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Gottfried Keller:

LEBENDIG BEGRABEN

I.

Wie poltert es! – Abscheuliches Geroll
Von Schutt und Erde, modernden Gebeinen!
Ich kann nicht lachen und kann auch nicht weinen,
Doch nimmt's mich wunder, wie das enden soll!

Nun wird es still. – Sie trollen sich nach Haus
Und lassen mich hier sieben Fuß tief liegen:
Nun, Phantasie! laß deine Adler fliegen,
Hier schwingen sie wohl nimmer mich hinaus!

Das ist jetzt eine wunderliche Zeit!
Im dunkeln Grab kein Regen und kein Rühren,
Indes der Geist als Holzwurm mag spazieren
Im Tannenholz – ist das die Ewigkeit?

Die Menschen sind ein lügnerisch Geschlecht
Und haben in das Grab hineingelogen,
Den ernsten Moder schnöd' mit mir betrogen –
Weh, daß die Lüge an sich selbst sich rächt!

Die Lügner gehn von hinnen ungestraft,
Ach, aber ich, die Lüge, muß bekleiben,
Daß sich der Tod ergrimmt an mir kann reiben,
In Tropfen trinkend meines Lebens Kraft!

II.

Da lieg' ich denn, ohnmächtiger Geselle
Ins Loch geworfen, wie ein Straßenheld,
Ein lärmender, von der Empörung Welle;
Ein blinder Maulwurf im zerwühlten Feld!

Wohlan, ich will, was kommen soll, erwarten,
Es ist am End' ein friedlich Wohnen hier;
Ich fühle nicht die Glieder, die erstarrten,
Doch heiter glimmt die stille Seele mir!

Hätt' ich nun einen ewigen Gedanken,
An dem man endlos sich erproben mag,
So möcht' ich liegen in den engen Schranken,
Behaglich sinnend bis zum jüngsten Tag.

Vielleicht, wer weiß, wüchs' er zu solcher Größe,
Daß er, in Kraft sich wandelnd, ein Vulkan,
Im Flammenausbruch dieses Grab erschlösse,
Vorleuchtend mir auf neuer Lebensbahn!

Wie wundersam, wenn über meinem Haupte
Der Abendtau die matten Blumen kühlt,
Ob wohl lustwandelnd dann der Pfarrherr glaubte,
Daß unter ihm ein Wetterleuchten spielt?

Daß glänzend in des eig'nen Lichtes Strahlen
Hier unten eine Menschenseele denkt?
Vielleicht sind dieses der Verdammung Qualen:
Geheim zu leuchten, ewiglich versenkt!

III.

Ha! was ist das? die Sehnen zucken wieder,
Wie Frühlingsbronn quillt neu erweckt das Blut!
Es dehnen sich die aufgetauten Glieder,
Und in der Brust schwillt junger Lebensmut!

Nun ist's gescheh'n, nun bricht herein der Jammer!
Die Späne knirschen unter dem Genick,
Ich messe tastend meine Totenkammer
Und messe aus mein grausiges Geschick!

Halt ein, o Wahnsinn! denn noch bin ich Meister
Und bleib' es bis zum letzten Odemzug!
So scharet euch, ihr armen Lebensgeister,
Treu um das Banner, das ich ehrlich trug!

So öffnet euch, krampfhaft geballte Fäuste,
Und faltet euch ergeben auf der Brust!
Wenn zehnfach mir die Qual das Herz umkreis'te,
Fest will ich bleiben, meiner selbst bewußt!

Von Erdenduldern ein verlorner Posten,
Will ich hier streiten an der Hölle Thor;
Den herbsten Kelch des Leidens will ich kosten,
Halt mir das Glas, o Seelentrost Humor!

IV.

Läg' ich, wo es Hyänen gibt, im Sand,
Wie wollt' ich hoffnungsvoll die Nacht erharren,
Bis hungrig eine käme hergerannt,
Mich heulend aus der lockern Gruft zu scharren!

Wie wollt' ich freudig mit dem gier'gen Tier
Dann um mein Leben, unermüdlich, ringen!
Im Sande balgt' ich mich herum mit ihr,
Und weiß gewiß, ich würde sie bezwingen.

Und auf den Rücken schwäng' die Bestie ich
Und spräng' im Leichentuch, wie neugeboren,
Und singend heimwärts und schlüg' wonniglich
Dem Arzt den Leichengräber um die Ohren!

