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Emile Zola:
 
GERMINAL
 
Viertes Kapitel (I) - In der Grube
 
Die vier Häuer lagen, einer über dem andern, auf dem sanft ansteigenden Flötz hingestreckt. Durch den Bretterverschlag getrennt, der die abgeschlagene Kohle festhielt, nahm jeder etwa vier Meter Raum in dem Minengange ein. Die Ader war an dieser Stelle so dünn, -- kaum fünfzig Zentimeter -- daß sie gleichsam zwischen Decke und Mauer eingezwängt lagen, mittels der Knie und Ellbogen sich fortbewegten und bei der geringsten Bewegung mit den Schultern an die Mauer stießen. Sie mußten, um die Kohle anzubrechen, auf der Seite liegen mit zurückgebogenem Halse und schräg die kurzstielige Spitzhacke schwingen.
 
Zu unterst lag Zacharias, Levaque und Chaval über ihm und ganz oben Maheu. Jeder bearbeitete zuerst die Schicht mit der Spitzhacke, machte dann zwei Längseinschnitte und löste schließlich den Block los, indem er am oberen Teile ein Eisen einstemmte. Die Steinkohle war fett; der Block zerbrach und rollte in Stücken den Bauch und die Schenkel entlang. Wenn diese, durch den Verschlag festgehaltenen Stücke sich unter ihnen angesammelt hatten, verschwanden die Häuer, gleichsam eingemauert in den engen Spalt.
 
Maheu litt am meisten. Oben stieg die Temperatur bis auf fünfunddreißig Grad; es gab keine Luftbewegung mehr; der Druck wurde auf die Dauer tödlich. Er hatte, um deutlich zu sehen, seine Lampe an einem Nagel neben seinem Kopfe befestigen müssen; diese neben seinem Schädel brennende Lampe brachte sein Blut vollends zum Sieden. Die schlimmste Marter aber kam von der Nässe. Wenige Zentimeter über seinem Antlitz floß das Wasser aus dem Felsen; dicke Tropfen fielen in unablässiger, rascher Folge und einer gewissen beharrlichen Gleichmäßigkeit immer auf die nämliche Stelle. Vergebens drehte er den Hals: die Tropfen klatschten ihm unablässig ins Gesicht. Nach einer Viertelstunde war er durchnäßt und überdies von Schweiß bedeckt, so daß ein dichter Dampf von ihm ausging wie von feuchter Wäsche. Heute fiel ihm ein Tropfen so hartnäckig ins Auge, daß er zu fluchen begann. Er wollte die Arbeit nicht aufgeben und führte kräftige Schläge, die ihn zwischen den zwei Felsen erschütterten wie eine Blattlaus zwischen zwei Blättern eines Buches in der Gefahr, vollständig zerdrückt zu werden.
 
Kein Wort wurde gewechselt. Alle arbeiteten; man hörte nichts als die unregelmäßigen, dumpfen, gleichsam fernen Schläge. Jedes Geräusch klang rauh, ohne Widerhall in dieser toten Luft. Es schien, als sei die Finsternis von einer ganz unbekannten Schwärze, verdichtet durch den fliegenden Kohlenstaub, beschwert durch die Gase, die auf die Augen drückten. Die Dochte der Lampen unter ihrem Hütchen von metallischer Leinwand waren in dieser Luft nur rötliche Punkte. Man konnte nichts unterscheiden; gähnend öffnete sich der Schlag und stieg an wie ein breiter, platter, schräger Kamin, wo der durch zehn Winter angehäufte Ruß eine tiefe Finsternis verursachte. Gespensterhafte Formen bewegten sich darin; die Irrlichter ließen bald die Rundung einer Hüfte sehen, bald wieder einen knorrigen Arm oder ein dräuendes Haupt, geschwärzt, wie um ein Verbrechen zu begehen. Zuweilen leuchteten die losgelösten Kohlenblöcke an ihren Ecken und Kanten plötzlich in einem kristallischen Widerscheine auf. Dann versank wieder alles in Dunkelheit; die Spitzhacken arbeiteten mit dumpfen Schlägen; man hörte nichts als das Keuchen der Brüste und das Murren des Unbehagens und der Ermüdung in der drückenden Luft und dem strömenden Regen.
 
