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Wolfgang Sterneck
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Wolfgang Sterneck:
PSYCHEDELIKA
- Ein Remix -


- Welten des Bewusstseins
- Psychedelische Erfahrungen
- Abgründe des Ichs
- Schamanische Wirklichkeiten
- Kolonialisierte Drogen
- Die Kontrolle der Phantasie
- Die Rhythmen der Wirklichkeit
- Acid-Utopien
- Die Aufhebung Gottes
- Die innere Leere
- Verbot und Mündigkeit
- Drogen-Kriege
- Die psychoaktive Kultur


Von einem befreienden Aufbruch in neue psychedelische Wirklichkeiten bis zur Flucht in eine Scheinwelt ist es oftmals nur ein kleiner Schritt. Psychedelische Substanzen können innere Räume eröffnen und kulturelle Strukturen aufbrechen, sie können aber genauso die Wahrnehmung der äußeren Bedingungen völlig verschließen.

WELTEN DES BEWUSSTSEINS

Die psychedelische Erfahrung kennt viele Gesichter. Ihre Wurzel liegt in dem menschlichen Bedürfnis nach Rausch, Ekstase und Transzendenz als Überschreitung der im Alltag vorgegebenen Grenzen. Dieses kann beispielsweise in trancehaften Tänzen, besonderen Atemtechniken, einer orgiastischen Sexualität oder auch im Gebrauch psychedelischer Substanzen eine Entsprechung finden.

- ”Jedes menschliche Wesen wird mit einem inneren Verlangen geboren, von Zeit zu Zeit veränderte Zustände des Bewusstseins zu erfahren. Insbesondere mit dem Verlangen zu lernen, wie man das normale, ichzentrierte Bewusstsein überwinden kann.” - Andrew Weil -

In seinem Roman ’Eiland’ beschrieb Aldous Huxley eine auf dem Prinzip der Gemeinschaftlichkeit aufgebaute Gesellschaft. Ausgehend von einem betont ganzheitlichen Lebensverständnis stehen dabei ökologische Grundgedanken neben einer emanzipatorischen Erziehung und dem Ideal der freien Liebe. Kulturell bedeutsam ist der bewusste Gebrauch von Moksha, einer psychedelischen Substanz, die aus einem psychoaktiven Pilz gewonnen wird.

- ”Einen Blick von der Welt erhaschen, wie sie jemanden erscheint, der von seiner Knechtschaft durch das Ego befreit ist.” - Aldous Huxley -

In die literarische Beschreibung von Moksha flossen Huxleys persönliche Erfahrungen mit den psychedelischen Substanzen Meskalin und LSD ein. Die Substanz wird rituell eingebettet unter Berücksichtigung der Risiken zur persönlichen Entwicklung und zur Erweiterung des Bewusstseins genutzt. Sie steht dabei im ausdrücklichen Gegensatz zu Drogen, deren wesentliche Wirkung in einem Rausch bzw. in einer Betäubung liegen.

- ”Überall und zu allen Zeiten haben Menschen Mittel gesucht und auch gefunden, um der Wirklichkeit ihrer gewöhnlich äußerst unbefriedigenden Existenz für kurze Zeit zu entkommen: zu einem Urlaub außerhalb von Raum und Zeit, in der Ewigkeit von Schlaf und Ekstase, in einem Zwischenbereich visionärer Phantasien.” - Aldous Huxley -

Unter bestimmten Bedingungen wird durch eine psychedelische Erfahrung konkret erfahrbar, dass verschiedene Ebenen der Wahrnehmung bzw. der Wirklichkeit nebeneinander bestehen. Diese Erkenntnis kann eine persönliche Weiterentwicklung bewirken, sie kann aber auch eine tiefe Verunsicherung auslösen, da das bisherige Weltverständnis in seinen Grundlagen erschüttert wird. Entsprechend wichtig sind mit dem Set und Setting eine Reihe innerer und äußerer Faktoren.

- ”Die Natur der Erfahrung hängt fast ausschließlich von Set und Setting ab. Set bezeichnet die Vorbereitung des Einzelnen, die seine persönliche Struktur und derzeitige Gemütsverfassung mit umfasst. Das Setting hat Anteile physischer Art: das Wetter, die Atmosphäre des Raumes, sowie sozialer Art: die gegenseitigen Gefühle der anwesenden Personen, und kultureller Art: die vorherrschenden Ansichten von dem was Wirklichkeit ist.” - Timothy Leary, Ralph Metzner und Richard Alpert -

Die psychedelische Erfahrung entfaltet erst dann ihr volles Potenzial wenn sie bewusst verarbeitet und in den Alltag integriert wird. Unreflektiert eröffnet sie als ein losgelöstes Wochenenderlebnis eine Scheinwelt, die entweder in die Belanglosigkeit führt oder schnell eine nicht zu kontrollierende selbstzerstörende Dynamik entwickelt.

- ”Who’s been sleeping in my brain?” - Alien Sex Fiend -

Sinngemäß übersetzt steht der Begriff ’psychedelisch’ für ’die Psyche offenbarend’ und damit insbesondere auch für die Freilegung von Gefühlen und Erlebnissen die sich im Unbewussten befinden. Psychedelika erzeugen dabei weder positive noch negative Gefühle, sondern öffnen nur Türen zu Räumen, die in der betreffenden Person bereits vorhanden sind.

- ”’Die Antworten liegen in mir’ sagte Alice als sie lächelnd durch den Spiegel trat.” - nach Lewis Carroll (Sterneck) -

Der Gebrauch von Psychedelika hat neben der persönlichen Motivation immer auch eine gesellschaftliche Dimension. Psychedelika können über die Flucht in eine andere Welt die soziokulturellen Bedingungen verhärten, die sie verursachen. Sie können jedoch auch Blockaden aufbrechen und ausgehend von persönlichen Entwicklungen gesellschaftliche Veränderungsprozesse eröffnen, sofern es gelingt die Erfahrungen konkret auf das persönliche Leben wie auch auf soziokulturelle Zusammenhänge zu beziehen.

- ”Uns aus dem aufgezwungenen Bewusstsein herauszubegeben ist der erste wirkliche Schritt auf dem Weg zur Befreiung.” - David Cooper -


PSYCHEDELISCHE ERFAHRUNGEN

Die psychedelische Erfahrung ist kein einheitliches Erlebnis. Ihre Erscheinungsformen sind von vielfältigen Faktoren abhängig. Dazu gehören selbstverständlich die spezifische Substanz und deren Dosierung wie auch innere persönliche und äußere umgebende Faktoren.

- ”Ein psychedelisierender Mensch sitzt oder liegt, tanzt oder rollt, lacht oder weint, erschauert und hat glänzende Augen. Man kann mit ihm sprechen, ihn berühren oder umarmen. Er kann wie im täglichen Leben reagieren oder nur tatenlos staunen, er kann philosophische Erkenntnisse aussprechen oder unverständliches Gebrabbel von sich geben. Er bleibt für alle Menschen sichtbar, selbst wenn sie für ihn zu unsichtbaren Schemen verblassen. Er geht in sich, betritt dort eine Welt, die vorher nicht wahrnehmbar war. ” - Christian Rätsch -

Der potenziell in vielfältiger Hinsicht aufbrechende Charakter psychedelischer Erfahrungen wurde in zahlreichen Untersuchungen dargelegt. In der Regel werden inzwischen drei außergewöhnliche Bewusstseinszustände unterschiedenen, die sich als ”Himmel”, ”Hölle” und ”Vision” bzw. als ”Ozeanische Selbstentgrenzung”, ”Angstvolle Ichauflösung” und ”Visionäre Umstrukturierung” beschreiben lassen.

- ”Die ’Ozeanische Selbstentgrenzung’ beschreibt angenehme, beglückende Aspekte eines außergewöhnlichen Bewusstseinszustandes. Dazu gehören Erfahrungen des Einsseins, der Befreiung von den Beschränkungen von Raum und Zeit, die Ahnung einer höheren Wirklichkeit. Die ’Angstvolle Ichauflösung’ beschreibt ein Erleben, das gemeinhin als ’horror trip’ bezeichnet wird. Angst die sich auf den Verlust von Fähigkeiten wie Selbstkontrolle, Urteilsfähigkeit und Realitätskontrolle bezieht. Die dritte Dimension, die ’Visionäre Umstrukturierung’ ist die vielschichtigste. Die Aspekte können als ’Veränderungen der visuell-kognitiven Funktionen’ zusammengefasst werden. Visionen bzw. optische halluzinatorische Phänomene, Synästhesien und Veränderungen des Bedeutungserlebens. (...)” - Ines Bodmer, Adolf Dittrich und Daniel Lamparter -

Neben der Ebene der bewussten Erfahrung und Erkenntnis haben durch Drogen offenbarte außergewöhnliche Bewusstseinszustände auch eine neurochemische Dimension. So kommt es zu einer Veränderung der Filterungsprozesse von Sinneseindrücken und der Übertragungsprozesse körpereigener Botenstoffe im Gehirn. Durch eine Überaktivierung des Locus coeruleus, einem Bereich des Hirnstammes, kann es dabei zu einer Aufhebung der Trennung zwischen Ich und Außenwelt kommen.

- ”Die stark erhöhte neuronale Aktivität des Locus coeruleus führt vermutlich zu einer mächtigen, einem bestimmten Muster folgenden Freisetzung von Noradrenalin aus Nervenenden im ganzen Gehirn. Der dadurch bewirkte extrem hohe Wachheitsgrad ist möglicherweise für den ’transzendentalen’ geistigen Zustand verantwortlich den Psychedelika hervorrufen. Dem Wirkstoffkonsumenten kann in solch einem Zustand ein ’inneres Ich’ bewusst werden, zu dem er normalerweise keinen Zugang hat.” - Solomon H. Snyder -

Schon bei einer geringen Dosis lösen viele Psychedelika eine Euphorisierung und eine Veränderung des Körpergefühls aus. Zudem kommt es zu einer Intensivierung der Farbwahrnehmung und einer Veränderung des räumlichen Sehens. Insbesondere in der Anfangshase sind derartige Empfindungen mit Kreislaufproblemen und Übelkeit verbunden.

- ”Der Boden bewegte sich beim laufen. Wir haben uns erstmal total einen abgelacht. Niemand wusste eigentlich wieso, aber wir mussten einfach nur lachen. Ich hab gemerkt wie meine Knie total weich wurden und ich mir vorkam wie ein Gummimensch. Meine Beine federten richtig und irgendwann merkte ich dann, dass es besser wäre, mich mal hinzusetzen, während die anderen noch da standen und rumlachten.” - Anonym -

In höheren Dosierungen erscheinen oftmals feste Formen als weich oder flüssig, während sich starre Gegenstände pulsierend bewegen können. Darüber hinaus verändert sich das Zeit- und Raumgefühl. Bei einem günstigen Verlauf kann es zu einem Gefühl der Verschmelzung kommen.

- ”Ich wendete meinen Blick der glatten Tür zu, auf der persische Muster, Blumen, Mandalas und Ornamente in perfekter Symmetrie erschienen. Während ich sie entwarf, verströmten sie ihre Musik. Wenn ich eine lange orangefarbene Linie zog, entfloss ihr ein orangener Ton. Mein Körper schwamm und flog. Ich fühlte mich fröhlich, unbeschwert und spielerisch. Es bestand eine vollkommene Beziehung zwischen meinem Körper und allem, was passierte.” - Anais Nin -

Im Extremfall werden die Grenzen der persönlichen Identität völlig aufgelöst, die Wahrnehmung der äußeren Welt und der eigenen Person gehen ineinander auf oder verlagern sich auf andere Ebenen. Das gängige Verständnis von Wirklichkeit ist nicht mehr gegeben.

- ”Ich bin nicht in der Lage mich dem zu entziehen, bewege mich unablässig von einem Pol zum anderen. Oben ist mir klar wer ich bin, am unteren Pol habe ich keine Worte mehr. Kein Wissen mehr, dass es den Begriff ’Denken’ gibt, was denken überhaupt ist. Nur noch kleinste Bausteine, die noch winziger werden. Atome. Energiepartikel. Sekundenschnelle Auflösung ins Unendliche und gleichzeitig Verschmelzung.” - Tibo Leone -

Zu den beschriebenen Erlebnissen sogenannter Gipfelerfahrungen gehören die Auflösung der Trennung von Körper und Geist, die Verschmelzung von Raum und Zeit, sowie das Verständnis kosmischer Zusammenhänge. Teilweise wird von archetypischen Bildern oder der Freisetzung ansonsten nicht zugänglicher zellularer Informationen gesprochen.

- ”Ich verlasse meinen Körper. Werde durch unbekannte Dimensionen in ein Paralleluniversum geschleudert. DMT is instant alien contact. Mein Lichtkörper nimmt fremde Wesenheiten im selben Raum wahr. Es entsteht ein direkter Kontakt. Sie kreieren das Universum, in dem ’wir’ uns befinden. Als ich dies realisiere, werde ich initiiert, in den Kreis aufgenommen, nehme am Prozess des Erschaffens teil. Ein Zustand von Omnipotenz. Ich atme Universen aus, bin in totaler Ekstase, erhalte Botschaften, bin Sender und Empfänger.” - Simon de la Luna


-ABGRÜNDE DES ICHS

Psychedelika eröffnen Wege der Auseinandersetzung mit der eigenen Persönlichkeit. Diese Wege schließen jedoch zwangsläufig keineswegs nur beglückende Momente, sondern auch das Eintauchen in die dunklen Seiten der Existenz mit ein.