V.

Horch! Stimmen und Geschrei, doch kaum zu hören;
Dumpf und verworren tönt es, wie von Ferne,
Und ich erkenne, die allnächtlich stören
Der Toten Schlaf, den stillen Gang der Sterne:

Der trunk'ne Küster, aus der Schenke kommen,
Setzt sich noch in den Mondschein vor dem Hause,
Kräht einen Psalm; doch kaum hat sie's vernommen,
So stürzt sein Weib hervor, daß sie ihn zause,

Heißt ihn hinein gehn und beschilt ihn grimmig,
Hell kräht und unverdrossen der Geselle;
So mischen sich geübt und doppelstimmig
Ihr Katzmiaulen und sein Mondsgebelle.

Sie muß ganz nah sein, da ich es kann hören,
Die überkomm'ne alte Pfründerhöhle;
Laß sehn, ob das Gesindel ist zu stören:
Schrei was du kannst, o du vergrab'ne Seele!

Die Thür schlägt zu – der Lärm hat sich verloren,
Es hülfe nichts, wenn ich zu Tod mich riefe!
Sie stopfen furchtsam ihre breiten Ohren
Vor jedem Ruf des Lebens aus der Tiefe.

VI.

Als endlich sie den Sarg hier abgesetzt,
Den Deckel hoben noch zu guter letzt,
In jenem Augenblick hab' ich gesehn,
Wie just die Sonne schied im Untergehn.

Beleuchtet von dem abendroten Strahl
Sah ich all' die Gesichter noch ein Mal,
Den Turmknopf oben in der goldnen Ruh –
Es war ein Blitz, sie schlossen wieder zu.

Ich sah auch zwischen Auf- und Niederschlag,
Wie Märzenschnee rings auf den Gräbern lag;
Das Wetter muß seither gebrochen sein,
Denn feucht dringt es in diesen leichten Schrein.

Ich hör' ein Knistern, wie wenn sacht und leis
Sich Schollen lösen von des Winters Eis;
Ich ärmster Lenzfreund bin ja auch erwacht
Und kann nicht regen mich in dunkler Nacht!

Wie jeglich Samenkorn sich mächtig dehnt,
Der junge Halm ans warme Licht sich sehnt,
So reck' ich den gefangnen, meinen Leib,
Doch ist's ein fruchtlos grimmer Zeitvertreib!

Hört man nicht klopfen laut da obenwärts
Hier mein zum Blühen so bereites Herz?
Sie wissen nicht, wie es da unten thut,
Und keine Wünschelrute zeigt dies Blut!

Käm' auch geschlichen so von ungefähr
Ein alter Schatz- und Quellengräber her,
Sein Stäblein, nur auf Geld und Gut gericht'
Es spürt' das warme rote Brünnlein nicht.

VII.

Horch – endlich zittert es durch meine Bretter!
Was für ein zauberhaft metallner Klang,
Was ist das für ein unterirdisch Wetter,
Das mir erschütternd in die Ohren drang?

Jach unterbrach es meine bangen Klagen,
Ich lauschte zählend, still, fast hoffnungsvoll:
Eilf – zwölf – wahrhaftig es hat zwölf geschlagen,
Das war die Turmuhr, die so dröhnend scholl!

Es ist die große Glock', das Kind der Lüfte,
Das klingt ins tiefste Fundament herab,
Bahnt sich den Weg durch Mauern und durch Grüfte
Und singt sein Lied in mein verlass'nes Grab.

Gewiß sind jetzt die Dächer warm beschienen
Vom sonnigen Lenz, vom lichten Aetherblau!
Nun kräuselt sich der Rauch aus den Kaminen,
Die Leute lockend von der grünen Au'.

Was höhnst du mich, du Glockenlied, im Grabe,
Du Rufer in des Herrgotts Speisesaal!
Mahnst ungebeten, daß ich Hunger habe
Und nicht kann hin zum ärmlich stillen Mahl? –

VIII.

Da hab' ich gar die Rose aufgegessen,
Die sie mir in die starre Hand gegeben!
Daß ich noch einmal würde Rosen essen,
Hätt' nimmer ich geglaubt in meinem Leben!

Ich möcht' nur wissen, ob es eine rote,
Ob eine weiße Rose das gewesen?
Gib täglich uns, o Herr! von deinem Brote,
Und wenn du willst, erlös' uns von dem Bösen!

