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Arthur Schnitzler:
 
DAS STUBENMÄDCHEN UND DER JUNGE HERR
 
Heißer Sommernachmittag. – Die Eltern sind schon auf dem Lande. – Die Köchin hat Ausgang. – Das Stubenmädchen schreibt in der Küche einen Brief an den Soldaten, der ihr Geliebter ist. Es klingelt aus dem Zimmer des jungen Herrn. Sie steht auf und geht ins Zimmer des jungen Herrn.

Der junge Herr liegt auf dem Diwan, raucht und liest einen französischen Roman.
 
Das Stubenmädchen: Bitt' schön, junger Herr?
 
Der junge Herr: Ah ja, Marie, ah ja, ich hab' geläutet, ja... was hab' ich nur... ja richtig, die Rouletten lassen S' herunter, Marie... Es ist kühler, wenn die Rouletten unten sind... ja...

Das Stubenmädchen geht zum Fenster und läßt die Rouletten herunter.
 
Der junge Herr liest weiter: Was machen S' denn, Marie? Ah ja. Jetzt sieht man aber gar nichts zum Lesen.
 
Das Stubenmädchen: Der junge Herr ist halt immer so fleißig.
 
Der junge Herr überhört das vornehm: So, ist gut.

Marie geht.
 
Der junge Herr versucht weiter zu lesen; läßt bald das Buch fallen, klingelt wieder.
 
Das Stubenmädchen erscheint.
 
Der junge Herr: Sie, Marie... ja, was ich habe sagen wollen... ja... ist vielleicht ein Cognac zu Haus?
 
Das Stubenmädchen: Ja, der wird eingesperrt sein.
 
Der junge Herr: Na, wer hat denn die Schlüssel?
 
Das Stubenmädchen: Die Schlüssel hat die Lini.
 
Der junge Herr: Wer ist die Lini?
 
Das Stubenmädchen: Die Köchin, Herr Alfred.
 
Der junge Herr: Na, so sagen S' es halt der Lini.
 
Das Stubenmädchen: ja, die Lini hat heut Ausgang.
 
Der junge Herr: So...
 
Das Stubenmädchen: Soll ich dem jungen Herrn vielleicht aus dem Kaffeehaus...
 
Der junge Herr: Ah nein... es ist so heiß genug. Ich brauch' keinen Cognac. Wissen S', Marie, bringen Sie mir ein Glas Wasser. Pst, Marie – aber laufen lassen, daß es recht kalt ist. –

Das Stubenmädchen ab.
 
Der junge Herr sieht ihr nach, bei der Tür wendet sich das Stubenmädchen nach ihm um; der junge Herr schaut in die Luft. – Das Stubenmädchen dreht den Hahn der Wasserleitung auf, läßt das Wasser laufen. Währenddem geht sie in ihr kleines Kabinett, wäscht sich die Hände, richtet vor dem Spiegel ihre Schneckerln. Dann bringt sie dem jungen Herrn das Glas Wasser. Sie tritt zum Diwan.
 
Der junge Herr richtet sich zur Hälfte auf, das Stubenmädchen gibt ihm das Glas in die Hand, ihre Finger berühren sich.
 
Der junge Herr: So, danke. – Na, was ist denn? – Geben Sie acht; stellen Sie das Glas wieder auf die Tasse... Er legt sich hin und streckt sich aus Wie spät ist's denn? –
 
Das Stubenmädchen: Fünf Uhr, junger Herr.
 
Der junge Herr: So, fünf Uhr. – Ist gut. –
 
Das Stubenmädchen geht; bei der Tür wendet sie sich um; der junge Herr hat ihr nachgeschaut; sie merkt es und lächelt.
 
Der junge Herr bleibt eine Weile liegen, dann steht er plötzlich auf. Er geht bis zur Tür, wieder zurück, legt sich auf den Diwan. Er versucht wieder zu lesen. Nach ein paar Minuten klingelt er wieder.
 
Das Stubenmädchen erscheint mit einem Lächeln, das sie nicht zu verbergen sucht.
 
Der junge Herr: Sie, Marie, was ich Sie hab' fragen wollen. War heut vormittag nicht der Doktor Schüller da?
 
Das Stubenmädchen: Nein, heut vormittag war niemand da.
 
Der junge Herr: So, das ist merkwürdig. Also der Doktor Schüller war nicht da? Kennen Sie überhaupt den Doktor Schüller?
 
Das Stubenmädchen: Freilich. Das ist der große Herr mit dem schwarzen Vollbart.
 
Der junge Herr: Ja. War er vielleicht doch da?
 
Das Stubenmädchen: Nein, es war niemand da, junger Herr.
 
Der junge Herr entschlossen: Kommen Sie her, Marie.
 
Das Stubenmädchen tritt etwas näher: Bitt' schön.
 