- ”Damit der Ritus auf mich falle, damit das Feuer, die Gesänge, die Schreie, der Tanz und sogar die Nacht wie ein beseeltes menschliches Gewölbe über mir lebendig würden. Ich war auf alle Brandmale gefasst und wartete darauf, dass die Verbrennung ihren Anfang nehme, ein Feuer vor Augen, das bald überall sein wird.” - Antonin Artaud -

Derartige Reisen in verborgene Innenwelten implizieren ein verändertes Verständnis von Wirklichkeit. Es liegt dabei nicht an der Substanz, sondern immer an der Person selbst, ob dieses neue Verständnis zu einem Teil einer befreienden Veränderung wird, oder nur eine Struktur der Abhängigkeit durch eine weitere ersetzt wird.

- ”Und Gott sagte zu mir, wir werden nicht länger das Wort Gott mit G-o-t-t buchstabieren. Wir werden es nun durch die Buchstaben D-r-o-g-e-n ersetzen.” - Marilyn Manson -

Die psychedelische Erfahrung bricht Strukturen auf und kann dabei als Befreiung von inneren Blockaden und äußeren Einschränkungen erfahren werden. Oftmals jedoch erzeugt sie gerade bei Männern eine Tiefe Angst vor einem Verlust der Kontrolle über das eigene Denken und Handeln. Frauen sind sozialisationsbedingt zumeist eher in der Lage sich auf derartige Erfahrungen einzulassen als Männer.

- ”Seit der Hexenverfolgung wird die Verbindung von Frauen und Drogen als etwas bedrohliches angesehen. Viele Drogenerfahrungen haben mit einer Auflösung von Barrieren, einem Aufgeben von Kontrollmechanismen und einem veränderten Verständnis der Parameter der Realität zu tun. Und all dies fällt in der Regel Männern dramatisch schwerer.” - Sadie Plant -

Gerade bei höheren Dosierungen sind die Grenzen zwischen einer beglückenden oder offenbarenden Erfahrung und den tiefen Abgründen der Psyche oftmals fließend. Zermürbende Sinnfragen, Reizüberflutungen, Halluzinationen und tiefgreifende Angstzustände können in psychoseartige Zustände führen.

- ”Eingesperrt in meine Welt. Chaos. Phantastische Überlegungen in Telefonzellen und vor Reklamewänden. Diese elende Brüchigkeit meines inneren Systems; tausend Blitze explodieren in meinem Gehirn. There must be some way out of here. There’s too much confusion. Ich, verlassen, verzweifelt, wütiger Bote des Untergangs, im Amoklauf vorbei an Ententeichen mit ihrer dünnen Eisschicht. Der wahnwitzige Versuch, die tausend und abertausend Chiffren und Zeichen um mich herum und in mir zu deuten, zu entziffern, einen Ausweg zu finden. Help! Wo bin ich?” - Hadayatullah Hübsch -

Zwischen einer positiven Erfahrung und paranoiden Wahnzuständen bzw. lebensgefährlichen körperlichen Vergiftungserscheinungen besteht oftmals nur eine sehr schmale Grenze. Gerade die Dosierung spielt dabei eine herausragende Rolle. Im Falle ungeprüfter, illegal hergestellter Substanzen unterscheidet sich die Zusammensetzung jedoch zum Teil beträchtlich. Bei einigen biogenen Substanzen wie der Engelstrompete oder dem Stechapfel ist der Wirkstoffgehalt kaum einzuschätzen und deshalb in einem hohen Maße gefährdend.

- ”Habe mich dann im Spiegel betrachtet: ein total verformtes Gesicht und riesige Pupillen. Das hab ich alles meinem Kumpel erzählt, doch der hat mir partout nicht geantwortet, weil er gar nicht da war. Diese Geschichte hat sich noch mindestens 30 Mal wiederholt. Nach dem 10ten Mal hat man sich auch schon an die unechten Typen gewöhnt, doch ich konnte die Paranoias nicht von der Realität unterscheiden. Dann gepennt und auf einmal neben einem großen Kotzehaufen aufgewacht. Am nächsten Morgen habe ich immer noch üble Filme geschoben. Ich wusste im ersten Moment nicht mal wieso, die Engelstrompete hatte ich glatt vergessen.” - Anonym -

Vor dem Hintergrund des hohen Risikopotenzials psychedelischer Substanzen muss ein Gebrauch immer wieder erneut sorgsam abgewogen werden. Labile Personen oder Personen mit psychischen Problemen sollten von einen Gebrauch völlig absehen.

- ”Es können zusätzlich zum bewussten Selbst andere, verborgene Kontrollsysteme des Organismus existieren. LSD kann diese Programmierungen freisetzen, kann sie stärken und das bewusste Selbst so weit schwächen, dass die Gefahr des Selbstmordes oder selbstzerstörerischer Aktivitäten besteht. Darum unternimm eine sehr kritische Selbstanalyse und hole dir Hilfe bei jemanden, der dich sehr gut kennt. Versichere dich, dass du alle nur möglichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen hast.”- John C. Lilly -

Traditionell wird in Zusammenhang mit dem Gebrauch hochpotenter Substanzen bzw. Dosierungen auf die Notwendigkeit eines Begleiters verwiesen, sei dies nun im entsprechenden Kontext ein Schamane, eine Psychotherapeutin oder eine mit psychedelischen Erfahrungen vertraute Person. Notwendig ist im Vorfeld eine Auseinandersetzung mit dem Spektrum der möglichen Wirkungen.

- ”Die Reise sollte an einem Ort unternommen werden, der einem vertraut ist und an dem man sich wohl fühlt. Man sollte die Substanz nicht in schwierigen Zeiten nehmen, um etwa Krisen zu lösen. Man sollte zu einer wesentlichen Veränderung in seinem Leben bereit sein. Der Trip sollte mit jemanden genommen werden, der im Gebrauch erfahren ist. Die Substanz sollte rein sein. Man sollte sich über die Gefahren durch ’Vorprogrammierungen’ und destruktive Anteile im Klaren sein.” - David Cooper -

Ebenso wesentlich wie die Vorbereitung ist die Verarbeitung und Einordnung der Erfahrungen. Erst eine bewusste Reflexion kann das Potenzial, welches von Psychedelika beinhaltet wird, tatsächlich offenbaren.

- ”Psychedelika lassen sich als Hilfsmittel für Problemlösungen oder als kreative Inspiration verwenden. Ihr edelster und ältester Sinn liegt jedoch darin, die Brücke zum so schwer zu beschreibenden ’Höheren Sein’ zu bilden. Die gefährlichste und verschwenderischste Art ist jedoch, sie einfach so einzuwerfen.” - Nina Grabori -


SCHAMANISCHE WIRKLICHKEITEN

Zu den Psychedelika gehört ein weites Spektrum psychoaktiver pflanzlicher und synthetischer Substanzen. Es reicht von den leicht psychedelisch wirkenden Marihuana und Ecstasy über psilocybinhaltige Pilze, bestimmte Nachtschatten-Gewächse und den Wirkstoffen der Ibogain-Wurzel bis zu Meskalin, LSD und Ketamin. Es besteht dabei eine lange Tradition rituellen und schamanischen Gebrauchs zu heilenden, mystischen und visionären Zwecken, der sich Jahrtausende zurückverfolgen lässt. Zunehmend wird dabei von entheogenen Stoffen gesprochen, um den gegenkulturell geprägten Begriff Psychedelika zu vermeiden.

- ”Bewusstseinsdrogen hatten schon in früheren Zeiten wichtige Funktionen innegehabt. Aus den indischen Veden geht hervor, dass eine Droge religiöser Bedeutungsträger gewesen ist. Einige Autoren verweisen auch auf die griechischen Mysterien in denen ebenfalls psychoaktive Stoffe eine Rolle gespielt haben. Heute ist es auch klarer, warum gewisse Kräuter so häufig in den Rezepten für Hexengebräue zu finden waren.” - Peter Stafford -

Vermutlich bis in die Steinzeit vor rund 30.000 Jahren lässt sich die künstlerische Verarbeitung von Visionen, die im Zusammenhang mit dem Gebrauch psychoaktiver Substanzen entstehen, zurückverfolgen. Neuere Untersuchungen legen nahe, dass viele Höhlenbildnisse einer Wiedergabe visionärer Erfahrungen von SchamanInnen entsprechen, die durch Trance-Rituale und dabei möglicherweise auch durch den Gebrauch psychoaktiver Substanzen eröffnet wurden.

- ”Ein Höhlenerlebnis konnte durchaus ein Äquivalent für den Übergang in eine tiefe Trance sein. Die Halluzinationen, die sich bereits durch die besondere Atmosphäre in einer Höhle einstellten, konnten dann in Verbindung mit den Darstellungen auf den Wänden die Illusion befördern, sich in einem mit Geistwesen belebten Bereich zu befinden.” - Jean Clottes und David Lewis-Williams -

Seit Jahrtausenden wurden in verschiedenen Kulturen psychoaktive Pilze zur Erzeugung visionärer Erfahrungen genutzt. So lassen sich im Süden Algeriens Felszeichnungen finden, die deutlich auf den Gebrauch von Pilzen und eine folgende Bewusstseinsveränderung verweisen. Auch bei den Azteken bestand ein Pilzkult der mit ekstatischen Festen aber auch mit grausamen Menschenopfern verbunden war. In einem schamanistischen Kontext wurden in Sibirien Fliegenpilze und in Mexiko bis heute psilocybinhaltige Pilze als ”Fleisch der Götter” genutzt.

- ”Es liegt eine Welt jenseits der unseren, eine Welt, die weit weg, ganz nah und unsichtbar ist. Und es ist dort, wo Gott weilt, wo die Toten weilen, die Geister und die Heiligen, eine Welt, in der alles schon geschehen und alles bekannt ist. Die heiligen Pilze nehmen mich bei der Hand und führen mich in jene Welt, in der alles bekannt ist. Sie sind es, die auf eine Weise sprechen, die ich verstehen kann. Ich frage sie, und sie antworten mir. Wenn ich von der Reise zurückkehre, so erzähle ich, was sie mir gezeigt haben.” - Maria Sabina -

Der aus verschiedenen psychoaktiven Pflanzen bestehende Ayahuasca-Trank wird von einigen Stämmen des südamerikanischen Regenwaldes genutzt. Schamanen dient er zum Übergang in eine andere Wirklichkeit der Wahrnehmung, die ihnen ermöglicht Krankheiten zu erkennen und zu behandeln. Grundlegend ist ein ganzheitliches Weltbild, welches den Menschen als Teil eines völlig miteinander verwobenen natürlichen Organismus begreift.

- ”Die Ayahuasca-Pflanze ist in Form eines Trankes der ’Pflanzen-Lehrer’ des Schamanen. Viele Pflanzen, die dem Trank zugegeben werden, haben einen spezifischen therapeutischen Sinn. Sie werden mit Ayahuasca vermischt, um die Wirksamkeit zu erhöhen, entweder durch spezifische pharmakologische Mechanismen oder dadurch, dass sie mit der stärksten Heilungsmagie verknüpft werden. Es wird davon ausgegangen, dass die magischen Melodien Ayahuasca-inspirierter Kunst, ebenso wie die Effekte des Trankes zu einer Gemütsverfassung führen, die entscheidende Bedeutung für den Heilungsprozess hat.” - Jonathan Ott -

Auch die Tradition des rituellen Gebrauchs des Peyote-Kaktusses bzw. seines psychoaktiven Wirkstoffes Meskalin durch mittel- und nordamerikanische Stämme lässt sich bis in die Gegenwart verfolgen. Entsprechende schamanische Kreisrituale haben dabei einen religiösen Charakter, sie dienen aber auch zur Selbstfindung, sowie darüber hinaus zur seelischen und körperlichen Reinigung.

- ”Unsere uralten spirituellen Lehren sollen Körper und Seele heilen. Weiterhin sollen sie Sündlosigkeit, das richtige ’Sehen’ und die Kraft des Seins lehren. Peyote wird benutzt um Pforten zur Realität zu öffnen. Immer auf der Suche nach Zentrierung in dieser Existenz. Peyote ist der Weg zurück zum wahren Selbst. Das Sakrament ist nur ein Teil dessen woraus die ’Kirche’ besteht, aber alle Dinge entstehen aus dem existenziellen Bewusstsein über das Hier-Sein.” - Native American Church -

Im antiken Griechenland wurden über Jahrhunderte hinweg die Mysterien von Eleusis im Rahmen eines Festes gefeiert, das zu den geistig bedeutendsten Kulten des Altertums zählt. Die eingeweihten TeilnehmerInnen durften über ihre Erlebnisse im Einzelnen nicht berichten, sicher ist jedoch, dass im Zentrum visionäre Erfahrungen standen, die mit Hilfe des psychoaktiven Kykeon-Trankes eröffnet wurden.

- ”Die Mysterien trugen wesentlich zur Heilung und zur Überwindung der Spaltung von Mensch und Natur bei, man kann auch sagen: zur Aufhebung der Trennung von Schöpfer und Geschöpf. Die kulturhistorische Bedeutung kann kaum überschätzt werden. Hier fand der durch seinen rationalen, objektivierenden Geist gespaltene, leidende griechische Mensch Heilung in einem mystischen Ganzheitserlebnis, das ihn an die Unsterblichkeit in einem ewigen Sein glauben ließ.” - Albert Hofmann -

Bis in die Neuzeit bestand in Europa eine tief verwurzelte Tradition des Gebrauches psychoaktiver Pflanzen, die dann aber durch die christlichen Kirchen in vielen Bereich unterdrückt wurde. Diese Tradition wurde lange über die Hexen weitergetragen, die oftmals von einem ganzheitlichen Weltbild ausgehend als kräuterkundige Heilerinnen tätig waren. Für die Auslösung eines ekstatischen Rauschzustandes, der erotische Begegnungen wie auch die Erfahrung des Fliegens beinhaltete, wurden bestimmte Nachtschatten-Gewächse genutzt. Ein detailliertes Wissen über die Hexensalben wie auch über die sagenumwobenen Feste der Hexen wurde durch deren grausame Verfolgung weitgehend ausgelöscht.

