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Erich Mühsam:
 - Lumpenlied
- Der Revoluzzer
- Vision
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 Lumpenlied

Kein Schlips am Hals, kein Geld im Sack.
Wir sind ein schäbiges Lumpenpack,
auf das der Bürger speit.
Der Bürger blank von Stiebellack,
mit Ordenszacken auf dem Frack,
der Bürger mit dem Chapeau claque,
fromm und voll Redlichkeit.
 
Der Bürger speit und hat auch recht.
Er hat Geschmeide gold und echt. -
Wir haben Schnaps im Bauch.
Wer Schnaps im Bauch hat, ist bezecht,
und wer bezecht ist, der erfrecht
zu Dingen sich, die jener schlecht
und niedrig findet auch.
 
Der Bürger kann gesittet sein,
er lernte Bibel und Latein. -
Wir lernen nur den Neid.
Wer Porter trinkt und Schampus-Wein,
lustwandelt fein im Sonnenschein,
der bürstet sich, wenn unserein
ihn anrührt mit dem Kleid.

Wo hat der Bürger alles her:
den Geldsack und das Schießgewehr?
Er stiehlt es grad wie wir.
Bloß macht man uns das Stehlen schwer.
Doch er kriegt mehr als sein Begehr.
Er schröpft dazu die Taschen leer
von allem Arbeitstier.
 
Oh, wär ich doch ein reicher Mann,
der ohne Mühe stehlen kann,
gepriesen und geehrt.
Träf ich euch auf der Straße dann,
ihr Strohkumpane, Fritz, Johann,
ihr Lumpenvolk, ich spie euch an. -
Das seid ihr Hunde wert!

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Der Revoluzzer
 
- Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet -
 
War einmal ein Revoluzzer,
im Zivilstand Lampenputzer;
ging im Revoluzzerschritt
mit den Revoluzzern mit.
 
Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
schob er auf das linke Ohr,
kam sich höchst gefährlich vor.
 
Doch die Revoluzzer schritten
mitten in der Straßen Mitten,
wo er sonsten unverdrutzt
alle Gaslaternen putzt.
 
Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
aus dem Straßenpflaster aus,
zwecks des Barrikadenbaus.
 
Aber unser Revoluzzer
schrie: "Ich bin der Lampenputzer
dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!
 
Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
kann kein Bürger nichts mehr sehen.
Laßt die Lampen stehn, ich bitt! -
Denn sonst spiel ich nicht mehr mit!"
 
Doch die Revoluzzer lachten,
und die Gaslaternen krachten,
und der Lampenputzer schlich
fort und weinte bitterlich.
 
Dann ist er zu Haus geblieben
und hat dort ein Buch geschrieben:
nämlich, wie man revoluzzt
und dabei doch Lampen putzt.
 
(1907)

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Vision
 
Vor dem Rot des Tags, der Abschied nimmt,
wälzt sich wollig wolkig grauer Rauch,
welcher eines nahen Schlotes Bauch
schwer entklimmt.
 
Und der Rauch formt vor dem roten Schein
weiche Arabesken und Figuren.
Wunderlich zerfließen die Konturen
querluftein.
 
Was die Menschenhand am Ofen drunten
um des Brotes Willen schafft und flicht,
zieht vorbei im abendhimmelsbunten
Schemenlicht.
 
Hämmer fallen auf geglühten Stahl.
Flammen schlagen, und der Motor brüllt,
wo man schwarze Eisenmäntel füllt,
ohne Zahl.
 
Traurig bleibt der Wandrer stehn und sieht,
wie das finstre Werk in grauen, langen,
schlimmen Wegs bewußten Wolkenschlangen
nachtwärts zieht
 
Giftig spaltet sich die Schlangenhaut.
Schwerter züngeln und Kanonenmünder
runden sich und bersten, Hundertpfünder -
ohne Laut.
 
Pferdeleiber winden sich, und Hände
greifen langgefingert jäh ins Leere.
Durch die Reste wüster Waldgelände
stelzen Heere.
 
Steil und spitzig stoßen Bajonette
auf und nieder. Türme steigen, kippen.
Tanzend, wiegend schlingt sich eine Kette
aus Gerippen.
 
Fäuste wachsen, krallen sich um Kehlen.
Dürre Körper sinken unter Hieben.
Vor dem roten Schein im Rauch zerstieben
Menschenseelen.
 
Nacht verschluckt die nebligen Gebilde.
Ruhlos walkt der Schlot der Waffenschmiede ...
Wann wird Tag? O wann erwacht der milde
Weltenfriede?
 

Erich Mühsam (1878-1934, ermordet im KZ Oranienburg).
- Appell an den Geist
- Lumpenlied
- In der Zelle
- Voller Sterne
- Erich-Mühsam-Gesellschaft Lübeck
- Erich Mühsam - Leben und Werk

 

 

 

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