IX.

Zwölf hat's geschlagen – warum denn Mittag?
Vielleicht der Mitternacht ja galt der Schlag,
Daß oben nun des Himmels Sterne gehn,
Ich weiß es nicht und kann es ja nicht sehn!

Ha, Mitternacht! Ein heller Hoffnungsstrahl!
Der nächtlich wohl schon manches Grab bestahl,
Der Totengräber schleicht vielleicht herbei
Und macht erschrocken mich Lebend'gen frei!

Doch was für Kleinod sollt' er suchen hier?
Er weiß zu gut, er findet nichts bei mir!
Ein golden Ringlein nun erlöste mich,
Jedoch umsonst ist nur der Tod für dich!

X.

Ja, hätt' ich ein verlass'nes Liebchen nun,
Das vor dem Morgenrot zu klagen käme,
Auf meinem frischen Pfühle auszuruhn,
Und meinen Ruf mit süßem Grau'n vernähme!

Warum hab' ich der Einen nicht gesagt,
Daß junge Liebe mir im Herzen sprosse?
Ich zauderte und hab' es nicht gewagt –
Die Krankheit kam und diese tolle Posse!

Wenn einsam sie vielleicht und ungeliebt,
Nachdenklich manchmal ihre Augen senkt,
O wüßte sie dann, daß ein Herz es gibt,
Das, unterm Rasen schlagend, an sie denkt!

XI.

Wie herrlich wär's, zerschnittner Tannenbaum,
Du ragtest als ein schlanker Mast empor,
Bewimpelt, in den blauen Himmelsraum,
Vor einem sonnig heitern Hafenthor!

Da, müssen wir einmal beisammen sein,
Lehnt' ich an dir im schwanken Segelhaus;
Du aus dem Schwarzwald, drüben ich vom Rhein,
Kamraden, reis'ten wir aufs Meer hinaus.

Und bräch' das Schiff zu Splittern auseinand',
Geborsten du und über Bord gefällt,
Umfaßt' ich dich mit eisenfester Hand,
So schwämmen beide wir ans End' der Welt.

Am besten wär's, du ständest hoch und frei
Im Tannenwald, das Haupt voll Vogelsang,
Ich aber schlenderte an dir vorbei,
Wohin ich wollt', den grünen Berg entlang!

XII.

Der erste Tannenbaum, den ich gesehn,
Das war ein Weihnachtsbaum im Kerzenschimmer;
Noch seh' ich lieblich glimmend vor mir stehn
Das grüne Wunder im erhellten Zimmer.

Da war ich täglich mit dem Frühsten wach,
Den Zweigen gläubig ihren Schmuck zu rauben;
Doch als die letzte süße Frucht ich brach,
Ging es zugleich an meinen Wunderglauben.

Dann aber, als im Lenz zum ersten Mal
In einen Nadelwald ich mich verirrte,
Mich durch die hohen stillen Säulen stahl,
Bis sich der Hain zu jungem Schlag entwirrte:

O Freudigkeit! wie ich da ungesehn
In einem Forst von Weihnachtsbäumchen spielte,
Dicht um mein Haar ihr zartes Wipfelwehn,
Das überragend mir den Scheitel kühlte.

Ein kleiner Riese in dem kleinen Tann,
Sah ich vergnügt, wo Weihnachtsbäume sprießen
Ich packte keck ein winzig Tännlein an
Und bog es mächtig ringend mir zu Füßen.

Und über mir war nichts als blauer Raum;
Doch als ich mich dicht an die Erde schmiegte,
Sah unten ich durch dünner Stämmchen Saum,
Wie Land und See im Silberduft sich wiegte.

Wie ich so lag, da rauscht' und stob's herbei,
Daß mir der Lufthauch durch die Locken sauste,
Und aus der Höh' schoß senkrecht her der Weih,
Daß seiner Schwingen Schlag im Ohr mir braus'te.

Als schwebend er nah ob dem Haupt mir stand,
Funkelt' sein Aug' gleich dunkeln Edelsteinen;
Zu äußerst an der Flügel dünnem Rand
Sah ich die Sonne durch die Kiele scheinen.

Auf meinem Angesicht sein Schatten ruht'
Und ließ die glühen Wangen mir erkalten –
Ob welchem Inderfürst von heißem Blut
Ward solch' ein Sonnenschirm emporgehalten?