- ”Musik, Farben und Flammen, Tanz und geheimnisvolle Speisen in kunstvollen Gefäßen - alles erscheint als Mittel aus einer uralten Überlieferung, um die anwesenden Menschen in einen ungewohnten Seelenzustand zu bringen, der ihnen ’neue Kraft’ gab: Sie gerieten in diese gesteigerte Bereitschaft, in der sie überzeugt waren, aus den Gedanken ihrer Gefährten und aus der wieder zunehmenden Lebenskraft ihrer ’mondbeschienenen’ Umwelt für die Zukunft neuen Mut zu gewinnen.” - Sergius Golowin -


KOLONIALISIERTE DROGEN

Im Zuge der Kolonialisierung und Christianisierung weiter Teile des Erdballs kam es in vielen Kulturen zu einer brutalen Unterdrückung des traditionellen Gebrauchs psychoaktiver Substanzen. Von den neuen weißen Machthabern wurden die für sie nicht nachvollziehbaren Wirkungsweisen als Bedrohung empfunden und von den christlichen Missionaren als teuflisch gebrandmarkt.

- ”Drogen die sich nicht profitabel in Europa integrieren ließen - wie es bei Tabak, Kakao, Tee möglich war - verfielen schnell der Ächtung durch die Kolonialherren. Ihr Konsum wurde verboten, ihre KonsumentInnen verfolgt. In der Regel handelte es sich um Drogen, die einen festen Platz in den religiösen Riten der Kolonisierten hatten und deren Wirkung weitgehend an den rituellen Gebrauch gebunden war. Die Weißen hatten es besonders auf solche Drogen abgesehen, die das Bewusstsein der Kolonialisierten sensibilisieren konnten.” - Manfred Kappeler -

Psychoaktive Substanzen waren eine Gefahr für die neuen Machtverhältnisse, da sie die ansonsten wirksamen Mittel der Kontrolle völlig außer Kraft setzten. In einigen Kulturen bildeten sie einen der letzten Bezugspunkte unterdrückter Traditionen und damit auch ein Element kollektiver Identität. Zum Teil wurde ihr Gebrauch vor diesem Hintergrund zum unterschwelligen Ausdruck von Verweigerung und Widerstand.

- ”Auf meinem Weg durch verschiedene Tarahumara-Dörfer hatte ich bemerkt, dass ein Wind der Revolte wehte. Der Direktor der Eingeborenenschule wusste das recht gut, doch er war unschlüssig welche Mittel er einsetzen sollte. ’Dieses Fest muss bewilligt werden’ sagte ich. ’Aber wenn sie Peyotl genommen haben, dann gehorchen sie uns nicht mehr’ antwortete er.” - Antonin Artaud -

Die Unterdrückung des Gebrauchs bestimmter psychoaktiver Substanzen als Teil eines Systems kultureller Ausbeutung und Gleichschaltung lässt sich bis heute aufzeigen. Es besteht eine lange Tradition die von der Konquista bis in die Gegenwart zu den repressiven Drogen-Konventionen der UNO und dem von den USA proklamierten Krieg gegen Drogen reicht.

- ”Die schwächsten Glieder der Drogenhandelskette (die DrogenkonsumentInnen, Kleinkuriere und die ländliche Bevölkerung in Zonen mit illegalen Anpflanzungen) haben heute unverhältnismäßig stark unter den negativen Konsequenzen von Maßnahmen zur Drogenkontrollezu leiden: Verletzung der grundlegendsten Menschenrechte der schwächsten Glieder der Drogenhandelskette (ökonomische, politische, kulturelle Rechte und das Recht auf Gesundheit); Kriminalisierung und Diskriminierung; Verschwendung von Geldern für die Repression; Umweltschäden durch Anbauzerstörungsmethoden; Verletzung der nationalen Souveränität.” - International Coalition of Non-Government Organisations (NGOs) -

Der sogenannte Krieg gegen Drogen ist dabei nur ein Element einer am Ziel politischer und wirtschaftlicher Machtausweitung ausgerichteten Vorgehensweise. Argumente wie der Schutz der Jugend vor Drogen mögen dabei in vielen Fällen subjektiv eine entscheidende Motivation bilden, in einem größeren Zusammenhang entsprechen sie verschleiernden Werbeslogans für eine repressive Politik.

- ”Es gibt ausreichend Gründe für die Feststellung, dass der Drogenkrieg nicht viel mehr ist, als ein Instrument zur Intervention in Lateinamerika. Das gleiche gilt übrigens auch für den Großteil der wirtschaftlichen und humanitären Hilfe sowie für die sogenannte Verteidigung der Menschenrechte. In Kolumbien stellte den ersten Akt dieses Krieges die Wiederbelebung eines Auslieferungsvertrages mit den USA dar. Gleichzeitig trug die amerikanische Botschaft mit einer neuen Wortbildung zur Verarmung der spanischen Sprache bei: Sie kreierte den Begriff Narcoguerilla - Drogenguerilla. Dank dieses Schlagwortes und des Vertrages konnten die USA behaupten, dass Drogenhändler und Guerilleros identisch sind. Sie waren nun berechtigt Truppen nach Kolumbien zu entsenden.” - Gabriel García Márquez -

Im Zuge der neoliberalen Globalisierung versuchen multinational operierende Pharmakonzerne sich die Patenrechte für psychoaktive Heilpflanzen zu sichern und diese kommerziell zu verwerten. Auf dieser Ebene wird die direkte Unterdrückung durch eine schleichende Enteignung ersetzt.

- ”Hunderte von Jahren beuteten die Menschen des Nordens die des Südens und die Natur, in der sie leben, aus. Heute gibt es eine neue Form der Ausbeutung: so genannte Bio-Piraten. Konzerne des Nordens nutzen die natürliche Biodiversität, den Artenreichtum des Südens kommerziell und nur für ihre Zwecke. Als medizinische und biotechnologische Nutzpflanzen werden Tausende von bisher unentdeckten Heilpflanzen und verschiedenen Nutzpflanzenarten von den Life-Science-Firmen in Milliarden schwere Gewinne umgewandelt. Voraussetzung hierfür: sie erlangen das Patentrecht auf die Nutzung der Arten.” - Johannes Richter -

Neben der Unterdrückung des Gebrauchs bestimmter psychoaktiver Substanzen stand oftmals die Verbreitung des Alkohols. Die traditionellen Drogen waren vielfach in Jahrhunderte alte kulturelle Bezüge eingebettet, wobei die entsprechenden Gefahrenmomente vielfach durch den Gebrauch in besonderen Ritualen entschärft wurden. Hinsichtlich des oftmals zuvor ungekannten Alkohols gelang es dagegen in vielen Kulturen nicht angemessene Gebrauchsformen zu entwickeln. Vielmehr diente er gerade in Anbetracht von Ausbeutung, Armut und kultureller Entwurzelung in seiner berauschenden und betäubenden Wirkung vielfach als Flucht. In seinen selbstzerstörenden Suchterscheinungen trug er entscheidend zum Verfall ganzer Kulturen bei, teilweise wurde seine Verbreitung vor diesem Hintergrund gezielt gefördert.

- ”Die Leute reden immer vom ’Alkoholproblem der IndianerInnen’, wir aber sagen, dass dies ein Problem der Weißen ist. Die Weißen haben den Whiskey erfunden und nach Amerika gebracht. Sie stellen ihn her, machen Reklame dafür und verkaufen ihn an uns. Sie ziehen daraus Profit und sind für die Zustände verantwortlich, durch welche die IndianerInnen erst zum Trinken veranlasst werden.” - Mary Crow Dog


DIE KONTROLLE DER PHANTASIE

Nachdem in den westlichen Gesellschaften der Gebrauch psychedelischer Substanzen lange verdrängt oder unterdrückt wurde, kam es in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zu einer Verbreitung in verschiedenen kulturellen Strömungen. Diesen Entwicklungen gingen jedoch als extremer Gegenpol die Experimente mit Meskalin in den Konzentrationslagern Dachau und Auschwitz vorraus. Dort wurde Häftlingen ohne deren Wissen die Substanz verabreicht, um dadurch ihr Potenzial für eine gezielte mentale Beeinflussung einschätzen zu können.

- ”Mit dem Einsatz von Meskalin wollte die Gestapo bei Verhören den Widerstand von Häftlingen brechen. Der internierte Häftlingsarzt Fischer verabreichte den zum Verhör Vorgeführten immer kleine harmlose Dosen, die die erwünschte Wirkung hervorriefen. Standortarzt Wirths war mit Fischers Beurteilung zufrieden und er zwang ihn nicht mehr, an diesen Versuchen mitzuwirken. Die SS-Männer, die die Verhöre durchführten, waren von Fischers Beurteilung aber nicht überzeugt und setzten die Experimente mit anderen Häftlingen fort.” - Wladyslaw Fejkiel -

Nach dem Krieg knüpfte der US-amerikanische Geheimdienst CIA ausdrücklich in mehreren Geheimprogrammen an die Suche nach einer ”Wahrheitsdroge” an und experimentierte insbesondere mit LSD. Gesucht wurde dabei nicht nur nach einer Substanz, die in Verhören eingesetzt werden konnte, sondern auch nach Drogen, welche den Gegner im Kriegsfall orientierungslos oder kampfunfähig machen.

- ”Geruchlos, farblos und ohne Geschmack wurde LSD in einem CIA-Geheimbericht als ’potenzielle Neuerung in der unkonventionellen Kriegsführung’ gewürdigt. Doch selbst eine unverantwortlich hohe Dosierung konnte nicht dafür garantieren, dass ein Delinquent tatsächlich auspacken würde. Es wurden nur dann Erfolge erzielt, wenn man unwissenden Personen androhte, sie für immer in einem wahnsinnigen Horrortrip gefangen zu halten.” - Martin A. Lee -

Während die Experimente mit LSD vom CIA letztlich als erfolglos eingestellt wurden, kam es parallel dazu zu einer zunehmenden Verbreitung. Als Acid wurde LSD in den sechziger Jahren insbesondere in der aufkommenden Hippie-Bewegung gezielt genutzt, um sich anderen Ebenen der Wahrnehmung zu öffnen und verinnerlichte Kontrollmechanismen aufzubrechen.

- ”Der CIA hat ursprünglich ins Auge gefasst LSD als ein Mittel der Kontrolle zu nutzen, aber stattdessen begannen Millionen junger Leute damit den eigenen inneren Raum zu erforschen. Acid diente als ein Hilfsmittel zur Deprogrammierung von den unmenschlichen Prioritäten unserer Zivilisation.” - Paul Krassner -

Vor diesem Hintergrund bildete der Gebrauch von Acid in dieser Zeit auch ein wesentliches Element einer umfassenden Widerstandskultur, die sich auf verschiedenen Ebenen den gesellschaftlichen Vorgaben entgegen stellte.

- ”Es geht um die Entwicklung bewusster Gemeinschaften von KünstlerInnen und Liebenden, die zusammen leben und alles miteinander teilen, die zusammen Dope rauchen, tanzen, ficken und gemeinsam die Botschaft der Veränderung verbreiten - durch unsere Kleidung, unsere Musik, unsere Drogen, unseren Umgang miteinander und durch jeden Atemzug auf diesem Planeten.” - John Sinclair -

Staatliche Repressionskampagnen wie auch innere Widersprüche und ein vielfach idealistisches aber gleichsam in Anbetracht der gesellschaftlichen Machtverhältnisse naives Weltbild führten jedoch zu einem zunehmenden Zerfall der Hippie-Bewegung. Nicht zuletzt zeigte sich einmal mehr, dass das kapitalistische System in der Lage ist auch seine Antithese profitabel zu vermarkten.

- ”Die Möglichkeit, die in der Veränderung der Welt durch ein neues Lebensgefühl steckt, lässt allein sich stets integrieren. Die von der Industrie bezahlten Kreativen werden kaltlächelnd ein Asketen-Set kreieren, den Universalkoffer für bedürfnislose Heim-Mystiker mit Plastikkosmos und psychedelischen Muckefuck.” - Release -

Im Zuge der massenhaften Verbreitung von LSD kam es zu einer wissenschaftlichen Erforschung psychedelischer Substanzen. Zu den Schwerpunkten gehörte die Beschreibung der Bedeutung einzelner Psychedelika in verschiedenen Kulturen, sowie der Versuch die entsprechenden Erfahrungswelten über Studien empirisch zu erfassen und einzuordnen. Ein weiterer Ansatz bildete die Verwendung von psychedelischen Substanzen in einem psychotherapeutischen Kontext.

- ”Der psychotomimetische Ansatz besagt, dass diese Drogen einen geistigen Zustand hervorrufen, der der Psychose ähnelt. Dem psycholytische Ansatz zufolge verändert die Drogenwirkung die dynamische Beziehung zwischen den bewussten und unbewussten Teilen der Persönlichkeit. Der psychedelische Ansatz sieht diese Substanzen als Mittel zur Erleichterung mystischer Erfahrungen und Gipfelerlebnisse, vorausgesetzt man nimmt diese Substanzen in der richtigen Dosierung und in einem passenden Setting zu sich.” - Rich Yensen -

Die Ziele des angeleiteten psycholytischen Gebrauchs lagen insbesondere in der Eröffnung neuer Betrachtungsweisen, der Auflösung von Blockaden und der Freilegung von Erfahrungen, die ins Unbewusste verdrängt wurden, um dann mit ihnen therapeutisch arbeiten zu können.