Der junge Herr: Näher... so... ah... ich hab' nur geglaubt...
 
Das Stubenmädchen: Was haben der junge Herr?
 
Der Junge Herr: Geglaubt... geglaubt hab' ich – Nur wegen Ihrer Blusen... Was ist das für eine... Na, kommen S' nur näher. Ich beiß' Sie ja nicht.
 
Das Stubenmädchen kommt zu ihm: Was ist mit meiner Blusen? G'fallt sie dem jungen Herrn nicht?
 
Der junge Herr faßt die Bluse an, wobei er das Stubenmädchen zu sich herabzieht: Blau? Das ist ganz ein schönes Blau. Einfach Sie sind sehr nett angezogen, Marie.
 
Das Stubenmädchen: Aber junger Herr...
 
Der Junge Herr: Na, was ist denn?... Er hat ihre Bluse geöffnet. Sachlich Sie haben eine schöne weiße Haut, Marie.
 
Das Stubenmädchen: Der junge Herr tut mir schmeicheln.
 
Der junge Herr küßt sie auf die Brust: Das kann doch nicht weh tun.
 
Das Stubenmädchen: O nein.
 
Der Junge Herr: Weil Sie so seufzen! Warum seufzen Sie denn?
 
Das Stubenmädchen: Oh, Herr Alfred...
 
Der Junge Herr: Und was Sie für nette Pantoffeln haben...
 
Das Stubenmädchen: ... Aber... junger Herr... wenn's draußen läut' –
 
Der Junge Herr: Wer wird denn jetzt läuten?
 
Das Stubenmädchen: Aber junger Herr... schaun S'... es ist so licht...
 
Der Junge Herr: Vor mir brauchen Sie sich nicht zu genieren. Sie brauchen sich überhaupt vor niemandem wenn man so hübsch ist. Ja, meiner Seel'; Marie, Sie sind... Wissen Sie, Ihre Haare riechen sogar angenehm.
 
Das Stubenmädchen: Herr Alfred...
 
Der Junge Herr: Machen Sie keine solchen Geschichten, Marie... ich hab' Sie schon anders auch geseh'n. Wie ich neulich in der Nacht nach Haus gekommen bin und mir Wasser geholt hab'; da ist die Tür zu Ihrem Zimmer offen gewesen... na...
 
Das Stubenmädchen verbirgt ihr Gesicht: O Gott, aber das hab' ich gar nicht gewußt, daß der Herr Alfred so schlimm sein kann.
 
Der Junge Herr: Da hab' ich sehr viel gesehen... das und das... und das... und –
 
Das Stubenmädchen: Aber, Herr Alfred!
 
Der Junge Herr: Komm, komm... daher... so, ja so...
 
Das Stubenmädchen: Aber wenn jetzt wer läutet –
 
Der Junge Herr: Jetzt hören Sie schon einmal auf... macht man höchstens nicht auf...

Es klingelt.
 

Der Junge Herr: Donnerwetter Und was der Kerl für einen Lärm macht. – Am End' hat der schon früher geläutet, und wir haben's nicht gemerkt.
 
Das Stubenmädchen: Oh, ich hab' alleweil aufgepaßt.
 
Der Junge Herr: Na, so schaun S' endlich nach – durchs Guckerl. –
 
Das Stubenmädchen: Herr Alfred... Sie sind aber... nein... so schlimm.
 
Der Junge Herr: Bitt' Sie, schaun S' jetzt nach...
 
Das Stubenmädchen geht ab.
 
Der junge Herr öffnet rasch die Rouleaux.
 
Das Stubenmädchen erscheint wieder: Der ist jedenfalls schon wieder weggangen. Jetzt ist niemand mehr da. Vielleicht ist es der Doktor Schüller gewesen.
 
Der junge Herr ist unangenehm berührt: Es ist gut.
 
Das Stubenmädchen nähert sich ihm.
 
Der junge Herr entzieht sich ihr: – Sie, Marie, – ich geh' jetzt ins Kaffeehaus.
 
Das Stubenmädchen zärtlich: Schon... Herr Alfred.
 
Der junge Herr streng: Ich geh' jetzt ins Kaffeehaus. Wenn der Doktor Schüller kommen sollte...
 
Das Stubenmädchen: Der kommt heut nimmer.
 
Der junge Herr noch strenger: Wenn der Doktor Schüller kommen sollte, ich, ich... ich bin – im Kaffeehaus. – Geht ins andere Zimmer.

Das Stubenmädchen nimmt eine Zigarre vom Rauchtisch, steckt sie ein und geht ab.


Der dritte Dialog aus
„Reigen – Zehn Dialoge“ (1896/97) von Arthur Schnitzler( 1862-1931).
 
Arthur Schnitzler: Traumnovelle
 
Arthur Schnitzler: Der Reigen

 
 


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