Zacharias, dessen Arme nach einer gestrigen Schwelgerei noch ganz schlaff waren, ließ die Arbeit bald im Stiche, indem er die Notwendigkeit, die Wand zu verholzen, vorschützte. Dies gestattete ihm eine kleine Ruhepause, während welcher er leise vor sich hinpfiff und ins Leere starrte. Hinter den Häuern waren nahezu drei Meter der Ader hohl, ohne daß sie noch die Vorsicht gebraucht hätten, den Felsen zu stützen, unbekümmert um die Gefahr und geizend mit ihrer Zeit.
 
»He, Aristokrat, reiche mir Holz herauf!« rief der junge Mann Etienne zu.
 
Etienne, der von Katharina lernte, wie die Schaufel zu gebrauchen sei, mußte Holz nach dem Schlag hinaufschaffen. Es war noch vom gestrigen Tage ein kleiner Vorrat da. In der Regel wurde jeden Morgen das Holz hinabgeschafft, fertig geschnitten, je nach der Dichtigkeit der Schicht.
 
»Spute dich doch, verdammter Faulpelz«, rief Zacharias, als er sah, wie der neue Eggenmann inmitten der Kohlen mühselig emporkletterte, die Arme mit vier Stück Eichenholz beschwert.
 
Er machte mit seiner Spitzhacke einen Einschnitt in der Decke, dann einen zweiten in der Wand; in diese Einschnitte stemmte er die beiden Enden der Hölzer und so stützte er den Felsen. Des Nachmittags holten die Erdarbeiter den Schutt, den die Häuer in den Galerien zurückgelassen und füllten damit die ausgebeuteten Gänge der Ader, wobei sie nur den unteren und den oberen Weg zur Fortschaffung der Kohle frei ließen.
 
Maheu hatte aufgehört zu stöhnen. Endlich hatte er seinen Block los. Er trocknete sich mit dem Rockärmel das schweißbedeckte Antlitz und schaute nach, was Zacharias machte, der hinter ihm heraufgekommen war.
 
»Laß das.« sagte er »wir sehen nach dem Frühstück ... Es ist besser, im Schlag fortzufahren, wenn wir unsere Anzahl Hunde fertigbringen wollen.«
 
»Die Decke senkt sich«, bemerkte der junge Mann. »Da ist ein Riß. Ich fürchte einen Einsturz.«
 
Doch der Vater zuckte mit den Achseln. Ach was, Einsturz! Das wäre auch nicht zum erstenmal; man wird dabei nicht gleich die Knochen lassen. Er wurde schließlich böse und sandte seinen Sohn zum vorderen Schlag zurück.
 
Übrigens benutzten alle die Pause, um die Glieder zu recken. Levaque, der auf dem Rücken liegen blieb, fluchte, weil ihm ein niederfallender Stein den linken Daumen verletzt hatte. Chaval zog wütend das Hemd aus und entblößte so seinen Oberkörper, um weniger durch die Hitze zu leiden. Sie alle waren schon von der Kohle geschwärzt, dicht überzogen von einem feinen Staube, den der Schweiß in schwarze Bäche und Tümpel an den Leibern verwandelte. Maheu ging zuerst wieder an die Arbeit, diesmal tiefer unten am Fuße der Felswand. Der Wassertropfen fiel ihm jetzt auf die Stirne mit solcher Beharrlichkeit, daß er glaubte, ihm werde schließlich der Schädel durchbohrt.
 
»Achte nicht darauf,« sagte Katharina zu Etienne; »sie schreien immer so.«
 
Als folgsames Mädchen nahm sie ihre Arbeit wieder auf. Jeder beladene Hund kam so zum Tageslichte empor, wie er vom Schlage abgefahren, mit einer besonderen Marke bezeichnet, damit der Aufnahmebeamte die Ladung auf die Rechnung des betreffenden Werkplatzes setzen könne. Man mußte darauf achten, den Hund ganz voll zu machen und nur reine Kohle zu nehmen, weil sonst die Ladung zurückgewiesen wurde.
 