- ”Die Person, der Psychedelika verabreicht wird, unternimmt eine phantastische Reise in das geistigseelische Innere. Die katalytische und verstärkende Wirkung psychedelischer Drogen ermöglicht es außerordentliche Bewusstseinszustände von ungewöhnlicher Intensität und Klarheit unter kontrollierten Bedingungen hervorzurufen. Diese Tatsache macht psychedelische Phänomene für eine systematische Untersuchung besonders geeignet. ” - Stanislav Grof -

Obwohl sich die psycholytischen und die psychedelischen Therapiemodelle, gerade im Vergleich zu herkömmlichen Therapieformen, als relativ erfolgreich erwiesen, blieben sie umstritten und mussten in Folge der Verbote in der Praxis weitgehend aufgegeben werden.

- ”Lag der frühe Rückzug der Wissenschaft von der LSD-Forschung zum einen Teil in dem staatlichen Verbot der Droge, so ist ein anderer Grund sicherlich in der psychedelischen Tragweite der Drogenwirkung zu suchen, die die Kompetenz von Schulwissenschaften weit überschritt. Immer weniger Wissenschaftler fanden sich bereit, sich mit den teilweise science-fictionhaften oder religiösen und mystischen Bereichen, die durch LSD tangiert werden, auseinanderzusetzen. Die sogenannten Pararäume waren zu dieser Zeit noch weitgehend unerforscht und eher eine Frage des Glaubens oder krankhafter Wahnvorstellung.” - Hans-Hinrich Taeger -


DIE RHYTHMEN DER WIRKLICHKEIT

Die Verbreitung psychedelischer Substanzen löste in den westlichen Staaten eine heftige Kontroverse aus. Auf der einen Seite standen die BefürworterInnen der vermeintlichen Wunderdrogen, auf der anderen all diejenigen, die schwere gesundheitsschädliche Folgen für Körper und Geist befürchteten. Dahinter stand vielfach die Angst vor einem weitreichenden Kontrollverlust auf der persönlichen wie auf der gesellschaftlichen Ebene.

- ”In England wurde durch das Verteidigungsministerium ein Film gedreht, der sich ausdrücklich mit LSD als Kriegswaffe befasst. Er zeigt ein ganzes Bataillon, dessen Angehörige ohne ihr Wissen LSD in relativ geringen Dosen erhalten hatten. 40 Minuten nach der Einnahme begannen die Soldaten die Ausführung von Befehlen zu verweigern; einige verließen die Reihen, eine Anzahl warf das Gewehr weg, und einige kletterten sogar auf Bäume hinauf. Die meisten brachen in ein wildes Gelächter aus... Verglichen mit dem Problem der Militärdienstverweigerer aus Gewissensgründen, wird die passive Auflehnung gegen jegliche Autorität - teilweise als getarnte Friedfertigkeit - unvergleichlich schwieriger zu behandeln sein.” - Hans Leuenberger -

1971 wurde auf Drängen der USA mit der ”Konvention über Psychotrope Substanzen” im Rahmen der UNO ein internationales Abkommen verabschiedet, welches die Herstellung und den Besitz zahlreicher psychedelischer Stoffe unter Strafe stelltstellt, darunter auch Meskalin und LSD. Inzwischen haben sich weltweit rund 170 Staaten der Konvention angeschlossen.

- ”Die Vertragsparteien sind von der Sorge um die Gesundheit und das Wohl der Menschheit geleitet. Sie nehmen mit Besorgnis von den volksgesundheitlichen und sozialen Problemen Kenntnis, die sich aus dem Missbrauch bestimmter psychotroper Stoffe ergeben. Sie sind entschlossen, den Missbrauch derartiger Stoffe und den dadurch veranlassten unerlaubten Verkehr zu verhüten und zu bekämpfen.” - UNO-Konvention über Psychotrope Substanzen -

Entsprechend ist die Drogenpolitik in den meisten Staaten wie auch das Vorgehen auf bilateraler Ebene weiterhin am Ziel der Abstinenz gegenüber den als illegal definierten Substanzen ausgerichtet. Viele vermeintliche Aufklärungsprojekte zeichnen jedoch ein einseitig verfälschendes Bild psychoaktiver Substanzen. Wenn beispielsweise die Wirkung von Psychedelika weitgehend auf die Erzeugung von Halluzinationen reduziert wird, dann werden die vielfältigen Prozesse ignoriert, die mit dem Gebrauch verbunden sind.

- ”Halluzinogene sind eine chemisch unterschiedliche Gruppe von Drogen, die tief reichende seelische Veränderungen wie Euphorie, Angst, Sinnestäuschungen, lebhafte visuelle und akustische Halluzinationen, Veränderungen im Verhalten, Illusionen, paranoide Reaktionen, Depressionen und ein Gefühl des Identitätsverlustes auslösen.” - Internationaler Suchtstoff-Kontrollrat (INCB) -

Die Kriminalisierung der meisten Psychedelika konnte dabei nicht verhindern, dass insbesondere LSD bis heute einen starken Einfluss auf künstlerische Ausdrucksformen hat. Sie bewirkte allerdings, dass sich die entsprechenden KünstlerInnen nur in Ausnahmefällen zu einem Gebrauch offen bekennen, um nicht eine Stigmatisierung oder strafrechtliche Folgen befürchten zu müssen.

- ”Zu den psychedelischen Phänomenen, die für Künstler besonders relevant sind, gehören: Zugänglichkeit zu unbewusstem Material, Auflockerung der Grenzen des Ich, Flexibilität der Gedanken, erhöhte Konzentration, Auflösung von Wahrnehmungskonstanten, erhöhte Aufnahmefähigkeit für visuelle Phantasien, Verfeinerung des Einfühlungsvermögens, regressive Ego-Funktionen, in manchen Fällen Fähigkeit zu mystischen Erleben.” - Robert Masters und Jean Houston -

Auch der Einfluss psychedelischer Substanzen auf die Musik ist vielfältig. Von der prägenden Wirkung Marihuanas bzw. Ganjas auf Strömungen des Jazz und insbesondere auf den Reggae über den Einfluss von Acid auf die Entwicklung der Rockmusik bis zum Psychedelic-Trance der Techno-Kultur sind direkte Bezüge deutlich zu erkennen. Die Ursprünge lassen sich bis zu schamanistischen Trance-Ritualen zurückverfolgen, bei denen monotone Trommel-Rhythmen in Verbindung mit Tanz und teilweise auch mit dem Gebrauch psychedelischer Substanzen den Übergang in außergewöhnliche Bewusstseinszustände ermöglichte.

- ”Zu lauter rhythmischer Musik und funkelnden Lichtspielen tanzen zumeißt junge Menschen bis zur völligen Ekstase. Oft werden zu dieser Zeremonie psychedelische und entaktogene Drogen genommen, die die Schleusen für die Erlebnistiefe weit öffnen. Dieser Kult ist ein lebendiger Kult, archaisch wie ein Urkult unter Einbeziehung kultureller Leitbilder und Errungenschaften.” - Hans Cousto -

Zu einer Renaissance des Gebrauchs psychedelischer Substanzen kam es in den neunziger Jahren auf den ekstatischen Partys der Techno-Kultur. Das Ziel der gemeinschaftlichen Erfahrung transzendenter Bewusstseinszustände innerhalb gegenkultureller Zusammenhänge stand dabei einem zunehmend unreflektierten Hedonismus gegenüber. Ganz im Zeichen der Konsummentalität der Spaßgesellschaft kam es in Folge zur Verbreitung stark risiko-behafteter Gebrauchsformen.

- ”Obwohl ein signifikanter Teil der Szene an den psychedelischen Ideen der Sechziger interessiert ist, weiß die große Mehrheit wenig damit anzufangen. Ihnen geht es mehr um ’Kicks’ und ’Thrills’. Gemeinsam ist jedoch meist die Flucht aus der Wirklichkeit in ein sinnlich überwältigendes Umfeld, das prototypisch für eine Virtuelle Realität ist. Psychedelische Erfahrungen erhalten dabei eher eine Qualität, die sich an Comics, Videogames und Special Effects orientiert.” - Simon Reynolds -

Vielfach entsprachen Techno-Partys großen Trance-Ritualen. Der gemeinschaftliche Konsum von Ecstasy, LSD und anderen psychoaktiven Substanzen wurde dabei zu einem gruppendynamischen Erlebnis, das einen gemeinsamen Übergang in Rausch und Ekstase ermöglicht.

- ”Die Musik wird zu einem Weg, der es ermöglicht tief in das Innere zu gehen und gleichzeitig den eigenen Körper zu verlassen. Nachdem über Stunden hinweg getanzt wurde und die Sonne am frühen Morgen aufgeht, kommt es zu einem weiteren Energiesprung. Alle befinden sich in einem Zustand der Trance. Es ist ein Prozess des Neubeginns. Tief im Innern spüren alle die Veränderung und gehen in einem kosmischen Orgasmus auf.” - Pavan W. Ananta -

In bewusster Abkehr von vorgegebenen gesellschaftlichen Konventionen entwickelte sich eine Kultur in welcher der Drogengebrauch wie auch der Übergang in trancehafte Zustände zu selbstverständlichen Vorgängen wurden. Dabei stellte sich nicht mehr die Frage, ob es überhaupt vertretbar ist Drogen zu konsumieren, sondern nur noch die Frage, wie diese genutzt werden. Der belastende Gegensatz zwischen den rauschhaften Wochenenden in ihren schillernden Farben und dem Grau des Schul- und Arbeitsalltags blieb dabei jedoch als scheinbar unauflösbare Gegebenheit in der Regel unhinterfragt.

- ”’Die Party’ ist für viele Jugendliche zum Lebensstil, zur Inkarnation geworden. In der Informationswirtschaft hat sich im multimedialen ’Kunstraum’ von Techno ein soziokultureller Wandel der Form-Funktion und Bedeutung des Zusammenhanges von Musik und Tanz, von Party und Droge, Rausch und Realität, Sucht und Ordnung vollzogen. Alte ’Abmachungen’ über Verbot und Tabu der Drogen gelten nicht mehr uneingeschränkt. Im fiktiven Zentrum von Techno als Erlebnisraum vollzieht sich ein Konsumprozess, in dem die Normalisierung von Drogengebrauch völlig normal geworden ist.” - Helmut Ahrens -

Auch die Entwicklung der Cyber-Kultur wurde entscheidend durch psychedelische Substanzen mit geprägt. So bekennen sich führende VertreterInnen der Computer- und Cyber-Industrie zum Gebrauch psychedelischer Substanzen, der zum Teil zu einer innovativen mehrdimensionalen Veränderung ihres Denkens beigetragen hat. Diese bildete wiederrum eine wesentliche Voraussetzung für die Entwicklung neuartiger Computersysteme oder des Konzeptes der Virtuellen Realität.

- ”Psychedelika waren eine Hilfe und ein Katalysator. Ein besonders herausragendes Beispiel ist die Virtual Reality Modeling Language. Es war wie ein Klick, ein Moment besonderer Klarheit. Du siehst etwas, aber dies bedeutet nicht, dass du es sofort aussprechen oder umsetzen kannst. Ich brauchte drei Jahre um bestimmte Sachen zu verstehen und auszuarbeiten.” - Mark Pesce -


ACID-UTOPIEN

Keine Droge wird bezugslos eingenommen. Die umgebenden Bedingungen und die innere Einstellung prägen entscheidend den Wirkungsverlauf. Wechselwirkend kann dieser wiederrum persönliche und gesellschaftliche Veränderungsprozesse auslösen und dabei potenziell verinnerlichte repressive Strukturen aufbrechen.

- ”Durch die Öffnung der ’Pforten der Wahrnehmung’ und die damit verbundenen Einsichten ermöglichen psychedelische Drogen vielen Menschen den Komplex von Betrug und Täuschungen zu durchschauen, aus dem die Mythologie der sozialen Lüge besteht. Und da Machtstrukturen sich hauptsächlich auf die kontrollierte öffentliche Akklamation der Lüge verlassen, um ihre Hegemonie zu stützen und zu stabilisieren, stellen die psychedelischen Drogen in der Tat eine Art politische Bedrohung dar.” - David Solomon -

Gerade hinsichtlich eines potenziellen Aufbrechens verinnerlichter repressiver Strukturen wird die politische Dimension des Gebrauchs von Psychedelika deutlich. Dabei geht es nicht wie im traditionellen Politikverständnis um die Formulierung und Durchsetzung konkreter Forderungen, sondern in erster Linie um die Auflösung von tradierten Wertesystemen und darüber hinaus um die Entwicklung eines veränderten Verständnisses von Wirklichkeit.

- ”Diese Substanzen können als Dekonditionierungsagenten betrachtet werden. Indem sie die Relativität konventioneller Werte offenbaren, werden sie zu starken Kräften im politischen Kampf um die Kontrolle der Evolution sozialer Bilder.” - Terence McKenna -

Eine psychedelische Substanz hat an sich keine bewusstseinserweiternde oder politisch aufbrechende Qualität, ebenso wenig wie sie selbst in eine Abhängigkeit oder in eine Scheinwelt führt. Entscheidend ist der Umgang mit der Substanz und die Einordnung der entsprechenden Erfahrung. In diesem Sinne markiert das Nachlassen der direkten Wirkung einer psychedelischen Substanz keineswegs das Ende einer psychedelischen Erfahrung, sondern nur den Übergang in eine andere Etappe, welche notwendigerweise in eine Phase der Verarbeitung münden sollte.