Wie ich so lag, erschaut' ich plötzlich nah,
Wie eine Eidechs mit neugier'gem Blicke
Vom nächsten Zweig ins Aug' mir niedersah,
Wie in die Flut ein Kind auf schwanker Brücke.

Nie hab' ich mehr solch guten Blick gesehn
Und so lebendig ruhig, fein und glühend;
Hellgrün war sie, ich sah den Odem gehn
In zarter Brust, blaß wie ein Röschen blühend.

Ob sie mein blaues Auge niederzog?
Sie ließ vom Zweig sich auf die Stirn mir nieder
Schritt abwärts, bis sie um den Hals mir bog,
Ein fein Geschmeide, ruhend ihre Glieder.

Ich hielt mich reglos und mit lindem Druck
Fühlt' ich den leisen Puls am Halse schlagen;
Das war der einzige und schönste Schmuck,
Den ich in meinem Leben je getragen!

Damals war ich ein kleiner Pantheist
Und ruhte selig in den jungen Bäumen;
Doch nimmer ahnte mir zu jener Frist
Daß in den Stämmchen solche Bretter keimen!

XIII.

Der schönste Tannenbaum, den ich gesehn,
Das war ein Freiheitsbaum von sechszig Ellen,
Am Schützenfest, im Wipfel Purpurwehn,
Aus seinem Stamme flossen klare Wellen.

Vier Röhren gossen den lebend'gen Quell
In die granitgehau'ne runde Schale;
Die braunen Schützen drängten sich zur Stell'
Und schwenkten ihre silbernen Pokale.

Unübersehbar schwoll die Menschenflut,
Von allen Enden schallten Männerchöre;
Vom Himmelszelt floß Julisonnenglut,
Erglüh'nd ob meines Vaterlandes Ehre.

Dicht im Gedräng, dort an des Beckens Rand
Sang laut ich mit, ein fünfzehnjähr'ger Junge;
Mir gegenüber an dem Brunnen stand
Ein zierlich Mädchen von roman'scher Zunge.

Sie kam aus der Grisonen letztem Thal,
Trug Alpenrosen in den schwarzen Flechten
Und füllte ihres Vaters Siegpokal,
Drin schien ihr Aug' gleich Sommersternennächten.

Sie ließ in kindlich unbefang'ner Ruh
Vom hellen Quell den Becher überfließen,
Sah drin dem Widerspiel der Sonne zu,
Bis ihr gefiel, den vollen auszugießen.

Dann mich gewahrend, warf sie wohlgemut
Aus ihrem Haar ein Röslein in den Bronnen,
Erregt' im Wasser eine Wellenflut,
Bis ich erfreut den Blumengruß gewonnen.

Ich fühlte da die junge Freiheitslust,
Des Vaterlandes Lieb' im Herzen keimen;
Es wogt' und rauscht' in meiner Knabenbrust
Wie Frühlingssturm in hohen Tannenbäumen.

XIV.

Und wieder schlägt's – ein Viertel erst und Zwölfe!
Ein Viertelstündchen erst, daß Gott mir helfe,
Verging, seit ich mich wieder regen kann!
Ich träumte, daß schon mancher Tag verrann!

Doch bin ich frei, das Weh hat sich gewendet,
Der seine Strahlen durch das Weltall sendet,
Er löst auch Zeit und Raum in diesem Schrein –
Ich bin allein und dennoch nicht allein!

Getrennt bin ich von meinem herben Leiden,
Und wie ein Meer, von dem ich mich will scheiden,
Lass' brausen ich mein siedend heißes Blut
Und steh' am Ufer als ein Mann von Mut.

So toset nur, ihr ungetreuen Wogen,
Lange genug bin ich mit euch gezogen!
Ich übersing' euch, wie ein Ferg' am Strand,
Und tausch' euch an ein gutes Heimatland!

Schon seh' ich schimmernd fließen Zeit in Zeiten,
Verlieren sich in unbegrenzte Weiten
Gefilde, Bergeshöhen, Wolkenflug:
Die Ewigkeit in Einem Atemzug!

Der letzte Hauch ein wallend' Meer von Leben,
Wo fliehend die Gedanken mir entschweben!
Fahr' hin, o Selbst! vergängliches Idol,
Wer du auch bist, leb' wohl du, fahre wohl!


Gottfried Keller (1819-1890):
Lebendig begraben
Das Hexenkind
Träume von einem Traum
Der grüne Heinrich



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