Der junge Mann, dessen Augen sich allmählich an die Dunkelheit gewöhnten, sah das Mädchen an; sie war noch weiß, mit ihrer blutleeren Farbe, und er hätte ihr Alter nicht angeben können; er hielt sie höchstens für zwölf Jahre alt, so schwächlich schien sie ihm. Indes fühlte er, daß sie älter sei und mit der Freiheit eines Jungen sich benahm, ja mit einer naiven Unverschämtheit, die ihm ein wenig lästig war. Sie gefiel ihm nicht; er fand sie zu keck mit ihrem blassen Hanswurstkopf, an dessen Schläfen die Mütze knapp auflag. Doch setzte ihn in Erstaunen die Stärke dieses Kindes, eine nervöse Kraft, die mit großer Behendigkeit gepaart war. Sie füllte ihren Karren schneller als er, mit regelmäßigen und flinken Schaufelwürfen; dann schob sie ihn bis zu der schiefen Bahn mit einem einzigen langsamen Stoß, ohne stecken zu bleiben, und huschte unter den niedrigen Felsen mit Leichtigkeit hinweg. Er hingegen stieß überall an, entgleiste und blieb zurück.
 
Es war wirklich kein bequemer Weg; die Entfernung von dem Schlage bis zu der schiefen Bahn betrug an sechzig Meter. Der Weg, den die Erdarbeiter noch nicht erweitert hatten, war ein wahrer Schlauch, mit einer Decke von ungleicher Höhe und mit zahllosen Vorsprüngen; an gewissen Stellen war knapp so viel Raum, daß der beladene Karren hindurch konnte; der Schlepper mußte sich zu Boden werfen und auf den Knien fortbewegen, um sich nicht den Schädel einzurennen. Überdies begannen die Hölzer sich zu biegen und zu brechen; man sah sie geborsten, in langen, weißen Bruchstücken, allzu schwachen Krücken gleichend. Man mußte auf seiner Hut sein, um an diesen Holzstücken sich die Haut nicht wund zu reißen; und unter dem langsamen, allmählichen Druck, der schenkeldicke Eichenprügel knickte, warf man sich platt auf den Bauch in der dumpfen Angst, daß plötzlich der Rücken zerschlagen werde.
»Schon wieder!« rief Katharina lachend.
 
Etiennes Karren war an der schwierigsten Stelle entgleist. Es wollte ihm nicht gelingen, den Karren geradeaus fortzuschieben auf diesen Schienen, die in dem feuchten Erdreich sich verbogen; und er fluchte und wetterte und plagte sich wütend mit den Rädern ab, die er trotz seiner äußersten Anstrengungen nicht wieder an ihre Stelle bringen konnte.
 
»Geduld,« sagte das Mädchen; »wenn du ärgerlich wirst, geht es erst recht nicht.«
 
Sie hatte sich hurtig herangeschlichen und rücklings kriechend den Hintern unter den Karren geschoben; mit einem Ruck der Lenden hob sie ihn und brachte ihn wieder an seine Stelle. Es war ein Gewicht von siebenhundert Kilogramm. Überrascht und beschämt stammelte er Worte der Entschuldigung.
 
Sie mußte ihm zeigen, wie er die Beine spreizen und die Füße an die Hölzer zu beiden Seiten der Galerie stemmen müsse, um feste Stützpunkte zu gewinnen. Der Körper müsse vorgebeugt, die Arme stramm ausgestreckt werden, damit man mit allen Muskeln, mit den Schultern und mit den Hüften anstoßen könne. Während einer solchen Fahrt folgte er ihr und konnte sehen, wie sie rasch dahinfuhr, mit gespanntem Hinterteil, die Fäuste so tief ansetzend, daß sie auf allen Vieren zu laufen schien, wie eines jener Zwergtiere, die man im Zirkus arbeiten sieht. Sie schwitzte und keuchte, ihre Gelenke krachten; aber sie klagte nicht, sie zeigte den Gleichmut der Gewohnheit, als ob es das gemeinsame Elend aller sei, so gebeugt zu leben. Ihm aber wollte es nicht gelingen; seine Schuhe belästigten ihn, sein Körper versagte den Dienst bei dieser Art, mit gesenktem Kopfe zu gehen. Schon nach wenigen Minuten ward diese Körperhaltung für ihn eine Marter, eine unerträgliche, dermaßen schmerzliche Pein, daß er sich einen Augenblick auf die Knie warf, um sich aufzurichten und Atem zu schöpfen.
 