- ”Es geht nicht darum was du nimmst, sondern wie du es nimmst: Was du mit der Substanz oder der Pflanze tust wird so profan oder so heilig sein wie deine Einstellung. Einige Substanzen und Pflanzen sind wunderbare Schlüssel, aber nur im Einklang mit unseren Absichten. Sie können zu Veränderungen beitragen, wenn sie respektvoll genutzt werden.” - Luix Saldaña -

Innerhalb der psychedelischen Kultur werden die GebraucherInnen bewusstseinsverändernder Substanzen oftmals als psychonautische Reisende beschrieben. Der Übergang von einer phantasievollen Beschreibung zu einem völlig idealisierenden und geradezu naiven Ansatz, der im Zuge einer euphorisierten Stimmung Widersprüche und Risiken verharmlost, ist dabei allerdings vielfach fließend.

- ”Im Gefühl der Liebe und dem Mitgefühl für die Welt begegnen wir friedlich unterschiedlichsten Menschen. Gegensätze in Fragen der Kultur, Religion, Politik und Sexualität lösen sich auf, wenn wir uns zu Gesprächskreisen zusammensetzen oder gemeinsam zusammen tanzen.” - Nina Bargoche -

Allen Mythen zum Trotz zeigten wesentliche Teile der Hippie- und der Techno-Kultur, dass der Gebrauch psychedelischer Substanzen keineswegs einem Automatismus gleichend zu einer Bewusstseinsentwicklung führt. Die psychedelische Bewegung der sechziger Jahre scheiterte an der Einlösung ihres Versprechens durch die Verbreitung von LSD neue Menschen zu schaffen. Ebensowenig gelang es der Techno-Kultur ihrer anfänglichen Prophezeiung gerecht zu werden, durch massenhafte empathische Ecstasy-Erfahrungen in einem fließenden Prozess die Gesellschaft zu verändern. Vielmehr entsprach der Konsum oftmals einer zeitweisen Flucht aus der Wirklichkeit des Alltags, welche die Wahrnehmung nicht öffnete, sondern oftmals verschloss.

- ”Es gibt einen richtigen Gruppendruck: Du bist nicht glücklich genug! Und deshalb wird weiter eingeworfen um dazuzugehören und gut drauf zu sein. Es ist aber ein Gipfel der Konsumhaltung wenn künstlich immer wieder etwas erzeugt wird, was gar nicht vorhanden ist. Eine Instant-Bewusstseinserweiterung die gar keine ist. LSD kann eine Bewusstwerdung auslösen, aber viel zu oft ist es nur eine chemische Illusion.” - San Fichtner -

Das Potenzial psychedelischer Substanzen für eine befreiende Veränderung der Wahrnehmung kann sich nur dann völlig entfalten, wenn es innerhalb eines übergreifenden Verständnisses von Veränderung bewusst genutzt wird. Sofern dies nicht geschieht wird der Gebrauch von Psychedelika zwangsläufig zu einem Mittel der Ablenkung bzw. dadurch letztlich objektiv zu einem Instrument der Unterdrückung, auch wenn subjektiv zumindest vorübergehend ein Zustand der Befreiung erfahren wird.

- ”Das Bewusstsein von der Notwendigkeit einer Revolution der Wahrnehmungsweise, eines neuen Sensoriums, ist vielleicht der Wahrheitskern im psychedelischen Suchen. Es wird jedoch verfälscht, wenn der Rausch nicht nur zeitweilig von Vernunft und Rationalität des etablierten Systems entbindet, sondern auch von jener anderen Rationalität, die das etablierte System verändern soll; wenn die Sinnlichkeit nicht nur von den Erfordernissen der bestehenden Ordnung befreit wird, sondern auch von jenen der Befreiung. Absichtlich nicht-engagiert, erzeugt dieser Rückzug seine künstlichen Paradiese innerhalb der Gesellschaft, die er hinter sich ließ. So bleiben sie dem Gesetz dieser Gesellschaft unterworfen.” - Herbert Marcuse -


DIE AUFHEBUNG GOTTES

Immer wieder werden besonders tief gehende psychedelische Erfahrungen als Visionen beschrieben, welche die Grenzen herkömmlicher Wahrnehmungen sprengen. Bei vielen Interpretationen verläuft dabei der Übergang zu spirituellen und religiösen Ansätzen fließend.

- ”Vor einigen Jahren hatten wir eine übereinstimmende psychedelische Vision. Unser gemeinsames Bewusstsein, das nicht mehr durch unsere körperliche Existenz definiert oder beschränkt war, jagte durch ein inneres Universum, das aus einer fantastischen Kette von unendlich sich in Parallelspiegeln multiplizierten Bildern bestand. In einem orgasmischen Rausch der Geschwindigkeit und Glückseligkeit waren wir zu einzelnen Quellpunkten und Adern des Lichts geworden, verwoben mit einem verzweigten unendlichen Netzwerk von Quellen und Adern. Wir waren das Licht, und das Licht war Gott.” - Allyson und Alex Grey -

Ein Vergleich von Beschreibungen mystischer religiöser und transzendenter psychedelischer Erfahrungen läßt eine bemerkenswerte Nähe bzw. zum Teil auch eine Übereinstimmung der Erlebnisse erkennen. So können Praktiken wie besondere Atemtechniken, Meditationen, Fasten, Reizentzug, gezielte Schlaflosigkeit, ekstatische Tänze oder der Gebrauch von Psychedelika in einer Interaktion von psychischen und physischen Abläufen entsprechende Erfahrungswelten eröffnen.

- ”Von einer empirischen Studie ausgehend, die sich mit den Ähnlichkeiten und Unterschieden von Erfahrungen von Mystikern und den GebraucherInnen von psychedelischen Drogen beschäftigte, fasste unsere Typologie die universellen Phänomene mystischer Erfahrungen außergewöhnlicher Bewusstseinszustände zusammen: Erleben kosmischer Einheit; Transzendenz von Raum und Zeit; Tiefe positive Stimmungen; Sinn für das eigentlich Heilige; Nicht-rationales Erleben des Bestehenden; Auflösung von Gegensätzen; Unmöglichkeit des Ausdrucks in Worten; Vergänglichkeit des Gipfelerlebnisses; Bleibende positive Änderungen.” - Walter N. Pahnke -

Die neurologische Forschung belegt darüber hinaus Zusammenhänge zwischen Vorgängen in verschiedenen Hirnregionen und mystisch-transzendenten Erlebnissen bzw. vermeintlichen Erleuchtungszuständen und Gotteserfahrungen. So wurde nachgewiesen, dass neben anderen intensive Meditationen, Trance-Tänze und psychedelische Substanzen zu einer Ausschüttung körpereigener Glückshormone und zu einer Veränderung der Vorgänge in den Schläfenlappen und im Hippokampus führen, zwei Hirnregionen die für die Filterung und Interpretation von Wahrnehmungen verantwortlich sind. Die Folge können Gefühle des Einsseins und besonder Klarheit, sowie Erscheinungen hellen Lichtes und visionäre Erkenntnisse sein.

- ”Wir konnten nachweisen, dass die mystischen Erfahrungen der untersuchten Personen (die außergewöhnlichen Bewusstseinszustände als Aufgehen des Selbst in etwas Übergeordnetes beschrieben) nicht die Folge emotionaler Fehlleistungen oder einfachem Wunschdenkens waren, sondern mit einer Reihe nachweisbarer neurologischer Abläufe in Verbindung standen, die sich keineswegs außerhalb der normalen Hirnfunktionen bewegen, auch wenn sie ungewöhnlich sind. In andern Worten: Mystische Erfahrungen sind biologisch, sie sind belegbar und sie sind wissenschaftlich real.” - Andrew Newberg -

Auch die Erfahrungen von klinisch toten Menschen, die später wieder ins Leben zurückgeholt wurden, lassen sich vor diesem Hintergrund erklären. Immer wieder aufgeführt werden visionäre Wahrnehmungen von langen Gängen und Lichterscheinungen, die von christlicher Seite als Beleg für ein Leben nach dem Tod oder gar für die Existenz eines Himmelreiches gedeutet werden. Neurologisch lassen sie sich jedoch mit verschiedenen Vorgängen in einzelnen Hirnregionen erklären. Darüber hinaus ist es möglich durch Injektionen einer bestimmten Dosis der psychedelischen Substanz Ketamin gezielt derartige Nahtodeserfahrungen zu durchleben.

- ”Nahtodeserfahrungen können durch Ketamin induziert werden und durch die zu Grunde liegende Glutamate-Theorie experimentell bewiesen werden. Spiritualisten haben oftmals wissenschaftliche Erklärungen von Nahtodeserfahrungen als herabwürdigend bezeichnet. Tatsächlich ist die Erforschung der Beziehungen von Bewusstsein und Gehirn eines der aufregendesten Abenteuer die Menschen je unternommen haben. Die eigentliche Herabwürdigung liegt im Versuch über die Nahtodeserfahrung ein mystisches Leichentuch zu legen, das die substanziellen Grundlagen einer wissenschaftlichen Erklärung verdeckt.” - Karl Jansen -

Jahrtausende lang waren transzendente Erfahrungen in den meisten Kulturen einer kleinen Schicht oder gar nur einigen wenigen MystikerInnen vorbehalten. Psychedelika zeigen dagegen, dass ein derartiges Potenzial in jeder Person besteht und es unter günstigen Bedingungen durch bestimmte Praktiken oder Substanzen freigelegt werden kann. Mystische Erfahrungen außergewöhnlicher Glückszustände oder visionäre Erkenntnisse werden in diesem Sinne nicht von einem ominösen personifizierten Gott von oben herab eingegeben, wie es in den meisten Religionen unterstellt wird, sondern lassen sich bewusst oder unbewusst völlig ohne religiösen Bezug erzeugen.

- ”Das wichtige an der psychedelischen Erfahrung ist, dass sie durch und durch demokratisch ist. Du musst nicht jahrelang den Boden eines Ashrams schrubben, bevor du an dein Ziel kommst, sondern du selbst gehst geradewegs ins Ziel. Du brauchst keine Ideologie, keine allgemein gültige Regel.” - Terence McKenna -

In diesem Verständnis heben Psychedelika die gängige religiöse Interpretation mystischer Erfahrungen auf. Deutlich wird, dass sich das sogenannte Göttliche in jedem einzelnen Menschen befindet, wobei diese Begrifflichkeit nur eine von vielen möglichen ist. Der Slogan ”LSD is God” steht in diesem Sinne nicht für eine Ersetzung eines ergrauten Gottes durch eine synthetische Substanz, sondern für die Aufhebung des Verständnisses eines personifizierten allmächtigen Gottes. Zwangsläufig führte dieses Verständnis zur Kritik von spirituell bzw. religiös ausgerichteten Strömungen.

- ”Der Schnellkochtopf-Mystizismus erscheint mir als die letzte Entweihung. Ich möchte mit einer Parabel antworten. Heute kann man viele Berggipfel mit der Seilbahn, dem Skilift oder gar mit dem Auto in wenigen Minuten erreichen. Doch sehen wir immer noch Tausende, die sich schwer atmend und stöhnend unter der Last ihrer Rucksäcke den steilen Pfad emporarbeiten. Meine Absicht ist nicht, Schweiß und Mühsal zu verherrlichen. Ich will nur sagen, dass die Aussicht zwar dieselbe ist, den Wanderern sich jedoch ein anderer Anblick bietet als denen, die mit dem Auto hinauffahren.” - Arthur Koestler -

Die Einnahme von Psychedelika löst keinen Automatismus aus. Immer wieder zeigt sich wie wichtig Set und Setting, sowie insbesondere die Nachbereitung ist. Gerade Erfahrungen, die das gängige Alltagsbewusstsein grundsätzlich in Frage stellen, sind schwer zu verarbeiten und können zu psychischen Problemen führen. Bei Personen mit einer entsprechenden Veranlagung kann eine intensive psychedelische Erfahrung zum Ausbruch von Psychosen entscheidend beitragen, die nicht selten starke religiöse Elemente in sich tragen.

- ”Anhaltende Wahnzustände können sich bei instabilen Individuen nach Einnahme von Halluzinogenen entwickeln. Beispiel: der Leiter einer Verkaufsgruppe war nach sechsmaliger Einnahme von LSD überzeugt, er sei Christus und versuchte, seine Frau zu überzeugen, sie sei Maria. Beide machten Pläne in den Bergen zu leben. Er verkaufte sein Eigentum und verschenkte das Geld. Seinem Chef bot er die Droge an, damit er Petrus würde. Psychisch wirkte der Patient hypomanisch und war von seiner Heiligkeit überzeugt. In Bereichen, die seinen Wahn nicht berührten, waren die Denkabläufe relativ adäquat.” - Hanscarl Leuner -

Im Zuge der psychedelischen Bewegung der sechziger Jahre kam es zur Gründung einer Reihe von psychedelischen Kirchen, die versuchten mystische und psychedelische Ansätze miteinander zu verbinden. Weit verbreitet war zudem im Zusammenhang mit psychedelischen Erfahrungen eine langfristige Hinwendung zu buddhistischen Strömungen, was in vielen Fällen jedoch nicht der ursprünglich angestrebten Bewusstseinsentwicklung, sondern einer zeitweisen Flucht in eine Scheinwelt entsprach.

- ”Einheit mit dem All ist etwas sehr schönes, aber wenn ich mit ihm identisch bin, dann bin ich das auch mit der Bild-Zeitung - und sowas kann ich doch nicht auf meinem Kosmos sitzen lassen.” - Release -


DIE INNERE LEERE

Dem Begriff der Droge liegt keineswegs eine einheitliche Beschreibung zu Grunde, abhängig von der Definition werden ihm unterschiedliche Substanzen zugeordnet. Ursprünglich bezog sich ”Droge” auf getrocknete tierische oder pflanzliche Präparate, die als Medikamente oder auch als Genussmittel genutzt werden. Inzwischen wird der Begriff umgangssprachlich vor allem auf illegalisierte Substanzen bezogen, die auf die Psyche wirken. Äußerst schwammig und in weiten Bereichen unzutreffend sind dabei Bezeichnungen wie ”Suchtstoffe”, ”Betäubungsmittel” oder ”Rauschgift”.

