch zu verhindern. Im Jahre 1958 stand die FGM erstmals auf der Tagesordnung der Vereinten Nationen (UN). Ein von der WHO (Weltgesundheitsorganisation) im Jahre 1979 organisiertes Seminar in Khartum bestimmte die Richtung für neue internationale Initiativen. Im UN-Jahrzehnt der Frau (1975-1985) stieg auch das Interesse der internationalen nicht-staatlichen Organisationen (NGOs) an der FGM wieder an, die erfolgreich das Schweigen brechen und das Thema auf der Tagesordnung der internationalen Menschenrechte verankern konnten. Im Jahre 1994 wurde schließlich ein Handlungsplan zur Abschaffung schädigender Bräuche, die die Gesundheit von Frauen und Kindern beeinträchtigen, erstellt.

1995 entschloss sich amnesty international (ai), das Problem in seine Menschenrechtsarbeit aufzunehmen. Bisher hatte ai nur etwas gegen Verstöße von Regierungen unternommen bzw. seit den frühen 90ern gegen Misshandlungen, die von bewaffneten politischen Gruppierungen begangen wurden. Durch die Unterscheidung zwischen Verbrechen, die ein Staat im Rahmen seiner öffentlich-politischen Aktivitäten begeht und ähnlichen Verbrechen, die im "privaten" Bereich verübt werden, wird die Tatsache ignoriert, dass systematische Verbrechen im "privaten" Bereich auch öffentlich sind. Ziele der ai-Arbeit sind, das öffentliche Bewusstsein für das Problem der FGM als Angelegenheit der Menschenrechte zu schärfen und Regierungen aufzufordern, internationale Menschenrechtsverträge in Kraft zu setzen.

Denn letztlich steht es allein in der Macht der praktizierenden Länder zu bestimmen, ob sie die Abschaffung der FGM erreichen können und möchten. Dennoch können sie sich diese Entscheidung nicht frei aussuchen, da sie durch internationale Gesetze verpflichtet sind, die Ausübung der FGM zu verhindern. Die internationale Gemeinschaft übernimmt die Verantwortung sicherzustellen, dass alle Mittel verfügbar sind, um Entwicklungsländern bei der Einleitung effektiver Kampagnen gegen FGM zu helfen.

Die weibliche Genitalverstümmelung ist ein Brauch, der tief in den Traditionen einer Reihe von Gesellschaften verwurzelt ist und dem sich gefühlvoll und vorsichtig angenähert werden muss, um die Verletzung der physischen, psychischen und sexuellen Integrität von Frauen und Kindern nicht weiter zu vertiefen.

Judith Schmidt

Judith Schmidt ist Ärztin und Pressesprecherin des Amnesty Inernational Aktionsnetzes der Heilberufe, Bereich Medizin in Köln.

Aus: ZEBRATL das Magazin des Vereins ZEBRA - Zentrum zur sozialmedizinischen, rechtlichen und kulturellen Betreuung von Ausländern und Ausländerinnen in Österreich : www.zebra.or.at

 

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