Bei der abschüssigen Fläche trat eine neue Schwierigkeit ein. Sie zeigte ihm, wie man flink seinen Karren einschalten müsse. Auf der Höhe und am Fuße dieser schiefen Ebene, deren sich alle Schläge, von einem Absatz bis zum andern, bedienten, war je ein Gehilfe, oben der Bremser, unten der Aufnehmer. Diese beiden Taugenichtse von zwölf und fünfzehn Jahren riefen einander abscheuliche Worte zu, und um sie zu benachrichtigen, mußte man ihnen noch rohere zubrüllen. Sobald ein leerer Karren zum Aufziehen da war, gab der Aufnehmer das Signal, die Schlepperin schaltete den vollen Karren ein, dessen Gewicht den anderen Karren emporsteigen ließ, wenn der Bremser die Bremse lockerte. Unten in der Galerie am Boden bildeten sich die Züge, welche dann die Pferde bis zum Aufzugsschachte zogen.
 
»He, ihr verdammten Schlingel!« rief Katharina in die schiefe Ebene hinab, die vollständig verzimmert, etwa hundert Meter lang war und widerhallte wie ein riesiges Sprachrohr.
 
Die Burschen schienen auszuruhen, denn sie antworteten nicht, weder der eine noch der andere. In allen Stockwerken ruhte die Abfuhr. Eine dünne Mädchenstimme rief schließlich:
 
»Gewiß liegt wieder einer auf der Mouquette!«
 
Ein riesiges Gelächter brach los; die Schlepperinnen der ganzen Ader hielten sich die Bäuche.
 
»Wer ist das?« fragte Etienne Katharina.
 
Diese nannte ihm die kleine Lydia, ein Gassenmädchen, dem die Augen schon aufgegangen, und das trotz seiner Puppenärmchen seinen Karren so stramm schob wie ein erwachsenes Weib. Die Mouquette sei sehr wohl imstande, sich mit beiden Jungen auf einmal abzugeben.
 
Doch jetzt hörte man den Aufnehmer rufen, die Karren sollten eingeschaltet werden. Ohne Zweifel ging unten ein Aufseher vorüber. Die Abfuhr ward in den neuen Stockwerken wiederaufgenommen; man hörte nichts als die regelmäßigen Rufe der Gehilfen und das Schnauben der Schlepperinnen, die dampfend gleich allzu stark beladenen Stuten bei der schiefen Ebene ankamen. Der Zug des Tierischen wehte durch die Grube, die plötzlich erwachende Begierde des Mannes, wenn ein Arbeiter einem dieser Mädchen begegnete, die auf allen vieren sich fortbewegten, die Lenden in die Höhe gestreckt, mit ihren Hüften schier die Knappenhose sprengend.
 
Sooft er diese Fahrt machte, fand Etienne in der Tiefe des Schlages jedesmal dieselbe drückende Schwüle wieder, die regelmäßig sich wiederholenden dumpfen Schläge der Spitzhacken, die schweren, tiefen Seufzer der Häuer, die hartnäckig bei ihrer Arbeit ausharrten. Alle vier hatten sich entkleidet, lagen unter die Kohle gemengt, bis an die Lederkappe von einer schwarzen Jauche durchnäßt. Einmal hatte man Maheu losmachen müssen, der unter der Last zu röcheln begann, und man hatte die Bretter wegnehmen müssen, um die Kohle auf den Weg hinabgleiten zu lassen. Zacharias und Levaque wetterten gegen die Ader, die -- wie sie sagten -- »hart« zu werden begann, wodurch die Bedingungen ihres Erwerbes sich ungünstiger gestalteten. Chaval wandte sich um, blieb einen Augenblick auf dem Rücken liegen und schimpfte über Etienne, dessen Anwesenheit ihn augenscheinlich erbitterte.
 
»He, Blindschleiche! Der ist nicht so stark wie ein Mädchen!... Willst du rasch deinen Hund füllen?... Du möchtest wohl deine Ärmchen schonen? Bei Gott, ich behalte deine zehn Sous zurück, wenn uns deinetwegen ein Hund zurückgewiesen wird!«
 
Der junge Mann vermied es zu antworten; er war bis jetzt gar zu froh, diese Sträflingsarbeit gefunden zu haben, und ließ sich die rohe Stufenleiter gefallen, die vom Handlanger bis zum Werkmeister ging. Aber er vermochte nicht mehr zu gehen; seine Füße bluteten, seine Glieder waren von furchtbaren Krämpfen zusammengezogen, sein Rumpf wie von einem eisernen Fang zusammengepreßt.
 
- Fortsetzung -
 
 Aus:  Emile Zola (1840-1902):  Germinal
Germinal. (Deutsche Übersetzung).
Germinal. (Originalfassung).
 
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