- ”Allein schon die Verwendung des Begriffes ’Rauschgifte’ für ungefähr alle Berauschungsmittel (außer dem Alkohol) ist in höchstem Grade unwissenschaftlich; denn ’Gift’ ist nicht die oder jene Substanz, sondern eine bestimmte Substanz wirkt in einer bestimmten Dosierung auf einen bestimmten Körper ’giftig’. Dieselbe Substanz kann also, in verschiedener Dosierung, als Berauschungsmittel oder als Gift Verwendung finden.” - Rudolf Gelpke -

Bei genauerer Betrachtung lässt sich nur eingeschränkt von einer Unterteilung in weiche und harte Drogen sprechen, die fließende Grenze verläuft vielmehr zwischen weichen und harten Konsummustern. In Anlehnung an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird inzwischen zum Teil nicht mehr allgemein von Drogen bzw. von Rauschgiften gesprochen, sondern von psychotropen oder psychoaktiven Substanzen.

- ”In der Definition der WHO sind Drogen solche Substanzen, die unmittelbar auf das Zentralnervensystem wirken, also eine ’psychoaktive Wirkung’ haben. Sie verändern die Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus, wobei diese Veränderungen insbesondere die Sinnesempfindungen, die Stimmungslage, das Bewusstsein oder auch das Verhalten betreffen. Genaugenommen umfasst diese Definition Opiate, Cannabis, Kokain und Ecstasy ebenso wie Alkohol, Kaffee, Tabak und viele Medikamente oder auch (psychoaktive) Gewürze (z. B. Muskat oder Petersilie).” - Henning Schmidt-Semisch und Frank Nolte -

Der Gebrauch von Drogen hat in unserer Gesellschaft zahlreiche Facetten. Die Aspekte der Entspannung, Heilung und Öffnung gehören zu den vielfältigen Motivationen. Die Schattenseiten reichen von verelendeten Junkies auf den Bahnhofsvorplätzen bis zu egozentrischen Koksern in den Bankenvierteln, von übergriffigen Betrunkenen auf dem Oktoberfest bis zu hängen gebliebenen Psychonauten auf nächtelangen Partys.

- ”Die Vorstellung einer drogenfreien Gesellschaft ist legitim. Es ist jedoch eine Realität, dass in unserer konsumorientierten Gesellschaft bewusstseins- und stimmungsbeeinflussende Substanzen zum Alltag gehören. Diese reichen von den legalen Drogen wie Tabak, Alkohol oder Tabletten bis hin zu den illegalisierten Drogen wie Cannabis, Kokain oder Heroin. Sie alle können gefahrlos als Genussmittel konsumiert, aber auch selbstschädigend missbraucht werden.” - VGGG-Autorenkollektiv -

Die Gründe dafür, dass gegenwärtig die entsprechenden Substanzen in zahlreichen Fällen unreflektiert konsumiert werden und ihr Gebrauch oftmals einer Flucht entspricht sind vielfältig. Mangelnde Informationen und individuelle Defizite sind dabei zweifellos wesentliche Aspekte. Zu den strukturellen Ursachen gehören gesellschaftspolitische Faktoren wie soziale Missstände, aber auch die Erfahrung zwischenmenschlicher Kälte als Folge eines Systems, das Leistung und Profit über den einzelnen Menschen stellt.

- ”Was pauschal als toxisches Elend der Rauschgifte sich darstellt, fasst Heterogenes zusammen: Physische Folgen suchterzeugender Substanzen; die Unfähigkeit der Industrienationen Armut und Ohnmacht zu überwinden; das Interesse der Herrschenden an Unterwerfung, Arbeitsmoral und Sitte; die Angst vor einer Gegengesellschaft. In vielen Fällen bedarf die Anwendung bestimmter Rauschmittel keiner ’Verteidigung’, weil sie in ihrer Wirkung emanzipierend, lösend, sammelnd oder auch tröstend ist. In anderen Fällen bedürfen jene sozialen Verhältnisse entschiedenen Angriffs, die immer wieder den elenden Griff zur Flasche, zum Pot, zur Injektionsspritze nahelegen.” - Peter Brückner -

Keine Droge wird in einem luftleeren Raum gebraucht. Die Wertigkeit und Bedeutung einzelner Drogen, ihre Gebrauchsformen wie auch die Verfügbarkeit und Verbreitung stehen immer in einem engen Zusammenhang mit den gesellschaftlichen Bedingungen.

- ”Woran leiden denn die Süchtigen bzw. die potenziell Süchtigen? Sie sind wie alle Mitglieder der Gesellschaft Opfer der entfremdeten Tendenzen dieser Gesellschaft. Je bewusster ein Mensch, desto leichter findet er ein Mittel, seine innere Leere zu plombieren - ob mit Jahrtausende alten frommen Sprüchen oder modernen Industrieerzeugnissen macht keinen Unterschied. Das sind alles Formen der Sucht: Die Sehn-Sucht nach dem himmlischen Papa, der alles wieder geradebiegt, oder die Hab-Sucht der Konsumenten, die Farbfernseher und Sportwagen zum wahren Sinn des Lebens promoviert.” - Release -

Die soziokulturellen Verhältnisse bilden die äußeren Rahmenbedingungen, welche den Handlungsspielraum der einzelnen Person entscheidend mitbestimmen. So prägend diese auch sein mögen, sie heben jedoch nie die Eigenverantwortung des einzelnen für sein Handeln auf.

- ”Wir können unsere Lebendigkeit mit Hilfe vieler Techniken abtöten. Die Gesellschaft, in der wir leben, liefert beständig die Leinwand, auf der wir unsere Morde aufzeichnen können, sie liefert auch Pinsel und Farben, aber wir selbst sind es, die das Gemälde entstehen lassen. Es ist deshalb von Nöten, einen eigenständigen Lebenswillen herauszubilden, einen Willen zur Veränderung, eine Aktion zur Herausbildung von Existenz, denn dies ist die Sprosse zu unserer Freiheit.” - David Cooper -

Verantwortlich für eine risikoreichen Gebrauch oder eine Abhängigkeit ist selbstverständlich nicht eine Droge an sich, sondern im Rahmen der umgebenden Bedingungen der Mensch der sich dafür entscheidet die Substanz auf eine bestimmte Weise zu gebrauchen.

- ”Mach dir klar, was du wirklich willst. Schiebe mögliche Probleme nicht äußerlich auf die Droge. Nicht die Droge macht dich abhängig, sondern du selbst machst dich von der Droge abhängig.” - Eve & Rave -


VERBOT UND MÜNDIGKEIT

Eine wesentliche Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Umgang mit psychoaktiven Substanzen bildet der Zugang zu umfassenden Informationen. Darauf aufbauend kann sich eine Drogenmündigkeit entwickeln, welche die Möglichkeiten eines reflektierten Gebrauches, einer abstinenten Haltung und auch das rechtzeitige Signalisieren von Hilfebedarf einschließt.

- ”Drogenmündigkeit setzt geeignete Rahmenbedingungen und die individuelle Befähigung zu einem genussorientierten und autonom kontrollierten Drogenkonsum voraus. Nach diesem Grundsatz hat die Drogenpolitik Lebensbedingungen und Unterstützungssysteme zu schaffen, die die möglichen Risiken beim Gebrauch psychoaktiver Substanzen vermindern, dem Einstieg in zerstörerische, abhängige Lebensweisen entgegenwirken und dadurch die Entwicklung von Drogenmündigkeit fördern.” - Akzept, Eve & Rave, JES u.a. -

Andere Konzepte zielen auf die Entwicklung von Ritualen, die einen weitmöglichst risikoarmen und reflektierten Gebrauch bestimmter Drogen ermöglichen sollen. Ein weiterer Ansatz liegt in der frühzeitigen Vermittlung des Wissens über veränderte Bewusstseinszustände und die kulturelle Integration entsprechender Techniken.

- ”Welche Bewusstseinszustände wollen wir unseren Kindern zeigen, den RTL-Bewusstseinszustand oder den Meditationsbewusstseinszustand? Den Alkoholbewusstseinszustand oder den LSD-Bewusstseinszustand? Wollen wir ihnen vielleicht gefahrlose Möglichkeiten an die Hand geben, selber veränderte Bewusstseinszustände zu erleben. In dem Sinn, dass wir zum Beispiel in der Schule so etwas wie Klartraumtraining, Wachphantasietraining oder auch Meditationen anbieten, die den Kindern ermöglichen, bevor sie in der Pubertät mit legalen oder illegalen Drogen in Kontakt kommen, schon ein Wissen darüber aufzubauen, wie sie auf nichtschädliche Weise mit Grenzzuständen ihres Bewusstseins operieren können.” - Thomas Metzinger -

In den westlichen Kulturen wurden und werden beständig zahlreiche psychoaktive Substanzen als Drogen verboten. Allerdings macht dabei schon der Umstand, dass in einigen Regionen zeitweise auch einmal Alkohol, Tabak und Koffein als illegal galten, eine gewisse Willkür schnell deutlich. Der legale oder illegale Status einer Substanz hängt keineswegs nur von gesundheitlichen Faktoren ab, sondern wurzelt in einen Geflecht von kulturellen, ökonomischen und politischen Faktoren.

- ”Die meisten Erwachsenen halten es für völlig selbstverständlich, wenn Jugendliche zu Zigaretten und Alkohol greifen und Kaffee und Tee trinken, teilweise sehen sie hierin einen notwendigen Schritt, um dem Erwachsenenstatus näher zu kommen. Bei den illegalen Alltagsdrogen gibt es eine solche duldende und akzeptierende Einstellung in der Öffentlichkeit nicht. Völlig unabhängig von Wirkungsgrad und Wirkungsweise der zu Grunde liegenden Stoffe werden die illegalen Substanzen als Symptom für soziale Abweichung, psychische Krisen und gesundheitsgefährdendes Verhalten bewertet.” - Klaus Hurrelmann -

Staatliche Aufklärungskampagnen wie ”Keine Macht den Drogen” sind am Ziel einer abstinenten Haltung gegenüber den illegalisierten Substanzen ausgerichtet. Indem sie ein reines Schwarz-Weiß-Bild vermitteln, gehen sie völlig an der Erfahrungsrealität jugendlicher KonsumentInnen vorbei. Wenn dabei Drogen im Sinne der Abschreckung dahingehend dämonisiert werden, dass man ihnen scheinbar willenlos ausgeliefert ist, sobald man sich einmal auf sie eingelassen hat, ist die Wirkung geradezu kontraproduktiv. Jugendliche werden dadurch nicht gestärkt, vielmehr kommt es zu einer fatalistischen Abgabe eigenverantwortlicher Handlungsmöglichkeiten an eine scheinbar allmächtige Substanz.

- ”Liebeskummer geht vorbei, von Drogen kommst Du nicht mehr los!” - Keine Macht den Drogen -

Die vorherrschende Drogenpolitik basiert im wesentlichen auf der Forderung nach Abstinenz gegenüber den gesetzlich als illegal definierten Substanzen. Gleichzeitig werden dabei diejenigen kriminalisiert, die sich dieser Vorgabe verweigern. Offensichtlich ist jedoch, dass diese Politik weder den Konsum von Drogen noch die Zunahme der Abhängigen einschränken konnte.

- ”Die staatliche Drogenpolitik hat zu der Situation geführt, dass jährlich hunderttausende Ermittlungsverfahren und mehrere zehntausend Verurteilungen wegen Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz und Beschaffungskriminalität - die von der durch die Prohibition erzwungene Schwarzmarktsituation hervorgerufen wird - stattfinden. Trotz ständiger Aufstockung der personellen und materiellen Ressourcen zur ’Rauschgiftbekämpfung’ gelingt es nicht, den illegalen Drogenmarkt einzudämmen oder gar auszutrocknen.” - Hamburger Erklärung des Akzept-Bundeskongresses -

Eine Drogenpolitik, die an den realen Bedingungen, den eigentlichen Bedürfnissen und nicht zuletzt an der Mündigkeit der Menschen ausgerichtet ist, muss darüber hinaus die legale Möglichkeit einer selbstbestimmten Entscheidung über den Gebrauch von Drogen beinhalten. Eine Reihe von Legalisierungskonzepten versuchen in diesem neue Wege aufzuzeigen.

- ”Legalisierung bedeutet die Aufhebung der Drogenprohibition, also des Drogenverbotes. Produktion, Handel und Konsum sind - im Rahmen staatlicher Regelungen - straffrei, also legal. Die administrativen Einschränkungen und Lenkungsmaßnahmen durch den Staat sind zum Beispiel die Abgabe von Lizenzen für Produktion und Handel, Besteuerung, Konsuminformationen, Jugendschutz, Werbeverbot, Prävention bezüglich Missbrauch.” - Volksinitiative für eine vernünftige Drogenpolitik -

Eine Legalisierung wird keineswegs zu einer Aufhebung der Drogenproblematik führen. Es wird zweifellos weiterhin Personen geben die mit einem überhöhten Risiko Drogen konsumieren werden oder in eine Abhängigkeit geraten. Eine kontrollierte Legalisierung mit umfangreichen flankierenden Maßnahmen würde jedoch insbesondere zu einer Aufhebung des Schwarzmarktes mit seinen gesundheitsgefährdenden Aspekten wie auch mit seinen kriminellen Erscheinungsformen führen.

- ”Man erhält (im Gegensatz zur heutigen Situation) eine weitestgehende Kontrolle über die verkauften Substanzen. Man sichert die Autonomie der Konsumenten sowohl in Hinblick auf die Entscheidung, welche Drogen konsumiert werden, als auch in Hinblick auf die Entscheidung einer vom Konsumenten für sinnvoll erachteten Beratung, Behandlung oder Therapie durch einen Arzt oder ein Hilfsinstitution.” - Henning Schmidt-Semisch -

Neben der Aufhebung der kriminellen Erscheinungsformen des Schwarzmarktes sind insbesondere die Aspekte der Reduzierung gesundheitsgefährdender Faktoren zu nennen. Im Rahmen der Mechanismen des Schwarzmarktes steht für viele HändlerInnen nicht die Qualität des Stoffes im Vordergrund, sondern der individuelle Profit. Zwangsläufig sind viele Substanzen mit anderen Stoffen gestreckt, haben wechselnde Wirkstoffgehalte oder entsprechen auf Grund einer mangelhaften Herstellung nicht der vorgegebenen Substanz.

- ”Gebraucher illegalisierter Drogen sind auf den Schwarzmarkt angewiesen. Dieser ist durch das Fehlen eines staatlichen Ordnungsrahmens charakterisiert und entzieht sich so jenen gesellschaftlichen Kontrollen, die auf legalen Märkten die Interessen der Beteiligten und Betroffenen schützen. Es muss in Kauf genommen werden, dass am Handel beteiligte Zwischenhändler die Ware durch billige Zusatzstoffe gewinnbringend strecken oder andere originär gesundheitsschädliche Stoffe verkaufen. Auf anonymisierten Märkten sinkt die Hemmschwelle, Konsumenten schlechte Qualität zu verkaufen.” - Techno-Netzwerk Berlin -

Langfristig kann jedoch auch eine Legalisierung nur im Rahmen umfassender gesellschaftlicher Veränderungsprozesse ihr volles Potenzial entfalten, wie auch das Ziel der Drogenmündigkeit nur ein Teilbereich einer generellen Mündigkeit sein. Die Fokussierung auf die Drogendiskussion, wie dies zum Beispiel in Teilen der Hanf-Bewegung geschieht, birgt die Gefahr den Blick auf die zu Grunde liegende politische und ökonomische Dimensionen zu verschließen.

- ”Das Drogenproblem in kapitalistischen Gesellschaften ist ein Problem der Gesellschaftsordnung. Nur hier gibt es ein Interesse, die Ware Droge zum Zwecke der Profitmaximierung herzustellen und zu vertreiben. Deshalb ist das Drogenproblem ’unter den gegebenen gesellschaftlichen Bedingungen’ nicht lösbar.” - Günter Amendt -


DROGEN-KRIEGE

Eine Droge besitzt keine Wertigkeit an sich, ihre vielfach äußerst ambivalente Bedeutung erwächst immer aus dem Kontext in den sie gestellt wird. Dies gilt für den individuellen Gebrauch wie auch für die Bedeutung von psycho-aktiven Substanzen in einem gesellschaftlichen Zusammenhang. So lässt sich immer wieder aufzeigen, dass teilweise auch in Staaten in denen der Handel bestimmter Substanzen verboten ist, dieser in bestimmten Situationen geduldet oder gefördert wird, wenn dies als politisch sinnvoll erachtet wird. Zu Grunde liegende Zielsetzungen können eine Schwächung oder eine Entpolitisierung oppositioneller Bewegungen sein.

- ”Das offizielle Vorgehen gegen Drogen ist ein Schwindel. Die ganze Strategie zielt darauf ab, den Gebrauch von Drogen zu verbreiten und mit ihnen gleichzeitig die unsinnigen Gesetze gegen deren Gebrauch. Die potenzielle Opposition wird geschwächt von den Auswirkungen von Drogen wie Methamphetamin, eingeschläfert von LSD, wodurch sie alles lieben, mit allem eins sind, alles akzeptieren, verfallen dem Heroin, das, wenn es illegal ist, die ganze Zeit des Süchtigen in Anspruch nimmt. Mit anderen Worten: Drogen sind eine ausgezeichnete Methode der staatlichen Kontrolle.” - William S. Burroughs -

In einigen Fällen hatten einzelne Drogen die objektive Funktion bestimmte gesellschaftliche Zustände und ökonomische Entwicklungen zu stabilisieren oder zu fördern. Dabei bedarf es keineswegs immer einer gezielten Entscheidung, vielmehr erwächst ihre Funktion aus einer gesamtgesellschaftlichen Dynamik.

- ”In der globalisierten und deregulierten Welt von morgen werden psychoaktive Substanzen nicht nur als Genussmittel - just for fun -, sondern auch als Instrumente der sozialen Steuerung unverzichtbar sein. Das ist historisch nichts Neues, denn auch in der Geschichte des Industriezeitalters hatten Rauschmittel - Alkohol, Tabak und Opium, später dann auch Psychopharmaka - immer einen doppelten Gebrauchswert. Als Genussmittel halfen sie den unterdrückten und ausgebeuteten Massen, ihr Los zu ertragen; als Leistungsdroge sicherten sie die gesellschaftlichen Bedingungen der Ausbeutung. Somit haben Drogen immer auch einen politischen Gebrauchswert.” - Günter Amendt -

Unschwer vorauszusehen ist, dass die Pharmaindustrie immer neue legale psychoaktive Produkte auf den profitablen Markt bringen wird, welche helfen angenehme emotionale Zustände zu erzeugen und einen stressbelasteten Alltag zu bewältigen. Gleichzeitig werden sie zu einer Haltung beitragen, die von einer scheinbaren Zufriedenheit ausgehend, nicht mehr danach strebt problematische Bedingungen zu verändern, sondern sie stillschweigend hinnimmt.

- ”In einigen Generationen wird es eine pharmakologische Methode geben, Menschen dazu zu bringen, dass sie ihre Knechtschaft lieben, und man wird sozusagen eine Diktatur ohne Tränen errichten. Man schafft ein schmerzloses Konzentrationslager für ganze Gesellschaften, wo den Menschen de facto ihre Freiheit genommen ist, sie das aber noch genießen, weil sie vom Wunsch aufzubegehren abgelenkt sind - durch Propaganda und Gehirnwäsche unter Zuhilfenahme pharmakologischer Methoden.” - Aldous Huxley -

Der Handel mit illegalisierten Drogen gehört längst zu den weltweit umsatzreichsten Wirtschaftsbereichen, wobei er in einigen Bereichen von mafiösen Organisationen bestimmt ist. Verschiedenen Schätzungen zufolge liegt der jährliche Umsatz bei etwa 500 Milliarden Dollar.

- ”Der Drogenhandel liegt zusammen mit dem Öl-, Kaffee- und Waffenhandel an der Spitze der Weltrangliste. In einigen Ländern übersteigt der Handelswert der ausgeführten Drogen den Gesamtwert aller legal exportierten Waren. Die hohe Attraktivität des Drogenhandels ist durch horrende Gewinnmargen bedingt: zwischen dem Ursprungsland einer Droge und dem Verbraucherland gibt es Preissteigerungen, die das zehn- bis hundertfache oder mehr betragen.” - Benjamin Fässler -

Nach dem Ende des Kalten Krieges erhielt der sogenannte ’Krieg gegen Drogen’ in den USA eine neue Bedeutung. Mit umfangreichen, zumeist repressiven Maßnahmen wird seitdem versucht den Anbau, Handel und Gebrauch von Drogen zu verhindern. Die Konzentration auf die Drogenproblematik lenkt von den eigentlichen gesellschaftlichen Problemen ab, die ursächlich entscheidend zu einem zerstörenden Gebrauch von Drogen beitragen. Der ’Krieg gegen Drogen’ wird gleichzeitig als Rechtfertigung für die politische und auch militärische Einflussnahme auf andere Staaten, sowie für die Repression unliebsamer Minderheiten im eigenen Land genutzt.

- ”Der weltweite Krieg gegen Drogen hat inzwischen mehr Schaden angerichtet als der Missbrauch von Drogen selbst. In vielen Teilen der Welt verhindert die Politik des Drogenkrieges Maßnahmen der Gesundheitsfürsorge, Menschenrechte werden verletzt, Umweltschäden erzeugt und Gefängnisse überschwemmt. Realistische Vorschläge zur Verminderung drogenbezogener Kriminalität werden dagegen zugunsten rhetorischer Ansätze, drogenfreie Gesellschaften zu schaffen, verworfen.” - Aus einem internationalen Protestbrief an die UN von Domingo Cavallo u. a. -

Nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 wurde von Seiten der US-Regierung der ”Krieg gegen den Terror” offiziell mit dem ”Krieg gegen Drogen” verknüpft. Die Folge waren eine weitere Verschärfung der Gesetzgebung und die Bereitstellung neuer finanzieller Mittel für entsprechende Institutionen und Einsatzkräfte.

- ”Ich werde ständig von Jugendlichen gefragt, welchen Beitrag sie zum Krieg gegen den Terror leisten können. Nun, eine wichtige Sache ist, sich gegen illegale Drogen zustellen. Wenn du in den USA Drogen kaufst, dann ist das so, als würdest du direkt eine Terrororganisation unterstützen.” - George W. Bush -

Ein hinterfragender Blick in die jüngere Geschichte macht schnell deutlich, dass das Verhältnis der verschiedenen Regierungen der USA zu Drogen zumeist von taktischen Aspekten geprägt war, die in machtpolitischen Interessen wurzeln. Genauso wie im Laufe der Jahrzehnte mehrfach einstige Verbündete der USA später zu terroristischen Feinden deklariert wurden, so wurden teilweise auch Organisationen oder Staaten unterstützt die tief in den Drogenhandel verstrickt waren.

- ”Geht man zum Ende des zweiten Weltkrieges zurück, dann sieht man (und das ist unstrittig, und gut dokumentiert), dass die USA sich mit der französischen Mafia verbündete, aus der die French Connection hervorging, die das Heroingewerbe in den 60er Jahren dominierte. Das gleiche Vorgehen fand mit Opium in dem Goldenen Dreieck während des Vietnam-Krieges und in Afghanistan während des Krieges gegen die Russen statt.” - Noam Chomsky -


DIE PSYCHOAKTIVE KULTUR

Der Umgang mit Psychedelika ist immer gleichermaßen in persönliche und gesellschaftliche Zusammenhänge eingebunden. Eine reine Konzentration auf den Bereich der Drogenpolitik oder auf das Ziel individueller Bewusstseinsveränderungen führt zwangsläufig in eine Sackgasse, so wichtig bestimmte Erfahrungen für Einzelne auch sein mögen. Möglichkeiten einer tatsächlich freien Entfaltung und selbstbestimmten Entwicklung setzen entsprechende gesellschaftliche Bedingungen voraus, die in den bestehenden Systemen bestenfalls in Ansätzen gegeben sind.

- ”Der moderne Kapitalismus braucht Menschen, die reibungslos und in großer Zahl zusammenarbeiten, die mehr und mehr konsumieren wollen, deren Geschmack jedoch standardisiert, leicht zu beeinflussen und vorauszusagen ist. Er braucht Menschen, die sich frei und unabhängig vorkommen und die trotzdem bereit sind, sich kommandieren zu lassen, zu tun, was man von ihnen erwartet, und sich reibungslos in die Gesellschaftsmaschinerie einfügen.” - Erich Fromm -

Auch wenn die Verinnerlichung repressiver Strukturen bzw. die Mechanismen der Manipulation in wesentlichen Bereichen weit fortgeschritten sind, ein letztes Stück innerer Lebendigkeit wie auch das Bedürfnis nach freier Entfaltung und Selbstbestimmung wird immer gegeben sein. Ob sich dieses Bedürfnis entwickeln kann und zu einer bewussten Haltung wird, liegt nicht nur an den äußeren Bedingungen, sondern im wesentlichen an jeder Person selbst. In einem größeren Zusammenhang betrachtet geht es letztlich um die Verwirklichung des vielfach verschütteten Traumes eines befreiten Lebens, welches auf Werten wie Selbstbestimmung, Gerechtigkeit und Solidarität basiert.

- ”Die kritische Funktion der Phantasie liegt in ihrer Weigerung, die Beschränkungen des Glücks und der Freiheit als endgültig hinzunehmen, in ihrer Weigerung, zu vergessen, was sein könnte.” - Herbert Marcuse -

Die Versuche die Bedürfnisse und das Bewusstsein der Menschen zu beeinflussen bzw. der sinnbildliche Kampf um deren Träume ist allgegenwärtig. Er wird auf der gesellschaftlichen Ebene genauso geführt wie im Innern jeder und jedes Einzelnen. Die Ausdrucksformen wandeln sich dabei beständig, es werden andere Symbole, Sprachen und Rhythmen genutzt, doch die Ideale die sich dahinter verbergen, ähneln sich, oftmals sind sie identisch.

- ”Andächtige Monotonie von Beamtenschritten in den öden Gängen der Registraturbehörden, riesige planierte Flächen vor den Einkaufszentren, so leer und wunschlos wie die Köpfe der Familienväter am Sonntag. Doch unten, wo der Verputz zu bröckeln beginnt, wo verschämte Rinnsale Kleenex-sauberer Menschenärsche zu stinkenden Kloaken zusammenfließen, da leben die Ratten, wild wuchernd und fröhlich, schon lange. Sie sprechen eine neue Sprache, und wenn diese Sprache durchbricht, ans Tageslicht stößt, dann wird endlich schwarz auf weiß nicht mehr klipp und klar sein.” - Videoladen Zürich -

Über Epochen und Kulturen hinweg lassen sich Verbindungslinien des gegenkulturellen Widerstandes erkennen: Einzelne Menschen, Projekte und Organisationen die sich verweigerten und gleichzeitig versuchten den Traum eines anderen befreiten Lebens in die Wirklichkeit zu übertragen. Selbstverständlich drückte sich dies nicht in einer durchgängigen organisatorischen Tradition, sondern in vielfältigen ideellen Bezügen aus. Vergleichbar mit einem Feuer, das immer wieder aufflammt und dabei in manchen Zeiten nur etwas lodert, in anderen aber auch einen Steppenbrand entfachen kann.

- ”Die Berührung mit diesen Randgruppen riss in jedem Jahrhundert ganze Volksschichten in Zweifel gegenüber dem Bestehenden. Diese Erscheinungen waren stets ein Ausdruck der Tatsache, dass sich der Mensch in einer Sackgasse gefangen sah - also ob der Zerstörung von schöpferischen Möglichkeiten in sich verzweifelte.” - Sergius Golowin -

Das Konzept des Cybertribes als ein gegenkulturelles Netzwerk von gemeinschaftlich ausgerichteten Gruppen schließt überlieferte schamanisches Praktiken und psychedelische Rituale genauso ein wie den Bezug auf die technologischen Entwicklungen der Gegenwart und ein systemkritisches politisches Engagement.

- ”Die Wiederbelebung einer uralten Initiationskultur (sich verstehend als mystisch-rebellische Gegenäußerung zum kulturellen Flachland und zum andauernden Bestreben multinationaler Konzerne, den Globus auf eine zentral auszubeutende Einheitskultur zu reduzieren) findet ihre Ausläufer mittlerweile in Kunst, Musik, Werbung und Mode ebenso wie im Cyberspace - dem klumpfüßigen technischen Nachläufer einer Jahrtausende alten psychopharmakologischen virtuellen Realität, die zu Religionsstiftung, schamanistischen Heilungen und Therapiezwecken ebenso induziert wurde wie zur schlichten Fortführung einer Politik der Ekstase oder aus individueller Sehnsucht nach Tod und Wiedergeburt.” - Olaf Kraemer -

Ein Weg der Veränderung, in den unterschiedlichste Einflüsse eingehen können, ist die Entwicklung gemeinschaftlicher Strukturen im Rahmen gegenkultureller Freiräume, die im Idealfall eine Verbindung innerer Entwicklung und äußerer Veränderung ermöglichen.

- ”Breite eine Landkarte aus, darüber eine Karte der politischen Veränderung und eine Karte des Gegennetzes, und breite dann zum Schluss über alles die Karte der kreativen Imagination, Ästhetik und Werte im Maßstab 1:1. Das entstehende Gitter wird lebendig, animiert von unerwarteten Energiewirbeln und -strömen, Lichteruptionen, geheimen Tunneln und Überraschungen.” - Hakim Bey -

Ein zentrales Element ist dabei die konkrete Verknüpfung der Ebene der abstrakten Kritik mit den Ebenen der alltäglichen Erfahrungen. Die ersten Schritte auf dem langen und steinigen Weg hin zu einem konkreten Utopia, die Annäherung an den Traum eines befreiten Lebens in der Gegenwart, so fern dessen Verwirklichung auch sein mag, beginnt im Innen jedes und jeder Einzelnen.

- ”Wer oder was kontrolliert deine Stunden und Minuten? Die Minuten und Stunden deines Lebens? Sparst du Zeit? Für was? Kannst du einen wunderschönen Tag wertschätzen, an dem die Vögel singen und die Leute einfach nur durch die Gegend schlendern? Wie ist es für dich von anonymen Leuten umgeben zu sein? Bemerkst du deine eigene Gefühlskälte? Wo findest du Stille und Einsamkeit? Kein Bildschirmflimmern und Ätherrauschen, sondern pure Stille? Keine Einsamkeit, sondern entspannende Ruhe? Wann hast du aufgehört, dir Fragen wie diese zu stellen?” - CrimethInc -

All die beschriebenen Ansätze fließen in das Bild einer psychoaktiven Kultur, in der in allen Bereichen die vielfach vorgegebene konsumbestimmte Unmündigkeit durch eine aktive Gestaltung ersetzt wird. Erst wenn Entfremdung und Fremdbestimmung nicht nur als verschwommene persönliche Probleme erkannt werden, sondern sie in einem größeren kulturellen Zusammenhang begriffen und auf verschiedenen Ebenen angegangen werden, läßt sich tatsächlich von einem psychoaktiven Verständnis sprechen. Reflektiert genutzt können psychedelische Substanzen dabei in ihrem Potenzial dazu beitragen vorgegebene und verinnerlichte Strukturen aufzubrechen bzw. den Weg einer Bewusstseinsentwicklung zu eröffnen.

- ”Die Bewusstseinserweiterung trifft das System an einer seiner empfindlichsten Stellen: die konditionierte Bewusstlosigkeit der Gesellschaft, das falsche Bewusstsein, das durch manipulierte Informationen den Menschen zu Verhaltensweisen verleitet, die seinen eigenen Interessen entgegengesetzt sind. Die Fixierungen der psychischen Struktur und die systemkonforme Präformierung der Denk- und Verhaltensmuster zerbröckeln unter der Wirkung psychedelischer Substanzen.” - Ronald Steckel -

Die bewusste Erfahrung anderer Ebenen der Wirklichkeit, durch welche Technik oder Substanz sie auch eröffnet wird, entspricht dabei einer von vielen möglichen Optionen der persönlichen Entwicklung. Sie entfaltet ihre ganze Wirkung, wenn sie gleichermaßen als Prozess in einen individuellen wie auch in einen übergreifenden soziokulturellen Kontext gestellt wird. Die Sterne sind in diesem Sinne erreichbar, wenn damit begonnen wird, Vision und Utopie in der Realität des Jetzt zu leben.

- ”Bewusstseinsentwicklung heißt Entwicklung einer universalen Verantwortlichkeit, die sich nicht auf das eigene Leben beschränkt. Wir leiden unter der ungerechten Güterverteilung, unter Krieg und Ausbeutung, unter dem Missbrauch der Menschen. Das Überschreiten des individuellen Ichs, das Bewusstsein des Alleinen gibt uns auch die Kraft und den Mut ’Nein’ zu sagen als ein lebenswirksames Bekenntnis.” - Christian Scharfetter -

Wolfgang Sterneck

QUELLEN:
- WELTEN DES BEWUSSTSEINS: - Weil, Andrew / The Natural Mind (1972). - Huxley, Aldous / Island (1962). - Huxley, Aldous / Drugs (1931). - Leary, Timothy; Metzner, Ralp: Alpert, Richard / The Psychedelic Expierence (1964). - Alien Sex Fiend / Who’s been sleeping in my brain? (1983). - Carroll, Lewis / Through the looking glass (1872). - Cooper, David / The Grammar of Living (1974). -
- PSYCHEDELISCHE ERFAHRUNGEN: - Rätsch, Christian / Die Erforschung des inneren Raumes (1992). - Bodmer, Ines; Dittrich, Adolf; Lamparter, Daniel / Außergewöhnliche Bewusstseinszustände - Struktur und Messung (1994). - Snyder, Solomon H. / Drugs and the Brain (1986). - Anonym / Erfahrungsbericht (o. J.). - Nin, Anais / Diary (1955). - Leone, Tibo / Traumtänze (1997). - Simon de la Luna / Ich atme Universen (1996).
- ABGRÜNDE DES ICHS: - Artaud, Antonin / La danse du Peyotl (1937). - Manson, Marilyn / I don't like the drugs (1999). - Plant, Sadie / Die Suche nach dem psychoaktiven Glück (2002). - Hübsch, Hadayatullah / Keine Zeit für Trips (1991). - Anonym / 24 Stunden auf Engelstrompete (o. J.). - Lilly, John C. / The Centre of the Cyclone (1972). - Cooper, David / The Grammar of Living (1974). - Grabori, Nina / Mavericks of the Mind (1993).
- SCHAMANISCHE WIRKLICHKEITEN: - Stafford, Peter / Psychedelics encyclopedia (1977). - Clottes, Jean; Lewis-Williams, David / Les Chamanes de la Préhistoire (1996). - Sabina, Maria zitiert in: Liggenstorfer, Roger; Rätsch, Christian (Hrsg.) / Maria Sabina - Botin der heiligen Pilze (1996). - Ott, Jonathan / Ayahuasca Analoge (1994). - Native American Church / Statement for understanding (1974). - Hofmann, Albert / Die Botschaften der Mys-terien von Eleusis an die heutige Welt (1993). - Golowin, Sergius / Die Weisen Frauen (1982).
- KOLONIALISIERTE DROGEN: - Kappeler, Manfred / Drogen und Kolonialismus (1991). - Artaud, Antonin / Le rite du Peyotl chez les Tarahumaras (1943). - International Coalition of Non-Government Organisations (NGOs) / For a just and effective Policy on Drugs (1998). - Márquez, Gabriel García / Manifesto a favor da legalização das drogas (1993). - Richter, Johannes / Segelschiff-Kampagne gegen Biopiraterie (2002). - Crow Dog, Mary / Lakota Woman (1990).
- DIE KONTROLLE DER PHANTASIE: - Fejkiel, Wladyslaw zitiert in: Pieper, Werner (Hrsg.) / Nazis on Speed - Drogen im 3. Reich (2002). - Lee, Martin A. / Truth Drugs (2002). - Krassner, Paul / Psychedelic Trips for the Mind (2001). - Sinclair, John / Conscious Community (1964). - Release / Helft euch selbst! (1971). - Yensen, Rich / From Mysteries to Paradigms (1989). - Grof, Stanislav / Realms of the Human Unconscious (1975). - Taeger, Hans-Hinrich / Spiritualität und Drogen (1988).
- DIE RHYTHMEN DER WIRKLICHKEIT: - Leuenberger, Hans / Zauberdrogen (1969). - UNO / Convention on psychotropic substances (1971). - International Narcotics Control Board / Report (1998). - Masters, Robert; Houston, Jean / Psychedelic Art (1968). - Cousto, Hans / Vom Urkult zur Kultur (1985). - Simon Reynolds / Reflexionen eines Ravers (2000). - Pavan W. Ananta / Der kosmische Orgasmus (1994). - Ahrens, Helmut / Party, Jugend und Drogen (1996). - Pesce, Mark / Psychedelics and the Creation of Virtual Reality (1999).
- ACID-UTOPIEN: - Solomon, David / LSD, the consciousness expanding drug (1964). - McKenna, Terence / Food of the Gods (1992). - Saldaña, Luix; Sterneck, Wolfgang / Cybertribe-Visions (2002). - Bargoche, Nina / Peace, Love Unity and Respect (1998) - Fichtner, San / Die chemische Illusion (2001). - Marcuse, Herbert / Versuch über die Befreiung (1969).
- DIE AUFHEBUNG GOTTES: - Grey, Alex / Sacred Mirros (1996). - Pahnke, Walter N. / Drugs and Mysticism (1966). - Newberg, Andrew / Why God Won’t Go Away - Brian Science and the Biology of Belief (2001). - Jansen, Karl / The Ketamine Model of the Near Death Experience (1997). - McKenna, Terence / Zwerge und Götterspeise (1993). - Koestler, Arthur / On Drugs (1965). - Leuner, Hanscarl / Halluzinogene (1981). - Release / Helft euch selbst! (1971).
- DIE INNERE LEERE: - Gelpke, Rudolf / Vom Rausch im Orient und Okzident (1966). - Schmidt-Semisch, Henning; Nolte, Frank / Drogen (2000). - Autorenkollektiv / Volksinitiative für eine vernünftige Drogenpolitik (1992). - Brückner, Peter / Macht Haschisch dumm? (1970). - Release / Helft euch selbst! (1971). - Cooper, David / The Grammar of Living (1974). - Eve & Rave / Save-the-night-info (1995).
- VERBOT UND MÜNDIGKEIT: - Akzept, Eve & Rave, JES u.a. / Die Drogenpolitik in Deutschland braucht eine neue Logik (1998). - Metzinger, Thomas in ”SWR-Radio Akademie: Welt im Kopf” (1998). - Hurrelmann, Klaus / Legal und illegal sagen nichts über das Gefähr-dungspotenzial aus (2000). - Keine Macht den Drogen / Liebeskummer geht vorbei... (1997). - Akzept-Bundeskongress / Hamburger Erklärung (1993). - Autorenkollektiv / Volksinitiative für eine vernünftige Drogenpolitik (1992). - Henning Schmidt-Semisch / Ohne Legalisierung geht es nicht (1993). - Techno-Netzwerk Berlin / Drug-Checking-Konzept (1999). - Amendt, Günter / Sucht Profit Sucht (1983).
- DROGEN-KRIEGE: - Burroughs, William S. / Academy 23 (1969). - Amendt, Günter / No drugs No future (2000). - Huxley, Aldous / Control of the mind (1961). - Fässler, Benjamin / Drogen zwischen Herrschaft und Herrlichkeit (1997). - Cavallo, Domingo u.a. / We believe the global war on drugs is now causing more harm than drug abuse itself (1998). - Bush, George W. / Remarks on the National Drug Control Strategy (2002). - Chomsky, Noam / The Week Online Interview (2002).
- DIE PSYCHOAKTIVE KULTUR: - Fromm, Erich / Die Kunst des Liebens (1956). - Marcuse, Herbert / Triebstruktur und Gesellschaft (1955). - Videoladen Zürich / Züri brennt (1981). - Golowin, Sergius / Die Magie der verbotenen Märchen (1973). - Kraemer, Olaf / Luzifers Lichtgarten (1997). - Bey, Hakim / The Temporary Autonomous Zone (1991). - CrimethInc / The Contents of your daily life (2000). - Steckel, Ronald / Bewusstseinserweiternde Drogen (1969). - Scharfetter, Christian / Ein Bewusstsein - Viele Welten (1999).

 



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